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Tüddelkram und andere Katastrophen

Wie man aus kleinen Problemen große machen kann

13.09.2018 17:31    |    Jack GT    |    Kommentare (12)

Eher notgedrungen als geplant verbrachte ich viele Kilometer mit dem Polo AW. Auslöser war eine Panne mit einem meiner Autos. Da der Polo als Einziger noch beim Vermieter verfügbar war, kamen innerhalb von ein paar Tagen 1300 km zusammen, sowohl in Stadt, Land, als auch Autobahn. Da bietet es sich an, über die gewonnenen Eindrücke zu berichten.

 

Vergleiche hinken

 

 

Was ist eigentlich meine Referenz, mein Vergleichswert? Für einen VW irgendwie automatisch der Golf 2. Erstens, weil der aktuelle Polo seine Größe erreicht hat, zum anderen, weil er die Idee eines "Volkswagens" verkörpert: Keiner so haltbar, so im Umlauf, verkörpert er die klassischen Tugenden eines haltbaren Wagens. Ich habe insgesamt vier "Zweier" in allen Varianten gehabt (einen gibt es noch bei mir: den 16V). In meinem Fahrzeugpark gab es des Weiteren mal einen 86c (Polo 2), einen 6N (Polo 3), den Polo 4 (9N) habe ich häufiger im Rahmen der Fahrgemeinschaft gefahren, daher kenne ich auch den Vorläufer dieses Autos, den 6R.

 

 

Der erste Eindruck

Groß ist der Polo geworden, er besitzt quasi Golf-Format, liegt von der Einschätzung zwischen einem Golf 2 und 3 von der Größe. Auch optisch ist er dem Golf deutlich angeglichen, eine Entwicklung, die mit dem 6N begann.

 

 

Das setzt sich innen fort: Wirkte der Vorgänger 6R irgendwie immer ein bischen pappig vom Innenraum auf mich - da fand ich den davor (also den 9N, Polo 4) deutlich wertiger - so macht der aktuelle Polo einen ganz anderen Eindruck: Aufgeschäumtes Armaturenbrett, LED's im Fahrzeughimmel und Ambiente-Beleuchtung: da geht was - das hat vielleicht auch mit der Ausstattungslinie "Highline" zu tun. Nur die Türen sind Plastik durch und durch. Die Sitze sind straff, alles wirkt soweit ordentlich verarbeitet.

 

 

Einen größeren Kindersitz im Polo - passt das?

Nachdem ich das Auto um kurz vor 0h in Kassel übernommen habe, ist als erstes der Kindersitz einzubauen. Ich habe einen schwedischen Reboarder (Axkid Minikid) für Kinder über 2 Jahren und: VW hat immer noch keine Ösen an den Sitzen oder Sitzschienen verbaut. Was Saab und Volvo schon vor 15 Jahren konnten, fehlt hier noch immer. Zugegebenermaßen bin ich hier auch etwas exklusiv, denn alle anderen Einrichtungen für Kindersitze (Isofix und Co.) hat der Polo. Und: die Deutschen fahren kaum größere Reboarder, aber das ist ein anderes Thema und immer noch erstaunlich, da die Gefahr schwerster Verletzungen um 90% im Vergleich zu einem herkömmlichen Kindersitz gesenkt wird. Also bleibt mir, Schleifen um die Sitzfüße zu machen mit den vom Kindersitzhersteller mitgelieferten Zusatzgurten. Hier zeigt sich der Polo dann doch klein: Soll auf dem davor befindlichen Sitz noch jemand sitzen, muss der Vordersitz stark nach vorne gezogen werden. Der Reboarder-Kindersitz hat dann trotzdem noch eine recht steile Rückenlehne: Bei meinem Bulli oder Saab ist dagegen mehr Platz. Das führt auf der Fahrt dazu, dass dem Kind der Kopf immer beim Einschlafen nach vorne fällt; Gequäke und Weinen sind die Folge. Dabei ist der Axkid Minikid einer der am kleinsten bauenden Reboarder. Wer also Reboarder im Polo fährt, setzt den Kindersitz sinnvollerweise auf die Beifahrerseite (hinten wegen des besseren Unfallschutzes) und den zweiten Partner daneben auf den Rücksitz.

