18.10.2009 10:58
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taue2512
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Bremerhaven,
Klimahaus,
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Reisetipp
Zugegeben: Wenn eine Stadt von rund 110.000 Einwohnern schon über fast 15% Arbeitslosenquote verfügt, kommt so ziemlich alles gelegen: Touristen, die es auszubooten gilt und viele Museen zum Beispiel! Und es scheint gerade so als ob zur Zeit die Touristenmetropole Bremerhaven versucht mit Großprojekten wie dem Deutschen Auswandererhaus, dem alteingesessenen Schifffahrtsmuseum (hey, das wohl einzige deutsche Museum mit 3 „f“ im Namen), den Tiergrotten und dem neumodischen „Burj al’Bremerhaven“ Büro-/Hotel-Turm schnell Kasse zu machen.
Dabei liegt das letzte Pleiteprojekt im großen Maßstab größenwahnsinniger Investoren nur rund 50 km weserabwärts: Der Bremer Spacepark. An diesem Wochenende habe ich mich gewagt zusammen mit meinem zehnjährigen Sohn die neueste Errungenschaft multimedialer und musealer Berieselung zu testen: Das Klimahaus 8° Ost!
Wir sind zum Glück am Freitag direkt zur Öffnung des Museums angekommen und parkten im Parkhaus des direkt nebenan liegenden Columbus-Centers, einer überdachten Einkaufsmeile. Wer später kommt hat unter Umständen Pech, denn dann gilt es erst mal lange Warteschlangen zu durchstehen.
Ein Erwachsener und ein Kind kosten hier 21 EUR Eintritt, wenn man sich aber vor Augen führt das hier sowohl der Bau als auch viele helfende Hände vom Eintrittsgeld abbezahlt werden müssen ist das in Anbetracht der hohen Zinsen schon fast ein Spottpreis. Für einen Besuch des kompletten Klimahauses sollte man rund 3-4 Stunden einplanen und dann kommt der Besuch günstiger als eine Kinovorstellung.
Doch was steckt hinter dem Klimahaus? In der Presse las ich nur von einer Reise rund um den Globus entlang dem 8. Längengrad: Klingt doch verlockend, so reist man also in ein paar Stunden von Bremerhaven über Sardinien, weiter nach Nigeria und dem Kamerun über die Antarktis (Südpol) über Samoa, Alaska, die Insel Langeneß (warum ausgerechnet die?) und schließlich wieder zurück nach Bremerhaven.
Klingt erst mal sehr spannende und wenn man die Lokalpresse aufmerksam verfolgt hat, so scheint es als ob die verantwortlichen Ausstellungsplaner sehr viel Arbeit in die pädagogische Ausarbeitung der Reiseroute investiert haben.
Nach den Kassen ist man zunächst ein wenig verloren, man steigt die Treppe hinauf und befindet sich in einer Art Aula. Wo soll es nun hingehen, durch Zufall „entdeckt“ man dann die lange Schlange vor dem eigentlichen Startpunkt der Reise. Hier fährt man in einem virtuellen Zug in die Schweiz.
Nach einem Film hebt sich die Leinwand und plötzlich ist man wenige Schritte weiter auf Blüemlisalpfirn im Kanton Uri. Und was lernen wir da?
Die beiden Protagonisten mit denen wir uns – wie in den restlichen Ländern – identifizieren sollen, sind schon anscheinend ein paar ganz fesche Leut: Die nageln Ihre Kühe einfach an die Wand und verbringen ihr ganzes Leben mit Almabtrieb und lustigem Jodeln auf den Bergkuppen. Das jodeln können wir dann auch gleich an einem „Experiment“ nachmachen. Leider sind viele dieser Experimente auf dem Reiseweg von dieser sehr durchwachsenen Natur und locken beileibe kein Kind (das einen Nintendo DS besitzt) hinter dem Ofen hervor.
Also weiter, unsere Reise führt uns durch einen Gletscher eine Seilbahn hinab und auf einmal sind wir so klein wie ein Käfer. Wahrscheinlich haben die Ausstellungsmacher bei der Konzeption gerade einen Workshop in den Niederlanden hinter sich gebracht, aber dieser kleine Einschub von „kleine Ursachen – große Wirkung“ verliert auch beim Publikum sehr schnell seine Wirkung. Wie auf allen Stationen muss der geneigte Museumsbesucher sein Wissen „erfahren“, indem er aktiv Schubläden zieht, auf Tafeln drückt oder sonst wie interagiert.
