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Hyundai Nexo (2018) Wasserstoff-SUV im Test: Fahrbericht, Preis - Hyundai holt die Wasserstoff-Zukunft näher heran

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Der schmeckt ein bisschen nach Durchbruch: Hyundais Brennstoffzellen-SUV Nexo überzeugt mit Alltagstauglichkeit, viel Ausstattung und intelligenten Details. Fahrbericht.

MOTOR-TALK-Redakteur Björn Tolksdorf mit dem Hyundai Nexo: Mittelfristig träumen die Koreaner von 1.000 Verkäufen pro Jahr in Deutschland MOTOR-TALK-Redakteur Björn Tolksdorf mit dem Hyundai Nexo: Mittelfristig träumen die Koreaner von 1.000 Verkäufen pro Jahr in Deutschland Quelle: Hyundai

Oslo - Vom Schmuddelkind zum Musterknaben: Noch vor wenigen Jahren hinkte Hyundai-Kia bei den CO2-Zielen hinterher. Man behalf sich mit Tricks: Elektroautos wurden zu Hunderten in der EU erstzugelassen, dann aber nach Norwegen verkauft. Heute verfügen die Koreaner über ein respektables Angebot an Hybrid- und Elektrofahrzeugen. Und werden wahrscheinlich mit Ioniq, Kona Elektro und Co. einen großen Beitrag zur Demokratisierung dieser Technologien leisten.

In Zukunft könnte das auch für den Wasserstoffantrieb gelten, dem viele in puncto Langstreckentauglichkeit, Komfort und Umweltfreundlichkeit die besten Perspektiven zusprechen. Hyundai bezeichnet sich stolz als „europäischer Marktführer in der Brennstoffzellentechnik“. Bisher eine Nische: Den ix35 Fuel Cell hatte man seit 2013 im Angebot, insgesamt 200 Exemplare konnten davon in Deutschland zugelassen werden.

Auf den ersten Blick: Erfrischend gewöhnlich

Kein Sportler: Mit seinen 120 kW Leistung ist der gut 1,8 Tonnen schwere Hyundai nicht eben übermotorisiert Kein Sportler: Mit seinen 120 kW Leistung ist der gut 1,8 Tonnen schwere Hyundai nicht eben übermotorisiert Quelle: Hyundai Der Nachfolger Nexo wird dies ohne Zweifel toppen. 180 Vorbestellungen zählt Hyundai Deutschland bereits für sein neues Wasserstoff-SUV, seit im April die Bücher geöffnet wurden. Mittelfristig hält man in der Offenbacher Zentrale 1.000 Fahrzeuge im Jahr in Deutschland für möglich.

Was dem Nexo dabei nicht schaden wird: Obwohl ihn eine exotische Technik antreibt, steht hier zuerst ein erfrischend gewöhnliches SUV. E-Autos neigen zur futuristisch-geschlossenen Front. Eine Brennstoffzelle benötigt Sauerstoff, und davon nicht wenig. So trägt der Nexo einen auffälligen Grill, als wäre er ein gewöhnliches Diesel-SUV.

Dass das nicht so ist, zeigen viele aufwendige Details. So wird die D-Säule vom Fahrtwind durchströmt, an der Front optimieren ausgefuchste Windkanäle die Aerodynamik. Tesla-mäßig elektrisch versenkbare Türgriffe dienen vorgeblich auch nur der Aerodynamik, machen aber was her. Mit 4,67 Metern Außenlänge sortiert sich der neue Hyundai Nexo zwischen Hyundai Tucson (4,48 m) und Hyundai Santa Fe (4,77 m) ein und konkurriert vom Raumangebot her mit Mittelklasse-SUV.

Zwischen Airbus und Hifi-Anlage

Ein bisschen Zukunftslook gönnten sich die Koreaner ganz bewusst auch im Innenraum. Die breite Mittelkonsole kann nicht mehr als jede andere Mittelkonsole, sortiert sich aber optisch irgendwo zwischen Flugzeugcockpit, Porsche und Achtzigerjahre-Hifi-Anlage ein. Blödsinn oder cool? Geschmackssache.

