• Online: 1.522

Knaus SKY i 650 LEG: Ein Test - In diesem Dickschiff fliegt die Welt vorbei wie im Kino

verfasst am

Nach Italien kann man fliegen, oder in einer Drei-Tonnen-Gartenlaube fahren. Wir haben Letzteres mit einem Knaus Sky i 650 LEG gemacht. Fliegen wollen wir jetzt nicht mehr.

Der Knaus SKY i 650 LEG hat eine Windschutzscheibe so groß wie eine Kinoleinwand Der Knaus SKY i 650 LEG hat eine Windschutzscheibe so groß wie eine Kinoleinwand Quelle: Anja Schwenke/MOTOR-TALK

Von MOTOR-TALK-Reporterin Anja Schwenke

Berlin – Ungefähr zehn Kilometer nordöstlich des Großglockners befindet sich die Edelweißspitze, mit 2.572 Metern ist sie der höchste Punkt der Großglockner-Hochalpenstraße. Bei guter Sicht kann man von ihrem kleinen ovalen Aussichtsturm aus 37 Dreitausender sehen. Ich sehe erstaunte, bewundernde und entsetzte Blicke. Vor dem Turm gibt es rund zwei Dutzend Parkplätze. Auf einem von ihnen steht unser Wohnmobil: ein Knaus SKY i 650 LEG. 6,96 Meter lang, 3.180 Kilo schwer.

Auf zum Abstieg

Hoch ging es eigentlich ganz gut. Langsam, aber gut. Den 2,0-Liter-Turbodiesel übernimmt der Knaus von der Fiat-Ducato-Basis. 115 PS reichen für entschleunigende 110 km/h auf der Autobahn. Beim Erklimmen der Edelweißspitze reichten sie für viel Gehupe hinter uns. Doch nach zwei Wochen Italien habe ich mich daran längst gewöhnt.

Der Knaus SKY i 650 LEG gehört zu den Luxusmodellen der Marke Der Knaus SKY i 650 LEG gehört zu den Luxusmodellen der Marke Quelle: Anja Schwenke/MOTOR-TALK Mein Mann, unsere zwei Söhne und ich fahren in einem Fahrzeug, das uns in den vergangenen Tagen mehr wie ein Haus vorkam. Oder zumindest wie ein luxuriöses Gartenhäuschen: Zwei Meter Deckenhöhe, Dusche, Klo, Kühlschrank. Drei Kochstellen (Gas) benutze ich nicht mal zu Hause.

Als wir vor ein paar Tagen das erste Mal – fast gleichzeitig – durch die Tür drängten, hielten wir die Ausstattung für einen (teuren) Scherz. Wir hatten kaum Erfahrung mit Wohnmobilen. Doch unsere Nachbarn auf dem ersten Stellplatz - gestandene Camper mit mehr als 25 Jahren Erfahrung - klärten uns auf. Der 650 LEG sei eines der Topmodelle von Knaus, sagten sie, während sie einen bunten Teppich vor ihrem kleinen Bus ausrollten. Aha. Darüber gäbe es nur noch zwei andere Modelle, mit noch mehr Ausstattung. Was immer das bedeuten mag.

Panorama-Sicht bis zur A-Säule

Die 3,18 Tonnen Fahrzeuggewicht sind ohne unser Gepäck gerechnet. Und der Stauraum im Sky i 650 ist immens. 320 Kilogramm können im beleuchteten Heckkofferraum und in zahlreichen Fächern sowie im Fußboden verstaut werden.

Gummistiefel, Konserven, Wintermäntel, dicke Mützen - wer zum ersten Mal im eigenen Schloss campt, neigt dazu, extrem zu werden. Wir haben für alles einen Platz gefunden, und mit den Urlaubstagen füllte sich auch die riesige Ablage am Beifahrersitz mit Andenken und anderem Kleinkram.

Berghoch bremst der Knaus den nachfolgenden Verkehr aus Berghoch bremst der Knaus den nachfolgenden Verkehr aus Quelle: Anja Schwenke/MOTOR-TALK Die riesige Wohnmobil-Frontscheibe ist mir besonders ans Herz gewachsen. Die Welt flog wie ein schöner Film auf einer riesigen Leinwand an uns vorbei. Wir saßen oben, die anderen unten. Wir waren unterwegs und doch zu Hause. Nach wenigen Tagen konnte nichts unseren relaxten Blick auf die Welt trüben. Nur an engen Biegungen versperrte uns die breite A-Säule mitunter die Sicht.

Wir treten den Abstieg an, mein Mann will ans Steuer. Als ich vom Fahrer- auf den Beifahrersitz wechsele, verwandelt sich unser Roadmovie vor meinem geistigen Auge kurz in einen Hitchcock-Thriller: Unser Familienmobil wird immer größer, während die Serpentinen der Alpensträßchen enger werden. Der Verkehr wird dichter und das Gehupe lauter. Während mein Mann versucht, das weiche Pedal durch die Ducato-Bodengruppe zu treten, lösen sich die Bremsen in Glut auf. Nichts zu machen, der weiße Riese schießt durch eine Natursteinmauer und stürzt gen Tal.

Entspannt fürs Leben

Würde unser Urlaub so enden? Es war doch alles so schön. Wir starteten ohne Erwartungen. Einfach drauflosfahren und halten, wo man will. Jetzt sind wir für alle Zeiten luxusgeprägt und haben Erwartungen, die wir vorher gar nicht kannten.

Klappt man zum Beispiel den Mittelteil zwischen den beiden Einzelbetten (mit Lattenrost!) im Heck des Knaus nach oben, ist die entstehende Spielwiese größer als das Ehebett zu Hause. Der Frühstückstisch reicht für sechs Personen. Mit dem kleinen Wendekreis rangierten wir selbst auf winzigen Parkplätzen flinker als die Italiener in ihren Kleinwagen.

Der Knaus kann vieles, auch den Wäscheständer spielen Der Knaus kann vieles, auch den Wäscheständer spielen Quelle: Anja Schwenke/MOTOR-TALK Nicht mal mein größter Alptraum - das Entleeren der Chemietoilette – konnte mich noch schocken. Freiheit, Entspannung. Selbst das kaum funktionierende Bluetooth-System (ging nur im vorderen Drittel des Mobils) oder das grausige Navigationssystem (TomTom) konnten unseren Nerven etwas anhaben, weil wir sie einfach links liegen ließen und das unsere Reise nur noch entspannter machte.

Die letzten Kilometer

Nun denn, mein Mann dreht den Zündschlüssel und mein Puls steigt. Lasse ich mich am Ende von einer Passstraße aus der Ruhe bringen? Nachdem ich italienische Innenstädte und 1.500 Kilometer Autobahn hinter mich gebracht habe? Immerhin kostet der Knaus SKY i 650 LEG mindestens 67.990 Euro – das wäre es schon schade, wenn die einfach so gen Tal rauschten. Noch viel schlimmer aber wäre, dass ich dann wohl nie wieder mit einem solchen Gefährt in den Urlaub fahren könnte.

Der Gurt rastet ein. Ein letzter Blick auf die Mautkarte für die Großglockner-Hochalpenstraße sagt: freigegeben bis 3,5 Tonnen. Na dann kann doch überhaupt nichts mehr schiefgehen.

Andere schöne Reisestrecken findet Ihr hier: GTS Routes.

Avatar von MOTOR-TALK (MOTOR-TALK)
78
Hat Dir der Artikel gefallen? 8 von 12 fanden den Artikel lesenswert.
Diesen Artikel teilen:
78 Kommentare: