Fri Jul 31 03:29:50 CEST 2009
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taue2512
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Kommentare (14)
| Stichworte:
Innenstadt, Tempo 20, Toulouse, Verkahrsplanung
Toulouse oder "la ville rose" (die rosafarbene Stadt) wie sie aufgrund der Farbe der Dächer und Bachsteine der alten Häuser in der Innenstadt von den Einwohnern liebevoll genannt wird hat in den vergangenen Jahren viele Verkehrskonzepte durchlebt. In den späten siebziger Jahren galt das Auto und die sehr fortschrittliche französische Autoindustrie als sehr zukunftsweisend, folglich wurde die Innenstadt regelrecht Autogerecht gestaltet. Große Parkplätze, mehrspurige Kreisverkehre, die Périphèrique und andere Großprojekte wurden gestartet und an fast allen Ecken und Enden wurde kräftig gebaut und betoniert. Als in den achtziger Jahren die Ölkrise da war, gab es den ersten Sinneswandel: Großparkplätze wurden zurückgebaut und in Parks und modern anmutende Grünanlagen verwandelt, öffentliche Gelder flossen in den ÖPNV und der Startschuss zum Bau der Metro fiel. In den letzten 10 Jahren wurde das Auto zunehmenderweise aus der Innenstadt verbannt. Parkplätze wurden ein Luxusartikel und immer teurer, die kleinen Gassen der Innenstadt verwandelten sich in ein nahezu unüberschaubares Einbahnstraßen-Labyrinth bei dem selbst die neueste Softwareversion im GPS manchmal verzweifeln kann. Vor 5 Jahren baute die Stadt die ersten fest installierten Blitzer auf und versenkte Millionen in die Verkehrsberuhigung durch Pfähle, Bodenschwellen und Anlieger-Straßen mit elektronischen Schranken- oder Pollersystemen. Immer mehr Tempo-30-Zonen wurden eingerichtet, manchmal zu Recht aber vielerorts einfach nur blind und in vollkommen inkonsequenter Weise. Im Jahre 2004 gab es dann eine Sommer-Hitzewelle und der Verkehrsdezernent von Toulouse hatte einen hitzigen Einfall: Warum nicht die zulässige Höchstgeschwindigkeit aud der Périphèrique von den damals 110km/h überall auf maximal Tempo 90 für Autos und Tempo 80 für LkW absenken und den Umweltschutzgedanken (Stickoxyd-Emmissionen) dabei vorschieben? Die Bevölkerung wurde derweil vertröstet, denn es hieß das dieser Versuch zunächst einmal "Testweise" vom 1.4. bis 1.10.2004 gelten sollte. Klammheimlich änderte man dann aber mittendrin kurzerhand den Gesetzestext und seitdem hat sich an dem Test-Tempolimit von damals nichts geändert. Zum Glück gab es damals keine größeren Revolten auf den Straßen. Was aber nun kommen soll, erregt die Gemüter sehr kräftig: Unter dem Deckmantel der Verkehrssicherheit soll wohl bald Tempo 30 und im Zentrum der Innenstadt von Toulouse gar maximal Tempo 20 gelten! Heutzutage ist bereits auf den Strassen der historischen Altstadt Tempo 30 angesagt, wobei das eigentliche Hauptproblem im Bezug auf die Verkehrssicherheit wohl die vielen Radfahrer darstellen. Nicht falsch verstehen, ich fahre selber mit dem Rad, aber viele von den Fahrradfahrern verhalten sich sehr anarchistisch und dürfen sogar mit dem Segen des Gesetzes offiziell auf Tempo-30-Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung fahren. Und die Zahl eben dieser anarchistischen Radfahrer hat sich explosionsartig vergrößert, seitdem die Stadtverwaltung vor 5 Jahren die sogenannten "Velib" eingeführt hat. Ein Leihfahrrad-System mit Kreditkartenterminal und mit Stationen überall im Großraum Toulouse. Seitdem nehmen viele Leute besonders an den Wochenenden nach dem Kneipenbesuch lieber das Rad als zu Fuß zu sich nach Hause zu gehen. [bild=1] Das der Innenstadt langsam der Verkehrsinfarkt droht und immer mehr Autofahrer die Hauptachsen der Stadt zugunsten kleinerer Wege verlassen wurmt die Verkehrsplaner. Wobei die moderne Technik einen großen Anteil an dieser Misere hat, denn seitdem immer mehr Autos mit intelligenten GPS ausgerüstet sind und die Fahrer bei einem Stau auf einer Hauptverkehrsstraße lieber diesen umfahren, beschweren sich die Anwohner der ehemals ruhigen und unbekannten Nebenstraßen. Wie lautet also die Lösung allen Übels? Anstatt ein gewisses Niveau an autarker Intelligenz eines jeden einzelnen Autofahrers bei der Wahl seiner Route zu unterstützen und zu fördern - gerade so wie bei den Waldameisen - fällt den Planern nichts anderes ein als genau dieses intelligente und unabhängige Eigenleben dem Autofahrer madig zu machen. [bild=2] So ist eine weitere Neuerung hinzugekommen: Die "Zones des rencontre", Straßenabschnitte auf denen sowohl Fußgänger, Radfahrer, Motorräder und auch Autos (mit maximal Tempo 20) unterwegs sein dürfen. Die Vorfahrtsregelung "rechts-vor-links" gilt dabei von jeweils schwächsten zum stärksten. Und soetwas soll nun sicherer und übersichtlicher sein und zur Senkung der Unfallzahlen beitragen? Ich habe heute als ich im Stadtzentrum zur Anmeldung unserer Tochter auf dem Amt war mal bewußt auf einer in dieser Form im Rahmen einer Erprobung ausgewiesenen Strassen - der Rue Robespierre - einen Live-Test gemacht: Tempo 20 und kein bißchen mehr! Radfahrer überholten und schnitten mich rechts und links und nach spätestens 20 Sekunden hupt und gestikuliert der Hintermann wild und schließt dicht auf, Stoßstange an Stoßstange bewegt man sich so durch das nahezu unvorhersehbare Getümmel auf dieser "Straße der Begegnung" und ich meine diesem Namen macht diese Erfindung aus diesem Grund jedenfalls alle Ehre, denn Sogar die Jogger überholen einen ohne größere Probleme! Ich hoffe das dieses Beispiel nicht so schnell Schule macht, denn m.E. werden hier durch übereifrige Aktionen unter dem Deckmantel der Verkehrssicherheit neue Gefahrenquellen geschaffen. |
Fri Jul 31 11:46:44 CEST 2009 |
martinkarch
Muß man ständig Spaß haben ??
Und besteht der Spaß im Leben wirklich nur aus Rumheizen ?
Ich wäre sehr froh, wenn bei uns vor dem Haus langsamer gefahren werden würde. Und vor allem nicht so beschleunigungsaggressiv.......das verursacht Lärm. Und Lärm stört einfach.............außer anscheinend, wenn man ihn selbst verursacht : dann ist es für manche cool ! Sogar obercool ! 🙄
Und sowieso : immer lautet das Vorurteil, daß in Frankreich gerast wird wie verrückt. Und jetzt, wo das nicht mehr genehmigt sein soll, ist es auch wieder nicht recht.
Kann es sein, daß du die Probefahrt etwas voreingenommen angetreten hast ??
Aber du kannst ja auch mal in einer Gegend einen Probespaziergang oder eine Proberadtour machen, in der höheres Tempo erlaubt ist. Meinst du, du bist dann glücklicher ?
Und wenn dich die Jogger überholt haben sollen...........naja, ob der übliche Jogger 20 km/h schnell joggt ?? Wohl eher 10 km/ oder darunter !😕 Zudem : Jogger sind doch meist in Parks ?!😕
Fri Jul 31 12:01:20 CEST 2009 |
JWck
@martinkarch: Ich glaube, hier gehts nicht ums rumheizen in Innenstädten (Tempo 30 ist auch nicht arg viel schneller), sondern vielmehr um die unsinnige Verkehrspolitik des Départéments und der Stadtverwaltung.
Das Fass, das Du hier aufmachst, wird schnell zur Grundsatzdiskussion und hat eigentlich nicht viel mit dem Sinn des Artikels zu tun.
