• Online: 4.090

Mercedes E-Klasse: W 213 gegen W 114, W 123, W 124 - Alt gegen neu: Drei E-Klassiker gegen die neue E-Klasse

verfasst am

Probefahrt in vier Mercedes-Mittelklassen: Der Strichacht, der unverwüstliche 123 und der damals hochmoderne W 124 treten gegen die neue E-Klasse an.

Im Vergleich der Generationen zeigt sich bei Mercedes' Mittelklasse natürlich Fortschritt - aber auch, was über die Jahrzehnte verloren ging. Und das ist nicht wenig Im Vergleich der Generationen zeigt sich bei Mercedes' Mittelklasse natürlich Fortschritt - aber auch, was über die Jahrzehnte verloren ging. Und das ist nicht wenig Quelle: Daimler

Stuttgart – Das neue Modell soll stets besser sein als der Vorgänger. Schneller, sicherer, sparsamer und hochwertiger. Doch stimmt das? Wir haben vier Mercedes-Modelle der Mittelklasse ausprobiert und kommen zu einem anderen Ergebnis.

Die Wanderdüne: W 114 (/8), 280E, 1967-1976

Als Nachfolger der barocken Heckflosse macht der Strichacht 1967 vieles anders: Die Heckflossen fallen weg, der Radstand wächst und hinten kommt eine moderne Schräglenker-Hinterachse zum Einsatz. Dazu stecken in der Mittelklasse nun Rundinstrumente statt Bandtacho. Bei Produktionsbeginn bietet Mercedes zuerst Sparmotoren an, darunter den 200 D mit 55-Saugdiesel-PS. Auf der Autobahn gleicht die Mittelklasse schon damals einer Wanderdüne.

MT-Reporter Fabian Hoberg im Mercedes W 114 MT-Reporter Fabian Hoberg im Mercedes W 114 Quelle: Daimler Bei unserem Probemodell 280 E steckt unter der langen Haube ein 2,8-Liter-Reihensechszylinder mit 160 PS. Mit den 1,4 Tonnen Leergewicht kommt der Benziner gut zurecht, fährt bis zu 190 km/h schnell. Doch irgendwie wäre das Blasphemie. Wir wollen reisen statt rasen, dem aufrecht auf der Motorhaube stehenden Stern folgen und durch den Schwarzwald cruisen.

Die Kupplung verlangt starke Beine. Hart stemmt sich das Pedal entgegen, kommt sehr spät. Dafür flutschen die vier Gänge zügig durchs Getriebe. Das dünne Bakelit-Lenkrad liegt gut in der Hand. Mit dem bisschen Chrom am Armaturenbrett und am Lenkrad streift Strichacht seinen Arbeitskittel ab. Manuelle Fensterkurbel und Dreiecksfenster versetzen in eine längst vergessene Zeit – schöner kann Mercedes-Nostalgie kaum sein. Unveränderten Charme bietet der dünne Hup-Ring: Da kann die aktuelle E-Klasse noch so praktische Touchpads am Lenkrad haben, gegen das alte Lenkrad wirken sie langweilig.

Das Hemd klebt nach ein paar Minuten am Rücken. Die Sitze sind so atmungsaktiv wie eine Plastiktüte, sie geben auch ähnlich viel Seitenhalt. In Kurven rutschen wir hin und her. Doch das hat auch was Gutes: Man kommt der Beifahrerin schnell nahe, kann sich gemütlich im Benz flätzen und wird nicht in die Sitzform gezwängt wie in der neuen E-Klasse. Die kann nur eins: die Fahrer stumpf von A nach B bringen – emotionslos.

Am Blech des Strichacht knabbert allerdings gern der Rost, gut erhaltene Exemplare sahen schon Schweißgerät und Lackierpistole. Durch die vielen Rundungen und Kurven, vor allem vorn an der Haube, ist der Strichacht kein Auto für Karosserie-Anfänger, eine Restaurierung nicht ganz billig. Der 280 E kostete 1972 stolze 18.980 Mark, heute gibt es fahrbereite Exemplare bei mobile.de ab rund 3.000 Euro. Mit einer sauberen Historie und etwas mehr Ausstattung werden über 10.000 Euro fällig. Dafür gibt es aber den Charme der frühen 1970er-Jahre und einen echten Klassiker.

