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Youngtimer: 7 Gründe für einen W124 - Der Mercedes W124 ist der beste Klassiker

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Der Mercedes W124 gilt als letzter „echter“ Benz. Ist er auch besser als Oldies anderer Hersteller - gar das beste alte Auto auf dem Markt? Unser Autor glaubt: ja.

Haikos E 220 T-Modell von 1995 (Privatfoto) Haikos E 220 T-Modell von 1995 (Privatfoto) Quelle: Haiko Prengel

Von Haiko Prengel

Neuer Motorkabelbaum, Drosselklappe getauscht, Steuerkette und Zylinderkopfdichtung erneuert. Und erst die Instandsetzung der maroden Hinterachsaufnahmen! Mein Mercedes T-Modell hat mich Nerven und viel Geld gekostet. Trotzdem halte ich an meinem betagten E 220 von 1995 fest. Warum? Ich sage es mit den Worten eines Berliner Kfz-Meisters, der selbst aus Überzeugung keinen Neuwagen, sondern einen Youngtimer der Baureihe W124 fährt: „Was gibt es den für Alternativen?“ fragte er mich neulich, als wir uns über die solidesten Youngtimer unterhielten.

Stimmt, eigentlich keine. Jedenfalls nicht, wenn man einen Klassiker mit Stil fahren möchte, der vollkommen alltagstauglich, bezahlbar und reparaturfreundlich ist. Hier sind sieben handfeste Argumente für den Mercedes W124:

1. Solidität

Haikos E 220 T-Modell von 1995 (Privatfoto) Haikos E 220 T-Modell von 1995 (Privatfoto) Quelle: Haiko Prengel Als „letzter echter Benz“ gilt der Mercedes W124 (zwischen 1984 und 1996 wurden mehr als 2,5 Millionen Exemplare produziert) unter Fans und Kennern. Der Grund sind die herausragende Verarbeitungsqualität sowie extreme Langlebigkeit von Motoren und Technik. Laufleistungen von einer halben Million Kilometern sind keine Seltenheit, auch nicht bei den Benzinern. Beim Fahrkomfort setzte der 124 Maßstäbe, die damals neu eingeführte Raumlenkerachse war ihrer Zeit weit voraus.

Insider sagen, dass der W124 der letzte Mercedes gewesen sei, bei dem noch die Ingenieure das Sagen hatten und nicht die Controlling- und Marketingabteilung. Ein Beispiel: Bis zum 124er leistete sich der Hersteller noch den Luxus einer Öldruckanzeige im Cockpit, beim Nachfolger W210 wurde dieses Bauteil eingespart. Anderes blieb beim 210er erhalten, allerdings in erheblich schlechterer Qualität.

Tatsächlich ist der W124 aber nicht nur der vielleicht beste Mercedes, der je gebaut wurde. Er ist heute auch der beste Klassiker, den man kaufen kann – denn es gibt kein Modell eines anderen Herstellers, das es mit ihm aufnehmen könnte, jedenfalls nicht in der Gesamtsumme der Vorzüge.

2. Verfügbarkeit

Anders als bei anderen Klassikern können W124-Fans noch aus dem Vollen schöpfen. Dank hoher Stückzahlen und der guten Verarbeitungsqualität ist der Benz auch über 20 Jahre nach Produktionsende noch massenhaft im Straßenbild vorhanden. Jeder zweite Autohändler hat einen auf dem Kiesplatz stehen. Über 80.000 Fahrzeuge der Baureihe 124 waren Anfang 2018 laut Kraftfahrtbundesamt noch in Deutschland zugelassen. Vor allem Limousinen gibt es in Hülle und Fülle. Mit etwas Geduld findet man auch noch gute T-Modelle, Coupés oder eines der extravaganten Cabriolets.

Die Preise beginnen bei etwa 1500 Euro. Über welches andere Auto aus den 80er- und frühen 90er-Jahren könnte man das sagen? Vom einstigen Konkurrenten BMW 5er (E28 und E34) haben vergleichsweise wenige überlebt. Andere Zeitgenossen wie Audi 200, Opel Omega oder Ford Scorpio sind heute Exoten, für die es teils kaum noch Ersatzteile gibt. Die 700er-Baureihe von Volvo könnte einem noch einfallen, aber dazu später mehr.

3. Ersatzteillage

Für den Mercedes W124 gibt es noch Ersatzteile ohne Ende. Die erste E-Klasse war oft als Taxi unterwegs, gängige Verschleißteile gibt es bis heute für vergleichsweise wenig Geld. Einen neuen Satz Bremsscheiben bekommt man für unter 100 Euro. Bei Blechteilen wie Kotflügel oder Motorhaube kann man sich entscheiden, ob man neu am Mercedes-Tresen kauft oder gebraucht im Internet. Kein Klassiker einer anderen Marke bietet eine solch üppige Auswahl an Ersatzteilen – vielleicht abgesehen von US-Cars.

