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Dodge Viper: Rekordversuch auf der Nürburgring-Nordschleife - Männer, die auf Wolken starren

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Die Dodge Viper ACR soll den Nordschleifen-Rekord holen, nur das Wetter spielte nicht mit. Im Regenfenster fuhr man 7:03.45 - zu langsam. Der Rekord-Versuch geht weiter.

Wird aus einer Stunde ein halber Sommer? In einem 60-Minuten-Turn hätte die Dodge Viper ACR den Nürburgring-Rekord holen sollen. Nun wartet man auf bessere Wettebedingungen - zur Not auch bis September Wird aus einer Stunde ein halber Sommer? In einem 60-Minuten-Turn hätte die Dodge Viper ACR den Nürburgring-Rekord holen sollen. Nun wartet man auf bessere Wettebedingungen - zur Not auch bis September Quelle: @photobymeyer

Nürburg – Walgesänge über den MP3-Player hören. Telemetrie-Daten auf dem Laptop durchgehen. Vielleicht auch Dartpfeile auf ein Bild des Lamborghini Huracan Performante werfen. Wir hatten so unsere Vorstellungen, was Rennfahrer in den letzten Minuten vor einem Rundenrekordversuch auf der Nordschleife treiben. In der Realität trafen wir zwei Piloten, die über ihre heftigsten Abflüge in der grünen Hölle plauderten. Locker, gelöst. Sie wissen: An diesem Tag wird nichts schiefgehen. Trotz 684 PS auf der Hinterachse, trotz Regen. Oder gerade deswegen.

Dominik Farnbacher und Luca Stolz sollen mit einer Dodge Viper die beste Rundenzeit für serienmäßige Fahrzeuge holen. Präziser: Zurückholen. 2008 galt der archaische Ami bereits als schnellstes Straßenauto auf dem Ring. Nun steht die Viper vor dem Produktionsende. Eine erneute Rekordzeit wäre kein netter Abschied, sondern eine Sensation. 7.22,1 Minuten reichten vor neun Jahren für Platz Eins in der Liste vor der Chevrolet Corvette. Aktuell heißen die Gegner Lamborghini Huracan Performante und Porsche 918 Spyder, vielleicht noch der Elektro-Renner Next EV Nio Ep9. Die Rundenzeiten dieser drei Supersportler beginnen mit einer Sechs. Auf nasser Piste hat da kein Auto eine Chance, und genau das ist die Nordschleife heute: nass. 60 Minuten gehört der Nürburgring an diesem Tag der Viper – aber aus der Rekord-Stunde wird ein reiner Fototermin.

Statt der Bremsscheiben glühen die Smartphones

Die Dodge Viper ACR tritt in serienmäßiger Konfiguration auf dem Nürburgring an: 684 PS, 814 Newtonmeter Drehmoment, straßenzugelassene Kumho-Reifen Die Dodge Viper ACR tritt in serienmäßiger Konfiguration auf dem Nürburgring an: 684 PS, 814 Newtonmeter Drehmoment, straßenzugelassene Kumho-Reifen Quelle: @photobymeyer Auf der Strecke fahren zwei Dodge Viper im Schritttempo hinter dem Fotografen-Auto. Das wahre Rennen steigt im Fahrerlager. Statt der Bremsscheiben der V10-Amis glühen die Handys der Organisatoren. So soll es nicht enden, doch die Nordschleife ist auf Monate ausgebucht. Womöglich gibt ein Autohersteller etwas von seiner Track-Time ab. Irgendwie muss man an die Telefonnummern der Entscheidungsträger. Und wenn sie vom Freund des Bekannten des Lieblings-Hundefrisörs kommen. Irgendwann ist der Richtige am Apparat , es geht weiter. An diesem Nachmittag zu Test-Zwecken bei geringfügig besseren Bedingungen. Und in den nächsten Wochen zur ernsthaften Attacke.

Nach Hause fahren konnte einfach keine Option sein. Zu viel Aufwand und Geld stecken in diesem Projekt. Die finanziellen Mittel stellten Viper-Fans aus der ganzen Welt, rund 150.000 Euro kamen über eine Crowdfunding-Kampagne zusammen. Die Idee stammt vom Amerikaner Russ Oasis, begeisterter Viper-Fan und -Besitzer wie die meisten Spender. Oasis stellte beim Aufruf klar: Wer mehr als 5.000 Euro springen lässt, wird zum Rekord-Versuch eingeladen. Macht keiner? Rund 20 Spender sind an diesem Tag am Ring. Einer von ihnen stiftete mehr als 20.000 Euro. Ein Idealist - monetäre Gegenleistungen wird das Rekord-Team nicht liefern können, der Nürburgring-Rekord ist nicht mit Preisgeld dotiert.

