Like a Lord - 60 Minuten Rolls-Royce Phantom II

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VON CONSTANTIN BERGANDER

Eine Stunde hat die Dame von Rolls-Royce gesagt. Eine Stunde darf ich den Phantom II fahren. Das ist viel zu wenig, um es zu genießen. Aber viel zu wertvoll, um es verfallen zu lassen. Zeit ist schließlich Geld.

"Ist der riesig", denke ich, als der Rolls-Royce Phantom Series II und ich uns das erste Mal begegnen. Der 1,04 Meter hohe Kühlergrill reicht mir (1,90 Meter) bis zum Gürtel, in die 5,84 Meter der Karosserie passen mein Golf und ich hintereinander.

Auf der Spitze thront Emily, „The Spirit of Ecstasy“, die eigentlich Eleanor heißt. Aber das ist eine andere Geschichte. Kein Windkanal schärfte diesem Auto den Scheitel, cw-Wert, Stirnfläche, schnödes Geplapper der einfachen Meute. Kein Lüftchen leistet diesem Kühler Widerstand. Die Zeit scheint still zu stehen.

00.00: The time is now

Dabei rast sie. 60 Minuten darf ich der Lord über dieses 420.000 Euro teure Vehikel sein. 60 Minuten unterwerfe ich mich dem Diktat der Schönheit und Stärke; und tauche ein in ein Meer aus Überfluss. Jede Minute ist kostbar wie 7.000 Euro, jede Sekunde 116 Euro wert. Das ist rein rechnerisch nicht ganz richtig. Aber bleibt Ihr mal klar, wenn Ihr eine fahrbare Stadtvilla bewegt.

Für die Detailverliebten: Der Phantom II bekam ein paar kleine Blechrundungen vorn und hinten, dazu LED-Scheinwerfer. Aber das tut hier nichts zur Sache.

 

Minute 1: Please have a seat

Die Zeit läuft, also ab hinter das Volant. Klar, hinten sitzt man besser. Aber ich möchte fahren. Mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, denn das Steuer befindet sich rechts. Very british. Meine 90-Euro-Jeans (Made in China) gleitet über feinstes Rindsleder (hergestellt in einer sächsischen Traditionsgerberei) auf den Fahrersitz. Neben dem riesigen Volant verschwindet der elektronische Zündschlüssel beinahe vollständig im Zündschloss. Kein unnötiger Schalter stört den eleganten Gesamteindruck des Interieurs, alles wird von holzgetäfelten oder belederten Klappen verdeckt. Ein Druck auf den Startknopf lässt den gewaltigen Zwölfzylinder erwachen. Ich lausche der Stille. Nur die ausschlagenden Rundinstrumente verraten, dass die Pferde gesattelt sind.

Minute 5: Let's have a ride

35.000 Euro, 5 Minuten, sind vorbei. Der dünne Wählhebel für die neue Achtgang-Automatik ragt grazil neben dem Lenkrad hervor. Ich löse die Feststellbremse, wähle die Fahrstufe D und lasse dem Rolls seinen Lauf. Zaghaft spiele ich mit dem Gas, das 460-PS-Triebwerk quittiert meine Vorsicht gutmütig. Wenn ich wollte, wie ich könnte, dann würde ich dieses bis zur letzten Schraube auf Komfort ausgelegte Gefährt in höchstens sechs Sekunden auf 100 km/h... aber bitte, bitte, Gentlemen, wer will denn in diesem Rolls-Royce rasen? Gelassen biege ich vom Parkplatz auf die Hauptstraße. Zeit ist Geld, ja. Aber ein anderes Auto kaltverformt in meinem, was wäre das für eine Verschwendung.

Minute 10: Observe your sourroundings

Langsam gewöhnen wir uns aneinander, mein Rolls und ich. Mir ist die Sitzposition etwas zu hoch, das erinnert mich zu sehr an meine Zeit als Umzugshelfer. Gut, der Wagen erreicht mit 5,84 Meter Länge und zwei Metern Breite die Dimensionen eines Lieferwagens. Darum wandert mein Blick immer wieder zu den Außenspiegeln. Unterstützt werde ich von fünf Kameras, deren Bilder sich auf einem 8,8 Zoll Display zeigen. Rundumsicht, ein Blick von oben, alles ist möglich. Und wer den Screen nicht sehen will, lässt ihn verschwinden. Einfache Menschen in einfachen Fahrzeugen schauen uns ehrfürchtig zu. Sie versuchen, einen Blick in den Fond zu erhaschen. Mich lässt das kühl. Denn der Rolls und ich, wir schweben auf Wolke Sieben über Spurrillen und Kopfsteinpflaster.

