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11.10.2020 19:38    |    der_Derk    |    Kommentare (6)    |   Stichworte: Getriebe, Renault, Twizy

Twizy auf Bühne
Twizy auf Bühne

Es ergab sich eine mittlerweile eher seltene Gelegenheit, sich am Auto mal wieder die Finger dreckig zu machen. Ausgerechnet natürlich an dem Neusten, mit der geringsten Anzahl an potentiellen Fehlerstellen: Dem Twizy. Wie im damaligen Artikel schon geschrieben, hat Renault hier doch die eine oder andere unnötige Sollbruchstelle versteckt, und die Gelegenheit war günstig, eine davon zu beseitigen: Das fehlende Getriebe-, bzw. Motorlager.

 

Zum technischen Hintergrund muss ich etwas weiter ausholen, in voller Länge ist das Ganze an dieser Stelle beschrieben. Die Kurzfassung: Der Motor ist im Twizy direkt an ein Getriebe mit einer festen Übersetzung angeflanscht, das auch das Differential beherbergt. Das Getriebegehäuse dient dabei gleichzeitig als Motorlagerschild. Dem aufmerksamen Beobachter wird allerdings auffallen, dass da gar kein Lager ist...

 

Üblicherweise hätte man einen normalen, beidseitig gelagerten Motor genommen, ebenso wie ein Getriebe mit einer beidseitig gelagerten Eingangswelle. Während der Entwicklung hat da aber scheinbar nochmal ein Controller den Roststift angesetzt, und der verantwortliche Ingenieur hat daraufhin nicht energisch genug mit dem Finger an die Stirn getippt; Herausgekommen ist dabei das Weglassen von zwei Lagern. Die Getriebewelle ist rückseitig gelagert, und läuft zum Motor hin lediglich in einem Simmering (Bild 3). Der Motor ist ebenfalls nur rückseitig gelagert (Bild 4). Motor- und Getriebewelle treffen sich in einer Verzahnung, die nicht nur den Längenausgleich des Rotors aufnehmen darf, sondern auch direkt dessen Gewicht. Wir haben also einen zweiteilige Welle mit zentralem Schiebestück, aber nur äußerer Lagerung - und größtenteils vergessener Montagepaste, mithin entsprechendem Rostbefall, zur Abrundung des Gesamtkunstwerks. Das ist nur scheinbar genial - suboptimal - immerhin billig ganz großer Käse.

 

Wie merkt man das überhaupt?

Unliebsamer Alterungseffekt dieser Sparmaßnahme: Die auf Verkantung laufende und wandernde Verzahnung zwischen Motor und Getriebewelle fräst sich im Betrieb 'runter, und rutscht irgendwann durch. Begünstigt wird das Ganze bei lastloser Fahrt, dann ist es auch durch lautes Brummen vernehmbar. Unter Last (Schub oder Zug, also bei Beschleunigung oder Rekuperation) stabilisiert sich die Verbindung zumindest soweit, dass die Geräusche ausbleiben. Wer aber viel segelt, oder auch während der Fahrt auf N schaltet, dürfte das Geräusch kennen. Den finalen Zustand merkt man, sobald man mit aufheulendem Motor in's Leere tritt und der Schub ausbleibt.

 

Wie sieht die Abhilfe aus?

Praktischer Weise hat der Getriebehersteller (Comex) immerhin den Platz für das Lager vorgesehen. Im Nachbarforum (siehe obiger Link) hat jemand dafür einen passenden Lagerhalter gedreht, und das dazugehörige SKF-Kugellager ist am Ende wahrscheinlich das teuerste Lager im ganzen Twizy (Bild 2). Die Reparatur lohnt allerdings (natürlich) nur, solange auf beiden Seiten noch genug Verzahnung stehen geblieben ist, was bei meinem nach 26000 km dankenswerter Weise der Fall war. Wir hatten aber auch Kandidaten mit ähnlichem Kilometerstand dabei, deren Verzahnung 'runter war. Dann bräuchte man zusätzlich noch einen neuen Motor und eine neue Getriebeeingangswelle - und während der Motor alleine schon teuer ist, sieht es im Moment auch so aus, als wenn die Getriebeeingangswelle nicht mehr einzeln bestellbar ist, sondern nur noch zusammen mit dem ganzen Getriebe. Das wäre dann nach Renault-Werkstattsätzen betrachtet vermutlich ein wirtschaftlicher Totalschaden.

