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Fahrbericht Austin Mini Clubman Estate - Aus wenig wird manchmal mehr

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Wer schon immer mal einen alten, echten Mini fahren wollte, der sollte das hier lesen. Timo Friedmanns Fahrbericht endet mit einer wichtigen Erkenntnis: Ein Mini ist mehr wert, als man denkt.

Der Austin Mini Clubman Estate in voller Fahrt, also mit 80 Sachen auf der Landstraße. Da fühlt man sich beswingt Der Austin Mini Clubman Estate in voller Fahrt, also mit 80 Sachen auf der Landstraße. Da fühlt man sich beswingt

Berlin/Hamburg - Es zwickt im Rücken, es zieht im Nacken. Was hätte ich wohl für Schmerzen, wenn wir eine Nacht statt nur den Tag miteinander verbracht hätten? Wir, das sind der Austin Mini Clubman Estate, der große Lange in der Mini-Palette, und ich, der Redakteur.

Zusammen sind wir auf dem Weg von Berlin (dem Sitz der MOTOR-TALK-Werkstatt) nach Hamburg (meinem alten Wohnsitz). Wir meiden Autobahnen und fahren über Straßen, die 95 Prozent der Westdeutschen im Jahr 2013 nicht für möglich halten würden. Verkehrswege, für die die DDR-Regierung den Trabi mit querliegenden Blattfedern ausgerüstet hat. Mein Mini (Baujahr 1981) war da in seinem Konstruktionsjahr (der echte Mini 1959) schon weiter. Er hat vorne eine doppelte Querlenker-Achskonstruktion und hinten Längslenker. Die Federung selbst übernehmen Gummi-Elemente. Angesichts der rauen Pisten, über die wir holpern, bekommt die alte Fuchsschwanz-Weisheit „Gib Gummi“ eine ganz neue Bedeutung.

Zwischen Liebe und Verzweiflung

Ich bin nie viel Mini gefahren in meinem Leben. Mini fahren ist für manche ein Geschenk, für fast alle anderen Silber-grau mit braunem Vinyldach. Heute ist so ein Auto Kult. Der ideale Wagen, um die neue Freundin auszufahren Silber-grau mit braunem Vinyldach. Heute ist so ein Auto Kult. Der ideale Wagen, um die neue Freundin auszufahren die dringende Aufforderung, sich nach einem echten Automobil umzusehen. Meist fuhr ich echte, also größere, moderne Automobile. Auch aktuelle von Mini. Aber die kann man mit dem Ur-Typ nicht vergleichen. Man vergleicht ja auch keinen Mario Gomez mit Gerd Müller.

Jetzt, nach 714 Kilometern in einem Austin Mini Clubman, bin ich verliebt, infiziert und verzweifelt. Verliebt in das einzigartige Mini-Gefühl. Viele schwärmen davon, und die, die es tun, bekommen einen sehnsüchtigen Blick.

Wie sehr man infiziert wird? Sieht man an Müttern und Mädchen, die angesichts eines klassischen Mini ausblenden, wie der Typ da drin aussieht. Oder wie sie darin aussehen würden, wenn der Typ den Mini vor eine Wand zimmert. Solche Gedanken lassen einen verzweifeln, wenn sie einem an Bord eines Minis in den Kopf schießen. Ob ein Kind in so einem Auto gut behütet fahren würde?

Doch das richtige Auto schmettert solche Gedankengänge nieder und hemmt die Wahrnehmung. Und so verschwinden Dinge aus dem geistigen Horizont, die ohnehin nicht da sind: Luftsäcke, Kopfstützen, ABS – pah, neumodischer Quatsch. Zuflucht für schreibgehemmte Auto-Journalisten, die sonst nichts an Autos auszusetzen haben.

In diese Verlegenheit käme ich im Clubman nicht. Hier könnte man an allem und jedem etwas aussetzen. Die Sitze würde ich mir nicht mal in die Gartenlaube stellen, die Heizung lässt sich schlechter regulieren als ein 9,90-Euro-Lüfter aus dem Baumarkt und die Bremsen stoppen das Lasterchen erst irgendwann. Und überhaupt, Übersicht, Weitsicht (mit den Scheinwerfern) und Rücksicht sind Murks.

Minis sind wie Möpse

Aber niedlicher Murks. Minis sind da wie Möpse. Vielleicht überflüssig, aber en vogue. Das sind schon komische Zeiten, in denen wir leben. Wenn ein 3,40-Meter-Auto mit dem Komfort der britischen Arbeiterklasse rasselnd zum Leben erwacht und dann losrollt, mitunter sogar rennt. Von 0 auf 100 km/h in, pardon „scheißegal“ wie vielen Sekunden (ungefähr 17 sind es). Spitze über 100 km/h.