 

Nach der ersten Ernüchterung punktet der Polo aber: Man findet sich sofort zurecht, alle Schalter sitzen, die Bedienung ist intutiv.

 

Wohin denn nun?

Das gilt erstaunlicherweise auch für den großen Touchscreen in der Mittelkonsole: Recht schnell ist die Bedienung erlernbar. Das ist auch nötig, denn das ganze Menü ist beim Anlassen auf englisch: Ich muss also erst einmal die Sprache umstellen.

 

 

Nicht begeistern kann mich die Navi-Führung des Festeinbau-Navis: Während das große Display die Karte aus der Vogelperspektive zeigt, wird in der Mitte des Instrumentes (also des "Multifunktionsdisplays") der Pfeil samt einer Entfernungsangabe gezeigt. Mittlerweile bin ich an die mobilen Navi's wie Tomtom, Google Maps, Apple, CoPilot und wie sie heißen, gewöhnt. Daher zeigt mir das Instrument zuwenig Umgebungsinformation an (nur den Pfeil), der Touchscreen zuviel über die Vogelperspektive. Prompt verfahre ich mich auch in der Nacht zweimal, weil ich eine kleine Ausfahrt verpasse. Ärgerlich schalte ich den Zoom im Touchscreen um - intutiv drehe ich am rechten Rädchen, dann kann man die Darstellung ähnlich der mobilen Navis gestalten. Danach kommen auch keine Verfahrer mehr vor. Die Integration des Handys, auch als Navi, muss allerdings erst beim Händler freigeschaltet werden: doof für einen Mietwagen...

 

Lautstärke und Motor

 

 

Erstaunlich leise hier. VW hat die Kiste gut gedämmt. Im Stand hört man die Milchpackung im Motorraum (ein aufgeladener Dreizylinder mit 1000 ccm und 70kW/95 PS) überhaupt nicht. Beim Beschleunigen knurrt er dann allerdings leicht rauh. Das verschwindet aber ab etwa 2500 Touren. Selbst bei hohen Geschwindigkeiten und Drehzahlen ist der Dreizylinder dann so gut wie nicht mehr hörbar. Der Motor hat ein kaum fühlbares Turboloch, ab ca. 1500 Touren zieht die Maschine mit gleichbleibender Kraftentfaltung bis in den Begrenzer. Hier haben die Ingenieure wirklich gut gearbeitet. Der Einliter fühlt sich mit dem Turbo etwa wie ein gut im Futter stehender Zweiliter-Sauger mit mindestens 115 -120 PS an. Nur einmal mache ich den Fehler, und versuche, mit etwas über 1200 Touren in den zweiten zu schalten. Da ist das Turbo-Loch, ich komme überhaupt nicht weg, bis ein paar hundert Umdrehungen später der Turbo "füllt". Einzig die Schaltanzeige ist "gepflegt für'n Arsch": Schaltet man nach der, ist der Polo sicher verbrauchs-, aber nicht geräuschoptimiert. Die Anzeige empfiehlt so frühes Hochschalten, dass der kleine Motor sich quält: Dann brummt und vibriert er, immerhin zieht er dabei gut an. Ich habe immer deutlch später geschaltet, davor hört es sich einfach nach "kann nicht richtig fahren" an.