 

Wie hoch ist der Einbauaufwand?

Das hängt sehr vom eigenen Werkzeugpark ab. Es muss immerhin keine elektrische Verbindung angefasst werden (auch wenn diese mit 58 V im Prinzip noch berührsicher sind), man braucht also keinerlei Ahnung von Strom zu haben. Das Heckpanel muss ab (Smartfahrer kennen das), das Getriebe muss natürlich 'raus, aber immerhin darf der Motor drinbleiben (Bild 6). Der größte Aufwand ist das Planen der Auflagefläche für den neuen Lagerhalter, denn die Guss-Innenseite der Getriebewand ist darauf natürlich nicht vorbereitet. Nebenbei ist natürlich eine Hebebühne vonnöten, wobei die im Falle des Twizy auch die Form eines Gabelstaplers, einer Ameise oder eines Hubwagens haben kann (Bild 1). Der linke, hintere Querlenker inklusive Rad muss losgeschraubt werden, danach kommt man mit sehr gelenkigen Fingern (oder sehr kreativen Knarren-Verlängerungen) an die Verschraubungen von Motor und Getriebe .

Das demontierte Getriebe kann dann entleert, geöffnet und bearbeitet werden. An Material wird neben dem Lagerhalter und dem neuen Lager noch ein Dichtungssatz (Getriebedichtung und drei Simmerringe, Renault-Bestellnummer 908300841R), 1 Liter Getriebeöl nach Wunsch, und das übliche Verbrauchsmaterial in Form von Montagepaste, Reinigungsmitteln etc. benötigt, der gesamt-Materialwert lag für mich bei ca. 100 Euro. Nicht gezählt wurde der Arbeitsaufwand von ca. 3 Stunden sowie die tatkräftige Unterstützung anderer Twizy-Fahrer mit gleichem Problem, aber ungleich besserer Werkstattausrüstung. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank :).

 

Hat es sich gelohnt?

Zunächst mal - ja. Wir haben bei der Gelegenheit noch das Differential geshimmt um das Anfahr-Klackern loszuwerden, mein Twizy hat jetzt keinerlei Brummen mehr im lastlosen Betrieb, und die Resonanz bei ~63 km/h in Form eines leicht schrillen Pfeifens ist auch weg - insgesamt ist er innen jetzt so leise wie vermutlich noch nie. Wie lange das so bleibt ist natürlich ungewiss, viele Erfahrungswerte gibt es noch nicht. Für Außenstehende verbessert sich leider nichts, denn alle beschriebenen, akustischen Phänomene sind im Vorbeifahren so gut wie nicht wahrnehmbar, bis zu dem Moment an dem die Welle durchrutscht...

 

Was sonst noch war

Ein anderer Aspekt des Schraubertreffens war die Bremsenwartung; festgegangene Bremskolben und eine hängende, nicht-so-wirklich-automatische Nachstellung der Handbremse in den hinteren Kolben treffen irgendwann jeden Twizy - nur meinen im Moment noch nicht ;).

 

Nebenbei konnte ich aber noch ein nerviges Klappern in der linken Tür beseitigen (Bild 7). Irgendwie hat es ein Steinchen geschafft, durch die Ablauföffnungen des Seitenpanels 'reinzukommen und in diesem bei jedem Öffnen und Schließen der Tür auf sich aufmerksam zu machen. Wenn man den Außenspiegel und alle sichtbaren Schrauben 'rausnimmt, ist das Panel nur noch an 7 oder 8 Kunststoffnasen geklipst und muss mutig abgerissen werden...

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12.10.2020 12:43    |    oli

Faszinierend, hier habe ich nichts anderes als grenzenlosen Respekt für Analyse, Fehlerbehebung und dann auch Teilen der Arbeit hier im Forum. Gibt es Rückrufe von Renault hierfür nach Schadensaufhäufung, oder kommen die mit sowas durch, da es nicht sicherheitsrelevant ist?

