• Online: 985

ADAC Pannenhilfe: Mit dem E-Bike unterwegs - Ein Gelber Engel auf dem Fahrrad

verfasst am

Der ADAC schickt "Gelbe Engel" jetzt auf E-Bikes zur Pannenhilfe. Vor allem in Großstädten hat das Vorteile. Wir haben einen Berliner Pannenhelfer beim Einsatz begleitet.

Engel auf Elektro: Der ADAC schickt seine Pannenhelfer jetzt auch auf dem E-Bike.  Das Fahrrad beschleunigt bis maximal 24 km/h Engel auf Elektro: Der ADAC schickt seine Pannenhelfer jetzt auch auf dem E-Bike. Das Fahrrad beschleunigt bis maximal 24 km/h Quelle: Haiko Prengel für mobile.de

Von Haiko Prengel

Berlin - „Kfz stottert.“ Viel mehr erfährt Dirk Nießl meist nicht von seinem Tabletcomputer. Aber eine Ferndiagnose nützt bei der Pannenhilfe sowieso nichts. Der Kfz-Meister muss sich selbst ein Bild machen. Also kräftig in die Pedale getreten und rasch hingeradelt zum liegen gebliebenen Fahrzeug.

In die Pedale treten? Tatsächlich sind die Gelben Engel vom ADAC jetzt auch mit E-Bikes unterwegs. Dirk Nießl aus Berlin ist einer von ihnen. „Ich war bei diesem Pilotprojekt sogar der erste Fahrer“, sagt der Mann in der signalgelben Kleidung.

Die Aufträge schicken die ADAC-Disponenten auf den Tabletcomputer. Der Standort des E-Bikes wird per GPS ermittelt Die Aufträge schicken die ADAC-Disponenten auf den Tabletcomputer. Der Standort des E-Bikes wird per GPS ermittelt Quelle: Haiko Prengel für mobile.de Mit seiner sportlichen Kondition scheint der 45-Jährige perfekt geeignet für den Job: Der ADAC-Pannenhelfer ist Triathlet. Da kommt er auf einem E-Bike so schnell nicht ins Schwitzen, zumal der 400 Watt starke Elektromotor ordentlich mithilft. „Beim Ampelstart schalte ich meist auf Turbo“, berichtet Nießl. Dann bringt das E-Bike der Marke Haibike volle Leistung.

Der Tiergarten als E-Bike-Rennstrecke

Das stotternde Kfz, zu dem ihn die Disponenten der ADAC-Pannenhilfe heute morgen geschickt haben, steht in einer beschaulichen Wohngegend in Berlin-Westend. „Stau auf der Heerstraße“, warnt das Verkehrsleitsystem am Ernst-Reuter-Platz. Für Dirk Nießl und unseren Autor (auf dem Rennrad) kein Problem. Sie fahren einfach auf dem Fahrradweg rechts an der Autoschlange vorbei.

Das sei der große Vorteil als Gelber Engel auf dem E-Bike, sagt Dirk Nießl: Gerade im Berufsverkehr, wenn sich die Blechlawinen durch Berlins Hauptstraßen quälen: „Da merkt man schon, dass man mit dem Fahrrad schneller ist.“

Denn wenn es auf den Straßen eng wird, kann Dirk Nießl nicht nur auf dem Fahrradweg an Blechlawinen vorbeifahren. Er kann auch Grünanlagen und Parks als Abkürzungen nutzen. Zum Beispiel den Tiergarten, Berlins große grüne Lunge. Bei Großveranstaltungen, etwa zur Fußball-Weltmeisterschaft, ist die Straße des 17. Juni – eine der Hauptverkehrsachsen der Stadt - manchmal wochenlang komplett gesperrt. Dann radelt Nießl einfach mit seinem E-Bike durch den anliegenden Tiergarten. „Bei der Fanmeile war ich für die Disponenten der Held,“ erinnert er sich und lacht. Denn seine ADAC-Kollegen standen in Mitte mit ihren Autos im Stau.

Das Werkzeug im Anhänger

Nach rund zehn Minuten Anfahrtzeit haben wir das Pannenauto in Westend erreicht. Im Schatten bunt belaubter Bäume wartet der Besitzer eines schwarzen Mercedes 300 SL (R129) aus dem Jahr 1992 auf den ADAC-Helfer. Andrej Müller hat den Youngtimer in erstaunlich gutem Zustand gekauft: von Rost keine Spur, auf dem Tacho stehen erst 108.000 Kilometer. Doch seit zwei Tagen nimmt der Wagen kaum noch Gas an, der Motor blubbert widerwillig und seit heute früh springt er gar nicht mehr an.

Prall gefüllte Werkstattkiste: Im Anhänger findet sich (fast) alles, um ein liegen gebliebenes Auto wieder fit zu machen Prall gefüllte Werkstattkiste: Im Anhänger findet sich (fast) alles, um ein liegen gebliebenes Auto wieder fit zu machen Quelle: Haiko Prengel für mobile.de Also Motorhaube auf. Darunter präsentiert sich ein wunderbar laufruhiger Reihensechszylinder - wenn er denn anspringt. Zuerst misst Dirk Nießl, ob die Zündspule funktioniert. Das notwendige Werkzeug holt er aus dem prall gefüllten Anhänger, der an seinem E-Bike hängt.

