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08.10.2008 20:47    |    rallediebuerste rallediebuerste    |    Kommentare (23)    |   Stichworte: ,

Worum es geht: Blogevent Fortsetzungsstory

 

 

KAPITEL 1

 

Man sagt, in gefährlichen Situationen sind Menschen zu unglaublichen Leistungen im Stande, die sie unter normalen Umständen niemals erreichen würden.

So ein Schwachsinn! Wenn das so wäre, dann müsste er doch jetzt wissen, was zu tun ist. Ganz automatisch. Sein Gehirn würde in den Rescue-Mode umspringen, messerscharf die Situation analysieren, und alles wäre ganz klar...

War es aber nicht. Pat Terrel lag still da, machte sich vor Angst fast in die Hosen und die aufkommende Panik riss ihm jeden aufkeimenden Gedanken aus dem Kopf, sobald er sich auch nur ein Stückchen an die Oberfläche wagte.

"Scheiße Mann! Das ist alles Alexejs Schuld! Und die von Meyer!", fluchte er vor sich hin, was zwar seine Situation nicht im mindesten verbesserte, ihm aber doch kurz die Befriedigung gab, wenigstens irgend etwas getan zu haben. Eigentlich war es ja Meyer, der ihn überhaupt erst in den ganzen Schlamassel hineingezogen hatte.

 

Vor ungefähr einer Woche war Meyer in Pats "Büro" aufgetaucht. Ein voluminöser Mann von ungefähr 50 Jahren, der inmitten all der Serverschränke und verrückt blinkenden technischen Gerätschaften mit seinem Tropenhut und der Expeditionsjacke so deplaziert wirkte wie eine Drag Queen im Vatikan. Das unter der Jacke hervorlugende knallgelbe T-Shirt mit der Aufschrift "Respect the man in the icecream van!" tat ein übriges zu seiner merkwürdigen Erscheinung.

Pat stand in einer Ecke des Raumes vor einer großen Pinnwand, die über und über mit Zetteln bedeckt war, und spielte gedankenverloren mit dem Tacker.

"Sie sind also der Typ, der die Demokratie in der Steinzeit festgehalten hat?" stellte der Fremde mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen fest.

Terrell schrak aus seinen Gedanken auf, schnellte herum und schoss sich dabei versehentlich eine Tackernadel in die Hand. "Naja, wenn sie das so sehen", murmelte er, den schmerzenden Finger im Mund: "ich würde sagen, ich habe uns die Demokratie erhalten."

Pat hatte einmal in einem sogenannten Live-Hack erfolgreich demonstriert, dass die in vielen Ländern eingesetzten Wahlcomputer trotz allerhöchster Sicherheitsmaßnahmen von Dritten manipuliert werden können, ohne dass jemand es hinterher feststellen kann. Dies hatte den Effekt, dass vielerorts diese Wahlmaschinen wieder abgeschafft wurden. In einigen Ländern (Pat fragte sich nach wie vor, warum nicht in allen) wurden Neuwahlen angeordnet. Nicht wenige gingen damals anders aus als die erste Wahlrunde. Dies alles brachte ihm neben dem Ruf als höchster "ethical hacker" auch eine Menge Scherereien ein. Denn bei weitem nicht alle sahen Pats Arbeit als notwendige Offenlegung von Schwachstellen im System an. Für viele Menschen war er eine Fortschrittsbremse und ein Miesmacher. Eine große Zeitschrift titelte sogar neben seinem Foto: "Wegen IHM sterben jedes Jahr 10000 Bäume für Wahlzettel". Aber all das konnte ihn natürlich nicht davon abhalten, mit vollem Einsatz für seine Überzeugung einzutreten.

"Natürlich haben sie recht" Er biedert sich an, dachte Pat. "aber ich möchte mit ihnen nicht über ihre vergangenen Erfolge plaudern. Ich brauche ihre Hilfe."

"Soso, und wieso brauchen sie ausgerechnet meine Hilfe?"

"Ich möchte, dass sie für mich ein Sicherheitssystem knacken."

Pat ahnte, was los war: "Danke, kein Interesse!" Garantiert wieder so ein Spinner, der glaubt, für ein paar Tausend Mücken klaue ich ihm die Datenbank seiner Konkurrenz, dachte er. Davon hatte er seit dem medienwirksamen Wahlmaschinenhack schon zu viele gesehen. "Wissen sie: kein Hacker, der etwas auf sich hält, wird seine Kenntnisse nutzen, um auf Auftragsbasis für irgendjemanden in irgendwelchen Systemen herumzuschnüffeln. Sie verschwenden ihre Zeit!"

"Ich sehe schon: sie folgen sehr strengen moralischen Grundsätzen, Pat. Aber könnten sie die nicht ein mal kurz abschalten?"

"Nicht eine Sekunde."

"Nun", der dicke Mann im Safarioutfit machte eine gewichtige Pause: "ich wette, ich könnte es."

Pat war verwirrt: "Wie? Was könnten sie? Meine Moral abschalten?"

"Ja, ganz genau.", lächelte der Mann gelassen. "Aber lassen sie es mich erklären. Ich habe mich nicht einmal vorgestellt, oder? Mein Name ist Samuel Meyer. Doktor Samuel Meyer, um genau zu sein. Ich bin Neurologe, und bis vor kurzem war ich noch Mitglied einer dem amerikanischen Militär unterstellten streng geheimen Forschergruppe. Unsere eigentliche Aufgabe war es, eine Droge oder andere Methode zu entwickeln, die es Soldaten im Gefecht erlaubt, ihre Angst effektiv zu unterdrücken, ohne dabei die lästigen Nebenwirkungen der heute bekannten Drogen ähnlicher Wirkung zu erleben. Ich untersuchte menschliche Gehirne, um festzustellen, ob man durch das Reizen gewisser Areale Panik verhindern kann. Bei meinen Forschungen entdeckte ich aber etwas, das sich für meine Vorgesetzten als noch viel effektiver herausstellte als die Bekämpfung der Angst. Irgendwie fast zufällig fand ich eine Hirnregion, die offensichtlich nur dem einen Zweck dient, gut von böse zu unterscheiden. Ein Moralzentrum, wenn sie so wollen.

Sie können sich vorstellen, dass diese Entdeckung sehr sehr positiv aufgenommen wurde. Ein Soldat, der kein Angst hat, ist viel wert. Aber ein Soldat, der jeden Befehl anstandslos befolgt, ohne ihn infrage zu stellen, und sei er noch so unmoralisch - das ist der Traum eines jeden Militärführers! Unnötig zu erwähnen, dass ab diesem Zeitpunkt unser Projekt allerhöchste Priorität genoss. Ich brauchte nur abends eine Liste mit benötigten Forschungsmaterialien abzugeben, und am nächsten Morgen lag alles bereit. Ein Traum für jeden Wissenschaftler!

Dennoch sollte es noch über fünf Jahre dauern, bis wir das Moralzentrum eines Probanden mittels ferngesteuerter Implantate beliebig an- und ausschalten konnten. Die Fernbedienung - einen Laptop, auf dem die Software zur Kontrolle der Implantate lief - nannten wir scherzhaft "m-t" für "Mindwave Transmitter". Und Pat, sie können sich nicht vorstellen, wie gut er funktionierte. Fürchterlich gut. So gut, dass ich mich schlussendlich davor fürchtete, das Militär könnte es jemals einsetzen. Als wir wieder ein unerträglich grausames Experiment beendet hatten, wandte ich mich mit meinen Bedenken an meinen Teamleiter. Doch er wimmelte mich nur ab. In der folgenden Nacht beschloss ich, dass es so nicht weitergehen kann. Ich musste das gesamte Projekt abbrechen und m-t sowie alle Dokumente zerstören. Mir war klar, dass man mich dafür schwer bestrafen würde, doch das musste ich in Kauf nehmen. Schon interessant: da forscht man ein halbes Jahrzehnt und sinniert über Moral, bis man endlich zu der Erkenntnis kommt, dass das alles unmoralisch ist.

Am nächsten Tag stand ich früh auf, um der erste im Labor zu sein. Doch als ich an diesem Morgen durch die Labortür trat, waren alle Computer und sämtliche Aktenschränke weg. Hatte ich die letzten 5 Jahre nur geträumt, oder ist m-t über Nacht von der Bildfläche verschwunden?

Ich fühlte mich, als hätte man mir eine Kanonenkugel in die Magengrube geschossen. Ich habe versagt, m-t wird vermutlich im Moment noch weiter perfektioniert, und ich kann nichts dagegen tun. Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren, Pat. Ich weiß nämlich, wo der Laptop zu finden ist.

Und hier kommen sie ins Spiel. Helfen sie mir?

Oh Pat, sie bluten ja.

Pat?"

Pat stand da mit offenem Mund und folgte Meyers Blick zu seiner linken Hand. Schon wieder hatte er sich durch die Spielerei mit dem Tacker eine Heftklammer in den Zeigefinger gejagt. Doch er hatte es nicht einmal bemerkt.

 

-  ENDE KAPITEL 1  -

 

 

 

Die Ehre und der Fluch des zweiten Kapitels gebührt Halbgott für die grandiose Unterstützung der Idee des Blockprojektes.

Halbgott, ich hätte gerne folgenden Satz in Kapitel 2: "Alexej kratzte sich mit dem Skalpell am Hintern."


Kommentare: 23

08.10.2008 21:20    |    meehster meehster

Interessanter Einstieg. ich finde es gut und werde weiterlesen :)


08.10.2008 21:36    |    Halbgott Halbgott

Zitat:

Alexej kratzte sich mit dem Skalpell am Hintern.

Irgendwie muss ich gerade an Feuchtgebiete denken. Ich brauche wohl Drogen zum vergessen!!!

 

Ab morgen mache ich mir intensiv Gedanken zu Kapitel Nr. II


08.10.2008 21:42    |    UHU1979 UHU1979

Schön, fast schon wie von einem Profi geschrieben. Da bin ich auf die Fortsetzung gespannt.


08.10.2008 21:54    |    Halbgott Halbgott

Nun setzt mich doch nicht so unter Druck.


08.10.2008 21:56    |    motorina motorina

Zitat:

Original geschrieben von UHU1979:

... fast schon wie von einem Profi geschrieben ...

 

Seit wann untertreibst du, @UHU?;)

 

Ich hatte zwar etwas anderes von der Art her erwartet, aber so wie das geschrieben ist (Schreibstil)... profimässig ... hat mir gur gefallen ... da muss man dran bleiben ... die Fortsetzung scheint ja auch eine Art medizinischer Fortbildung (oder Weiterbildung:confused:) zu indendieren.

 

Grüsse,   motorina.


09.10.2008 07:45    |    Halbgott Halbgott

„Früh“ am Morgen und somit geistig ausgeruhter als gestern Abend liest sich die Geschichte gleich doppelt so gut. Das sind ganz schön große Fußstapfen in die ich da treten muss.

Dennoch freue ich mich schon darauf Teil II zu schreiben.

Man kann ja in tausende Richtungen weitergehen.


09.10.2008 08:45    |    Emmet Br0wn Emmet Br0wn

Ich bin wirklich begeistert! Absolut mein Geschmack, geht in die Stilrichtung von Michael Crichton.

 

Wenn das die erste Seite eines Buches in einer Buchhandlung gewesen wäre... sofort gekauft.

 

 

Auch wenn's doof klingt: Ralle, schreib doch mal parallel zur Fortsetzungsstory an der Geschichte *ernsthaft* weiter, ich will wissen, wie es weitergeht. Das Thema begeistert mich, denn es hat wirklich halbwegs realistische Hintergründe (Ethikzentrum im Gehirn, Illusion des freien Willens, Manipulierbarkeit etc.). Und das ganze noch spannend verpackt und angenehm zu lesen - super!

 

 

Grüße


09.10.2008 14:15    |    double-p_OPC double-p_OPC

wow... da legt einer aber vor. Super!


09.10.2008 14:45    |    XC70D5 XC70D5

Zitat:

Das sind ganz schön große Fußstapfen in die ich da treten muss.

Das sehe ich auch so! RESPEKT!!!

 

Ich lese zwar keine Bücher (ehrlich nicht), aber das liest sich für mich wirklich "professionell".

 

Es wusste ja niemand, wie es hier losgehen sollte, aber ich bin angenehm überrascht und mache mir jetzt schon Sorgen, ob ich da mithalten kann.

 

Welche Drogen braucht man nochmal zum Schreiben? Absynth?

 

 

Gruß

 

Martin


09.10.2008 14:57    |    Emmet Br0wn Emmet Br0wn

Zitat:

Welche Drogen braucht man nochmal zum Schreiben?

Frag mal Halbgott ;)


09.10.2008 16:40    |    Halbgott Halbgott

Ich und Drogen? Damit habe ich seitdem ich aus dem Balaton zurück bin nix mehr am Hut!


09.10.2008 16:43    |    UHU1979 UHU1979

Zitat:

Welche Drogen braucht man nochmal zum Schreiben?

geringe Mengen Grass …


09.10.2008 16:46    |    Emmet Br0wn Emmet Br0wn

Zitat:

Ich und Drogen? Damit habe ich seitdem ich aus dem Balaton zurück bin nix mehr am Hut!

Achja? Und warum hast du dann einen Einstich am Oberarm? :D


09.10.2008 16:51    |    Halbgott Halbgott

Ach das. Das sind doch keine Drogen!

Das nehme ich nur, um meine Umwelt zu vergessen und mich frei und stark zu fühlen!


09.10.2008 21:34    |    troja_falls troja_falls

toll gemacht ralle, super geschrieben.

das projekt gefällt mir.

 

@halbgott:

nimm zukunftig den oberschenkel. ist zwar schwieriger zu treffen, aber da passen größere kanülen rein :)


10.10.2008 00:34    |    Olli the Driver Olli the Driver

Super geschrieben, das legt die Meßlatte für die weiteren Autoren sehr hoch...


11.10.2008 12:40    |    Halbgott Halbgott

510 Wörter sind fertig :) Werde aber die Tage noch einmal rüberlesern. Habe ja noch etwas Zeit :)

 

Zitat:

Alexej kratzte sich mit dem Skalpell am Hintern.

hat es auch hinein geschafft. :)


14.10.2008 07:46    |    Trackback Trackback

Kommentiert auf: Halbgott:

 

Kapitel 2


17.10.2008 03:42    |    Trackback Trackback

Kommentiert auf: Neues aus dem Premiumsegment:

 

Kapitlel 4


29.10.2008 13:21    |    audiA8freak audiA8freak

man ist das schwer, die nächsten kapitel zu finden. Ich will mehr! :(


29.10.2008 13:32    |    Emmet Br0wn Emmet Br0wn

Die Kapitel sind hier alle verlinkt (bis auf Kapitel 6 ?)


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Mein Blog hat am 06.08.2008 die Auszeichnung "Blogempfehlung" erhalten.

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