Minute 20: Off to the motorway

Ich möchte der Enge der Stadt entfliehen. Wir brauchen Freiheit, Landstraßen, Autobahnen! Die Pferde sollen rennen, der Motor rasen. Erst war ich ein Star, jetzt kriecht Übermut in mir hoch. Renn, Rolli, renn. Der Phantom hat eine Kraftreserven-Anzeige – bisher waren stets 90 Prozent übrig. Da gibt es nur eins: Kickdown! Die Automatik schaltet einige Gänge runter. Das Triebwerk treibt das 2,7-Tonnen-Schiff voran, ich höre den Motor. Und spüre seine Kraft! 720 Newtonmeter pressen mich in das weiche Gestühl, der Blechkoloss stürmt wie eine Gazelle. 240 km/h wären möglich. Mir reichen vorerst 180. Selbst da fühlt er sich noch an, als seien wir innerorts unterwegs.

Minute 30: Your turn, Mr. Bien

Genug gearbeitet. Wer richtig Geld hat, der lässt sich fahren. Euros habe ich zwar kaum, aber diesen Phantom. Und einen Chauffeur mit dem putzigen Namen Mr. Bien. Bitte lacht an dieser Stelle leise. Ulrich kann nichts dafür. Er öffnet mir die hinten angeschlagene Tür und gewährt mir Zugang zur Welt der oberen Zehntausend. Denn nur ca. 2.000 Phantom werden pro Jahr verkauft.

Hinten versinke ich im Luxus. Allein fünf Minuten erforsche ich die Feinheiten der Rücksitzbank. Audiosystem, Monitor, Sternenhimmel – es gibt so viel zu entdecken. Ein Industriegebiet wischt an meinem Fenster vorbei und verschwimmt vor meinem inneren Auge zu einer englischen Lordschaft.

Minute 40: Tales of Rolls-Royce

Ulrich Bien erzählt Geschichten aus einer anderen Welt, während ich mich in dieser entspanne. In China sei der durchschnittliche Käufer nicht einmal 30 Jahre alt. Dafür behaupten böse Zungen, der britische Adel könne sich so etwas nicht mehr leisten. Meine Haltung dazu: Ein Rolls-Royce passt besser zu einem Lord als zu einem asiatischen Jüngling. Unbegrenzt alltagstauglich sei ein Phantom übrigens auch. Aha! Na dann - „Mr. Bien, bitte Zur Goldenen Möwe“

Beinfreiheit pur Beinfreiheit pur Minute 50: Like a lord

Klischee ist, wenn man es trotzdem macht. Millimetergenau zirkelt Mr. Bien den Rolli durch die enge Zufahrt. Zum ersten Mal bestelle ich Fast Food vom Rücksitz und stoße bei der Gelegenheit mit Apfelschorle und Mr. Bien an. Wie hübsch, der Pappbecher passt perfekt in den Getränkehalter. Vom Beifahrersitz eines getunten Opel Astra zwinkert mir eine süße Dame zu, ihr Freund starrt stumpf auf seinen Burger. Ich schalte den LED-Sternenhimmel ein, dimme das Licht und lasse mich von Ludwig van Beethovens Klängen berieseln. Das Audiosystem wurde von Rolls-Royce selbst entwickelt und klingt klarer und schöner als alles, was ich bislang gehört habe. Außer der Stimme meiner Freundin. Wahnsinn!

Minute 60: Back to reality

Die letzten Sekunden verrinnen, als wir auf den Parkplatz zurückrollen. Mr. Bien öffnet mir nicht mehr die Tür, ich muss mich selbst bewegen. Ich bin leer, müde, arm. Natürlich spielt Geld keine Hauptrolle in meinem Leben. Aber in den vergangenen 3.600 Sekunden, da habe ich über verchromte Auspuffendrohre für 5.350 Euro nur gelächelt. Weiße Ziffernblätter für 5.225 Euro. Kaufen! Die süße, kleine Minibar in den hinteren Türen für 15.150 Euro? Ja soll ich denn durstig reisen? Eine eingebaute Vorfahrt hat der Rolls nicht, noch nicht. Aber es fährt sich privilegierter im Stau. Ob dieser Wagen wirklich das beste Auto der Welt ist, kann ich nicht sagen. Aber sagen kann ich, dass nicht mehr viel zur Vollkommenheit fehlt.

Der Herr mit Sonnenbrille und blauem Oberhemd ist übrigens nicht Mr. Bien. Diese Exklusivität blieb mir vorbehalten.

 

Quelle: MOTOR-TALK

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