 

Stadtverkehr und Zuladung

 

 

Hier ist die Domäne des "lütten Großen". Im Stadtverkehr zieht er gut, passt in jede Parklücke, die Parksensoren mit der Einparkhilfe und der optischen Anzeige machen Einparken zum Kinderspiel. Wer hier noch irgendwo gegen fährt, braucht einen Satz heiße Ohren. Die vorhandene Einparkautomatik habe ich kein Mal genutzt. Wir haben sie schon im Touran, ich finde sie einfach unnütz. Wenn ich mit der Einparkhilfe alleine nicht auf einen Platz komme, sollte ich nicht Autofahren. Der Wendekreis des Polo ist in Ordnung, die Türen haben einen passenden Öffnungswinkel, die Ladekante ist ausreichend niedrig. In den Kofferraum passt - wie schon vorher - nicht wirklich viel. Die Hutablage ist pappiger geworden. Aber die Sitze lassen sich umladen, dann geht 'was rein.

 

Langstrecke: Ab in das Haifischbecken

Jetzt wird es spannend: Denn das ist eigentlich nicht das Einsatzgebiet, in dem man einen Polo dauerhaft erwarten würde. Zwei Sachen finde ich bei Langstrecke immer wichtig: 1) Wie sitze ich?, 2. Wie agil ist das Fahrzeug bei höheren Geschwindigkeiten?

 

 

Vorweg: Die Sitze, zumindest beim Highline, sind gut konturiert, auch die Rückenlehne ist gut ausgeformt. Das weiß ich zu schätzen, denn ich habe mit Rückenschmerz den Polo über 1000 km gefahren, ohne dass der Schmerz zunahm, er wurde eher weniger. Dabei hatte das gefahrene Modell weder Lordosestütze noch Sitzheizung. Also keine schlechte Leistung. Der Fahrersitzplatz ließ sich auf 3 Arten einstellen: Lehnenverstellung, Längenverstellung, Einstellung der Sitzflächenneigung, alles manuell. Völlig ausreichend. Auch der Blick auf die Instrumente ist ok, alles gut erreichbar. Meine Beifahrerin findet allerdings die Armaturenbrettlinie etwas komisch: Zur Automitte wird das Armaturenbrett dicker, zur Tür nimmt es ab. Die hinteren Sitze sind ebenfalls gut konturiert, der vorhandene Raum gut genutzt, der Fußraum ausreichend: Hier können auch vier Personen länger aushalten. Der 5. Sitz ist für die Langstrecke zu klein, im meinem Exemplar ist er auch gesperrt "due to a safety issue".

 

 

Der Bordcomputer liefert gewohnt aufbereitet die Fahrdaten. Warum VW auf dem linken Hebel statt eines Tempomaten ("Geschwindigkeitsregelanlage") einen Limiter verbaut hat, bleibt unklar: Denn auf der Langstrecke ist ein Tempomat meines Erachtens für entspanntes Fahren ein Muss.

 

Und ab auf die Autobahn:

Erstaunlich. Der Polo AW schlägt sich auf der Autobahn wirklich gut. Das Fahrwerk ist straff, aber federt genügend. Der Dreizylinder zieht sauber und schnell hoch, die Beschleunigung ist für den kleinen Dreizylinder eindrücklich: Bis knapp 180 km/h geht es durchgängig aufwärts, die Beschleunigung ist klar zu spüren, der Zug wie am Gummiband. Ab 180 geht es dann langsamer bis 190, zwischen 190 und 200 kommt nicht mehr viel. 205 sind nur mit Pusten und Rückenwind erreichbar, dann ist wirklich Schluss. Die Schaltung ist leichtgängig, recht präzise. Wobei man im ganzen Auto etwas "abgehoben" von der Straße ist, diese nicht mehr viel spürt, die Lenkung indirekt.

 

Bei welchen Geschwindigkeiten fühlt man sich wohl?

