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Erlkönig-Jägerin Brenda Priddy - Auf der Lauer im Tal des Todes

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Brenda Priddy ist die erfolgreichste Erlkönigfotografin der Welt. Im Death Valley jagt sie die Prototypen der Autoindustrie. Ein Besuch im Tal des Todes.

Brenda Priddy erlegt sie alle: Vor mehr als 20 Jahren begann ihre Karriere als Erlkönig-Jägerin Brenda Priddy erlegt sie alle: Vor mehr als 20 Jahren begann ihre Karriere als Erlkönig-Jägerin

Furnace Creek/USA - Eigentlich wollte Brenda Priddy nur einkaufen gehen, als sie vor ihrem Supermarkt förmlich über zwei Erlkönige stolperte. Sie holte schnell ihre Kamera und knipste die Autos. Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her und war der Anfang einer grandiosen Karriere.

An jenem Tag fotografierte sie den zukünftigen Ford Mustang - zwei Jahre vor dem Verkaufsstart. Und weil sonst noch niemand auf der Welt die Neuauflage der US-Legende fotografiert hatte, rissen ihr die Fachmagazine die Fotos aus den Händen. Brenda wurde vom Jagdfieber gepackt, und seither hat niemand so viele Erlkönige fotografiert und Industriegeheimnisse gelüftet wie die 55jährige Amerikanerin aus Phoenix in Arizona.

Der Devon GTX hat es nie auf den Markt geschafft - Priddys Schuld war das nicht Der Devon GTX hat es nie auf den Markt geschafft - Priddys Schuld war das nicht Quelle: Brenda Priddy

Lage, Lage, Lage

Priddy hat einen entscheidenden Vorteil. Sie muss nur aus dem Küchenfenster schauen, um Prototypen zu sehen. Eine der beliebten Testrouten führt auch heute noch direkt an ihrem Wohnviertel vorbei. Und rund um die vielen Prüfgelände im heißen Arizona kreisen reichlich Erlkönige.

Doch ihr liebstes und einträglichstes Jagdrevier ist das Death Valley, eine Stunde nordöstlich von Las Vegas. Dort, wo die Hersteller ihre Autos der Gluthitze der Wüste aussetzen, ist das Aufkommen der Prototypen am dichtesten. Jedes Jahr im Sommer, wenn die Temperatur mittags auf über 50 Grad steigt, bietet das Wüstental die besten Bedingungen, um die Klimaanlagen, Bremsen und Motoren der Modelle von morgen zu testen. Allerdings: Verstecke sucht man in der flachen Wüste vergeblich.

Zweitwohnsitz: Wüste

Sobald zum Saisonauftakt die ersten Prototypen ins Valley kommen, ist auch Brenda Priddy nicht weit: Jedes Jahr packt sie für vier Monate Kind und Kegel ins Auto, zieht von Phoenix in die Wüste und geht auf die Jagd. „Schon morgens um sieben klappere ich die Tankstellen, die Hotels, die geheimen Werkstätten ab und gucke wer an diesem Tag wann und wo unterwegs sein wird“, erzählt die Erlkönigjägerin.

Spätestens wenn die Sonne über den Horizont kriecht, liegt sie im Tal des Todes auf der Lauer: „Ich verstecke mich zwar nicht. Aber ich weiß, wo ich mich hinstellen muss, damit ich was zu sehen bekomme. Und meine Kamera.“

Der Hummer-Ingenieur schafft es nicht, den H3T schnell genug abzudecken Der Hummer-Ingenieur schafft es nicht, den H3T schnell genug abzudecken Quelle: Brenda Priddy

Erlkönig-Reizüberflutung in der Wüste

Nach 20 Jahren Death Valley kennt sie dort nicht nur jeden Stein, sondern auch die paar hundert Einwohner in den kleinen Dörfern. „Das sollten eigentlich meine wichtigsten Helfer sein“, sagt Priddy. Doch leider ist der Informationsfluss dürftig. Das liegt nicht daran, dass ihr die Einwohner nicht helfen wollen. „Aber die sehen hier so viele Prototypen, dass sie gar keine Notiz mehr davon nehmen und mich deshalb nicht rechtzeitig informieren.“

Also liegt Priddy an den neuralgischen Stellen am Furnace Creek, am Zabriskie Point oder bei Scotty’s Castle stundenlang auf der Lauer und wartet, dass ihr etwas vor die Linse fährt.