 

Wie ist das beim Zoe, hat das Modell ähnliche Probleme? Ist bei uns gerade im Wettbewerb, da unser Camry uns letzte Woche Richtung Nigeria verlassen hat.

 

Lieb Gruß

Oli


12.10.2020 13:06    |    der_Derk

Moin Oli,

 

die Blumen muss ich weiterreichen, selber herausgefunden habe ich das alles auch nicht ;).

Aber es ist für mich nachvollziehbar, und das Schadensbild ist relativ eindeutig. Quantifizieren kann ich das allerdings nicht; wir hatten Twizies mit Laufleistungen knapp vor 100000 km und zwar angegriffener, aber noch intakter Verzahnung - und auch welche, die vor 30000 km schon rund waren. Auf die Schraubersession an einem Tag bezogen, ist die Losgröße 5 natürlich nicht statistisch verwertbar. Die Anzahl Rückmeldungen im eingangs verlinkten Nachbarforum zeigen jedoch, dass das Schadensbild mit ziemlicher Sicherheit irgendwann jeden ereilt.

 

Einen Rückruf triggert sowas allerdings nicht. Es ist nicht direkt mit Gefahr für Leib und Leben verbunden, wenn unterwegs der Kraftschluss aufhört, und für Renault war die Auslegung marktwirtschaftlich gesehen ausreichend bis perfekt: Das Problem tritt fast ausschließlich nach Ablauf der Garantie auf, bewirkt Neuteilekauf und Werkstattumsatz, und der Kunde hat bis heute keine echten Alternativen. Läuft... ;)

 

Weiß spontan nicht, wie das beim Zoe aussieht. Aber davon gibt es mehr, und die durchschnittliche Kilometerleistung ist deutlich höher, insofern hätte ich jetzt gesagt dass ein Problem dieses Ausmaßes schon aufgefallen wäre.

 

Gruß

Derk


17.10.2020 21:42    |    Sp3kul4tiuS

Für den Zoe habe ich nur etwas zur ersten Generation gefunden.

Hier weiß ich nicht genau den Schaden am Motor aber dort gehen eben die Motoren kaputt bzw sind schon kaputt.


18.10.2020 00:38    |    oli

Danke für die Info. Wir sind inzwischen wieder ein bisschen von ab - der Zoe ist dann doch etwas zu klein. Haben über das Wochenende einen MG ZS zur Probe, der passt schon besser. Aber ob wir Letzthandbesitzer neu kaufen? Mal schauen...damit wohl genug vom Thema abgewichen hier. :)

 

Lieb Gruß

Oli


18.10.2020 01:31    |    rufus608

Ich danke auch für den techn. Backround den ich eben zufällig sehe. Erstens werde ich als Kurzstreckenfahrer immer interessierter für elektr. Fahrzeuge irgend einer Art und witzigerweise sahen wir gestern, nein vorgestern war's, einen gelben twizy der dann thematisiert wurde.


18.10.2020 10:31    |    der_Derk

Für den Twizy muss man schon ein etwas spezielles Anwendungsszenario haben - oder halt bewusst weniger fahren wollen als ein "echtes" Auto. Schraubertechnischer Vorteil ist, dass er im Gegensatz zu normalen Fahrzeugen technisch erheblich simpler gestrickt ist und selbst solche Dinge wie ein Bremskraftverstärker fehlen - Nachteil ist allerdings, dass so ziemlich alle Teile Twizy-exklusiv sind. Es gibt immer mal wieder saisonale Engpässe bei bestimmten Artikeln (z.B. Bremssättel, Bremsscheiben hinten), und die meisten Renault-Werkstätten sind wohl auch nicht gerade versessen auf Arbeiten an diesem Fahrzeug.

 

Im Prinzip geht er gerade in den Zustand über, in dem bspw. ein CityEL schon seit Jahren ist: Über Deutschland verteilt gibt es noch ein paar Schwerpunkte von Leuten, die sich damit auskennen, und wenn man zufällig in deren Nähe ist, kann man ihn relativ gut am Laufen halten.


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