 

 

Bis 100 Stundenkilometer merkt man im Polo tatsächlich wenig, dass man fährt, so gut ist die Dämmung und Dämpfung. Bis 160 km/h liegt die Kiste gut und satt auf der Straße, man fühlt sich sicher, es gibt nicht viel Unterschied zu höheren Klassen. Zwischen 160 und 180 ändert sich das: Die Windgeräusche sind spätestens ab 180 km/h laut zu hören, zumal der Fahrer nah am Dach sitzt, es rauscht vernehmbar, der Wind zieht am Wägelchen. Den Motor hört man derweil überhaupt nicht. Zwischen 180 und 200 km/h sind eher etwas für Abenteurer, will man sie dauerhaft fahren: Das macht der Wagen zwar, dann kommt aber nicht mehr viel, auch merkt man dann den geringeren Radstand: Das Fahrzeug schwankt leicht, bei Querrillen in der Kurve versetzt er zu Teilen, die Windgeräusche sind umfangreich hörbar. Außerdem tut das niedliche Leder-Sportlenkrad dann in den Händen weh: Nach dem Lederbezug kommt ein relativ harter Plastikkranz, der recht spitz zum Fahrer zuläuft: Das hinterließ bei mir in der Handfläche Druckpunkte, zumal man bei höheren Geschwindigkeiten stärker zugreift. Mir wurde dabei in den Kasseler Bergen mulmig. Also lieber wieder auf und um 180 km/h.

 

Und der Verbrauch?

 

 

Die Turbobenziner sind ja verschrien als Säufer bei Leistungsabforderung. Ich bin die Autobahnstrecken tatsächlich hauptsächlich im Geschwindigkeitsbereich 160-180-200 km/h gefahren: Odenwald-Heidelberg-Hamburg 6,7l auf der Rückfahrt 6,4l, maximal in den Kassel Bergen und am Main 7,4l. Das geht. Im Stadtbereich und bei Landstraße liegt man bei um die 5 Liter, bei sparsamen Fahren kann man auch eine 4 vor dem Komma erzeugen. Im wenig aussagekräftigen Momentanverbrauch bekommmt man ihn bei 200 km/h auf 15l/100 km. Im Alltag hatte ich ihn kombiniert bei 5-6l. Für einen 1200 kg schweres Benzinerfahrzeug für mich ok.

 

Fazit

Läuft. Abgesehen von kleineren Schwächen ist der Polo sogar autobahntauglich geworden, er ist von Größe und Agilität vergleichbar mit einem Golf 2 mit etwa 107 PS. Erstaunlich spritzig ist dabei der Motor. Wer will, kann ohne Probleme auf Autobahnen zwischen der 2. und 3. Spur pendeln, ab 180 merkt man dann aber den Kleinwagen. Was auch der aktuelle Polo natürlich nicht ändern kann: Selbst wenn die Nadel bei 200 ist und der nachfolgende Mittel- oder Oberklasse-Wagen nur 10 km/h mehr schafft: Wer in einem Kleinwagen sitzt, wird genötigt auf deutschen Autobahnen, auch, wenn er nur im kurz im Überholvorgang ist.

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03.09.2018 22:31    |    Jack GT    |    Kommentare (4)

Lange habe ich nichts mehr geschrieben, da einfach keine Zeit. Nun ist es aber wieder einmal so weit. Dank eines unpassenden Ratschlages, gewisser eigener Doofheit als auch ungeplanter Ereignisse ergibt sich Schreib- oder auch Lesestoff. Und ein längerer Beitrag...

 

Der Vorlauf

 

Reperaturen kommen meist unpassend, selten passend. So war es auch bei unserem Kombi, einem Saab 9-3 II Sport Combi. Ein treuer Dauerläufer, aber im Stand zog der Gute Abgase in den Innenraum. Da ich nicht mehr die Zeit habe, selbst nachzuschauen, sollte meine kleine Werkstatt, die leider chronisch wenig Zeit hat, das Problem überprüfen. Diese konnte zuerst nichts finden, machte nach erneuter Suche einen undichten Krümmer aus, behob diesen beim letzten Werkstatttermin jedoch nicht. Parallel meldete sich das Zweimassenschwungrad,das verschleissmässig ausgetauscht werden will. Alles nicht wild, doch die Werkstatt hatte keinen Termin. Da aufgrund Krankheit in der Familie außerplanmäßig von Hamburg in den Odenwald gefahren werden musste, wurde die Werkstatt gefragt: Geht weiteres Fahren? Die Antwort lautete: Stadt eher ungünstig, Autobahn problemlos. Sicherheitshalber am Vortag das Auto auch einmal mitgenommen auf dem Weg zur Autobahn: läuft.