Dabei bleibt zuweilen leider ein wenig die Übersicht auf der Strecke.
Naja, wenigstens ist ab Sardinien dann anständig geheizt! Nett anzusehen sind die aufwändig produzierten Filmchen auf den Monitoren, zum Teil mit Bezug zu den Exponaten. Keine Kosten und Mühen wurden gescheut: Da wurden Straßenfronten Sardiniens nachgebildet oder Tante Agathes Doppel-D-BH auf die Wäscheleine gehängt. Die Info-Tafeln zu den einzelnen Exponaten hingegen sind alles andere als überraschend.
Genauso schnell wie wir von der Käfer-Größe zurück zur normalen Körpergröße gefunden haben, geht unsere Reise weiter in Richtung Nigeria. Da isses schön warm, nach einem Zick-Zack-Kurs kommt man in einer unwirtlichen Wüstenlandschaft an. Ein hoch auf die Bühnenbildner! Jetzt kann man seine dicke Winterjacke getrost ausziehen, denn dank der großzügigen Unterstützung des lokalen Gasversorgers „EWE“ ist hier auch stets gut geheizt!
Wir lernen ein Mädchen kennen, seine Probleme im Alltag und den Kontrast der westlichen Überflussgesellschaft zu Nigeria. Spätestens da fragen wir uns: „Wenn ich die 21 EUR Eintritt gespendet hätte, wie viele Brunnen hätten davon dort wohl gebaut werden können?“
Die Hinweistafeln leiten weiter mit pseudowissenschaftlichen Texten, die mehr an ein Patchwork erinnern als an einen pädagogisch wert-/sinnvollen Museumsbesuch – egal lassen wir uns weiter berieseln: Treppe hoch, ein paar Worte nigerianisch aufgeschnappt und auf einmal befinden wir uns in einem leeren Raum.
Leer bis auf ein Wüsten-Diorama mit einem verdorrten Baum und einer überdimensionalen Leinwand auf der einen Seite.
Viele Seitenwege führen von diesem Raum weg und man kann sich ein Bild vom afrikanischen Nomadenleben machen. Für das junge Publikum ist dies aber ehrlich gesagt nicht „cool“ genug, so legen sich die meisten vom jüngeren Publikum zum Chillen einfach auf die bereitgestellten gepolsterten Liegen und lassen sich vom Videofilm und der Musik berieseln, als selber auf die Jagd nach Information zu gehen. Was ist die Message dieses Abschnitts? Soll er uns betroffen machen oder aufklären?
Bevor wir selber diese Frage beantworten können befinden wir uns auch schon einige Tausend Kilometer weiter südlich im Kongo. Wir lernen das soziale Leben in einem typischen Dorf kennen und haben den Eindruck das dort alle rund um die Uhr glücklich sind und tanzen. Echt toll dieser Kongo, muss man wohl mal im nächsten Urlaub hinfahren. Unterstrichen wird dieser Eindruck dann vom nächtlichen Urwald, wo die Betreiber des Klimahauses anscheinend ihre guten Verbindungen zu den naheliegenden Bremerhavener Tiergrotten genutzt haben, um an echten Wildkatzendung zu kommen.
Auf jeden Fall stinkt das während des gesamten Weges durch das von der Konserve auditiv erhellte Plastikdschungel-Imitat ungefähr genauso wie auf der Katzenstation des Tierheimes einer deutschen Großstadt.
Und ehe man sich versieht wird aus dem feuchttropischen Klima auf einmal bittere Kälte. Man befindet sich auf Königin-Maud-Land in der Antarktis. Hier kann man auf die Jagd gehen!
In einem Kino kann man den Eingeborenen beim täglichen Kampf ums Überleben (Jagd) zusehen. Neben Tiefseekrabben, Vögeln und Fischen gibt es aber keine weiteren kompromittierenden Videos, die bei uns Westeuropäern das typische Bild vom jagenden „Eskimo“ geprägt haben. Keine Spur von der grausamen Jagd auf unschuldige niedliche Robbenbabys! Und so fragt man sich dann zwangsläufig woher die wohl die Felle für die Stiefel im Video herbekommen, vielleicht von eBay?
