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Walter Röhrl: Porträt - Der Beste aller Zeiten, als Fahrer und Mensch

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Wie kommt es eigentlich, dass Walter Röhrl nach 14 Siegen aus 75 Läufen als Bester aller Zeiten gilt? Warum beendete er 1971 das erste Mal seine Karriere? Ein Porträt.

Reporter vor der Tür, Sportstudio, Sportschau, die ganze Zeit reden und lächeln? Walter Röhrl wollte nie feiern. Er will fahren. Reporter vor der Tür, Sportstudio, Sportschau, die ganze Zeit reden und lächeln? Walter Röhrl wollte nie feiern. Er will fahren. Quelle: MOTOR-TALK

Berlin - Walter Röhrl weinte allein in seinem Zimmer, immer mal wieder. Weil er soeben seine Karriere beendet hatte. Kein Jagen mehr nach Zeiten, kein Herumschleudern von tonnenschwerem Blech. Röhrl, der Rallyefahrer aus Regensburg, hatte seine Handschuhe und den Helm zur Seite gepackt, war ein letztes Mal ausgestiegen aus seinem Ford Capri RS.

Er tat das der Mutter zuliebe. Sie hasste das Fahren, seit ihr älterer Sohn Michael seinen Porsche 356 geschrottet hatte. Der 356er-Schrott nahm das Leben von Michael mit auf den schmerzenden Friedhof der zu früh Verschiedenen. Das passierte 1965, in dem Jahr, in dem der junge Walter seinen Führerschein erwarb. Acht Jahre zuvor hatte der Vater Röhrl die Familie verlassen. Jetzt bloß nicht noch den dritten Mann im Leben verlieren.

Oft hatte sich Walburga Röhrl an ihren Jüngsten geklammert. Walter, mach was Vernünftiges. Geh zurück zum Bischof, da war es gut. Es gab Streit. Welches Argument bleibt gegen die Angst der Mutter, den zweiten Sohn an die PS-Hölle zu verlieren.

Röhrl folgte nach einiger Zeit dem Wunsch der Mutter. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere beschloss der Dritte der Deutschen Meisterschaft und FIA-A-Fahrer, aufzuhören. Beendete die Saison 1971, rief Jochen Neerpasch an, den Teammanager bei Ford Motorsport und kündigte den Zweijahresvertrag.

Neerpasch: „Das ist sehr schade um Sie, aber ich kann Sie nicht zwingen“. Später wurde Neerpasch der erste Chef der BMW M-GmbH, Manager von Strietzel Stuck und der Entdecker von Michael Schumacher. Einer der wenigen, die Röhrls Klasse hatten.

Man möchte jetzt kurz innehalten und auf die oft erzählte Geschichte von Schumi und Röhrl in den Ferraris auf der Nordschleife hinweisen, als der Röhrl, dieser Teufelskerl, den Schumi jagte und über..., aber nicht jetzt.

Röhrls Karriereende dauert nur einen Winter. Dann wird der Ruf des Autos zu stark. Röhrl redet mit der Mutter und folgt seinem Herzen. Er ruft Neerpasch noch mal an und sagt sinngemäß, ein Jahr, das gehe schon noch.

Immer geradeaus

Um Walter Röhrl zu verstehen, muss man ihn kennen. Um ihn zu kennen, muss man ihn verstehen. Das ist keine leichte Sache. Mir war das Glück beschieden, mich einmal zwölf Stunden lang mit Walter Röhrl zu langweilen. Wir kannten uns von vielen kleinen Treffen davor, auch danach blieb der Kontakt regelmäßig. Doch dieser Tag legte das Fundament für so etwas wie eine Beziehung.

Röhrl erzählte aus seinem Leben. Ohne Eitelkeit, ohne Erregung, wie ein Freund. Aber wenn dieser Mann erzählt, dann startet beim Zuhörer ein Film im Kopf. Nicht über driftende Autos. Sondern über Werte, über Respekt, vor allem aber über Geradlinigkeit. Der Mann, der die Kurven liebt, lebt geradeaus. Sagt jedem, was er denkt. Ungeachtet der Reaktion.

