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VW-Diesel-Umrüstung: Verbrauch, Verschleiß, Leistung, Verkauf - Münchner Richter zweifeln an Wirksamkeit

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Das KBA ist sicher: Die VW-Umrüstung bringt keine Nachteile bei Verbrauch und Leistung. Münchner Richter zweifeln. Wir liefern Antworten auf die fünf wichtigsten Fragen.

Volkswagen verspricht weniger Stickoxidausstoß bei gleicher Leistung und gleichem Verbrauch. Mehrere Untersuchungen stellen das in Frage Volkswagen verspricht weniger Stickoxidausstoß bei gleicher Leistung und gleichem Verbrauch. Mehrere Untersuchungen stellen das in Frage Quelle: dpa/Picture Alliance

Berlin – Es waren blütenweiße Weihnachten in Wolfsburg. Wenige Tage vor Heiligabend bescheinigte das Kraftfahrt-Bundesamt: Volkswagen-Kunden entstehen durch die Umrüstung ihrer manipulierten Diesel keine Nachteile bei Verbrauchswerten, Leistungsdaten oder Geräuschemissionen.

Die Basis für den Start der Rückrufaktionen lag vor – und gleichzeitig eine Argumentationshilfe gegenüber kritischen Kunden. In der Werkstatt genauso wie vor Gericht. Weniger Leistung und mehr Verbrauch nach dem Update? Kann laut KBA gar nicht sein. Auspuffklappe zu, Affäre tot.

Zahlreiche Kunden glaubten das nicht und zogen gegen Volkswagen-Händler vor Gericht. Laut Focus zweifelt nun auch das Oberlandesgericht München am KBA-Resümee: „Der Senat ist derzeit nicht davon überzeugt, dass das angebotene Softwareupdate eine ausreichende Nacherfüllung darstellt“, soll in einer Verfügung stehen. Die Münchner Richter wollen einen Sachverständigen hinzuziehen.

Neben den Aspekten Leistung und Verbrauch soll dieser zwei weitere zentrale Fragen klären: Erhöht sich durch das Update der Verschleiß am Motor? Und: Verringert sich der Wiederverkaufswert? Bis die Mühlen der Justiz fertig gemahlen haben, will MOTOR-TALK Euch nicht warten lassen. Wir beantworten die Fragen anhand des bisherigen Kenntnisstands:

1. Erhöhen sich Verbrauch und Ausstoß nach dem Update?

Betroffen sind Dieselmotoren des Typs EA189. Bei 1,2-Liter-TDI und 2,0-Liter-TDI reicht ein Software-Update. Beim 1,6-Liter kommt noch ein Luftleitrohr dazu Betroffen sind Dieselmotoren des Typs EA189. Bei 1,2-Liter-TDI und 2,0-Liter-TDI reicht ein Software-Update. Beim 1,6-Liter kommt noch ein Luftleitrohr dazu Quelle: dpa/Picture Alliance Vorab zur Erinnerung: Volkswagens Motoren des Typs EA189 konnten zwischen realen Fahrsituationen und Prüfstandmessungen unterscheiden. Im Labor gaben sie sich beim Stickoxid-Ausstoß lammfromm, auf der Straße entließen sie das acht- bis 40fache an NOX-Emissionen in die Umwelt. Die Schummelsoftware kam bei 1,2 TDI, 1,6 TDi und 2,0 TDI zum Einsatz. Der ADAC untersuchte VW Golf und Polo mit diesen Aggregaten vor und nach der Umrüstung. Ergebnis: Der Stickoxidausstoß sank um bis zu 56 Prozent. Dafür flossen je nach Fahrzyklus rund 4,5 Prozent mehr Kraftstoff in den Brennraum.

Also mehr Verbrauch, weniger Stickoxidausstoß? So klar scheint das nicht. Die italienische Plattform Altroconsumo kam laut "Spiegel Online" bei einem 2,0-Liter-Motor in einem Audi Q5 zum gegenteiligen Ergebnis. Der Stickoxidausstoß soll um 15 Prozent gestiegen, der Verbrauch von 7,5 auf 7,4 Liter gesunken sein.