Starthilfe-Kabel, Spannungsmessgerät, Diagnosegerät: In dem Werkstatt-Wägelchen ist so gut wie alles drin, was ein Kfz-Mechaniker braucht, um die allermeisten Pannenautos wieder ans Laufen zu bringen. Nur ein Wagenheber fehlt aus Platzgründen, weshalb Dirk Nießl keine Räder wechseln kann. Aber er hat Flickmaterial an Bord. So kann er beschädigte Pneus provisorisch wieder herrichten.

Die Zündspule des Mercedes ist in Ordnung: Der Zündfunke reicht sogar bis zur Verteilerkappe, erklärt Kfz-Meister Nießl dem Mercedes-Fahrer. Also schraubt er die Verteilerkappe auf. Im Inneren ist das Teil ölfeucht. Nießl wischt die Verteilerkappe trocken und versprüht etwas MoS2-Spray, das hier wie Kontaktspray wirkt. „Bitte mal starten!“ ruft er dem SL-Besitzer zu - und der Youngtimer springt an.

In der Stadt sind die Bikes schlicht schneller

Die meisten ADAC-Clubmitglieder sind erstaunt, wenn Dirk Nießl mit dem E-Bike anrückt. „Mensch, jetzt kommen Sie schon mit dem Fahrrad!“, sagen manche oder fragen „Können Sie mir denn auch helfen?“ Doch für den ADAC läuft das Pilotprojekt mit den E-Bikes so erfolgreich, dass der Club die Flotte ausgebaut hat. „Inzwischen sind sogar schon sieben Pannenhelfer auf E-Bikes in Deutschland unterwegs“, sagt Holger Beiersdorf, ADAC-Bereichsleiter Pannenhilfe für Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Neben Berlin fahren Gelbe Engel in den Städten Köln und Stuttgart Fahrrad.

SL-Fahrer Andrej Müller rät der Pannenhelfer, demnächst mal eine Werkstatt anzusteuern. Möglicherweise muss der Simmerring getauscht werden SL-Fahrer Andrej Müller rät der Pannenhelfer, demnächst mal eine Werkstatt anzusteuern. Möglicherweise muss der Simmerring getauscht werden Quelle: Haiko Prengel für mobile.de Das Konzept habe sich bewährt, unterstreicht Beiersdorf. Im staubelasteten innerstädtischen Verkehr sind Pannenhelfer mit E-Bikes einfach schneller vor Ort. Unkompliziert gelangen sie zudem an Pannenfahrzeuge in Parkhäusern oder Tiefgaragen.

Daneben sei der ADAC daran interessiert, die Einsätze der Pannenhilfe so nachhaltig und umweltfreundlich wie möglich zu gestalten und klassische Fahrzeuge auf lange Sicht nur dort einzusetzen, wo sie noch unverzichtbar sind. Zum Beispiel bei Regen und Kälte. Dann fährt auch Triathlet Dirk Nießl lieber mit dem Auto seine Straßenwachtschichten.

Flickzeug fürs Fahrrad dabei

Inzwischen ist der Mercedes SL in Westend warmgelaufen und der Besitzer macht eine kleine Testfahrt um den Block. Der Motor läuft wieder sauber. Als Grund für die Ölfeuchtigkeit vermutet Pannenhelfer Dirk Nießl einen undichten Simmerring der Nockenwelle. Der sorge vermutlich dafür, dass Öl in die Verteilerkappe dringt. „Führen Sie Ihr Auto demnächst mal in einer Werkstatt vor“, rät der Kfz-Meister dem Mercedes-Fahrer. Dank seiner Hilfe braucht SL-Besitzer Müller dafür keinen Abschleppwagen, sondern kann auf eigener Achse in die Werkstatt fahren.

Pannenhelfer Dirk Nießl liebt solche Einsätze an älteren Autos mit einem gewissen Charme. Der 45-Jährige fährt privat unter anderem Opel Monza GSE, er hat also ein Faible für automobile Klassiker. Er freut sich aber auch, wenn er sich um einen gepflegten alten Mercedes wie den 300 SL kümmern darf. Oder um den Rolls-Royce, mit dem ein bekannter Fernsehmoderator mal auf der Berliner Avus liegen geblieben war – mit überfettetem Vergaser. „Das sind die Highlights“, sagt Dirk Nießl.

Und was passiert, wenn der Gelbe Engel einmal selbst mal liegen bleibt mit seinem E-Bike? Dann hilft er sich selbst: In seinem gelben Werkzeug-Anhänger liegt auch ein Flickset für Fahrräder und E-Bikes.

 

Ab sofort verschicken wir unsere besten News einmal am Tag über Whatsapp und Insta. Klingt gut? Dann lies hier, wie Du Dich anmelden kannst. Es dauert nur 2 Minuten und ist kostenlos.

Avatar von MOTOR-TALK (MOTOR-TALK)
24
Hat Dir der Artikel gefallen? 8 von 8 fanden den Artikel lesenswert.
Diesen Artikel teilen:
24 Kommentare: