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Mercedes G-Klasse W463 320 CDI Test

27.02.2021 21:59    |   Bericht erstellt von Sternbertl

Testfahrzeug Mercedes G-Klasse W463 320 CDI
Leistung 224 PS / 165 Kw
Hubraum 2987
HSN 1313
TSN AIN
Aufbauart SUV/Geländewagen/Pickup
Kilometerstand 250000 km
Getriebeart Automatikschaltung
Erstzulassung 2/2007
Nutzungssituation Privatwagen
Testdauer mehr als ein Jahr
Gesamtnote von Sternbertl 4.0 von 5
weitere Tests zu Mercedes G-Klasse W463 anzeigen Gesamtwertung Mercedes G-Klasse W463 (1990 - 2017) 4.0 von 5
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Einleitung

Ein guter Freund, der schon immer mit Mercedes - Fahrzeugen zu tun hatte, sagt: "die letzten echten Mercedes' hatten eine Stoßstange aus Metall und Federkernsitze". Diese Ära endete mit dem W123 und dem W116.... und mit der G - Klasse 2018 (mit Ausnahme der Sitze).

 

Obwohl ich das nicht zu 100% unterschreiben würde, ein wenig Wahres ist schon dran. Es gibt kaum neuzeitliche Autos, die sich anfühlen, als wären sie aus dem Vollen gefräst und nicht aus Einzelteilen zusammengetackert. Und es gibt noch weniger, die sich in 20 Jahren optisch so wenig verändert haben wie die G - Klasse, oberflächlich betrachtet zumindest.

 

Ein G stärkt den Charakter weil er polarisiert, es ist also ausschließlich zum Besten des Besitzers. Während erzgrüne Radfahrer bei Anblick eines Defenders noch verständnislos den Kopf schütteln, spucken sie angesichts einer G - Klasse deutlich sichtbar aus. Ich war mehrfach wirklich nahe daran, die "zurück in die Steinzeit - Kreatur" über den Haufen zu fahren und anschließend in der nächsten Biotonne zu entsorgen (das Fahrrad hätte ich ordnungsgemäß getrennt ins Altmetall geworfen). In dieser Situation den Gasfuß zurückzuhalten erfordert absolute Charakterstärke und prägt für alle Zeiten, Freunde! Später auch in die Richtung, dass derartige Äußerungen besser an einem abperlen wie Regen an Nanolack. Irgendwann kehren sich Wahrnehmungen wie diese glücklicherweise um und man erkennt - und genießt - den Neid der armen Würstchen, die sich alles im Leben verweigern, was eben dieses Leben erfreulich machen würde. Fresst doch eure geschmackloses Sägespänemüsli anstatt eines saftigen Steaks!

Von meinem alten Chef, einem honorigen Herrn, ist mir folgender Satz besonders in Erinnerung geblieben: "Wenn ich schon weinen muss, dann weine ich lieber im Rolls Royce als im 2CV". Diese Aussage ist schon etliche Jahrzehnte alt, aber immer noch zutreffend. Neuzeitlich wäre Rolls Royce durch "G" zu ersetzen und 2CV durch Skoda oder ähnliches, jeder nach seinem Belieben...

Auf der anderen Seite habe ich auch viel neidlose Bewunderung erlebt in Form von hochgestreckten Daumen, vor allem in ländlichen Gegenden. Immerhin wissen dort viele, dass der G in Graz hergestellt wird, also das letzte, einzige österreichische Auto. Und dann noch dazu so ein massives!

 

Ein G, vor allem ein in Ehren ergrauter, den sich Otto - Normalverdiener mit ehrlicher Arbeit zu leisten vermag, stärkt den Charakter auch deshalb, weil - wie mein Lieblingsmechaniker zu sagen pflegt - "mit einem älteren G hast du nie Langeweile, dem fällt immer etwas ein". Häufig sind es dann G - spezifische Teile, die nach Erneuerung rufen und richtig ins Geld gehen. Gelegentlich ertappt man sich bei dem Gedanken "nächstes Mal steck' ich die Karre in den Hochofen als Schrottbeigabe" und kauf' mir irgendso einen Koreaner mit 12 Jahren glück- und wertloser Garantie. Aber man sollte bei all dem nicht vergessen, dass der G zu diesem Zeitpunkt vielleicht die Entfernung Erde - Mond hinter sich gebracht hat und die scheinbar problemloseren Autos schaffen es gerade mal ans Mittelmeer und zurück.

 

Außerdem seien wir ehrlich, was wäre eine Beziehung ohne Reibungspunkte. Wenn alles läuft wie geschmiert und man sicher sein kann, mit diesem Wagen fahre ich nötigenfalls bis an den Rand der Scheibe und an der Unterseite wieder zurück, spätestens dann lässt einen dieses Glücksgefühl allen Ärger zuvor vergessen. Welches neuzeitliche Fahrzeug schafft ohne dazwischenliegende Umbauten diese Bandbreite, heute der Dame des Herzens vor der Oper den Wagenschlag zu öffnen ohne dabei peinlich zu wirken und tags darauf auf der ligurischen Grenzkammstraße aus dem Dachzelt den Sternenhimmel zu genießen. Na, fällt keinem was dazu ein?

