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Halbgott

Eindrücke niedergeschrieben

26.10.2016 14:30    |    Druckluftschrauber2011    |    Kommentare (4)    |   Stichworte: Gesellschaft, moral, rtl, Terror

Vor ein ganz paar Tagen lief bei RTL ja das filmische Pendant zum Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Der Inhalt ist eigentlich kurz erzählt:

Terrorist entführt Flugzeug und steuert damit auf die ausverkaufte Allianzarena in München zu, in welcher ca. 70.000 Leute sitzen. Ein Kampfpilot schießt gegen seine Befehle das Flugzeug mit ca. 170 Insassen ab. Damit tötet er diese – rettet aber alle im Stadion. Nun ist es der Zuschauen der entscheiden soll, ob der Pilot des Mordes schuldig ist, oder ob er es nicht ist.

 

Rein rechtlich ist die Konstellation scheinbar Quatsch, wie man hier sehr schön nachlesen kann. Aber um die rechtliche Bewertung geht es mir nicht, da sich darum eher die Rechtsverdrehen kümmern können. Wobei es schon interessant ist, sich die Argumentation des Bundesverfassungsgerichts durchzulesen. Auch wenn es eher um die staatliche Legitimation geht Flugzeuge abschießen zu lassen, als um das Strafverfahren.

 

Als ich den Film sah, war mir relativ schnell klar, dass das Ergebnis danach so aussieht, wie es denn dann auch aussah. Die absolute Mehrheit entschied, dass der Pilot nicht des Mordes an den Insassen des Flugzeuges schuldig war. Eher gemeint war wohl, dass er die Legitimation hatte, alle Menschen im Flugzeug zu opfern, um damit alle im Stadion zu retten.

 

Und da stellte sich für mich die Frage, und dass tut sie bis heute, ob wir in einer Gesellschaft leben, in der es mehrheitsfähig ist, dass man Menschen für Menschen opfert. Lieber sollen 170 Menschen sterben, als 70.000 Menschen.

Rechnerisch ergibt dies sicherlich einen gewissen Sinn. Doch ist es in einer Gesellschaft moralisch vertretbar? In einer „Gene Roddenberry Star Trek Idealgesellschaft“ vielleicht, die man anstreben sollte?

 

Haben wir uns, die Menschheit so im Allgemeinen, trotz Philosophie, Gesetze, Religionen und eines gewissen Wertekanons denn in den letzten 5000 Jahren unterm Strich moralisch weiterentwickelt? Oder heißt es bis heute Auge um Auge und Zahn um Zahn, bis alle blind sind und keiner mehr kauen kann?

 

Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen ja sagen würden. Also ja im Sinne von „wir westliche Welt“ schon. Hexenverbrennungen waren früher en vogue. Aber heute? Hier?

Jetzt schneidet zwar der IS Köpfe ab. Aber der hat „unsere“ moralischen Standards ja eher nicht. Na gut. Die Amis entführen Menschen und sperren diese in Guantanamo ohne Anklage ein… aber dafür wird es schon einen Grund geben. Aber so an sich neigt man als Mensch wohl gern dazu, sich selbst als „moralisch auf der richtigen Seite“ zu betiteln.

 

Vielleicht ist es ja auch moralisch, 170 Menschen zu opfern, um 70.000 zu retten. Aber wenn es so ist, wo ist die Grenze? 170 für 175 Menschen? Ein Bus voller Rentner für einen Bus voller Schüler? 3 todkranke für einen gesunden?

 

Was ich als unmöglich einschätze ist genau dies. Diese Abgrenzung. Ab wann ist das Handeln, was zum Tod eines oder mehrerer Menschen führt moralisch gerecht und wann nicht. Auch in neige dazu, es als nachvollziehbar zu erachten, dass der Pilot entschied, 170 Menschen statt 70.000. Aber dennoch hat er das Leben von 170 Menschen beendet. Und spätestens wenn ich darüber nachdenke, dass es für ein Abwägen keine Grenzen gibt komme ich zu dem Schluss, dass es somit auch kein Abwägen geben darf.

 

Wenn man sich als Gesellschaft bzw. als Person das Recht herausnimmt, dass einer oder mehrere das Recht hätten zu sagen: Diese Person(en) opfern wir, damit wir diese Person(en) retten, dann öffnet man der Willkür die Tür und der Mensch, sein Leben und seine Unversehrtheit wird zum Spielball von verschiedenen Interessen.

 

Dass das in der realen Welt alltäglich passiert und beim Spiel der Mächtigen immerzu Menschenleben geopfert werden, ist mir durchaus klar. Sieht man jeden Tag in den Nachrichten, kann man in den Zeitungen lesen und im Radio hören. Oder eben bei twitter, Facebook, youtube usw.

 

Aber mit der Entscheidung im Anschluss des Filmes wird ja eigentlich (zumindest für mich) deutlich, dass die Mehrheit der Menschen dem Abwägen von Leben zustimmt, ohne den Gedanken auch nur annähernd zu Ende zu denken.

 

Auch bei Diskussionen in den darauffolgenden Tagen war ich erschrocken, wie viele Menschen leichtfertig und selbstverständlich sagen, dass man den Piloten freisprechen müsse, denn er habe richtig gehandelt. Auf die Rückfragen, wo denn die Grenze wäre, um es als richtig zu betiteln, kamen jedoch keine schlüssigen Antworten.

 

Irgendwie gibt es hier jetzt kein Ende, da es bei diesem Thema kein Ende geben kann. Ich wollte meine Gedanken bloß mal zu „Papier“ bringen.

 

Ich bin bloß ein wenig erschrocken, dass es so vielen so leicht fällt, Todesurteile zu fällen, um andere zu retten.

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26.10.2016 17:23    |    UHU1979

Für mich ist das keine wirkliche rechtliche Frage. Bspw. gilt das Attentat von Stauffenberg heute als (moralisch) legitim, unter der damaligen rechtlichen Situation nicht. Von daher gilt nur die moralische Bewertung. Und da finde ich 9/11 2001 Pennsylvenia interessant, bei dem (Teile der) Passagiere ihren sicheren Tod (freiwillig?) mit Suizid beantworteten, indem sie das entführte Flugzeug zum Absturz brachten und damit womöglich/mutmaßlich viele Unbeteiligte retteten. Sicherlich fiel an Bord keine demokratische Mehrheitsentscheidung. War es moralisch richtiger, dass die "Meinungsmacher" an Bord sich den Entführern entgegenstellten, weil sie ihren eigenen Tod in Kauf nahmen als das Handeln des Kampfpiloten im obigen Szenario? Im Zweifel gibt es wohl kein moralisch richtig und falsch.


26.10.2016 17:40    |    rallediebuerste

Erst mal: moin Alex! Schön, mal wieder was von dir zu lesen ;)

 

 

Zum Thema: Der Pilot mag moralisch "unschuldig" sein und in seiner Situation keine andere Möglichkeit gesehen haben, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass der Staat eben nicht anordnen darf, Menschen zu töten, um anderen Menschen das Leben zu retten. Da sind wir nämlich ganz schnell bei fiesen Themen wie Sterbehilfe, Eugenik, Folter und noch düstereren Geschichten.

 

Simples Beispiel: Opa ist schwer krank und wird in absehbarer Zeit das Zeitliche segnen. Was spricht dagegen, Oppa ganz schmerzlos eine Injektion zu verpassen, um mit seinen Organen drei Patienten zu retten, die zufällig im gleichen Klinikum liegen und Herz, Leber und Lunge gebrauchen könnten? Stirbt ja sowieso, oder?

Und wann darf ich die Messer wetzen? Im Moment der finalen Diagnose? Wenn es "schlimm ist"? Wenn er ins Koma fällt?

 

Wenn man sich näher damit beschäftigt, MUSS die vernünftige allgemeingültige rechtssichere Richtlinie sein: niemand darf über den Kopf eines anderen Menschen hinweg entscheiden, dass derjenige sterben muss. Niemand, niemals und unter keinen Umständen. Und schon gar nicht eine staatliche Instanz.

 

 

Dass es Fälle gibt, in denen eine Einzelperson Gefahren gegeneinander abwägen muss - eine Notwehrsituation zum Beispiel, bei der nur durch Gewalt eine Gefahr von Leib und Leben abgewendet werden kann - ist klar. In diesen Fällen ist aber trotzdem erst mal auf Totschlag zu ermitteln... und dann muss in einem entsprechenden Verfahren geklärt werden, wie es um die Schuld des "Täters" steht *)

Dass uns als Rechtsstaat dort eine breite Palette an Werkzeugen und Deutungs- sowie Nuancierungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, hat Herr Fischer in der oben verlinkten Kolumne ja deutlich dargestellt.

 

 

Das lässt sich aber natürlich nicht in einem 90-Minütigen Film abhandeln :) ;)

 

 

 

*) meine Sicht als juristischer Laie. So stelle ich mir das vor ;)


01.11.2016 09:04    |    Druckluftschrauber2011

Was ich in diesem Zusammenhang auch spannend finde ist das, was "wir den Maschinen" beibringen wollen. So zum Thema autonomen Fahren etc.

Lieber den einen Insassen an den Baum fahren lassen, statt die 3 Radfahrer zu überfahren, wenn es nur noch diese beiden Möglichkeiten gibt?!

 

Ich wollte mich mit meinem Beitrag auch nicht wirklich zu irgendwas klar positionieren. Ich wollte nur einmal meinen Gedanken freien Lauf lassen und meine Sicht ausbreiten.

Außerdem hatte ich auch einmal wieder Lust, etwas zu schreiben (und es auch zu veröffentlichen). :)


01.11.2016 11:26    |    PIPD black

Interessante Fragestellung....

Klar, dass die Zuschauer den Piloten für unschuldig halten, sind sie ja nicht persönlich betroffen und es ist ja nur Fernsehen.;)


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