In Hipster-Bars würden die Sessel im W 123 nicht auffallen. Aber: Es sind noch echte Sessel In Hipster-Bars würden die Sessel im W 123 nicht auffallen. Aber: Es sind noch echte Sessel Quelle: Daimler

Der Bauer: W 123, 230, 1975-1986

Diese Farbkombination tut in den Augen weh: Gelber Lack und orangefarbene Sitze. Auch die Nase bekommt im W 123 einiges ab. Der Innenraum der Mittelklasse riecht muffig, wie nach alter Hundedecke. Statt edlem Holz und Leder klebt überall Plastik. Die Griffe und Lüftungsdüsen sind aus stabilem Kunststoff – und sehen auch danach aus. Der W 123 stammt aus einer Zeit, als Mercedes mit Design und optischer Qualitätsanmutung nicht viel am Hut hatte. Praktisch war der Benz, beliebt bei Landwirten und Männern, die im Auto gern ihre Hüte trugen. Und bei denen auf der Hutablage die gehäkelte Hülle für die Klorolle ihren Platz fand.

Die 200er-Basisversion kostete 1976 18.400 Mark, der 230er 19.200 Mark, unser Modell von 1979 schon 22.200 Mark. Das Massenauto gibt es heute günstig: fahrbare Exemplare kosten bei mobile.de ab rund 3.500 Euro.

Nach ein paar Minuten spüre ich die einzelnen Federn der weichen Sitze, korrigiere auf der Landstraße öfter den Geradeauslauf und bekomme auf längeren Etappen Fußschmerzen – so steil steht das Gaspedal. Schon in leichten Kurven schaukelt die Karosserie groß auf. Mit Sportlichkeit hat das Auto nichts zu tun. Besser als in der neuen E-Klasse: das Raumgefühl. Durch die weiten Sitze und der schmalen Mittelkonsole fühlt sich das Auto größer an.

Der 230 mit seinem 2,3-Liter-Vierzylinder leistet 109 PS, verschluckt sich beim Anfahren, dreht danach ruhig hoch. Ruppig schaltet die Automatik, heult und summt hinterm Armaturenbrett. Richtig Biss hat der Benz nicht, versprüht auch weniger Charme als der Strichacht und sieht durch die Plastiklandschaft einfach nur billig aus. Kein Chrom, kein Leder, nur Kunststoff und Metall.

Doch ich habe gute Erinnerungen an das Modell. Mit einem 240D fuhr ich kurz nach dem Abi von Köln nach Marokko, durch Frankreich und Spanien – nur über Landstraßen. Das Geld war knapp, der Benz sparsam – und einfach zu reparieren. Die Spurstangen schlugen gleich mehrmals aus, aber der Motor nagelte trotz schlechtem Sprit wacker vor sich hin. Der Benz hat uns selbst in der Wüste in Algerien nicht im Stich gelassen. Ein Ruf, der ihn berühmt machte. Der W 123 ist ein Auto aus dem Vollen gefräst. Nicht schön, dafür aber stabil und nahezu unverwüstlich.

Der Solide: W 124, 300E, 1984-1997

Fabian im Mercedes W 124 Fabian im Mercedes W 124 Quelle: Daimler

Mit dem W 124 setzt Mercedes ab 1984 diese Eigenschaft fort. Auch diese Baureihe hat den Ruf eines soliden, nahezu unverwüstlichen Autos. Die Schalter und Knöpfe greifen sich auch nach vielen Jahren nicht ab, die Holzverkleidung glänzt noch nach Jahrzehnten. Auch wenn der W124er nicht als Sportskanone (bis auf ein paar Ausnahmen) gilt, federt er deutlich straffer ab als sein Vorgänger. Und die Sitze bieten mehr Seitenhalt als vorher, zwicken nun leicht in die Hüften.

Die Mittelkonsole beherbergt neben der Automatik die Knöpfe für die elektrischen Fensterheber. Im DIN-Schacht steckt ein Becker-Radio, viel Platz erhält der Aschenbecher. Ja, rauchen im Auto war eine lange Zeit okay. Bei dem Modell, das erstmals E-Klasse heißt, fängt Mercedes an, auf Spaltmaße zu achten. Nicht nur an der Karosserie, sondern auch im Innenraum – der Abstand zwischen den Lüftungsdüsen könnte nicht exakter ausfallen. Das sieht gut aus, sogar hochwertig. Das Holz in der neuen E-Klasse wirkt zwar noch edler, hochwertiger und natürlicher. Doch im W124er behält es auch noch nach 15 Jahren seine Farbe. Das muss der W 213 erst mal beweisen.