Ein Beispiel: Als Porsche im 911er-Facelift zu weiche Stoßdämpfer an die Vorderachse schrauben wollte, rief Röhrl erzürnt den Entwicklungsvorstand an. Ob das sein Ernst sei, und wenn ja dann ohne ihn, dann ohne den Röhrl, seine Kündigung könne er direkt haben. Weil, das sei dann kein Porsche mehr. Verstanden? Das sind Geschichten, die nirgendwo stehen, die nur erzählt werden. Wie die von Schumi und dem Ring. Wer den Walter danach fragt, bekommt immer die korrekte Antwort. Lügen? Nicht im Hause Röhrl. Das gehört sich nicht.

1972 fährt Röhrl nur drei Rennen. Eines davon, die Olympia-Rallye in Bayern, zündet seine Karriere. Amateur Röhrl jagt Profi Nicolas. Mit unterlegenem Material, aber Top-Zeiten. Er verliert das Duell, das Getriebe streikt. Danach wussten alle, dass dieser Röhrl fahren kann. Und zwar besser als die anderen, auch wenn sein Stil noch ungehobelt ist. 1973 wechselt Röhrl von Ford Capri RS auf Opel Ascona A bzw. Commodore GS/E, wird Vize-Europameister. Ein Jahr später mit Opel Europameister auf dem Ascona A.

Das Ende der Karriere rückt damit in weite Ferne, weitere Erfolge leider auch. Seine Opel beenden nahezu jedes Rennen vorzeitig. Tristesse. In Rüsselsheim übernimmt der britische Ex-Rennfahrer Tony Hall die Steuerung der sportlichen Aktivitäten. Röhrl hadert mit sich und der Welt, sucht Glück in privaten Rallyes auf einem zusammengezimmerten Porsche.

"Eine Frau kann ich mir nicht leisten"

Hall will das unterbinden, Röhrl wechselt, zu Fiat. Die Italiener stellen damals eines der besten Rennteams im Rallyesport. Mit dem 131er haben sie ein zuverlässiges und schnelles Auto, der technische Service ist exzellent. Noch heute glänzen die Augen von Walter Röhrl, wenn er von seiner Zeit bei den fröhlichen Italienern spricht. Den Fiat kann er feiner steuern, das Auto hat mehr Balance.

Eines zeichnet sich hier schon ab: Röhrl gehört nicht nur zu den schnellsten Piloten. Er wird auch nie so richtig zufrieden sein. Nahezu immer hadert der große Mann mit sich und seinem Tun. Eine Reibung im Innersten, wie es wohl die wenigsten Menschen in sich tragen. Niemand kennt diesen inneren Walter besser als seine Frau Monika, die ihn trägt und erträgt. Dafür verehrt er sie.

Monika und Walter lernen sich vor seiner Karriere als Rennfahrer, nach seiner Karriere als Nachwuchs-Skirennfahrer (beendet durch Fußbruch) und während seiner Karriere als Ruderer kennen. Nach einem Jahr im Ruderverein überredete ihn selbiger zur Teilnahme an einer Regatta. Neuling Röhrl wird Zweiter, hinter dem Deutschen Meister.

Als die wahrlich zauberhafte Monika Starzinger 1967 den damals gerade 20-jährigen Röhrl kennenlernt, will der vom Heiraten erst mal nichts wissen. Er, der schlaksige Junge mit den roten Haaren, den die Lehrer in der Schule früher heimschickten, weil er jeden am Kragen packte, der ihn hänselte. Und erstmal auch nicht losließ.

„Heiraten? Eine Frau kann ich mir nicht leisten, dann ist die Mark ja nur noch 50 Pfennige wert,“ sagt Walter, der Sturkopf. Monika bleibt trotzdem. 12 Jahre später feiern die Röhrls Hochzeit. Die beiden werden das wohl unauffälligste Traumpaar der Motorsportwelt. Nie in den Gazetten, kein Skandal. Viel Schreierei, aber meist aus einer Richtung, und da auch nicht gegen Monika, sondern gegen den Rest derer, die keinen Verstand haben.

1982: Titel mit Opel, kein Titel mit Lancia

Wie 1982. Röhrl war nach Fiat und einem Jahr „Pause“ bei Porsche zu Opel zurückgewechselt. Hall war dort noch Sportchef. Drei Tage vor der Rallye Monte Carlo, der einzigen Rallye, die Walter etwas bedeutet, soll Röhrl einen Werbefilm für Rothmans drehen. Walter sagt mal wieder, was er denkt: Die spinnen bei Rothmans. Er sei mitten in der Phase, sich innerlich darauf vorzubereiten, die schwerste Rallye der Welt zu gewinnen. Da wollen die mit ihm drehen. Haben die sie denn noch alle?