Das Getriebe funktioniert, irgendwie. Wie tapfer, wie kernig der 39 PS starke 1,0-Liter-Motor diesen Kleinstlaster antreibt. Man sitzt drin, spürt den Zug und möchte noch anfeuernd rufen: Schneller, los, du packst es.

Die Front des Austin Mini Clubman lehnt sich an das Design des Austin Maxi an. Auch er wurde von Sir Alec Issigonis entworfen Die Front des Austin Mini Clubman lehnt sich an das Design des Austin Maxi an. Auch er wurde von Sir Alec Issigonis entworfen Und er packt es auch. Obwohl der Mini auch als Clubman Estate eine ruckelnde Blechkiste ist, mag ihn der kritischste Komfort-Tester mehr als einen Ford Fiesta ST oder einen Audi S6. Benny, der MOTOR-TALK-Redaktionshund, sprang auf der dreitägigen Tour stets freiwillig auf die Rückbank. Das hat er zuletzt bei der Mercedes S-Klasse getan. Verwöhnte Töle. Gelobt sei die mitfedernde Konstruktion des Mini-Gestühls. Die funktioniert so fabelhaft, dass man die vielen grob behauenen Straßen eher wippend als polternd erlebt.

Wippen gehört dazu

Und das Wippen ist ein zentraler Bestandteil des Mini-Fahrens. Mal swingt man im Sitz, mal zucken die Fußspitzen. Denn, wenn es nicht schneit, nicht zu sehr regnet, wenn es nicht zu heiß ist und auch nicht zu kalt, dann macht Mini fahren Freude. Dann lebt dieses Auto und sein Fahrer lebt darin auf.

Viele Autos sind so kalt und gefühllos, dass wir sie mit Ausstattung bis zur Geschmacklosigkeit vollstopfen, nur um etwas Gefühl vorzufinden. Logisch, dass dieser Mini nahezu ausstattungsbefreit ist. Kein Radio, keine Klima, eine sehr einfache Heizung, keine Cupholder, dafür Teilleder auf Synthetikbasis. Heute findet man das alles lustig, niedlich, eigenartig schön. Fairerweise sei gesagt: Nicht mal einem drei Jahre alten Dacia würden wir so eine Ausstattung durchgehen lassen. Da gäbe es Tadel, und zwar reichlich.

 

Herr, bau bitte H4-Lampen ein

Aber am Mini ist eben nicht alles schlecht, was eigentlich schlecht ist. Das Licht allerdings, das ist wirklich miserabel. Hundsmiserabel. Das Problem kann man allerdings mit einer H4-Lampe etwas lindern. Bei den alten Modellen mit Bilux-Licht muss gleich der Reflektor mit gewechselt werden. Den Luxus sollten sich Mini-Fahrer aber gönnen. Auch der Besitzer unseres Clubman. Sonst macht Mini fahren im Dunkeln keinen Spaß.

Gruppenbild seltener und ungewöhnlicher Minis: Vorne das Wohnmobil Wildgoose, dahinter der Riley Elf und dann unser Austin Mini Clubman Estate Gruppenbild seltener und ungewöhnlicher Minis: Vorne das Wohnmobil Wildgoose, dahinter der Riley Elf und dann unser Austin Mini Clubman Estate Aus heutiger Sicht fast seltsam: Der spartanische Austin Mini Clubman Estate war damals der Nachfolger der Edelversionen vom Mini. Während heute bei Clubman jeder an Mini-Kombis denkt, war das 1969 anders. Da löste der Clubman mit Mini-untypischem Grill die anderen Edel-Derivate des Mini ab, den Wolseley und den Riley.

Auch eine Anlageform - Mini fahren

197.606 Austin Mini Clubman Estate wurden von 1969 bis 1980 gebaut. Kombi-Minis gab es schon früher unter anderem Namen. Die Kombi-Karosserie wurde noch drei Jahre als HL weiter gebaut. Heute sind noch ein paar Tausend Clubman Estate in Europa verstreut.

Gut erhaltene Fahrzeuge kosten heute ein Vielfaches von dem, was das Auto damals gekostet hat (723 britische Pfund). Je nach Zustand starten die Preise bei 4.500 Euro. Gut erhaltene Fahrzeuge kosten 8.000 bis 10.000 Euro. Es scheint also, als ob ein Mini heute eine gute Investition ist. Eine liebenswerte ist er auf jeden Fall.

Avatar von Timo Friedmann (timobenshalom)
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