 

Lernen sie die A7 Schritt für Schritt kennen!

 

Also Frau und Kind eingeladen und ab geht's zur Mittagszeit. Wer von Hamburg auf der A7 nach Süden fährt, kann die Autobahn auch am Samstag kilometerweise kennenlernen: Mindestens 3 Baustellen, bei denen zum Teil auf eine Fahrspur am Wochenende reduziert wird. Den Baufortschritt kann man dann im Stand beobachten, oder bei Schrittgeschwindigkeit.

 

BMW für Lau

 

 

Bis Göttingen läuft alles langsam wieder. Wir machen Pause und als ich wieder zum Auto komme, steht ein älterer, aber gut gepflegter BMW-3er neben unserem Auto. Ohne Kennzeichen. Moment mal, der war doch vorher noch nicht da - ist der auf der AB ohne Kennzeichen vorne und hinten unterwegs gewesen? Oder entsorgt hier jemand seine Kiste? Eigentlich noch zu neu und zu gut gepflegt. Interessiert schaue ich durch das Fenster in den Innenraum. Da liegt im Beifahrerfußraum der Fahrzeugbrief und darunter der Schein. Auto zum Mitnehmen also? Bevor ich den Türgriff öffnen kann, fordert meine Frau mich zur Weiterfahrt auf, dass ist ihr nicht geheuer.

 

 

Falsche Vorhersage

 

Wir fahren diskutierend weiter, nachdem wir Fahrer und Beifahrersitz gewechselt haben: Warum stellt jemand sein Auto zum Mitnehmen hin? Handelt es sich um einen Verkauf? Oder ist da vielleicht ein kriminelles Geschäft im Gange? Aus unseren Überlegungen werden wir hinter Kassel durch einen Rums herausgeholt: Die Kiste hört sich plötzlich an, wie eine Harley Davidson und die Leistung ist deutlich reduziert. Während meine Frau das Auto am liebsten mitten auf der Spur abstellen will, lotse ich sie weiter zum nächsten Rastplatz, denn dieses Geräusch kann nur heißen: Der Auspufftrakt ist nicht mehr dicht.

 

Der Rastplatz ruft - bis zum Abwinken

 

 

Auf der Raststätte 'Markwald' kommen wir zum Stehen. Haube auf und nachgeschaut: Das in den Krümmer führende Flexrohr ist gerissen. Soviel zu "Autobahn problemlos". Weiterfahren geht auch nicht, denn die darüber befindliche Kabelbaumisolierung beginnt schon zu schmelzen. Bei Weiterfahrt gibt's mindestens Kabelsalat. Ich brauche also einen Abschlepper. Und rufe also bei meinem Autoclub an.

 

Gemeinsam nicht einsam: Leben mit Pannen

 

Währenddessen läuft neben uns eine noch recht neue Mercedes C-Klasse auf dem Parkplatz ein, mit rumänischem Kennzeichen. Während ich mich bei meinem Autoclub in der Warteschleife befinde, kommen nebenan drei Männer aus dem Auto, klappen die Motorhaube auf und betrachten voller Interesse das Aggregat.

Da ich noch in der Warteschleife hänge, steige ich aus und schaue mit. Die Rumänen können kein Deutsch, ich kein Rumänisch. Über Handverständigung bekomme ich raus: Der Mercedes verbraucht wohl Öl und Wasser, weshalb das Auto erst einmal abkühlen soll. Ich schaue mir derweil den Mercedes-Motor an, der elegang am Ladeluftschlauch mittels Gaffa-Tape geflickt ist. Nach einiger Zeit sind sich die Rumänen einig: Wasser und Öl nachgießen, so wollen sie wohl in das Heimatland. Bei den Preisen einer deutschen Mercedes-Niederlassung dürfte die Reparatur auch ein Jahresgehalt kosten.

 

Ein bisschen Geduld...

 

Ich hänge noch immer in der Warteschleife der Notfallhotline meines Autoclubs. Moment mal, das Display zeigt schon 30 Minuten an. Die freundliche Bandansage säuselt dabei "noch einen Moment Geduld". Irgendwie fühle ich mich nicht ernstgenommen. Der Hinweis, dass ich auch auflegen könne, dann aber bei einem erneuten Anruf wieder in der Warteschleife von vorne anfange, hilft auch nicht wirklich weiter. Das ist mir bei meinem Autoclub noch nie passiert. Immerhin findet mein Nachwuchs das alles spannend: Denn da steht schon der nächste mit Defekt.

 

 

Zeit für den Abschlepper: Einer für alle?

 

Nach 40 Minuten in der Warteschleife - wir erleben mittlerweile einen schönen Sonnenuntergang -habe ich tatsächlich ein menschliches Gegenüber am Telefon. Leicht angesäuert frage ich erst einmal, was der Autoclub wohl unter "ein bischen mehr Geduld" versteht, wenn 40 Minuten "noch einen Moment Geduld" bedeuteten. Und, ob die Notfallhotline heute aus einer Person besteht. Die sich mittlerweile leicht gequält anhörende Dame am Hörer erzählt daraufhin, heute würden die Leitungen brennen - sie kämen nicht hinterher. Also brav die Koordinaten und das Probem durchgegeben - und warten auf den Anruf des Abschleppers.

 

Und kaum zu glauben: Ein paar Minuten später kommt auch der Abschlepper. Der allerdings fährt weiter, denn es steht schon das nächste Auto auf dem Parkplatz: Ein Touran, der aus dem Auspuff wie eine Dampflok raucht. Mein Kind will sich den Abschlepper angucken, also stehen wir kurze Zeit später daneben und kommen in das Gespräch:

Der Fahrer berichtet, er habe weiterfahren wollen, aber die weißen Wolken seien ihm spanisch vorgekommen. Er tippe auf Turbodefekt, der Abschlepper auch. Er kenne das auch schon von einer Panne aus Schweden, wo er schon einen Turbo eingebüßt habe. Er habe heute schon mehrere VW's mit Pannen gesehen, dieser VW sei damit auch sein letzter. Wir überlegen noch gemeinsam, wer wohl die dickere Rechnung bekommt, dann ist er weg.

 

Das Leben auf dem Rastplatz: Nomaden der Autobahn

 

 

Kurz darauf meldet sich "mein Abschlepper" - er ist nun auf dem Weg zu mir. Das Rastplatzleben hat begonnen: Polnische Kleintransporterfahrer, die offensichtlich auf der Autobahn leben, habe ihr Abendessen zwischen den Transportern gegessen, waschen nun ihre Wäsche auf dem Rastplatztisch und kommen langsam zum Dessert: gegenseitiges Zuprosten mit Wodka. Dazu wird Musik aus geöffneten Autotüren moderat laut gehört: Nomaden gibt es also noch. Bei Dunkelheit und eine Stunde später kommt der Abschlepper. Wir schauen uns gemeinsam den Schaden an, er kommt zum gleiche Resultat wie ich: Keine Weiterfahrt, schleppen zur nächsten Werkstatt. Auto rauffahren, dann alle in die Doppelkabine.

 

 

Ab in die Pampa

 

Der Abschlepperfahrer ist freundlich: Er berichtet darüber, extra mit Doppelkabine angefahren zu sein, damit auch alle reinpassen, zudem stellt er mir die Wahl, in welche Werkstatt ich möchte: Marke, freie, oder... Mir geht es tatsächlich um die nächste Werkstatt. Währenddessen erzählt er über einen Tag voller Einsätze und das sie Schwierigkeiten haben, Leute zu finden, die den Abschleppjob machen wollen: verdammt viel zu tun. Zuvor habe er von diesem Parkplatz Dänen mit Wohnwagen abgeschleppt, die eine Panne haben, ebenfalls zur nächsten Werkstatt.