Ein bisschen Raumschiff muss sein: Cockpit des Hyundai Nexo Ein bisschen Raumschiff muss sein: Cockpit des Hyundai Nexo Quelle: Hyundai An der Verarbeitungsqualität lassen die Koreaner keine Zweifel aufkommen. Die gewählten Materialien sind allerdings teilweise billiger, als sie aussehen. Etwa die umlaufende Blende aus dünnem Plastik, das gebürstetes Metall simuliert. Unterm Strich: klassengerecht mit gehobenem Touch. 11 Prozent des Innenraums, so Hyundai, besteht aus ökologisch abbaubarem Material wie Bambus und Zuckerrohr. Alle Lederteile sind in veganer Kunstlederausführung lieferbar.

Antrieb: Kälter und haltbarer

Genug, einen Innenraum hat jedes Auto – einen Wasserstoffantrieb nicht. Im riesigen Hyundai-Konzern besitzt man selbst die Kompetenz für die Technik und ist so weniger auf externe Zulieferer angewiesen, betont man. Die Brennstoffzelle speist mit ihrem Strom je nach Bedarf den Motor direkt oder den 1,56 kWh großen Akku. Dessen primäre Funktion ist es, sicherzustellen, dass die 120 kW Leistung des Elektromotors stets abrufbar sind. Die Brennstoffzelle selbst leistet maximal 95 kW.

Mit einem Wirkungsgrad von 60 Prozent arbeitet das Brennstoffzellensystem deutlich effizienter als im Vorgänger. Effizienter als ein Verbrennungsmotor sowieso, sagt Hyundai. Kaltstarts sollen nun auch bei minus 30 Grad problemlos gelingen, und der Haltbarkeit ihrer Brennstoffzelle trauen die Koreaner 10 Jahre oder 160.000 Kilometer lang über den Weg.

Die drei Wasserstofftanks bestehen aus einem Carbongemisch und fassen 6,33 Kilogramm oder 156,6 Liter des Treibstoffs. Das reicht im realitätsnahen WLTP-Zyklus für teuflische 666 Kilometer Reichweite. Augenhöhe mit handelsüblichen Benzinern also, ebenso wie die Wiederbetankung in weniger als fünf Minuten. Was allerdings auch für die Spritkosten gilt: Bei knapp 10 Euro für ein Kilo Wasserstoff kostet die Tankfüllung derzeit rund 60 Euro. Wasserstoff ist noch nichts für Sparfüchse, das gilt nicht nur beim Fahrzeugpreis.

Totwinkel-Warner mit Kamerabild: Eine der besten neuen Alltagsideen im Nexo Totwinkel-Warner mit Kamerabild: Eine der besten neuen Alltagsideen im Nexo Quelle: Hyundai Fahrerisch verhält sich der Nexo sehr ähnlich zu einem Elektroauto, nur ein leichtes Rauschen deutet auf die viel komplexere Antriebstechnik hin. Allerdings: Mit 163 PS ist das leer gut 1,8 Tonnen schwere SUV alles andere als übermotorisiert. Viele Elektroautos vermitteln etwas mehr Fahrspaß, sofern man darunter vor allem „Leistung“ versteht. Ansonsten gibt es am Fahrverhalten nichts zu kritisieren: Der Hyundai Nexo lenkt präzise, bremst ordentlich und federt satt und komfortabel. Prädikat: langstreckentauglich. Wenn man weiß, wo die Zapfsäulen stehen.

Der beste Totwinkel-Assistent der Branche

Was den Koreanern wichtig war: Der Hyundai Nexo soll nicht nur beim Antrieb den Blick nach vorn richten. Daher bekommt das SUV eine Armada von Assistenz-und Sicherheitssystemen, beherrscht mit Ausnahme des selbständigen Überholens den aktuellen Stand der Level-2-Autonomie. Mit wenigen Änderungen sei der Nexo mit dieser Sensorik in Korea bereits voll autonom gefahren, sagt Hyundai. Insbesondere den Spurhalte-Assistenten haben die Hyundai-Ingenieure gut abgestimmt. Die Lenkbewegungen erfolgen sanft, aber bestimmt und halten das Auto sicher in der Mitte der Spur. Nur auf Straßen mit fehlender Mittellinie muss der Fahrer den Helfer gelegentlich überstimmen.