Bei europäischen Klassikern können allenfalls andere Mercedes-Modelle wie der Mercedes 190 E mithalten. Für die S-Klasse W126 sind längst nicht mehr alle Teile lieferbar (betrifft insbesondere die erste Modellgeneration), zudem ist das Preisniveau höher. Allerdings: Auch beim W124 verschlechtert sich die Teile-Situation allmählich.

4. Reparaturfreundlichkeit

Natürlich hat auch der W124 seine Macken, er ist kein Wunderauto. Neben den Hinterachsaufnahmen gammeln wegen einem Konstruktionsfehler fast immer die vorderen Kotflügel. Aber die kann man zur Not austauschen. Bei den Sechszylinder-Benzinern ist die Zylinderkopfdichtung anfällig, die Erneuerung kostet in einer guten freien Werkstatt etwa 2.000 Euro. Bei den Autos nach der zweiten Modellpflege (Mopf 2) wird der Motorkabelbaum im Alter brüchig, der Neupreis für das Ersatzteil liegt ohne Einbau bei 800 Euro. Das ist nicht wenig Geld, dafür kommen kapitale Motorschäden selten vor.

Haikos E 220 T-Modell von 1995 (Privatfoto) Haikos E 220 T-Modell von 1995 (Privatfoto) Quelle: Haiko Prengel Größter Pluspunkt ist die noch relativ übersichtliche Elektronik im Auto. Im Vergleich zu modernen Autos sind relativ wenige Steuergeräte verbaut, die im Alter kaputt gehen können. Bei anderen Herstellern gibt es das gleiche Problem, weshalb BMW-Fans statt auf den 5er E39 lieber auf den weniger luxuriösen, aber einfach konstruierten E34 zurückgreifen. Aber wie schon gesagt: Gute E34 sind selten geworden.

5. Alltagstauglichkeit

Mit dem W124 kann man auch heute noch locker im Verkehr mitschwimmen. Ein E 220 T etwa bietet 150 PS bei etwa zehn Litern Verbrauch. Zugegeben, das ist nicht wenig. Moderne Benziner sind sparsamer. Die Sechszylinder-Aggregate des W124 sind nicht so wirtschaftlich, bieten dafür aber mehr Fahrspaß.

Was die Praktikabilität betrifft, sind die T-Modelle unschlagbar. Anders als die heutigen Lifestyle-Kombis ist der 124 T noch ein echter Kombinationswagen. Mit der riesigen Ladefläche kann man auch mal einen Wohnungsumzug meistern. Hier können nur die klassischen Kombis von Volvo mithalten. Der Volvo 740 etwa ist, was die Platzverhältnisse betrifft, eine echte Alternative zum Mercedes 124. Aber in puncto Fahrkomfort kann der alte Schwede nicht mithalten.

6. Kein Neidfaktor

Wer Aufmerksamkeit erregen will, fährt wohl besser Porsche oder einen US-Straßenkreuzer. Der Glamour-Faktor des W124 hält sich bislang in Grenzen. Selbst der Mercedes 500 E, das 326 PS starke 124er-Topmodell wurde einst bei Porsche endgefertigt, ist trotz ausgestellter Radläufe eine eher unauffällige Limousine. Nein, es sind die inneren Werte, die beim Mercedes W124 zählen. Die aber können nachhaltig begeistern. Viele W124-Fahrer grüßen sich, wenn sie sich auf der Straße begegnen.

7. Preisprognose

Wertstabil sind die meisten Klassiker, der Mercedes W124 erfreut obendrein mit teils saftiger Rendite. Insbesondere bei den praktischen T-Modellen sind die Marktpreise in den vergangenen Jahren geradezu in die Höhe geschossen. Einen 230 TE (Mopf 1, 1989 bis 1992) im Zustand 2 notiert Classic Data inzwischen bei 13.000 Euro.

Damit hat er fast zu seinem Vorgänger der Baureihe 123 – dort liegt der 230 TE bei 14.200 Euro – aufgeschlossen. Aber auch die Limousinen und Coupés steigen stetig im Wert. Gute Cabriolets kosten längst über 20.000 Euro. Tendenz: Weiter steigend. Zum Vergleich: Ein BMW 520 (E34) wird aktuell mit 5.300 Euro gehandelt, ein Volvo 740 Kombi mit 62.00 Euro. Noch Fragen?

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