Seinem Sportchef sagt er: Ich habe nichts gegen Rothmans, aber ich verabscheue Zigaretten. Ich rede nicht gern, schon gar nicht vor Kameras und am wenigsten gern dummes Zeug. Ich bin Fahrer. Ich kann fahren. Macht ihr was aus meinen Zeiten. Aber lasst mich bitte in Ruhe.

Nachdem der Puls lautstark und wortgewaltig im Hotelzimmer hochgejagt und runtergekühlt wurde, ist Röhrl wieder höflich wie immer. Er gewinnt die erste Rallye der Saison und wird an deren Ende zum zweiten Mal Weltmeister, im Opel Ascona B.

Es bleibt sein letzter WM-Titel. Den nächsten auf Lancia 037 verschenkt er. Weil er anfangs der Saison beschließt, nur noch Rallyes zu fahren, die ihm Freude bereiten. Sechs von zwölf WM-Läufen. Vor dem letzten Lauf betteln die Italiener. Walter, komm, fahr noch ein Rennen, dann wirst du Weltmeister. Das dritte Mal Weltmeister. Das hat noch keiner geschafft.

Walter antwortet: Nein, das brauch ich nicht. Ich habe gesagt, ich fahr sechs, also fahre ich sechs. Ende. Weltmeister bin ich schon, zweimal sogar. Ich brauch das kein weiteres Mal. Weltmeister sein bedeutet doch nur: Reporter vor der Tür, Sportstudio, Sportschau, die ganze Zeit reden und lächeln. Danke schön.

Ein Auto braucht Liebe

So erklärt es sich, dass Walter Röhrl nach nur 14 Siegen aus 75 WM-Läufen als der Beste aller Zeiten gilt. Nach seinem ersten Monte-Sieg, er lebte damals in einer Dachgeschosswohnung, eröffnete er seinem Beifahrer Geistdörfer: „Ich höre auf. Ich wollte einmal die Monte gewinnen. Das genügt mir.“ Walter wollte nie die Punkte zusammenzählen, ihm ging es um das einmalige, unwiederbringliche Erlebnis – und dabei um das richtige Ergebnis.

Die vier Siege in Monte Carlo erringt er auf vier verschiedenen Autos. Wäre das nicht so gewesen, wäre er wohl nur einmal gefahren. Weltmeister wollte er auch nur einmal werden, um zu wissen, er ist der Beste. Das genügte. Walter Röhrl geht es um Perfektion, nicht um Ruhm. Auf die Frage, warum er so schnell sei, antwortet er: Er habe die Technik vom Skirennfahren adaptiert. Nur, dass die Räder des Autos die Kufen der Ski darstellten. Schwung, anstellen, auf Kante fahren, weiter.

Der vollständigen Beherrschung des Autos als Lustobjekt. Es ist die Kunst, von der viele Millionen Menschen träumen, die hundertausendfach auf Leinwände projiziert wird. Ein Auto gleich welcher Art, aber schön anzusehen und mit schwer beherrschbarer Leistung, millimetergenau und rasant schnell zu bewegen. Davon träumen Fahrer. Die Bewegtbildreihe „Fast & Furios“ treibt diese Sehnsucht zu cineastischen Gipfeln.

Tausende Filmhelden übten sich seit Steve McQueens Bullit daran. Was das Kino in epochaler Breite vorspielt, das können in der wirklichen Welt wenige. Ein paar tausend Fahrer können es gut, einige hundert sehr gut, weniger als hundert perfekt. Der Perfekteste ist aber dieser Junge aus Regensburg, dieser mit 1,96 Meter eigentlich zu große Rennfahrer und Mensch, Christ und Ehemann ohne Tadel Walter Röhrl.

Warum Röhrl auf ewig der Beste bleiben wird? Weil er ein Auto nicht als das betrachtet, was es ist. Er sagte einmal salopp: Ein Auto könne man nicht wie eine Frau behandeln, ein Auto, das brauche Liebe. Ein guter Witz, aber auch eine innere Wahrheit für Röhrl. Sobald er einsteigt, wird das Auto zu einem Teil seines Körpers. Beide werden eins. Und wenn das Auto schaffte, was Röhrl wollte, folgte in der Regel der Erfolg.