Mercedes lässt sich die Qualität schon 1986 bezahlen: der 300 E kostet 46.191 Mark. Gut erhaltene Fahrzeuge ohne Kantenrost an Türen und Heckklappe sowie einwandfreien Wagenheberaufnahmen gibt es kaum für unter 5.000 Euro. Kombis mit Sechszylinder kosten deutlich mehr. Doch damit erhält man noch einen echten Benz ohne viel Elektronik – Liebling aller Taxifahrer.

Die setzten allerdings auf Diesel. In unserem Fahrzeug steckt der laufruhige 3,0-Liter-Reihensechszylinder mit 188 PS. Ein kurzer Tipp aufs Gas und der Motor säuselt los, drückt die Mittelklasse sanft nach vorn. Trotz der Leistung mag der W124er keine schnellen Kurven, neigt sich stark zur Kurve und hebt leicht das Heck. Die im Vergleich zum Vorgänger deutlich straffere Lenkung lässt mich das Auto zwar schnell einfangen. Doch der W 124er bleibt ein Eisenschwein. Robust und liebenswert.

Der Tecci: W 213, seit 2015

Den Stern kann man vom Fahrersitz aus nur noch zur Hälfte sehen: Die aktuelle E-Klasse Den Stern kann man vom Fahrersitz aus nur noch zur Hälfte sehen: Die aktuelle E-Klasse Quelle: Daimler Mercedes wird nicht müde, den W 213 als „die intelligenteste Limousine der Welt“ zu bezeichnen. Warum? Weil sie mit Elektronik vollgestopft ist: alle erdenklichen Assistenzsysteme stecken drin, dazu gibt es optional die beiden großen TFT-Displays. Das Beste ist aber das teilautonome Fahren: Tempomat Distronic Plus einschalten, links Spurhalteassistent aktivieren und die Hände haben nichts mehr zu tun.

Bis ein Signal im Display zum Lenken ermahnt – aus rechtlichen Gründen. Die aktuelle E-Klasse könnte autonom fahren, wenn sie denn dürfte. Auch das lässt sich Mercedes bezahlen: Mit 47.124 Euro kostet der W213 fast genauso viel wie der W 124, nur in Euro.

Die Elektronik benötigt allerdings viel Platz. Im Laufe der Jahre wuchs sich die Mittelkonsole fast schon zur dritten Sitzbank aus – obwohl es in ihr kaum Ablagen gibt. Das engt die Kniefreiheit enorm ein. Das offenporige Holz an den Türen und in der Mittelkonsole sieht wirklich edel aus, ebenso die herausfahrbaren Hochtöner und das matte Metall. Aber dass der Fahrer den Stern auf der Haube nur noch zur Hälfte sehen kann, ist eines Mercedes unwürdig – Fußgängerschutz hin oder her.

Der 213er als E 220 d fährt sich, wenn wundert`s, leiser, schneller, sparsamer und komfortabler als seine Vorgänger: 194 PS, 400 Newtonmeter Drehmoment ab 1.600 Touren, Neungang-Automatik, und je nach Reifen ein NEFZ-Verbrauch von 3,9 Liter Diesel. Im Motor steckt der spürbare Fortschritt. Doch ist er damit das bessere Auto? Für Kilometerschrubber ist es sicherlich ein tolles Gefährt. Aber eines ohne Seele und Herz: Das fängt bei den Sitzen an, die so eng geschnitten sind, dass man nicht herumrutschen kann und hört beim aktuellen verwechselbaren Markendesign auf.

Meine Traumkombination? Die oldschool Innenausstattung des Strichacht, das klare Design vom W 124er, die Robustheit eines W 123 und der sparsame Motor vom W 213. Das wär`s.

Avatar von slimzitsch
197
Hat Dir der Artikel gefallen? 33 von 43 fanden den Artikel lesenswert.
Diesen Artikel teilen:
197 Kommentare: