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29.05.2022 16:31    |    jennss    |    Kommentare (67)

Jeder Hersteller wägt bei jedem Modell genau ab, wo und wie viel gespart werden soll. Tut man das nicht, wird schon der Grundpreis so hoch sein, dass die Kunden lieber woanders gucken. Beim ID.3 ist stellenweise sehr konsequent gespart worden. VW wollte das E-Auto massentauglich machen und brauchte dafür Eigenschaften, mit denen man auf Langstrecken akzeptabel fahren kann, sowie genug Platz hat, aber ohne einen Preis, der zu weit über vergleichbarem Verbrenner liegt. In vielen Punkten gibt es erst beim ID.4 mehr.

 

Hier gucke ich mir mal ein paar Punkte an, die man als Sparmaßnahmen betrachten kann:

 

Keine Gurthöhenverstellungen: Dies stört nicht wenige potentielle Kunden. Der Gurtverlauf ist bei großen Menschen nicht immer optimal. Man kann es mit der Sitzhöhe anpassen, aber die ist dann auch nicht mehr frei einstellbar, wenn man den optimalen Gurtverlauf über die Schulter haben möchte. In den Bildern bin ich mit 1,86 m Größe. Habe mich zwar dran gewöhnt, aber vielen Kunden wurde hier zu viel gespart.

 

Keine Zuglast und Dachlast: VW hat hier nur das nötigste gebaut. Die meisten Kunden begnügen sich mit einen Fahrradträger am Heck. Den bietet der ID.3 mit 58 kWh. Ein Großteil braucht wohl weder Dach, noch Zuglast, aber es ist schon ein bisschen schade, dass es hier Einschränkungen gibt. Ein Paddelboot oben drauf oder den Grünabfall auf einem Anhänger zur Deponie fahren geht nicht. Wer das braucht, muss zum ID.4 greifen. Die Frage ist, wie viel das einspart oder ob es damit ein hoher SUV sein müsste, um das Fahrwerk anzupassen. Schwer als Nicht-Insider zu beurteilen.

 

Mehr Hartplastik innen als im Golf: Durch den Golf wurde die Kundschaft bezgl. der Haptik im Innenraum verwöhnt. Es gab viel weichen Kunststoff im Cockpit. Im ID.3 ist da deutlich weniger. Auch die Türinnenteile sind hart. Wer es weich will, muss auch hier zum ID.4 greifen. Ich persönlich halte das aber für verzichtbar. Der harte Kunststoff im ID.3 sieht erstaunlich nach weichem Kunststoff aus. Erst das Abklopfen zeigt die Sparmaßnahme. In meinen Augen ist das eine gute Entscheidung, zumal der harte Kunststoff aus Recyclingmaterial bestehen soll.

 

Keine Ledersitze lieferbar: Die ist nicht nur eine Sparmaßnahme, sondern auch der Klimabilanz geschuldet. Gerade bei E-Autos liegt viel Focus auf der CO2-Bilanz in der Herstellung. Ich persönlich lege keinen Wert auf Leder (würde als Vegetarier eh keine Ledersitze kaufen). Aber VW hätte alternativ durchaus hochwertiges Kunstleder wie das von Ultrafabrics bei Tesla anbieten können. Kunstleder hat in den letzten Jahren einen großen qualitativen Schritt nach vorne gemacht. Ich persönlich mag aber Stoff sehr gerne und vor allem Alcantara oder Ähnliches. Finde den Lederverzicht gut.

 

Keine Lordosenstütze: Ich finde die Sitze sehr bequem und brauche keine Lordosenstütze, aber es gibt Menschen, für die sie wichtig ist. Von daher ist das nicht unbedingt eine schlaue Sparmaßnahme.

 

Kein höhenverstellbarer Beifahrersitz: Nun ja, ich denke, es wäre kein großer Umstand gewesen, recht auch eine Sitzhöhenverstellung anzubieten. Damit ist der Gurtverlauf nicht mehr indirekt einstellbar. Bisschen zu viel gespart, VW.

 

LED-Innenbeleuchtung mit Touch: Ich weiß nicht, ob das eine Sparmaßnahme ist. Das Licht ist sehr gut. Es gibt keine normalen Taster, nur Touch direkt auf die Lampen oben. Man findet sie nicht blind, was ein Nachteil ist, aber dafür sind sie auch dimmbar. Ok., eine neue Lösung, kann man mögen, sich aber auch daran stören. Ich denke, es ist so ok..