Besonders beeindruckend: Der Nexo kann ohne Fahrer am Steuer selbständig ein- und ausparken. Das gibt es bei Mercedes und BMW ab der oberen Mittelklasse aufwärts. Viel schlichter, aber genauso spektakulär: Den toten Winkel erfasst der Nexo beim Fahren mit je einer Kamera rechts und links. Wird der Blinker betätigt, wird eine rückwärtige Ansicht der benachbarten Fahrbahn auf der Instrumententafel eingeblendet. Auf den ersten Blick womöglich verzichtbar, auf den zweiten Blick: der beste Totwinkel-Assistent am Markt.

Gut: Nichts im Nexo handhabt sich exotisch. Er bedient sich so intuitiv und selbsterklärend wie jeder andere Hyundai. Wie in neueren Mercedes-Modellen bilden der digitale Instrumentencluster und ein 12,3-Zoll-Bildschirm für die Navigation optisch eine zusammenhängende Einheit, im animierten Wasserstofftank blubbern digitale Bläschen.

Freundliches Detail: Becherhalter für den Beifahrer Freundliches Detail: Becherhalter für den Beifahrer Quelle: Hyundai Die Schaltwippen am Lenkrad steuern die Stärke der Bremsenergie-Rückgewinnung (Rekuperation). Die Handyladeschale platzierten die Designer unter der freischwebenden Mittelkonsole – während der Fahrt kommt man da nicht besonders gut heran. Soll man auch nicht, der Nexo beherrscht alle gängigen Konnektivitätsstandards.

Die besten Plätze im Nexo befinden sich jedoch nicht vorn, sondern hinten. Auf der Rücksitzbank prunkt das SUV mit jeder Menge Raum in alle Richtungen, auch nach oben – obwohl sich zwei von drei Wasserstofftanks unter dem Sitz befinden. Der dritte begrenzt das Kofferraumvolumen auf ordentliche 461 Liter. Unter dem Ladeboden befindet sich nur ein winziges Staufach.

Ziemlich teuer für ein Mittelklasse-SUV

Was kostet der Spaß? Das ist ausnahmsweise nicht die entscheidende Frage. Das Fahren mit Wasserstoff rechnet sich derzeit noch nicht. Nicht finanziell und nicht ökologisch – da der getankte Wasserstoff zumeist noch unter hohem Energieaufwand aus Erdgas gewonnen wird. Mit 69.000 Euro ist der Hyundai Nexo immerhin deutlich günstiger als der Toyota Mirai (78.600 Euro) und zudem deutlich luxuriöser ausgestattet. Einzige Option neben einem Mattlack ist das „Premium-Paket“ für 3.500 Euro Aufpreis. Es umfasst ein Krell-Soundsystem, einen 360-Grad-Monitor, 19-Zoll-Felgen, ein Panoramadach sowie beheizbare und belüftete Sitze.

Laut Hyundai-Deutschland-Chef Markus Schrick verdient Hyundai bei diesem Preis tatsächlich Geld mit dem Nexo. Wenn auch etwas weniger als bei anderen Modellen. Der Nettopreis von 57.983 Euro qualifiziert das Wasserstoff-SUV für die Umweltprämie, es dürfen also noch einmal 4.000 Euro abgezogen werden. Wer will, kann den Nexo für 550 Euro netto im Monat leasen.

Bei Bestellung und Wartung sind zudem keine weiten Anfahrten nötig. Beinahe jeder Hyundai-Händler kann das Modell ordern und sei auch darauf ausgelegt, die Wartung durchzuführen, sagt Schrick. Wie bei Hyundai üblich, sollen fünf Jahre Garantie aufs Auto und acht Jahre Garantie auf die Batterie die Entscheidung erleichtern. Das wird dem Nexo vorerst trotzdem nur wenig helfen. Pioniere haben es eben schwer.

Technische Daten Hyundai Nexo

  • Energiequelle: Brennstoffzelle, 95 kW
  • Motor: Elektro
  • Akku: 1,56 kWh
  • Leistung: 120 kW (163 PS)
  • Drehmoment: 395 Nm
  • 0-100 km/h: 9,2 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 179 km/h
  • Verbrauch: 0,95 kg/100 km
  • Reichweite: 666 km (WLTP)
  • Länge: 4,67 m
  • Breite: 1,86 m
  • Höhe: 1,64 m
  • Radstand: 2,79 m
  • Leergewicht: 1.814 kg
  • Kofferraum: 461-1.466 l
  • Preis: 69.000 Euro
  • Marktstart: August 2018

 

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