Karosserie

4.0 von 5

Die grundlegende Frage bei derartigen Beurteilungen ist doch immer, womit man vergleicht. Die G - Modelle ab - grob gesprochen - Baujahr 2001 (270CDI) bieten zeitgemäßen Komfort, Sitze, Heizung, Klima, Luftverteilung, Geräuschdämmung, Übersicht (ok, die gab's immer) Platzangebot, alles überdurchschnittlich. Wer unzufrieden ist, setze sich zum Vergleich einmal in ein Gelände- Urgestein dieser Zeit (Defender, Cherokee, Land Cruiser und ähnliche und danach in eines dieser unzähligen SUV's, die zwar 1 Woche lang mit fetzigen Extras beeindrucken, aber beim Freiwühlen aus einem verschneiten Parkplatz scheitern, weil 4x4 halt nicht mit drei Differentialsperren vergleichbar ist. Blöd, wenn das erst greift, wenn zwei Räder verzweifelt minutenlang durchgedreht haben und alle Warnleuchten im Cockpit dunkelrot blinken....

Was ich sagen will: die Bandbreite gibt es nur in einem G. Natürlich gibt es geräumigere, welche mit niedrigerem Geräuschpegel, einfach coolere. Aber die Summe aller Eigenschaften heißt schlicht und ergreifend "G".

Testkriterien
Platzangebot vorn: eng geräumig
Platzangebot hinten: eng geräumig
Kofferraum: klein groß
Übersichtlichkeit: schlecht gut
Qualitätseindruck: minderwertig hochwertig
Fazit - Karosserie
  • + unvergleichlich
  • - benötigt kontinuierlich Liebe und Zuneigung

Antrieb

3.5 von 5

Hatte vorher zwei ältere G - Modelle, einen 300TD und einen 270CDI. Der 320CDI mit dem OM642 ist aber der erste Antrieb, der das schwere Auto in zeitgemäße Dimensionen hebt. man ist kein Verkehrshindernis mehr, Laufkultur und Geräuschkulisse sind zeitgemäß und der Verbrauch ..... wer einen G fährt, spricht sowieso nicht über Kraftstoffverbrauch. Bei den Stammtischgesprächen sage ich meinen Freunden immer, wenn das einzige, was euch an euren Autos Freude bereitet, alle 800 Kilometer an der Tankstelle stattfindet, dann soll es so sein. Ich habe dafür die ganze Zeit dazwischen Freude mit meinem G.

Testkriterien
Motorleistung: schwach stark
Durchzug: unelastisch elastisch
Drehfreude: zäh agil
Getriebe/Schaltverhalten: schlecht gut
Verbrauch: durstig effizient
Reichweite: gering hoch
Fazit - Antrieb
  • + passt einfach
  • - verbrauch des 270CDI mit den Fahrleistungen des 55 AMG, das wär' was

Fahrdynamik

3.5 von 5

Ich meine, das ist ein Geländewagen, was hast Du erwartet? In heutigen Zeiten wird hauptsächlich danach geurteilt, wie deppensicher ein Auto ist. Weil die Fahrer immer unfähiger werden, muss das Auto alles kompensieren und wenn eine(r) mit 100 um eine Ecke brettert, die nur 70 verträgt, muss es die Elektronik richten. Sollte sich das doch nicht ausgehen, fliegen die mit schreckensgeweiteten Augen in den Wald und anschließend verklagen die Erben den Hersteller, weil das KFZ 100 gefahren ist, obwohl der Straßenverlauf das nicht hergibt, moderne Zeiten!

ein G ist ein großes und schweres Auto, das nach angepasstem Fahrstil verlangt, obgleich ich so manchem "tief - breit - böse - GTI" Fahrer in der Autobahnabfahrt das Fürchten lehrte, wenn der Würfel vor ihm nicht umgefallen ist und aus der Kurve sogar einen respektablen Vorsprung mitgenommen hat. Klar, mit einem fetten V8 geht noch wesentlich mehr, aber ich frage mich, ob das nicht ein ganz klein wenig am eigentlichen Ziel vorbei ist.

Jedenfalls bleibt die Kiste immer berechenbar, beschönigt nicht die physikalischen Zusammenhänge und fährt mit einer Freude über Unebenheiten. Hatte letztens so einen H***ai im Rückspiegel, der in meinem Tempo eine Schwelle in der Wohnstraße überfahren hat, was soll ich euch sagen, so viele Airbags hatte ich in der chinesischen Karre gar nicht vermutet....