2. Hat die Nachrüstung Auswirkungen auf die Leistung?

Bei der Nachrüstung in der VW-Werkstatt wird die Rate der Abgasrückführung erhöht. Bei 1,2-Liter-TDI und 2,0-Liter-TDI genügt dafür ein Update der Motorsteuerung. Beim 1,6-Liter ist hierfür eine Änderung am Ansaugtrakt notwendig. In jedem Fall zündet das Diesel-Luft-Gemisch nach dem Update später. Daraus kann laut VW ein anderes Ansprechverhalten resultieren, die Maximalleistung sollte jedoch identisch bleiben.

3. Erhöht sich durch das Update der Verschleiß?

Ein Mitarbeiter der EU-Kommission beantwortete die Frage gegenüber "Spiegel Online" mit ja. Er wollte anonym bleiben, berief sich aber auf Techniker des italienischen Forschungslabors Vela. Die Ingenieure sollen nach der Umrüstung von erhöhten Verschleiß an Abgasrückführventil, Harnstoff-Injektionssystem, SCR-Katalysator oder Partikelfilter ausgehen. Volkswagen dementiert jederlei Auswirkung auf die Haltbarkeit. "Wir müssen davon ausgehen, dass selbst Volkswagen die Langzeitfolgen seiner Umstellungen nicht kennt", kommentierte ADAC-Fahrzeugtechniker Martin Ruhdorfer im Spiegel Interview von 2016. Im Gespräch mit MOTOR-TALK gab der Experte den neuesten Stand bekannt. Demnach gebe es keine Anzeichen für erhöhten Verschleiß aufgrund der Updates in der VW-Werkstatt.

4. Vermindert sich der Wiederverkaufswert?

Zumindest ergeben sich beim Autoverkauf zusätzliche Hürden: Sämtliche Mängelrechte – also Ansprüche gegenüber dem Hersteller im Zusammenhang mit dem Abgasskandal – stehen nur dem Erstbesitzer eines Autos zu. Dass Volkswagen sie auch Zweit- und Drittbesitzern einräumen würde, ist wahrscheinlich - in Stein gemeißelt ist es nicht. Sicherheit schafft eine Abtretungserklärung. Zum Vertrauen des potenziellen Käufers trägt dieses zusätzliche Dokument aber garantiert nicht bei. Daneben ist der erhöhte Ad-Blue-Verbrauchnach der Umrüstung bestimmt kein Verkaufsargument.

5. Geht es auch ohne Umrüstung?

18 Monate haben Besitzer der betroffenen VW-Modelle für die Umrüstung Zeit 18 Monate haben Besitzer der betroffenen VW-Modelle für die Umrüstung Zeit Quelle: dpa/Picture Alliance Warum überhaupt zur Umrüstung fahren? Schließlich schafften sämtliche betroffene Fahrzeuge schon davor die Abgasnormen – wenn auch nur im Prüfstandmodus. Dass der Kunde diesen nicht so einfach und dauerhaft aktivieren kann, ist das kleinere Problem. Denn im Schummelmodus ist garantiert, was nach der Umrüstung nur unterstellt wird: Mehr Verbrauch und weniger Leistung.

Dann doch lieber einfach weiterfahren wie bisher? Könnte riskant werden. Wer die Aufforderung zur Umrüstung länger als 18 Monate ignoriert, bekommt bei der nächsten Hauptuntersuchung mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Plakette.

Fazit

Ein Untersuchungsgegenstand, unzählige Ergebnisse und Meinungen. Die Aussagen von anonymen Experten und Lobby-Verbänden sind dabei stets mit Vorsicht zu genießen. Für die Diskussion der KBA-Ergebnisse wäre ein transparentes Sachverständigengutachten – wie vom Oberlandesgericht München gewünscht – die solidere Grundlage. Ob es so weit kommt, ist fraglich.

Laut juristischen Experten wird Volkswagen eher auf Vergleiche zielen. Verständlich, schließlich kann der Konzern bei einer weiteren Untersuchung nur verlieren: Die derzeit gültige Freigabe des Kraftfahrt-Bundesamts ist für Wolfsburg ideal. Freilich: Wiederverkaufswert und Verschleiß untersuchte die Behörde nicht. Doch wenn das Update offiziell keinerlei negative Auswirkungen hat, wird die Argumentation in diesen beiden Punkten für die Kunden schwierig.

 

Quelle: Mit Material von Focus Online, Spiegel Online, Test.de

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