 

Dort kommen wir auch an, und wer steht da? Die Dänen in Ihrem Wohnwagen hinten auf dem Händlerparkplatz. "Ah, da sind ja meine Dänen. Dachte ich mir's doch, dass es schwierig ist, einen Mietwagen mit Anhängerkupplung zu bekommen" sagt unser Fahrer. Wir laden im Dunkel auf dem Parkplatz ab, plötzlich steht der Däne neben mir. Da ich ein bisschen dänisch kann, erzählt er mir, dass er davon ausging, dass ich ihm sein "ny bil" - seinen neuen Wagen bringe. Er kommt aus Aalborg, wollte mit Familie gen Süden. Das wird heute wohl nix.

 

Lost in Space

 

Der Abschlepper empfiehlt uns, den Autoclub anzurufen, denn er hat schon den nächsten Auftrag. Außerdem hinterlässt er mir eine Taxi-Telefonnummer. Nun stehen wir auf einem dunklen Parkplatz eines Händlers, das Kind schläft im Kindersitz, und ich bin wieder in der Warteschleife. Diesmal nur 15 Minuten - man wird genügsam. Ich habe die gleiche Dame wieder dran, die mich schon mit Namen und Nummer kennt "ich habe ihre Nummer gesehen, da habe ich mir gedacht, ich übernehme sie". Na denn, mittlerweile sind wir schon fast im Plausch. Ich teile ihr mit, wo ich stehe, sie versucht, einen Mietwagen zu organisieren. Kurz teilt sie mir mit, ich sei in einer ländlichen Gegend; gut möglich, dass sie keinen Vermieter finde, der noch aufhabe, vielleicht müssten wir hier in einem Hotel übernachten. Sie verspricht, sich schnell wieder zu melden.

 

Leicht defekt, aber fahrtauglich

 

Kurz darauf ruft sie wieder an. Ja, sie habe noch einen Vermieter ausfindig machen können in Kassel. Der habe allerdings nur bis Zwölf offen. Wir sollten uns möglichst schnell ein Taxi organisieren. Die Adresse gibt sie mir.

Nun rufe ich beim Taxiunternehmen an, schildere die Situation. In einer Viertelstunde soll die Taxe da sein. Ich bespreche schon mit meiner Frau: Kind und Frau mit, gepacktes Auto erst einmal stehen lassen um Zeit zu sparen. Währenddessen versuche ich die Autovermietung in Kassel zu erreichen, damit die mir nicht die Tür vor der Nase zumachen. Glücklicherweise habe ich auch einen Mitarbeiter der Deutschland-Hotline des Autovermierters in Nullkommanix dran. Während ich ihm noch die Lage zu erklären versuche, fährt die Taxe an uns vorbei, sie hat uns nicht gesehen. Ich renne telefonierend hinterher und beschließe, den Anruf zu beenden, damit ich rufen und besser laufen kann. Als die Taxe wendet, erwische ich sie, der Fahrer scheint leicht erschreckt, als ich rufend aus dem Dunkel auftauche. Ich erkläre ihm die Lage, danach baue ich den Kindersitz mit dem schlafenden Kind in die Taxe um.

 

Unterwegs komme ich in das Gespräch mit dem Taxifahrer. Der will auf die Autobahn, da die Taxe - ein Mercedes-E-Klasse-Kombi - auch ein Problem hat. Der Hinterachsniveauausgleich ist defekt, bei den Kurven im hessischen Hochland ist das "Hinterteil" recht unruhig. Der Fahrer entschliesst sich daher, auf die Autobahn zu gehen: Dies spare Zeit und der Wagen liege besser. Na denn.