Testkriterien
Wendekreis: groß klein
Beschleunigung: langsam schnell
Lenkung: schwammig direkt
Bremsen: schwach standfest
Fahrverhalten: unausgeglichen ausgeglichen
Kurvenverhalten: unsicher sicher
Wendigkeit: träge agil
Fazit - Fahrdynamik
  • + verheimlicht niemals die Grenzen der Physik
  • - -

Komfort

4.5 von 5

eigentlich wurden die Punkte für den Komfort bereits unter "Karosserie" und Fahrdynamik" vorweg genommen. Für einen ernstzunehmenden Geländewagen bietet der G ausreichend Fahrkomfort bezüglich Klimatisierung, Sitze, Übersicht, Sicherheit, Geräusch, Federung (wem das nicht reicht, der braucht eine S - Klasse) und angemessene Fahrleistungen.

Weil der G nur selten billig war, sind i. d. R. auch die meisten Extras mit an Bord, die das Leben angenehm machen wie Sitzmemory, Sitzheizung (häufig auch hinten), Standheizung, Schiebedach, Fensterheber, Comand mit Navigationsfunktion (daran erkennt man am ehesten in die Jahre gekommenen Exemplare) und so weiter, will mich da nicht in einer Aufzählung verlaufen. Was aber auch nicht zu vergessen ist, dass die Materialwahl durchaus hochwertig ist, auch nach etlichen hunderttausend Kilometern ist da nichts so wirklich abgef**ckt, es sei denn, der G hatte einen Vorbesitzer bar jeder Wertschätzung.

Testkriterien
Federung (komfortabel): schlecht abgestimmt gut abgestimmt
Sitze vorn: unbequem bequem
Sitze hinten: unbequem bequem
Innengeräusche: laut leise
Bedienung: kompliziert intuitiv
Heizung/Klimatisierung: schwach wirkungsvoll
Fazit - Komfort
  • + -
  • - -

Emotion

4.5 von 5

einfach zum Nachdenken: Von der G - Klasse wurden in 40 Jahren rund 300.000 Fahrzeuge gebaut, vom Toyota Landcruiser ca. 10 Millionen. Um sich ein derartiges - ist exklusives der passende Ausdruck? - Fahrzeug anzutun, ist ein Mindestmaß an Leidenschaft also unumgänglich.

 

Meine persönlichen Erfahrungen: G - Fahrer werden eigentlich immer geachtet, die wenigen Ausnahmen fahren einen Duracell - Express, der permanent nach einer Steckdose verlangt, mit dicken Handschuhen und Zipfelmütze im Winter, und glauben ernsthaft, damit die Welt retten zu können. In meiner Studienzeit war das ganz genau so, nur fuhren diese Individuen einen 2CV zusätzlich mit einer Lötlampe am Beifahrersitz. Aber die Geisteshaltung war genau so engstirnig. Erschütternd ist eigentlich nur, dass sich in 40 Jahren nix verbessert hat. :-)

 

Eine G - Klasse ist alo selten und - wollen wir es dabei belassen - exklusiv, in positivem wie in negativem Sinn. Für mich manifestiert sie sich aber viel mehr in der Stabilität der Werte. Ich stamme aus einer Zeit, als das Wort "nachhaltig" noch nicht erfunden war, weil es einfach zum täglichen Lebensinhalt gehörte. Zum Einkaufen nahmen wir die Papiertüten des letzten Einkaufs für die Äpfel, Birnen, Kartoffel wieder mit und im Bauernhof tuckerte ein Steyr - Traktor, Baujahr 1958, der heute noch immer seinen Dienst tut. Ein G kann sich bei entsprechender Pflege und Wertschätzung hier einreihen, welches automobile Produkt kann das sonst noch für sich in Anspruch nehmen?

 

Eine G - Klasse ist also in meiner Wahrnehmung kein Nutzgegenstand, sie ist pure Emotion! Eines der letzten Produkte, die so viel mehr können, als man jemals nur annähernd in seinem Leben brauchen könnte. Wer das so oder so ähnlich sieht, kann damit auch wirklich Freude haben. Alle anderen kaufen sich besser irgend eine koreanische Mistkiste.

Testkriterien
Design: langweilig attraktiv
Temperament (komfortabel): ausbaufähig realisiert
Image: negativ positiv
Fazit - Emotion
  • + -
  • - -

Unterhaltskosten

Verbrauch auf 100 km über 10 Liter
Inspektionskosten pro Jahr 300-500 Euro
Gebrauchtwagengarantie keine vorhanden
Werkstattkosten pro Jahr 1.500-3.000 Euro

Gesamtfazit zum Test

Aus diesen Gründen kann ich den empfehlen:

Es gibt wirklich nur mehr eine Hand voll Autos, die das Gefühl der Ewigkeit transportieren.

Aus diesen Gründen kann ich den nicht empfehlen:

Der G ist ein Auto für eine (überschaubare Anzahl) von Leuten, die in der Lage sind, sich wöchentlich ein fabrikneues Exemplar kaufen zu können oder solche, die ein stark (ab)genutztes Exemplar mit viel Zuneigung am Leben erhalten und im besten Fall nach und nach verbessern. Wenn Du also nicht zur ersten Gruppe gehörst und zur zweiten nicht gehören willst, guck' doch besser im VW - Golf - Forum!

Gesamtwertung: 4.0 von 5
Das Testfahrzeug erhielt im Test durchschnittlich 4.0 von 5 möglichen Sternen
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