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Zwei T-Modelle für den Alltag

verfasst am Mon Dec 05 10:42:59 CET 2011

Die Mercedes-Benz W123-Topmodelle 280 TE und 300 TD Turbodiesel sind im Bestzustand so teuer wie eine gute Große Flosse. Der erste Serienkombi von Mercedes verabschiedet sich in die Klassiker-Lounge. Das ist die große Chance für den W 124. Viele Fans finden den jungen Typ heute schon viel cooler.

Sie können verschiedener nicht sein, aber das macht diesen Vergleich so reizvoll. Auf den ersten Blick geben sie das ideale Paar, ergänzen einander perfekt. Der Mercedes 123 für die Sommersaison, der Mercedes 124 für den Alltag. Beide genießen ein prächtiges Image, sind gleichermaßen klassenlos wie salonfähig.

Das stilistische Kompliment für die Mercedes T-Modelle vom Lifestyle-Kombi wirkt auch nach Jahrzehnten nach. Der Buchstabe T, Synonym für Touristik und Transport, wurde in den siebziger Jahren zu einer neuen Wagenklasse, die weit mehr war als nur die vierte Baureihe von Mercedes. Beide, Mercedes 123 T und 124 T, waren in ihren jungen Jahren die Lieblinge gebildeter Freiberufler.

In den Mercedes-Prospekten wurden Klischees vom Architekten, der seine Modellbau- Vorstadtsiedlung einlädt und vom kreativen Fotografen, der seine Studioblitzanlage in seinem 280 TE verstaut, dem wahren Leben abgeguckt. Ein bornitfarbener Mercedes-Benz 300 TE-24 diente in einer begehrten späten Broschüre einer Boutique-Besitzerin auf High Heels als mobiler Kleiderkoffer. So weit die Gemeinsamkeiten, jetzt zu den harten Kontrasten. Die Rolle des etablierten Kombi-Klassikers mit beachtlicher Preiskarriere und bester Zukunftsprognose besetzen wir mit dem 123er.

Entschleunigung: Diesel-123er fahren

Ein schlichter Mercedes 240 TD in Classicweiß 737 spielt diesen Part, seine Extras lassen sich an einer Hand aufzählen, und sein Temperament hat etwas zutiefst Entschleunigendes. Schon bei Tempo 140 riegelt die Einspritzpumpe abrupt ab, bei 60 schreit der träge, aber treue OM 616 nach dem dritten Gang. Und wer das dennoch erstaunliche Drehvermögen des Oelmotors (Daimler-Jargon) nutzt, kann sich mit einem 1100er Renault 4 oder einem 44-PS-VW-Käfer Beschleunigungsduelle liefern. Wobei schon klar ist, dass der Diesel am Aichelberg verliert.

Jedoch ist der weiße Mercedes 240 TD mit einer hervorragenden rostfreien Substanz gesegnet, hat erst knapp über 150.000 Kilometer im Schongang behutsamer Vorbesitzer zurückgelegt und erwartet in exakt zwei Jahren das H-Kennzeichen. Schon die Schmutzfänger hinten, ein original Mercedes Aftersales-Zubehör, verziert mit weißem Stern, verraten die fürsorgliche Pflege. Eine krude Anhängerkupplung musste der Wagen mit dem betont korrekten Buchhalter-Charme nie ertragen. Anders als die meisten seiner geschundenen Dieselkollegen und vierzylindrigen Normalo-Benziner hatte dieser 240 TD ein schönes Leben.

124er-T-Modell: 515.000 intensiv erfahrene Kilometer

Sein Herausforderer, der Mercedes 124, ist ein glamouröser Typ, der auf ein bewegtes Dasein zurückblickt. Viel mehr smarter Playboy als pedantischer Spiessbürger, liebt er das Auffällige und ist ein Draufgänger. Almandinrot 512, dieser schillernde Rubinton, der im Sonnenlicht zu bengalischem Feuer erwacht, ist ein Versprechen, das sagen viele Mercedes-Fans. Es wirkt nur bei souveränen Motoren und mit schwarzer Beinahe-Vollausstattung, passt weder zu 250 TD noch zu einem Mercedes 230 TE. Doch diesem 93er E 280 T - nach der zweiten Modellpflege vom Juni 1993 sieht er mit seinem flachen Plakettenkühler leider nicht mehr so schön aus und nennt sich kompliziert - steht der laszive Ellen-Betrix-Ton ausgezeichnet. Er hat diese gewisse Verruchtheit, die zu 515.000 intensiv erfahrenen Kilometen ebenso passt wie zum schwarzen Sportline-Leder, so maßgeschneidert, wie es der 500 E trug. Er mag es opulent, 14 Sonderausstattungen versüssen ihm das Leben.

