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Rennfahrers Resterampe

Dinge, die es nicht in den anderen Blog geschafft haben.

23.03.2020 20:52    |    Ascender    |    Kommentare (60)

Hallo liebe Motor-Talker,

 

coronacorona ich möchte in diesem Blogartikel nicht so sehr auf die Pandemie selbst und die Politik eingehen. Mir ist bewusst, dass wir hier auf "Motor Talk" sind, und dass dieses Thema vielleicht auch ein wenig Fachfremd ist für diese Plattform. Allerdings erreichen mich mittlerweile auch immer mehr Selbstständige auf Motor Talk via PN, und ich denke, dass ein solcher Artikel für den einen oder anderen hilfreich sein könnte - und außerdem ist das hier ohnehin meine "Resterampe", in der ich mich u.a. mit solchen Themen beschäftigen möchte.

 

Die Verunsicherung ist jedenfalls groß. Umsätze brechen teilweise komplett ein, man muss aber weiterhin die Fixkosten bezahlen. Ich möchte hier eine kleine Hilfestellung geben.

 

Als Kreditanalyst/Entscheider im Geschäfts- und Firmenkundensegment einer Großbank, kann ich einen kurzen Einblick geben.

 

Was leistet der Staat?

 

  • Einige Bundesländer vergeben bereits Soforthilfen. Meistens sind diese Beträge allerdings überschaubar und werden einen nicht über die gesamte Zeit hinwegretten.
  • Der Bund hat angekündigt Hilfskredite über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) vergeben zu wollen.

 

Grundsätzlich muss man bei solchen Hilfs-Angeboten davon ausgehen, dass diese Darlehen nur bonitäre Kunden erhalten, die nachweisen können, dass sie nur aufgrund der Pandemie in Schwierigkeiten geraten sind. Unternehmer und Unternehmen, die bereits vor Corona eine schwache Liquidität und keine Substanz hatten, sind von den Hilfen ausgenommen. Auch sollen zumindest für die KfW-Darlehen nach derzeitigem Kenntnisstand die Hürden ziemlich hoch sein.

Theoretisch würde man die KfW-Mittel über die jeweilige Hausbank beantragen. Das ist sehr wichtig, da hier auch das sogenannte Rating entscheidend ist (eine der Hürden der KfW). Fremdbankkunden, bzw. Neukunden steigen oftmals mit einem zu schwachen Rating ein, da den Maschinen die Kontoverhaltensdaten fehlen. Genaueres lässt sich aber hier noch nicht sagen. Die Lage ändert sich stündlich!

 

Was kann ich als Selbstständiger nun tun?

 

Zunächst einmal muss man sich im Klaren sein, dass das Sicherstellen der Liquidität nun der wichtigste Faktor ist um diese Krise zu überstehen. Bestimmt haben die meisten bereits an folgende Maßnahmen gedacht, einige aber bestimmt nicht. Daher gebe ich diese Tipps der Vollständigkeit trotzdem:

 

Da man die Fixkosten weiterhin bezahlen muss, ist es nur logisch zu versuchen sie zu senken.

 

  • Tilgungsaussetzung/Ratenstundungen für bestehende Kredite beantragen (die Banken sind derzeit in der Beziehung recht offen und kommen ihren Kunden entgegen)
  • Stundungen beim Finanzamt beantragen (Einkommenssteuer/Gewerbesteuer)
  • Kurzarbeit für das Personal beantragen (die Hürden wurden gesenkt)
  • Mit Vermietern und Lieferanten sprechen und Zahlungsaufschübe vereinbaren

 

Spätestens jetzt wäre auch der Zeitpunkt seine wirtschaftlichen Unterlagen auf Vordermann zu bringen. Zum einen ist es ganz einfach oftmals Voraussetzung um überhaupt ein Darlehen, geschweige denn Förderdarlehen, zu erhalten. Zum anderen macht es auf den jeweiligen Analysten auch einen weitaus besseren Eindruck, wenn man seine Sachen komplett zur Verfügung stellen kann. Und je weniger Nachforderungen und Nachfragen es von der Bank gibt, desto schneller ist der Prozess.

 

Dabei sollte man nicht nur auf die Aktualität der Unterlagen achten, sondern auch ob diese korrekt gebucht sind. Mir bringt es bspw. nichts, wenn die Anfangsbestände nicht gebucht sind! Dann sind die Salden absolut nicht aussagekräftig.