Insgesamt bekommt man ab hier spätestens den Eindruck, dass hier polarisiert werden soll. Dem geneigten und aufmerksamen Museumsbesucher fällt auf das es wohl einige „Tabus“ gibt, die in der Ausstellung verschwiegen werden. Vielleicht mit Absicht aus Rücksicht vor Schulklassen und mitreisenden Kindern?
Naja, weiter geht’s durch eine Eiskammer und Forschungsstation quasi über den Südpol – der Sternenerleuchtet ist – auf der anderen Seite der Erde dem Nordpol entgegen. Aber halt: Davor machen wir noch Station auf Samoa!
Das ist so ziemlich das schönste Fleckchen der gesamten Ausstellung. Mit viel Liebe zum Detail realisiert und absolut sehenswert, denn die Temperaturen sind auch wieder im angenehmen Bereich. Neben dem Kult der Menschen auf Samoa gibt uns dieser Bereich Einblick in das dortige Ökosystem, doch das ist an manchen Stellen wieder ein wenig zu flach erklärt.
Runter geht’s in den ozeanographischen Bereich: Hier gibt es ein paar nett gestaltete Aquarien zu sehen, wohl als Hommage an die für die damalige Zeit sehr gut gemachten ehemaligen Aquarien der Bremerhavener Tiergrotten. Diese wurden seinerzeit vor gut 20 Jahren aus Kostengründen abgeschafft.
Außer „Fische gucken“ wird hier quasi nix vermittelt. Schade eigentlich.
Danach geht’s nochmal in kältere Gefilde nach Alaska und schließlich auf die Insel Langeneß in Deutschland als vorletzte Station. Wer wie ich von der Küste kommt, lernt nicht unbedingt viel neues in Sachen Ökosystem und Watt, aber der findet die Sandbank mit den vielen gestrandeten Touristen umso amüsanter!
Und damit gelangt man dann wieder zurück nach Bremerhaven.
Fazit: Gelernt hat man nicht unbedingt viel auf seiner Reise. Das Problem ist einfach das die Intervalle mit der die Besuchergruppen durch die Ausstellung gespült werden anfangs sehr kurz sind – besonders merkt man dies in der Schweiz. Später verliert sich das zwar ein wenig, aber wen man z.B. nochmal an einen bestimmten Punkt zurückkehren will, so geht dies nicht.
Die Nebenausstellungen zum Thema Elemente, Wetter und Vulkane sind zwar gut gemacht aber doch sehr unübersichtlich. Hier wäre weniger etwas mehr.
Alles in allem ist das Klimahaus ein sehr netter Zeitvertreib für einen regnerischen Vormittag, wenn man allerdings kalkuliert das in diesem Bereich gleich mehrere Museen zu finden sind, so wären meine persönlichen Favoriten doch eher die guten alten Tiergrotten, gefolgt vom Schifffahrtsmuseum und dem U-Boot Wilhelm Bauer. Auf dieser Weise hat man gleich drei Attraktionen zum gleichen Preis gesehen und hat viel weniger Stress und vor allem Gedränge und geschubse erlebt, wobei das abschließende Plus an Bildung wohl aufs gleiche kommen wird.
Allen anderen sei gesagt das man auf jeden Fall einmal da gewesen sein sollte, alleine um später seinen Enkeln vor der Ruine sagen zu können: „Ich war damals im Klimahaus, als es noch auf war!“
Ist ungefähr das gleiche, wie: „Ich war im Space-Park, als es noch auf war!“
Denn bei den angepeilten Besucherzahlen von 450.000 Besuchern pro Jahr zweifle ich ernsthaft ob die Eigner und Investoren mal abseits des 8. Längengrades auf den Globus geschaut haben, um zu realisieren das Bremerhaven von mindestens 2,5 Seiten von Wasser umgeben ist, und von dort können keine zahlenden Touristen kommen!
Es sei denn wir ignorieren alles was uns das Klimahaus lehren will und leben alle zwangsläufig unter dem Meeresspiegel weil die Welt „dort oben“ durch Treibhausgase, Giftmüll und andere Dinge für uns Menschen zu unwirtlich geworden ist. |





