 

Taster für Fensterheber hinten gespart: Statt zwei weiterer Hebel gibt es eine Soft-Taste "Rear", um auf hintere Fensterheber umzuschalten. Das ermöglicht, alle 4 gleichzeitig runter- und hochzufahren, indem man die Rear-Taste kurze Zeit gedrückt hält (blinkt) und dann beide Hebel nutzt. Ich verwende dies nicht und hätte lieber die richtigen Hebel für die hinteren Fensterheber. Ich denke, das ist durchaus eine Sparmaßnahme, eine schlechte.

 

Sehr simple Lüftungsdüsen: Man kann den Luftstrom schlecht nach links und rechts lenken. Es gibt nur auf und zu, sowie nach oben und unten. Ich nutze die mittleren Ausströmer daher kaum (im Klima-Menü abgestellt). Ich finde, dies ist ein echter Nachteil und zu viel gespart. Ansonsten ist die Belüftung gelungen und erstaunlich zugfrei.

 

Touchflächen im Lenkrad: Ich finde sie ok., aber ich las schon von anderen, dass sie sich daran stören. Ich kann nicht abschätzen, wie viel das spart, aber es könnte Kunden kosten. Immerhin kann man darüber gut putzen :).

 

Kaum Schalter/Taster im Cockpit: Im Großen und Ganzen finde ich das Software-System in Ordnung. Es ist schnell zu durchschauen und logisch, sowie leicht zu updaten. Aber bei manchen Dingen hat man es dann doch übertrieben. So fände ich einzelne Schalter für die Sitz- und Lenkradheizung gut. Die Sitzheizung kann man direkt einschalten durch gleichzeitiges Tippen auf Plus und Minus der Heizungsverstellung, doch das wird nicht sehr zuverlässig erkannt. Die Lautstärkeverstellung mit Slider hingegen finde ich ok., zumal sie ja auch im Lenkrad mit Tasten (Brumm-Rückmeldung) funktioniert. Insgesamt ist hier etwas zu viel gespart, wird vermutlich bei einem Facelift um Taster erweitert.

 

Recht kleines Display hinter dem Lenkrad: Ich denke dahinter steckt der Gedanke, dass man Sicht auf die Lichtschalter links hat. Trotzdem fände ich ein etwas größeres Display nett, bei dem man z.B. auch eine analoge Anzeige einblenden könnte. Die Prozentanzeige für den Akku kommt ab SW 3.0 zum Glück.

 

Nacktes Blech innen sichtbar (Türen): Im Smart hatte ich innen alles verkleidet gehabt, im größeren ID.3 nicht. Aber ich finde das komplett wurscht. Hier würde ich keine Abdeckungen haben wollen.

 

Einfache Dämmung der Radhäuser: Ich kann das leider nicht beurteilen, da ich gehörlos bin, aber ich las schon, dass der ID.3 bei langsamer Geschwindigkeit vergleichsweise laute Abrollgeräusche haben soll, was auf fehlende oder einfache Dämmung der Radhäuser zurückzuführen sein soll. Was sagen andere ID.3-Besitzer dazu?

 

Keine elektrische Heckklappe: Manch einer mag sie elektrisch, aber ich finde die elektrische Heckklappe, die ich beim BMW 225xe hatte, verzichtbar. Sie ist abends zwar leiser, aber ansonsten brauchte ich sie nicht. Die mechanische Heckklappe ist manchmal schneller zu nutzen und völlig ausreichend. Ich finde die Sparmaßnahme ok..

 

Kein Schiebedach lieferbar: Seit ich beim BMW ein Schiebedach und beim Smart das Cabriodach hatte, liebe ich es oben offen. Leider ist der ID.3 nicht mit Schiebedach lieferbar und damit reiht man sich in einen Trend mit Tesla, Porsche, Polestar, Honda und anderen beim E-Auto ein, die nur ein festes Glasdach bieten. Manche mögen das, mir reicht das nicht. Wenn schon, dann auch zum Öffnen. Nicht mal beim ID.4 gibt es das. In meinen Augen ein schlechter Trend. Es mag Luxus sein, aber "das kleine Cabrio zwischendurch" ist wirklich etwas Tolles.

 

Simple Fronthaube mit Stange: Da man die Klappe noch seltener öffnet als beim Verbrenner, und es vorne keinen Frunk gibt, durch den der Lenkeinschlag und Wendekreis nicht mehr so eng wäre, halte ich die Sparmaßnahme für sinnvoll.

 

Heckklappe+Dach immer schwarz lackiert: Dies vereinfacht wohl die Produktion und ich finde das voll ok. Ich mag die schwarze Heckklappe als Designmerkmal.

 

Innere "Rückleuchten" auf Heckklappe sind nur Katzenaugen: Ein schlauer Trick. Die Rückleuchten sehen bei Tag gut aus, nicht so schmal wie beim alten Polo und trotzdem konnte man den Kabelbaum um den Bereich zu den Türen verkleinern. Kluge Maßnahme.

 

 

Der ID.3 will modern sein. Deswegen wurde nicht bei allem gespart.

Punkte, bei denen der ID.3 viel bietet:

- Heckantrieb (kein nerviges Stottern beim Anfahren oder starke Runterregelung)

- DCC lieferbar (top Federungskomfort)

- HUD lieferbar (bisserl Hightech-Flair)

- LED-Dekolicht im Innenraum farblich konfigurierbar (Individualer Gaudi)

- Top Matrixlicht IQ.Light (bisserl Hightech-Flair)

- Kommunikationslicht ID.Light im Innenraum (für Navi etc.)

- 20"-Felgen mit top Design (futuristisch)

- Sehr viele Ablagen, was echt praktisch ist

- 77 kWh-Version lieferbar. Kein anderer Hersteller bietet zu diesem Preis eine so große Reichweite.

- OTA-Funktion: Das Auto wird mit Updates besser. Leider keine 100%ige OTA-Funktion. Für SW 2.4 muss das Auto nochmal in die Werkstatt. Dennoch ein Vorteil ggü. so mancher Konkurrenz

- Ordentliche Ladeleistung, wenn auch nicht spitze

- Extrem enger Wendekreis

- Schöne Farben wie Makenatürkis und Kingsred, wie auch schlichte (weiß, grau, silber)

- Kein Verzicht auf den Heckwischer (wie beim Ioniq 5)

- Gute Verkehrszeichenerkennung serienmäßig

 

Insgesamt würde ich ein paar Dinge ändern, aber es gibt auch sinnvolle Sparmaßnahmen. Das Ziel, ein günstiges, universelles E-Auto anzubieten, ist m.E. gelungen. Kein anderer Hersteller bietet 58 kWh netto, 204 PS, 11 kW AC, 120 kW DC und wichtige Extras wie Parksensoren und Navi für einen Preis von 36960 € (vor Abzug der Prämien und Rabatte).

 

Ich hatte schon mal einen ähnlichen Artikel über Eigenarten des ID.3 getippt. Hier geht es mir jedoch speziell um die Bewertung von Sparmaßnahmen. Wie viel die Sparmaßnahmen in der Produktion bringen, kann nur der Hersteller beurteilen, aber manche Dinge wären sicherlich recht günstig besser zu machen.

j.

 

PS: Bin nach 14 Monaten und 36000 km mit dem Auto trotz der Sparmaßnahmen noch sehr zufrieden. Der Fahrspaß mit Hinterradantrieb ist hoch.

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26.05.2022 18:26    |    jennss    |    Kommentare (135)

volvo-wolfvolvo-wolf

Besonders reizvoll finde ich Autos, denen man die Power nicht ansieht. Damals war der Golf GTI so ein "Wolf im Schafspelz" (WiS), heute vielleicht auch noch der Golf R. Der Extremfall ist wohl Bobas Golf 2 mit 1233 PS: http://www.boba-motoring.de/?knopf=2013details

 

Unser Smart EQ Cabrio war in der City auch so ein kleiner Wolf. An der Ampel geht der unerwartet hart ab. Auf der Autobahn sah es dann natürlich wieder anders aus :).

 

Unter den Elektrischen erscheint mir der Volvo XC40 mit Allrad und 408 PS als Wolf im Schafspelz. Der geht außer über 180 deutlich besser ab als ein Porsche Taycan mit Basis-Motorisierung.

 

Model 3 Performance, Genesis GV60 Sport Plus und Kia EV6 GT würde ich auch als unterschätzte Autos sehen. Die sind heute so etwas wie damals ein Mercedes 500E (W124).

 

Wenn ein kleines Auto einen großen Flügel hinten drauf hat, verliert es damit etwas Überraschungseffekt, finde ich. Ein Mercedes AMG A45 S ist zwar sehr schnell, aber auch auffällig. Ein kleiner Audi S1 mit 231 PS ist aus meiner Sicht noch ein echter WiS, weniger unauffällig dagegen ist ein Toyota GR Yaris mit 261 PS.

 

Wie seht ihr den Reiz solcher unerwartet starken Modelle? Oder lieber gleich einen Sportwagen, dem man die Power ansieht?

 

Welche Autos betrachtet ihr als tolle "Wolf-im-Schafspelz"-Fahrzeuge?

j.

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