 

Mindestanforderungen, möglichst in digitaler Form:

 

  • Jahresabschluss 2018, (Minimum wäre die Anlage EÜR der Steuererklärung 2018)
  • BWA inkl. Summen- und Saldenliste Dezember 2019
  • evtl. vlt. sogar eine BWA inkl. SuSa vom ersten Quartal 2020
  • Einkommenssteuerbescheid 2018
  • Schriftliche Erklärung wie sich die Pandemie auf den Geschäftsbetrieb auswirkt und welche Gegenmaßnahmen getroffen wurden
  • Investitionsplan und realistische Umsatz- und Gewinnprognose
  • Aktueller Personalausweis
  • Vermögensnachweise / Hinweis auf evtl. Sicherheiten

 

Was tun die Banken?

 

Sie arbeiten - soweit ich es beurteilen kann - allesamt mit Hochdruck an der Implementierung der KfW-Förderdarlehen. Auch wird intern darüber diskutiert wie man mit Bestandskunden und deren Liquiditätsengpässen künftig umgehen will, und welche Prozesse dazu nötig sind, oder ob gar eigene "Leitplanken" aufgestellt werden um den Unternehmer in dieser schwierigen Lage zu unterstützen. Generell ist das Signal "von oben", dass wir als Bank hinter unseren Kunden stehen wollen und auch müssen.

Ich war alleine am letzten Wochenende in fünf jeweils mehrstündigen Telefonkonferenzen außerhalb meiner regulären Arbeitszeit. Man versucht wirklich mit allen vorhandenen Mitteln die Umsetzung solcher Maßnahmen so schnell wie möglich zu realisieren.

 

Währenddessen sind auch wir nicht vor dem Virus sicher. Um den Geschäftsbetrieb sicherzustellen wurden jedoch Gegenmaßnahmen ergriffen, wie bspw. Home Office oder auch sogenannte "Split Operations". Jedes Team wird aufgeteilt und räumlich voneinander getrennt, sodass - falls es einen bestätigten Corona-Fall gibt - nicht das gesamte Team in Quarantäne muss, sondern nur der betroffene Teil.

Das heißt auch, dass wir aktuell daran arbeiten möglichst sämtliche Prozesse zu digitalisieren.

 

Obwohl auch andere Abteilungen unterstützen werden, ist es nicht möglich sämtliche Arbeiten von "fachfremden" Personal, selbst innerhalb der Bank, umsetzen zu lassen. Meine Abteilung hat seit Jahren Probleme Stellen zu besetzen, weil es nicht genug fachkundiges Personal gibt. Hier rächt sich ein wenig die Personalpolitik der letzten Jahre, wenn man gute Azubis nicht übernimmt, und stattdessen eine Reihe von Zeitarbeitern alle sechs Monate für Hilfsaufgaben einstellt.

 

Ich muss das an der Stelle deutlich schreiben: Mit unserer "optimierten" Truppe bekommen wir kaum das Tagesgeschäft gestemmt. Zusätzlich belasten uns seit diesem Jahr Themen wie verschärfte Geldwäsche-Regeln und etwa das Transparenzregister des Deutschen Zolls.

 

Selbst die Vergabe eines Darlehens über 10.000 EUR ist viel komplexer als die meisten ahnen können. Die Bank will und wird hier noch etliche Prozesse anpassen um Zeit zu sparen. Überstunden und Wochenendarbeitszeiten sind bereits beim Betriebsrat beantragt.

 

Ich muss leider daher jedwede Hoffnung auf kurze Bearbeitungszeiten von vornherein nehmen. Es ist den Analysten definitiv geholfen wenn man die Unterlagen möglichst komplett abgibt, und auf E-Mails reagiert. Ich habe in diesem Monat bereits 55 Anträge in Bearbeitung genommen. Davon waren 40 (!) unvollständig. Ich kann es mir nicht mehr leisten den Leuten hinterherzurennen. Auch kann ich es mir nicht mehr leisten jedem meine Mail am Telefon nochmal vorzulesen, weil derjenige das Geschriebene nicht verstehen will oder kann.

 

Ich habe momentan auch genug regulatorische Themen auf dem Schreibtisch.

 

Wir versuchen alles um den Erwartungen und unserer Verantwortung gerecht zu werden, und ich schiebe auch sehr gerne Überstunden. Macht es uns bitte etwas leichter.