Ansonsten kann ich taues Unmut durchaus nachvollziehen, und die entstehende Gefährdung für alle Teilnehmer ist wohl kaum der richtige Weg, finde ich.
Fri Jul 31 12:27:45 CEST 2009 |
Turboschlumpf13057
Zitat: "Muß man ständig Spaß haben ??"
Klare Antwort: JA! Man sollte zumindest versuchen sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen! Das Leben soll einem schließlich Freude bereiten!😎
Ansonsten schließe ich mich bezüglich Deines Postings JWck an.
P.S. Besonders "süß" finde ich den Begriff "beschleunigungsaggressiv"😉 Tja was für den einen Lärm ist für den anderen "sound", so ist halt das Leben....
Fri Jul 31 12:30:37 CEST 2009 |
Duftbaumdeuter712
Ja und äh ja 🙂
Richtig
Fri Jul 31 12:43:14 CEST 2009 |
Antriebswelle135730
Das Konzept des shared space klingt doch eigentlich vernünftig für die Alt-/Innenstadt, es ist ja auch nichts neues. Möglicherweise haben es die Franzosen bloß falsch umgesetzt. Oder das Umdenken fällt zu(nächst) schwer.
Aber Spaß beim Autofahren in der Innenstadt? Also ich stelle mir da eher kurvige Landstraßen oder so vor.
Fri Jul 31 13:19:05 CEST 2009 |
aixcessive
in Innenstädten kann man auch einfach mal zu Fuß gehen , dafür sind Beine gedacht 😁
Gerade in so schönem Ambiente wie Toulouse ,ebenso in vielen schöne Altstädten der BRD 😉
Anstelle sich rumzuquälen ewig Parkplatz suchen oder bezahlen um dann denoch doch zu fuß laufen zu müssen einfach mah gehen.
Das ist ein ganz anderes Erlebniss und das sage ich als Schnellvielfahrer und praktiziere dieses auch gerne
Selbst in London laufe ich ,nehme die tube und freue mich, beim Schlendern von einem Termin zum nächsten , meines lebens
eEinfach easy living und man bekommt schöne ,nette und bemerkenswerte Kontakte zu anderen Menschen 😉
Fri Jul 31 13:58:57 CEST 2009 |
martinkarch
Zitat:
Muß man ständig Spaß haben ??
Und besteht der Spaß im Leben wirklich nur auch aus Rumheizen ?
Ja und äh ja 🙂
Dann aber bitte nicht in Innenstädten. Wenn was passiert, wird nur wieder geweint. Es geht ja hier um Innenstädte, oder ??
Innenstädte sollen attraktiv bleiben.......für mich ist es schon ein Unterschied, wenn ich an einem Eiscafe sitze, ob ein PKW leise vorbeirollt oder "beschleunigungsaggressiv" fährt !
In größeren Städten hat man sowieso selbst Schuld, wenn sich man in Zeitnot mit dem Auto ins Getümmel stürzt. Dafür gibt es ja auch andere Möglichkeiten........
Warum sollten sich alle nach den Autofahrern richten müssen und nicht nach dem Wünschen von Touristen, Fußgängern, Radfahrern, Anwohnern, Ladenbesitzern usw.............😕😕
Fri Jul 31 17:40:58 CEST 2009 |
JWck
Die Benutzer von Autos dürfen meiner Meinung nach in sofern nicht vernachlässigt oder benachteiligt werden, als dass sie ja diejenigen sind, die in der Innenstadt, die sie mit dem Auto erreichen, potenziell Geld ausgeben und daher auch in den Erhalt der Stadt investieren.
Und da nur wenige Autofahrer an sich bereit dafür sind, große Wegstrecken zu Fuß mit schweren Taschen vom Shopping zurückzulegen, richten sich eben viele Städte nach den Autofahrern und räumen ihnen mehr Platz ein als anderen Dingen.
Und selbst mit hohem Verkehrsaufkommen sind ja meist die wirklich schönen Plätze einer Innenstadt eh schon Fußgängerzonen, so dass da niemand von "beschleunigungsaggressiven" Autofahrern und notorischen Spaßhabern belästigt wird.
