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VW Hauptversammlung 2016: Zusammenfassung, Strategie - Müller bittet nicht um Vertrauen

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In der neuen VW-Strategie geht es um die Zukunft, um Elektroautos und Mobilitätskonzepte. Die Aktionäre pochen jedoch auf Aufklärung in der Gegenwart.

VW-Konzernchef Matthias Müller, Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch VW-Konzernchef Matthias Müller, Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch Quelle: dpa/Picture Alliance

Wolfsburg – Eine neue Strategie, große Pläne und wütende Aktionäre: Die VW-Vorstände mussten auf der VW-Hauptversammlung vor ihren Arbeitgebern, den VW-Eignern, bestehen. Zu diskutieren gab es viel. VW-Chef Müller stellte kürzlich seinen Zukunftsplan vor, die Aufarbeitung des Diesel-Skandals schreitet voran, gleichzeitig wird es bei VW eng für den Selbstzünder. Die Anleger interessieren sich jedoch für ein anderes Thema.

Sie forderten Aufklärung im Diesel-Skandal – und attackierten Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch scharf wegen eines möglichen Interessenkonflikts. Pötsch war in der Abgas-Krise vom Posten des Finanzchefs direkt an die Spitze der Kontrolleure gewechselt. Mehrere Aktionäre beantragten daher die Abwahl von Pötsch als Leiter der Hauptversammlung. Sie konnten sich nicht durchsetzen – nur 0,02 Prozent (45.463 Stammaktien) stimmten zu.

Der Weg aus der Diesel-Krise

Elektromobilität ist künftig ein wichtiges Thema für VW. So hat es Müller verfügt Elektromobilität ist künftig ein wichtiges Thema für VW. So hat es Müller verfügt Quelle: dpa/Picture Alliance Der VW-Vorstand begegnete den Aktionären mit gesenktem Haupt. Müller betonte: "Volkswagen ist mehr als diese Krise. Unser Konzern verfügt über Qualitäten, die nicht über Nacht verloren gegangen sind." Er nannte seine neuen Ziele: Wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit, mit der der Autobauer zum Dienstleister für Mobilität werden wolle.

Die neue Strategie, mit der Europas größter Autobauer unter anderem Milliarden in Elektrofahrzeuge und die Digitalisierung stecken will, sei kein "Weiter so", sondern ein grundlegender Wandel. "Wir haben damit den Startschuss gegeben für den größten Veränderungsprozess in der Geschichte von Volkswagen", kündigte Müller an und versprach den Aktionären: "Wir werden gestärkt aus dieser Situation hervorgehen."

Die neue Kraft kommt aus bekannten Plänen. Der VW-Konzern soll schlanker und beweglicher werden. Müller will die Anzahl der Baukästen reduzieren, außerdem sollen angeblich 40 (von insgesamt 340) Modellvarianten im ganzen Konzern wegfallen. Letzteres hatte bereits Müllers Vorgänger angestoßen.

Bis 2025 will der VW-Konzern zwei bis drei Millionen Elektroautos pro Jahr ausliefern, 20 bis 25 Prozent des gesamten Volumens. 30 neue, rein elektrische Fahrzeuge soll es dann im Konzern geben. Basis ist der neue Modulare Elektrifizierungsbaukasten „MEB“. VW baut 2019 das erste Elektroauto mit diesem Chassis, Audi startet etwas früher. Der Chiron-Nachfolger könnte ebenfalls elektrisch fahren.

Im Vorfeld der Versammlung deutete Müller bereits eine schwere Zukunft für den Dieselmotor bei VW an. „Es wird sich die Frage stellen, ob wir ab einem gewissen Zeitpunkt noch viel Geld für die Weiterentwicklung des Diesels in die Hand nehmen sollen“, sagte Müller dem „Handelsblatt“. Entschieden sei noch nichts, aber seine Existenz wackelt. Das liege vor allem an der aufwändigen und teuren Abgasreinigung.

Aufarbeitung in den USA, Umrüstungen in Deutschland

Müller bat nach seiner Rede nicht um Vertrauen. Das müsse sich VW neu erarbeiten Müller bat nach seiner Rede nicht um Vertrauen. Das müsse sich VW neu erarbeiten Quelle: dpa/Picture Alliance Pötsch bezeichnete die Diesel-Krise als historischen Scheideweg. „Volkswagen steht in diesen Tagen vor der größten Bewährungsprobe seiner Unternehmensgeschichte." Als zentrale Punkte für den Weg aus der Krise nannte der Chefkontrolleur neben der Aufklärung der Affäre die Einigung mit den Behörden und Klägern in den USA. Für den Kompromiss in den USA hatte der zuständige Richter Charles Breyer jüngst eine Frist bis zum 28. Juni verlängert.

Immerhin geht es mit den Umrüstungen und deren Zulassungen im Diesel-Skandal voran. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) habe die Freigabe für europaweit rund eine Million zusätzliche Fahrzeuge erteilt, sagte Müller. Damit hätten auf dem Heimatkontinent mittlerweile mehr als 3,7 Millionen Diesel grünes Licht für die Nachbesserungen.

Müller sagte am Ende seiner Rede, er wolle nicht um Vertrauen bitten, weil sich Volkswagen das erst wieder verdienen müsse. „Daran arbeiten wir. Mit großer Ernsthaftigkeit und mit ganzem Einsatz. Deshalb bitte ich Sie in diesem Jahr vor allem um eines: Dass Sie dem Volkswagen Konzern, dass Sie Ihrem und unserem Unternehmen die Treue halten.“

Laufende Ermittlungen im Diesel-Skandal

Bei VW sind viele Fragen ungeklärt. Auf einige davon wird es mindestens bis zum Jahresende keine Antwort geben. Einen Zwischenstand zu den Ermittlungen im Diesel-Skandal darf der Konzern nicht veröffentlichen, es besteht Schweigepflicht in den USA. Dort geht es vor allem um die Schuldigen im Skandal. Die Aktionäre wollen klären, ob sie von VW rechtzeitig informiert wurden.

Mittlerweile soll die Finanzaufsicht BaFin den gesamten VW-Vorstand angezeigt haben, der zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens des Dieselskandals in Verantwortung war. Der habe die Aktionäre womöglich bewusst spät über die möglichen Folgen des Dieselskandals informiert und damit den Aktienkurs manipuliert. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig bestätigte bereits, dass gegen Ex-Vorstand Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess ermittelt wird.

Update: Einigung in den USA

Laut Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg gibt es nun konkrete Zahlen zur Einigung in den USA. Ein Kompromiss wurde bereits im April 2016 prinzipiell gebilligt, es fehlten noch die Details. Bloomberg berichtet, dass die Besitzer der betroffenen Diesel-Pkw in den USA zwischen 1.000 und 7.000 US-Dollar von VW erhalten - abhängig vom Alter der Fahrzeuge sowie anderen Faktoren. Der Durchschnitt liege bei etwa 5.000 Dollar. Die Berechnungsformel für die konkreten Zahlungen sei sehr kompliziert.

Die Entschädigung sei unabhängig davon zu bezahlen, ob die Kunden ihre Autos zurückgeben oder reparieren lassen. Insgesamt soll den Konzern diese Maßnahme gut 10 Milliarden US-Dollar kosten.

Quelle: Mit Material von dpa

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