Darunter Klimaanlage, zwei Airbags, Wurzelnussholz, Leder um Lenkrad und Wählhebel. Da sind wir schon bei der Automatik, die wäre beim Mercedes 240 TD ein Hemmschuh. Im Mercedes E 280 T, wir müssen ihn so nennen, sonst besteht Verwechslungsgefahr mit dem 123er-Topmodell, ist sie ganz wichtig für das lässige Fahrerlebnis im fliegenden T-Cruiser.

Aber in diesem Punkt dann doch Mäßigung, lieber Viergang als das anfällige, elektronisch gesteuerte Fünfgang-Pendant, das im September 1993 noch mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte. Theoretisch würde ein Gang mehr besser zum enorm drehfreudigen Doppelnockenwellen-Vierventiler des Mercedes E 280 T passen. Satte 197 PS leistet der Bilderbuch-Reihensechszylinder, er bleibt damit 23 PS hinter dem Kombi-Topmodell Mercedes E 320 T, dessen Motor ebenfalls zur neuen Generation der Vierventil-Reihensechszylinder gehört, die der kapriziöse M 104-Vorgänger im 300 TE-24 schon 1989 einleitete.

Ab 4.500 wird das monumentrale Triebwerk kernig

Eine hydraulisch verstellbare Einlassnockenwelle verbessert Füllung und Durchzugskraft bei unteren und mittleren Drehzahlen, die späteren Varianten 280er und 320er kaschieren diesen Schwachpunkt früher Vierventiler noch mit einem variablen Schaltsaugrohr, ein mattschwarzes kunstvolles Gebilde. Es sitzt auf der Ansaugseite des monumentalen Triebwerks.

Nur bei starkem Beschleunigen ändert der Sechszylinder im Mercedes E 280 T seine smarte Tonlage, über 4.500/min wird er bei Kickdown oder handgeschaltet plötzlich kernig. Da trompetet er los wie ein wahrer Sportwagenmotor, der er ja im Mercedes 129er SL-Roadster auch fraglos sein will.

So gesehen ist er der legitime Nachfolger des alten Schwermetall-Doppelnockers aus dem 123er 280 TE. Im Mercedes 124-Kombi entfaltet das souveräne Kraftpaket seinen besonderen Reiz, keiner traut ihm den Biss und die Drehfreude zu. Beide Attitüden unterscheiden ihn elementar vom sanften Mercedes 300 TE, der auf dem Papier nur 17 PS weniger aufweist.

Ob Mercedes 300 TE oder E 280 T, beide bieten Leistung im Überfluss - auch gemessen an heutigen Straßenverhältnissen mit der bedrohlichen TDI- und CDI-Schwadron im Rückspiegel. Da kommt der weiße Mercedes 240 TD verdammt ins Schwitzen, ein Diesel alter Schule eben, lahm, nicht gerade leise. Er hat seine Wurzeln in der Wirtschaftswunderära, stammt in seiner Urversion OM 621 mit drei Kurbelwellenlagern aus dem Ponton-190 D von 1958.

Der Mercedes 123 fühlt sich auch beim Fahren wie ein Oldtimer

Aber das stoische Pochen seines Selbstzünder-Herzens trägt den Mercedes 240 TD und seine Besatzung überall hin. Irgendwo bei geschätzten 3.000/min im vierten Gang - einen Drehzahlmesser hat er leider nicht - besser also bei Tempo 110, fühlt er sich am wohlsten. Dann verfällt der einst fortschrittliche OHC-Vorkammerdiesel in diesen einschläfernden Singsang, der wie aus weiter Ferne klingt. Eine Ode an die Geborgenheit, so beruhigend, dass es sie als Chillout-CD geben müsste, im Café del Mar-Remix eingespielt wie Meeresrauschen.

Es liegt sicher auch an diesem archaischen Dieselmotor, dass sich der Mercedes 123er-Kombi im Vergleich wie ein echter Oldtimer anfühlt. Er fährt sich wie ein Strichacht, nicht so knackig und präzise wie ein zeitgenössischer BMW. Eher behäbig, mit etwas Spiel um die Mittellage des viel zu großen Lenkrads, mit langen, elastischen Schaltwegen.

Sein Kurvenverhalten bleibt stets gutmütig und kräftig untersteuernd, alles auf Nummer sicher ausgelegt. Keineswegs sportlich, dafür aber sehr komfortabel, die serienmäßige Niveauregulierung des Mercedes W123 kompensiert ebenso wirksam wie diskret den negativen Einfluss voller Beladung auf die Fahrsicherheit.

Mercedes W 124: Mit Raumlenkerachse seiner Zeit weit voraus

Der Mercedes 124 T ist dagegen, wenn der Fahrer es will, ein behänder Sportwagen, leichtfüssig und mit präzisem, gut berechenbaren Einlenkverhalten, geradezu kurvengierig und dabei auch noch sanft gefedert, gut gedämpft. Die Raumlenkerachse hat Mercedes fahren wahrlich revolutioniert. Er ist, fahrdynamisch betrachtet, zwei Modellgenerationen weiter als sein Vorgänger.

Stilistisch zeigt der Mercedes W123 das auch, so vollkommen entchromt und aerodynamisch geglättet. Nach Modellpflege zwei mutiert die Kühlerattrappe zum bloßen Kühlergrill, der Stern verliert sein angestammtes Zuhause über dem Benz- Lorbeerkranz.

Die noch beim Mercedes W 123 zelebrierte Karosserieform im barocken Stil der 116er-S-Klasse ist quasi nur ein großes Facelift. Bis auf die filigranere und damit weniger robuste Vorderachse bleibt technisch alles beim Alten. Selbst das gefeierte Kombiheck des eleganten Salonlöwen, der vor Oper und Baumarkt brilliert, entpuppt sich als geschickte Zweitverwertung.

Mercedes-Stilist Paul Bracq passte es schon seinem geliebten Strichacht an, eins zu eins wie Jahre später beim Mercedes W123. Das belegen Schwarzweißfotos von Holzmodellen und Prototypen. Gerade die bei Kombis kritische Partie der Rückleuchten löste Bracq meisterhaft, indem er Rückfahrscheinwerfer und Nebelschlussleuchte in die hintere Stoßstange hineinmodellierte.

Mercedes-Kombis setzen Maßstäbe

Nach dem improvisierten Universal-Kombi auf Heckflossenbasis, gebaut von der belgischen Firma IMA, sollte der erste Serienkombi von Mercedes auch in praktischen Dingen Maßstäbe setzen. Die äußerst variable Innenraumaufteilung mit Kindersitzbank, die bei Nichtgebrauch spurlos im Souterrain des Laderaums verschwindet, beweist diesen Perfektionismus im Detail ebenso wie die Dachreling mit modularem Dachgepäckträger oder das unschlagbar geniale Doppelrollo, zärtlich "Doro" genannt. Vor allem das Doppelrollo des Mercedes T-Modells ist so ein typischer Geniestreich der Ingenieure. Trennwand und Laderaumabdeckung in einem, kann es in die Heckklappe eingehängt werden und schützt den Laderaum nach dem Schließen automatisch vor neugierigen Blicken.

Kauftipp: Mercedes E 220 T oder 230 TE

Oder die Tatsache, dass in einem Mercedes T-Modell einfach nichts rumliegt, Staufächer für Warndreieck, Verbandskasten und Bordwerkzeug schaffen Ordnung. Auf diese Tugenden konnte der Mercedes 124er locker aufbauen. Seine ausgeklügelte Zuziehhilfe für die Heckklappe macht Kombi fahren noch eine Spur kultivierter.

Das T-Modell toppt beim 124er in Fan-Kreisen sogar die stilsicheren Coupés. Vieles spricht dafür, dass der Mercedes 124 T dem Vorgänger in Kürze den Rang des ultimativen Kult-Kombis mit Stern streitig macht. Er fährt sich viel besser, verbraucht weit weniger und wirkt heute noch zeitgemäß. Und es gibt noch viel mehr davon. Qualitativ sitzt er sogar locker den 210er aus, der - obwohl jünger - schon angezählt ist.

Die Preise sind noch erträglich, es existiert eine Fülle attraktiver Modelle wie die leistungsstarken Sechszylinder. Leider flüchten die T-Königsdiesel wegen der Plakettenhysterie zuhauf ins Ausland. Unser Tipp: Mercedes E 220 T oder 230 TE, jetzt kaufen! Das beste Exemplar, Rendite garantiert.

 

Quelle: Motor Klassik