Viele Grüße🙂
Fri Jul 31 17:48:49 CEST 2009 |
Phaetischist
Mein Spritverbrauch würde sich bei Tempo 20 verdoppeln.
Fri Jul 31 18:50:26 CEST 2009 |
martinkarch
Vielleicht hast du das falsche Auto für Innenstädte ?? Probier´s mal mit P+R......oder in der eigenen Stadt mit dem Rad 😉
Fri Jul 31 20:08:25 CEST 2009 |
Phaetischist
Leider schlecht machbar in einer Region, in welcher der öffentliche Nahverkehr in etwa so ausgebaut ist, wie die Flugverbindungen von Paderborn auf den Südpol.
Fri Jul 31 20:56:57 CEST 2009 |
martinkarch
Nur mal gefragt :
Wenn du sagst, daß die Verkehrssicherheit nur der Deckmantel dieser Aktion sein soll, was ist denn dann deiner Meinung der wahre Grund für die Tempo-20-Aktion ??
und zudem :
Das widerspricht sich doch ! Anarchistisch wäre ja entgegen dem Gesetz......
Es passt wohl lediglich dir nicht 😎 😛
Fri Jul 31 22:49:41 CEST 2009 |
taue2512
Wie die überwiegende Mehrheit richtig erkannt hat geht es in diesem Artikel um Verkehrsplanung als solches.
Anarchistisches Verhalten der Radler bezieht sich auf wildes vorbeischlängeln rechts und links, sowie beherztes "ich komm ja von rechts-gehabe" ohne irgenwie auf Fußgänger oder andere Verkehrsteilnehmer zu achten. Das Gesetz das es den Radlern offiziell erlaubt in entgegengesetzter Richtung zu radeln finde ich allein aus dem Grund schon nicht so toll, weil man als Autofahrer ohnehin schon - sogar in einer Einbahnstraße - sehr mit dem Verkehrsgeschehen beschäftigt ist. Ein aus einer Fußgängerwolke plötzlich in entgegengesetzter Richtung entgegenkommender Radfahrer entspannt die Situation nicht wesentlich.
Aber so weit brauchst Du gar nicht schauen: Bremen Innenstadt, Steintorviertel. Ich komme vor ein paar Jahren mit einem Kollegen aus einem Hauseingang und unterhalte mich, plötzlich isser nicht mehr da (der Kollege) denn er liegt zusammen mit einem Rennradfahrer der auf dem Fußweg unterwegs war 5m weiter auf dem Boden. Und Hauseingänge gibt es in Toulouse in besagten Strassen auch.
Sat Aug 01 15:42:00 CEST 2009 |
Hannes1971
@taue2512
Solltest Du nicht jetzt eigentlich eher Windeln wechseln und Fläschchen wärmen 😉 ? Glückwunsch nachträglich...
Zum Thema:
Ob der Weg in dem geschilderten Fall glücklich ist, kann ich nicht nachvollziehen. Das Ziel, nämlich den Durchgangsverkehr aus den Innenstädten heraus und auf den dafür vorgesehenen Durchgangsstraßen zu lassen, kann ich durchaus nachvollziehen. In der Arbeitswoche wohne ich in einer Kleinstadt mit einer Umgehungsstraße (Tunnel) für diejenigen die von Nord nach Süd (oder umgekehrt) die Stadt passieren wollen, einer gut ausgebauten Durchgangsstraße für diejenigen, die innerhalb der Stadt abbiegen müssen oder ins Zentrum wollen und den üblichen Wohn- und Geschäftsstrassen. Sobald die letztgenannte Strasse etwas voller ist, komme ich in meiner (eigentlichen) Wohnstrasse kaum noch aus der Garage, da diese als Umgehungsstrasse missbraucht wird. Teilweise wird man sogar angepöbelt, wenn man in seine eigene Garage rangiert, da man ja die Zeitplanung eines solchen Umgehers zerschießt. Mir wäre hier (fast) jedes Mittel recht, um diese Straße als Durchgangsstraße so unattraktiv wie nur möglich zu machen...
Gruß,
Hannes
Deine Antwort auf "(Spaß-)Bremse: In Innenstädten zukünftig Tempo 20!"