 

Ich wünsche allen viel Kraft, viel Ausdauer und viel Erfolg in den nächsten Wochen und Monaten.

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30.03.2020 11:41    |    Goify

Letzten Freitag ist noch ein Auftrag weggefallen und daher werde ich meinen Antrag auf Soforthilfe nicht zurückziehen. Ob das nun aus deiner Sicht strafbar ist, wird man sehen, ob das dann die zahlreichen Gerichte ähnlich betrachten. Es wird da sicherlich eine enorme Klagewelle auf die Gerichte zurollen.


30.03.2020 11:45    |    PIPD black

Soll jeder machen wie er denkt.

Ich versuche über Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären.

 

Schön, dass du wenigstens drüber nachgedacht hast.:)

Dann hast du zumindest das Risiko erkannt.

 

Was viele auch nicht beachten, das ist im Video auch erklärt, die Zuschüsse bzw. deren Höhe hängen von der Engpasshöhe ab. Somit dürften wohl die wenigsten die vollen 9 oder 15 Mille bekommen.


30.03.2020 11:49    |    Goify

Und das Thema Gewinn ist mir bewusst, ich wollte nur eine simple Antwort auf die simple Frage geben. Ich wollte jetzt nicht unbedingt die verschiedenen Unternehmensformen alle abgrasen und da jede Eventualität und noch die gesamte AfA-Tabelle runterbeten.

Vereinfacht ist eben das positive Delta aus Einnahme und Ausgabe der Gewinn.


30.03.2020 11:55    |    PIPD black

Hier gibt’s übrigens ein schönes Video zum Thema:

 

https://m.youtube.com/watch?v=-LU733D7DH8

 

Und noch eins: https://m.youtube.com/watch?v=BgAfg_ZOddg

 

 

Zitat:

Vereinfacht ist eben das positive Delta aus Einnahme und Ausgabe der Gewinn.

Jo, aber nicht mehr, wenn du deinen Gewinn reinvestierst. Wenn es blöd läuft, hast du bei vollständiger Reinvestition deines Gewinnes kein Geld mehr, um deine Steuern auf den Gewinn zu bezahlen.

 

Ich gehe nur auf deine „Empfehlung“ ein. Deine Lösung, um von der Steuerlast durch Reinvestition runterzukommen, funktioniert also nicht.


30.03.2020 15:47    |    Goify

Gerade kam die Bestätigung für die Gewährung der Soforthilfe. Da standen die Voraussetzungen auch nochmal explizit drin.


30.03.2020 16:00    |    Ascender

Kann mir gut vorstellen, dass die momentan die Kohle raushauen. Vlt. gibt es Stichproben. Möglicherweise auch noch nachträglich. Das ist anders wohl kaum zu bewältigen bei dem ausgedünnten Personal überall.


30.03.2020 16:39    |    PIPD black

Zumindest stimmst du mit dem Antrag späteren Überprüfungen zu.

 

Und natürlich wird man den meisten wohl (erstmal) zustimmen. Wer will den Mob denn aufhalten, wenn die Soforthilfe großflächig nicht gezahlt wird.;)

 

Zudem: die nächsten Wahlen kommen bestimmt.


30.03.2020 16:47    |    Goify

Es steht auch drin, dass man das Geld zurückzahlen muss, falls es doch nicht zu einem Engpass gekommen ist. Wenn mein Büro tatsächlich gut durch die Krise kommt, werde ich das wahrscheinlich tun, sofern die 5.000 € mich nicht gerettet haben, was ich heute noch nicht weiß.


30.03.2020 16:52    |    PIPD black

Wie ich schonmal schrieb: das Zurückzahlen ist dann das kleinste Problem.


30.03.2020 16:59    |    Apolo2019

Du meinst das die Behörde dann mit Subventionsbetrug kommt und es unschön wird?


02.04.2020 12:37    |    PIPD black

Ja.

 

Hier mal ein Artikel aus unserer Zeitung zum Thema:


Bild

02.04.2020 14:03    |    Apolo2019

Aus dem Grund habe ich auch keinen Antrag gestellt. Ärger im Nachgang mit den Ämtern brauche ich nicht und habe auch keine Lust darauf. Zur Not schieße ich privates Kapital nach oder wenn es ganz dumm läuft mache ich früh genug zu und die Angestellten müssen sich einen neues Job suchen. Mein gesamtes Kapital und meine Rentenvorsorge werde ich nicht riskieren.


02.04.2020 14:17    |    PIPD black

Damit es nicht soweit kommt, fordert man ja nun Nachbesserung. Zum einen, weil man entgegen der vollmundigen Versprechungen „Hilfe für alle in der Not“ doch nicht nachgekommen ist und zum anderen, weil der Antrag mehr Fragen aufwirft und zu hohe juristische Hürden aufwirft, als er es eigentlich sollte.

 

Ich finde, der Artikel stellt das Dilemma recht gut dar.

 

Es kann nicht angehen, dass sich am Ende die Gerichte mit Tausenden Verfahren diesbezüglich lahmlegen. Die Voraussetzungen sollten (nachträglich) gelockert werden.


02.04.2020 14:21    |    Goify

BTW ist das Geld bei mir auf dem Konto gestern eingegangen. Hat also vom Antrag bis zur Zahlung keine zwei Wochen gedauert.


02.04.2020 14:22    |    Apolo2019

Da stimme ich dir zu. Es ist eben nicht das raus gekommen was vorher versprochen wurde.


02.04.2020 14:29    |    PIPD black

Bei uns gibt es den Antrag seit einer Woche. Am Dienstag wurde verkündet, dass von 28.000 Anträgen 700 bearbeitet wurden und das erste Geld unterwegs sei.


Bild

02.04.2020 14:31    |    Goify

In Bayern war es nach nur wenigen Tagen ein Volumen von "mehreren hundert Millionen", so Hubert Aiwanger. Er war sichtlich überrascht.


02.04.2020 14:41    |    PIPD black

Hmmm.....da muss man nicht überrascht sein. Man hatte ja das Gefühl, dass die Geldschleusen für alle geöffnet würden und jeder, der irgendwie das Fomular in die Griffel bekam, füllte es aus und schickte es hin. Viele haben sich um den Inhalt nicht geschert. Einige haben wenigstens noch Rat gesucht, wenn auch nicht viel Hilfestellung gewährt werden konnte. Inzwischen ist man schlauer. Wie man nun auf diese Erkenntnisse reagiert, bleibt abzuwarten.


02.04.2020 17:02    |    Apolo2019

Ich denke viele Anträge werden jetzt durchgewinkt und bei der Prüfung später kommt die Keule.


02.04.2020 17:26    |    PIPD black

Kommt halt sehr darauf an, was man da im Nachgang noch so entscheidet.

 

Bayern hat schon nachgebessert. Andere BL werden folgen.

Ob man am Ende tatsächlich Prüfungen durchführt, bleibt abzuwarten. Ähnlich beim KUG. Das würde bisher auch immer im Nachgang geprüft. Ob man das auf Grund der Vielzahl überhaupt noch bewerkstelligen kann, ist fraglich.


03.04.2020 07:48    |    Ascender

Was mich vor allem stört ist die Kommunikation der Bundesregierung. Bei uns sind schon tausende Anträge auf KfW-Förderdarlehen in der Pipeline, aber weder wir, noch die KfW haben ein stehendes Programm. Jeder meint er bekommt das Geld, weil ihm das die Regierung so versprochen hat. Dass es dafür sehr strenge Hürden gibt, wollen die meisten nicht verstehen. Es geht ja schließlich um deren Existenz. Und dann kommt der böse Banker und sagt einem, dass das nicht geht.

Mangelndes wirtschaftliches Verständnis kommt noch dazu. Ich hatte letztens einen Vorgang, wo der Kunde in den letzten zwei Jahren als Handwerker nur 14.000 EUR Gewinn pro Jahr gemacht hat. Seine Lebenshaltung hat er über die betriebliche Verschuldung finanziert (Überentnahmen), und seine Kontokorrentlinie war überbeansprucht. Der hat gar nicht verstanden warum ich ihn ablehne. Was der Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn ist, und überhaupt, er käme ja klar mit seinem Geld. Wieso er dann aus seinem Kontokorrent nicht mehr rauskommen würde seit über einem Jahr, habe ich ihn gefragt. Weil er halt Ausgaben gehabt hätte. :rolleyes: Genau.

 

Soetwas raubt mir natürlich auch die Zeit, weil die Anträge, die eine Chance haben würden, bearbeite ich in dem Moment nicht. Der Vertrieb leitet alles durch, denen ist das scheiß egal. Die machen nur Druck und wollen, dass ihr Kunde möglichst vorrangig bearbeitet wird. :rolleyes:


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