Dieser Erfolg hat Röhrl nie die Bodenhaftung verlieren lassen. Immer zahlte er seine Steuern, manchmal Strafen für politische Rennsportvergehen. Nie würde er seinen Wohnsitz ins Ausland verlagern, um Geld zu sparen. „Klar zahle ich zu viel“, sagte er mal. Aber er sei nun mal Deutscher, da zahle er halt. Weil es sich gehört. Entspannen kann Röhrl, damals wie heute, am besten zuhause im Bayrischen Wald. Er genießt das bescheidene Leben im Kreis ausgewählter Freunde. Mit ihnen saß er samstags oft zur Brotzeit vor einer Wurstküche und lachte.

Röhrl fuhr nicht blind. Er war einfach vorbereitet

Talent, weiß jeder Sportler, ist gut. Aber Fleiß und Ehrgeiz sind wichtiger. Walter Röhrls Ehrgeiz treibt ihn schon immer zu Außergewöhnlichem. Als er Skifahren übt, fährt er den Berg runter und läuft ihn wieder hoch. Fährt runter und läuft wieder hoch. Bricht sich den Fuß und fährt auf einem Bein.

Rauchen? Niemals. Alkohol? Während im Ziel von Monaco mit Champagner geschunkelt wird, nippt er an seiner Sprite. Bis sein Arzt ihm vor einigen Jahren zu Rotwein rät. Ab und an mal ein Glas, das schadet nicht. Das hilft auch mal. Röhrl bestellt seitdem am Abend auch mal Rotwein. Ein Glas. Er hat keine Kinder, aus vielen Gründen, die seine sind. Er liebt seine Frau, treu und voller aufrichtigem Respekt. Er sammelt Porsche, aus Überzeugung.

Walter Röhrl mag Menschen, aber bitte nicht die ganze Zeit. Seine Katze, die eines Tages einfach da war, bringt sein Herz zum Leuchten. Macht nie, was er will. Aber wenn sie will, vergisst er die Welt um sich herum. Tollt mit ihr auf dem Boden, steht stundenlang nicht vom Sessel auf, weil die pelzige Dame auf seinem Schoß ruht.

Nein, im Nebel von Arganil fuhr er nicht blind. Im Hotelzimmer auf dem Bett sitzend in der Nacht davor schon. Sieben Sekunden Zeitdifferenz stoppte er damals. Immer stoppt er die Zeit, bei jeder Fahrt. Bei Rennen und im Privaten. Zeit bewegt ihn. Zeit treibt ihn.

WM 1980, Portugal, Arganil. Teamkollege Markku verschleißt Material wie ein Wilder, aber fährt verdammt schnell. Dann knallt dem Röhrl ein Fiat-Service-Wagen ins Auto, weil Markku mal wieder Hilfe brauchte. Sein Auto ist kaputt, Walter auf 280. Dichter Nebel zieht auf. Während Fiat den Wagen zusammendengelt, hämmert sich Walter die Strecke ins Gehirn. Fährt blind die Prüfung. Am Start sagt er den berühmten Satz: „Christian, schnall di oa.“

Er fährt die Etappe wie der Teufel. Am Ende hängt er Markku 4:58 Minuten dran. Nimmt ihm pro Kilometer sieben Sekunden ab, auf dem technisch gleichen Auto. Im Ziel können sie es nicht fassen. Vorher schraubt er noch die Sicherungen seiner Rücklichter raus. Damit niemand glaubt, ihm hinterherjagen zu dürfen. Viele Jahre später dreht ein Brausekonzern ein Video mit Geistdörfer und ihm im Fiat 131 auf den Spuren von Arganil. Beiden scheint die Vergangenheit unwirklich wie nie

Blomquist und die Reifen

Weniger bekannt, aber nicht minder erzählenswert: Sein erstes Jahr Audi quattro. Jahrelang hatte Röhrl die technisch überlegenen Allrader mit veralteten Hecktrieblern gedemütigt. Der verdammt flotte Stig Blomquist, ebenfalls Audi, sinnt auf Rache. Auf der Monte knallt es. Röhrl gibt Gas, Blomquist startet bei jeder Prüfung nach ihm. Und fährt jede davon schneller. Walter rast wie der Teufel, fährt aggressiv, reizt das Risiko maximal. Blomquist bleibt schneller. In Röhrl bricht alles zusammen. Er muss Stig schlagen.