Ungefährlich ist das nicht. Nicht nur, weil man gerne mal einen Hitzschlag bekommt, sich den Standort mit Skorpionen oder Schlangen teilt oder sich an aufgeheizten Felsen verbrennt. Gefährlich ist der Job vor allem, weil die Testfahrer nicht gerne von Priddy erwischt werden. Oft kommt es zu unschönen Diskussionen, erzählt sie.

Einmal wurde sie körperlich bedroht. Ein anderes Mal wurde ihr die Kamera aus der Hand geschlagen. Und einmal hätten sie fast ihren Sohn überfahren, als er die Videokamera auf die Testwagen gerichtet hatte. „Das muss doch nun wirklich nicht sein, wir machen hier schließlich doch alle nur unseren Job“, schimpft die Fotografin. Dass ihr französische Tester den nackten Hinten in die Kamera reckten, findet sie dagegen fast noch amüsant.

Die Mercedes S-Klasse in schwerer Tarnung Die Mercedes S-Klasse in schwerer Tarnung Quelle: Brenda Priddy

Touristen zerstören das Business

Über die Tarnungs-Versuche mit immer neuen, immer bunteren Mustern kann Priddy nur lachen. Das erhöht die Kontraste für die Kamera nur und die Bilder werden deshalb sogar besser als früher, sagt Priddy. „Außerdem sehen die Prototypen umso interessanter aus, je wilder sie getarnt sind.“

Trotzdem wurde der Job in den letzten Jahren schwieriger. Was ihr schwer zu schaffen macht, sind die vielen Smartphones. „Jeder Tourist im Valley macht Prototypenfotos“, schimpft die Expertin, „und viele geben sie kostenlos her, einfach nur damit ihr Name irgendwo auf einer Webseite steht.“

Das mache natürlich die Preise kaputt. Dabei könne man mit den Fotos noch immer ordentlich Geld verdienen. Mal gibt es zwar nur 50 oder 100 Dollar. Für besonders interessante Autos hat sie aber auch schon vierstellige Beträge kassiert.

Als Priddy vor ein paar Jahren der Prototyp der neuen Präsidentenlimousine vor die Linse fuhr, strich sie zum ersten Mal eine fünfstellige Summe ein. Nicht nur in der Autoindustrie machte sie sich damit Feinde - sondern auch im Weißen Haus. Der Secret Service sei jedenfalls „not amused“ gewesen, sagt sie mit einem Lachen.

Neue alte Liebe: Privat fährt Priddy einen alten Volvo Neue alte Liebe: Privat fährt Priddy einen alten Volvo Quelle: Brenda Priddy

Mit der Kamera zum Einkaufen

So angespannt die Situation mit den Testfahrern im Valley auch manchmal sein mag, so sehr ändert sie sich, wenn die Prototypen wieder in ihren Garagen stehen. „Es ist das normalste von der Welt, dass wir abends an der Bar gemeinsam einen trinken. Wir pflegen Freundschaften die oft bis in ferne Länder reichen“, erzählt Priddy. Doch auch wenn abends herzlich zusammen gelacht wird: Sobald die Autos am nächsten morgen aus den Garagen rollen, ist die Jagd wieder eröffnet.

Nach den vielen Jahren wird Brenda Priddy zwar noch immer nervös, wenn sie ein Auto in Camouflage sieht. „Und ohne Kamera gehe ich nicht mehr vor die Türe, nicht mal zum Einkaufen.“ Doch macht sie sich trotzdem Gedanken über die ihre eigene Zukunft. Auf der einen Seite bildet sie deshalb Nachwuchs aus, indem sie für Hobbyfotografen sogenannte Spy-Camps in der Nähe des Death Valley anbietet. Zum anderen arbeitet sie bereits an einer neuen Karriere. Natürlich wieder mit Kamera. Sie macht Fotokunst und stellt in renommierten Museen aus.

Den ganz neuen Autos kehrt sie dabei langsam den Rücken. Weil sie tagein tagaus nichts anderes sieht als die Modelle von morgen, blickt sie privat lieber zurück. Sie hat sich gerade einen alten Volvo gekauft. „Der hat nicht nur mehr Charme als die ganzen Prototypen“, sagt sie mit einem Lächeln: „Sondern den kann man auch ganz ohne Geheimniskrämerei fotografieren.“ Allerdings nicht im Death Valley, unkt die Königin aus dem Tal des Todes: „Das schafft die Kühlung leider nicht mehr“.

Weitere MOTOR-TALK-News findet Ihr in unserer übersichtlichen 7-Tage-Ansicht

Quelle: SP-X

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