 

Die Autovermietung oder: Wo die Abschlepper Pause machen

 

 

Tatsächlich komme ich kurz vor zwölf bei der Kasseler Autovermietung an. Dort stehen etwa 3 Abschleppfahrer, die gerade Pause machen. Auch sie können heute über diverse Einsätze berichten. Der Kindersitz steht mit schlafendem Kind am Tresen, die Dame dahinter bemerkt, so wolle sie auch einmal befördert werden. Wie sich raustellt, hat die gute Frau auch nur noch ein vermietbares Auto: Einen Polo. Der Rest sei heute schon gebucht worden. Sollten wir unser Zeug aus dem Kombi nicht darein bekommen, säßen wir fest. Wir nehmen also an. Ich baue den Kindersitz in das nächste Auto, dann geht es zurück und wir laden in der hessichen Pampa um. Mein Kind schläft auf der restlichen Fahrt schlecht, weil der Reboarder (ein rückwärts gewandter Kindersitz) durch den geringen Platz sehr aufrecht steht und der Kopf immer abknickt. Aber ich will ja nicht meckern. Immerhin kommen wir um 3.10h im Odenwald an - und haben für 600 km Fahrt 14 Stunden gebraucht. Mit Ausnahme von Bahn und Binnenschiffahrt haben wir dafür allerdings fast alle Verkehrsmittel gesehen.

 

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Blogautor(en)

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Blog: Was ist, was wird:

Nächster Bericht:

 

Derzeit wenig Zeit trotz Corona...

 

Aktueller Fahrzeugstatus:

 

- Der Zweier 16V schläft seit Jahren

- Polo 9N3 im Stadtbetrieb, bekommt Alu's

- Zwei Saabs bewältigen den Hauptverkehr

- Am T4-Bulli derzeit ein paar Blecharbeiten

 

Letzte durchgeführte Arbeiten:

 

T4: Aufstelldach

Saab 9³ II: Bremsen, Zahnriemen, Wapu

Saab 95: Bremsen, Zahnriemen

Polo 9N3: Bremsen VA gemacht

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Beste Geschichten [Jack GT]...

...mit Golf 16V und der Polizei:

 

Früher habe ich häufig am Sonntagmorgen gearbeitet. Auf meiner Fahrtstrecke durch die Reeperbahn hatte ich des Öfteren das Vergnügen mit der Polizei, die annahm, einen trunkenen Fahrer nach einer durchzechten Nacht vorzufinden.

Als nun eines Morgens mein damaliger Klarglasscheinwerfer defekt war und mir der Hersteller als Ersatz eine Ford Fokus Rückleuchte (!) geschickt hatte, fuhr ich bis zur richtigen Nachlieferung ohne den rechten Scheinwerfer herum.

Die Polizei hielt mich an just einem solchen Tag vor der Davidwache an und beäugte skeptisch das "Loch" der Front. Ich erklärte dem Polizisten daraufhin die Geschichte. Seine Antwort lautete: "Das klingt so verrückt - das könnte schon stimmen. Fahren Sie mal weiter"...

 

...mit Support:

 

Ich bin eine laufende Auskunft - irgendwo muss das an mir geschrieben stehen. Fahrplan- und Stadtauskünfte gebe ich routiniert - das kommt alle Tage vor. Anrufe zur Autothematik von "ich steh' da" bis "können Sie mal den Parkautomaten für mich bedienen" sowie die Funktion als Zweitadministrator bin ich gewohnt. Als mich vor kurzem allerdings eine Migrantin am Busbahnhof zu ihrem neuen Telefonvertrag "interviewte" und sich eine Beratung zu Geräteanlieferung, Anschluß und Terminen holte, war ich doch schon baff.

 

...mit dem besten Netzlacher:

 

Ich habe selten so gelacht: Dieses Messer ist weniger durch seine Form, als durch seine besonderen Funktionen empfehlenswert. Also unbedingt die Leserrezensionen lesen!

 

...dem kürzesten netten Spruch (gefunden an einem Geldautomaten):

 

Geld wird bald abgeschafft - viele haben schon jetzt keins mehr.

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