Dann, auf einer Prüfung, eilt sein Freund Dr. Erzigkeit jubelnd zu ihm, sagt: Walter, du bist der Größte“ „Einen Scheißdreck bin ich, ich komm nicht mal ran an den Stig.“ Der Freund: „Das kann nicht sein, oben war keiner schneller als du.“ Walters Freund hatte ihn an einer Stelle gesehen, wo Röhrls Reifen funktionierten. Nur da war Röhrl der Schnellste.

Er packt einen Techniker, fest und ernst. Fragt: Hans, was ist hier los? Wenn du mich anlügst, bring ich dich um. Hans beichtet. Sobald Röhrl losfahre, bekäme Stig andere Reifen. Röhrl, der sich vorher im quattro beinahe selbst umgebracht hatte, krallt sich Teamchef Gumpert. Es fallen Worte, die sitzen. Er droht: Wenn ihr das noch einmal macht, dann stoße ich das Auto persönlich den Abhang runter. Die nächsten elf Prüfungen gewinnt Röhrl. Vor Blomquist und dem amtierenden Weltmeister Hannu Mikkola.

1986 kommt es zum schlimmen Unfall der Gruppe-B-Renner der Rallye-WM. 3 Zuschauer sterben, 33 werden verletzt. Röhrl verkündet den Fahrerboykott. 1987 fährt er noch drei WM-Läufe für Audi, dann beendet er seine Profi-Karriere als Rallyefahrer. Für die Formel 1 ist er zu groß, er fährt ein bissel Rundstrecke für Audi.

Unruhestand bei Porsche

Ferdinand Piëch, der Röhrl zu Audi holte, wechselte 1993 zu VW. Röhrl, der Jahre zuvor einen Vertrag auf Lebenszeit mit Audi geschlossen hatte, beendete kurz vorher seine Rennfahrerkarriere. Er wollte bei Audi bleiben, etwas anderes machen. Alles, außer Büro. Das war die Absprache. Er dachte an 5.000 Mark Monatsgehalt plus Dienstwagen, damit wäre es genug. Es kam anders. Zum 1.1.1993 sollte er als Abteilungsleiter der Qualitätssicherung anfangen. Postwendend kündigte er seinen Vertrag.

Lange blieb Röhrl nicht arbeitslos. Freunde von Porsche fragten, ob er nicht wollen würde. Walter, dessen erstes Auto ein motorloser 356er war, in den er einen Reservemotor des 356er seines verstorbenen Bruders einbaute, wollte. Porsche war immer seine Marke.

Also sagte er zu, erstmal für ein Jahr - und blieb seitdem, stets für ein weiteres Jahr. Was ihm bei Audi passiert war, brachte den Skeptiker aus Regensburg dazu, stets nur Ein-Jahres-Verträge zu unterschreiben. Jedes Jahr aufs Neue. Irgendwann wurde das dem Vorstandsboss Wiedeking zu viel. Herr Röhrl, wollen Sie mehr Geld? Nein. Können wir dann einen Fünf-Jahres-Vertrag schließen? Nein. Warum denn nicht? Weil ich gern unabhängig bleiben möchte. Mir langt's, dass mich einer ins Büro schicken wollte. Das passiert mir kein zweites Mal.

Kein Mensch kann, was Walter Röhrl kann. Bescheiden im Leben, mit unfassbarer Disziplin gegen sich selbst, auf Skiern, beim Rudern, im Auto und zuletzt auf dem Rad. Ein Ästhet mit immerwährendem Anspruch. Er will nicht gut sein. Er ist besessen von der Vorstellung, besser zu sein. Morgen besser als heute, übermorgen besser als morgen. Verlieren kann das Material, aber nicht der Mensch Röhrl. Eisen, Stahl, Gummi, sind fehlerhaft. Der Mensch kann Perfektion anstreben.

Furchen zieren sein Gesicht. Sie sind in den Jahren, die wir uns kennen, mehr geworden. Er ist ruhiger, milder. Noch immer hackt er Holz. Noch immer radelt er wie ein Verrückter. Wenn er nachts mit seiner Monika fährt, streiten die beiden, wer besser sieht. Monika hat Augen wie ein Luchs, trotzdem muss er fahren. Sagt sie.

Lieber Walter, nachträglich noch einmal alles Gute für Dich.

Avatar von Timo Friedmann (timobenshalom)
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