Der Dinosaurier unter den Supersportwagen

An den Türen sind die Namen der wichtigsten Unterstützer vermerkt. Nicht alle stifteten Geld, manche stellten Ersatzteile. Oder gleich ganze Autos An den Türen sind die Namen der wichtigsten Unterstützer vermerkt. Nicht alle stifteten Geld, manche stellten Ersatzteile. Oder gleich ganze Autos Quelle: MOTOR-TALK Mit der Summe aus der Crowdfunding-Kampagne ist es bei Weitem nicht getan. Viper-Händler Bernie Katz stellte zwei Autos zur Verfügung. Mit Überrollkäfig, Schalensitz und H-Gurten. Ansonsten entsprechen die Viper ACR dem Auslieferungsstand. Was 911 GT2 und GT3 für Porsche sind, ist diese Viper für Dodge: Eine geschärfte Version des Top-Modells. Ein Image-Träger, bei dem nicht das Leistungs-Plus alleine entscheidend ist.

Die American-Club-Racer-Variante leistet nur sechs PS mehr als das Serienmodell. Größere Spoiler generieren knapp eine Tonne Abtrieb, wenn die Viper den Top-Speed von 285 km/h erreicht. Dazu kommen eine Karbon-Keramik-Bremsanlage von Brembo, ein zug- und druckstufenverstellbares Fahrwerk und eigens für dieses Modell entwickelte, straßenzugelassene Semi-Slicks von Kumho.

Die Viper ACR ist der Dinosaurier unter den Supersportwagen: Statt Turbo- oder Hybrid-Unterstützung gibt es 8,4-Liter Hubraum. Statt ausgefeilter Automatik-Technik ein manuelles 6-Gang-Getriebe. Klassische H-Schaltung statt Wippen. Auf der Nürburgring-Runde könnte das ein Nachteil sein. Luca Stolz konnte sich jedenfalls auf den ersten Test-Runden mit der Handschaltung nicht anfreunden. Dominik Farnbacher kam besser zurecht, kennt die Viper schon länger: 2011 fuhr er in 7:12 Minuten über den Ring. Dass man auf zwei Fahrer und zwei Autos setzt, wird man nicht bereuen. Die Piloten tauschen sich über die Abstimmung aus. Und ein Ersatzauto schadet bestimmt nicht, eines der Rekord-Fahrzeuge kämpfte bei den Tests mit thermischen Problemen.

Wer hält den aktuellen Rekord? Ansichtssache.

Bald "Big in the USA"? Dominik Farnbacher (rechts) und Luca Stolz (links) sollen mit der Dodge Viper ACR den Nürburgring-Rekord holen Bald "Big in the USA"? Dominik Farnbacher (rechts) und Luca Stolz (links) sollen mit der Dodge Viper ACR den Nürburgring-Rekord holen Quelle: @photobymeyer Klar ist: Beweisen muss die Viper nichts mehr. Die ACR hält Rekorde auf 11 Strecken, vornehmlich in den USA. Dort kennt man die Nürburgring-Nordschleife. Die Bestmarken der serienmäßigen Viper in Laguna Seca, Sebring und der Sportwagen-Variante von Daytona zählen aber mehr. Jedenfalls berichten das die mitgereisten Fans aus den Staaten. Echte Enthusiasten, allesamt. Doch sie würden es verkraften, wenn die Stoppuhr zu spät stehen bleibt.

Ab welcher Zeit der Rekord verfehlt wird? Ansichtssache. Genau das ist das Problem an der Rekord-Jagd am Nürburgring. In gewisser Weise erstellen Hersteller und Privatteams ihre Wertung selbst. Vor allem, wenn es um serienmäßige Fahrzeuge geht. Das Viper-Team klammert die 6:45 Minuten-Zeit des elektrischen NextEV Nio aus. Das sei ein Tuning-Fahrzeug, ebenso wie der McLaren P1 mit seiner Zeit von 6:47 Minuten. Den Lamborghini Huracan Performante lässt man als Serienfahrzeug durchgehen. "Aber die Zeit ist Bullshit", kommentiert ein Fan. Das Team bezweifelt, dass der kleine Lambo bei seiner Rekordrunde von 6:52,01 Minuten straßenzugelassene Reifen trug. Einzig dem Porsche 918 Spyder nimmt man seine 6:57 Minuten ab. Wenn die Viper tatsächlich schneller um den Kurs fliegt, werden andere Hersteller und Teams wohl ähnlich argumentieren.

Ein paar Sekunden wären wohl noch drin

Noch besteht keine Notwendigkeit: Gestern (Mittwoch) wurde die Viper mit 7:03.45 gemessen. Neue Viper-Bestzeit also. Nach Angaben der Crew auch der Rekord für hinterradgetriebene Fahrzeuge. Und für amerikanische. Auf Lamborghini, Porsche und Co fehlt dennoch einiges. Die Frage ist: Wie viel ist auf der 20,6-Kilometer langen Variante des Nürburgrings für die Viper noch drin? Reifenausstatter Kumho sprach von Rekord-Wetter zum Zeitpunkt der vorläufigen Bestmarke.

Doch entscheidend ist auch die Witterung in den Tagen zuvor. Und da war es nass. Regen wäscht den Reifenabrieb aus den Asphalt-Poren. Mehrere trockene Tage und Rennfahrzeuge, die den Gummi ihrer Racing-Slicks auf der Ideallinie lassen- so ist der Ring am schnellsten. Die Viper-Crew wird also weiterhin den Kalender beobachten. Und gen Himmel starren. Es ist ihnen ernst, zur Not bleiben sie den ganzen Sommer und warten auf ihre Chance. Fast wie eine Viper, eben.

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