Mercedes E 63 AMG: Erste Ausfahrt

AMG, Tempolimit und Barry White

Björn Tolksdorf

verfasst am Mon Feb 25 10:19:48 CET 2013

Die E-Klasse von AMG setzt auf dem Papier Bestwerte. Leider spürt man davon auf der Landstraße nur wenig. Warum der Mercedes E 63 AMG dabei trotzdem Spaß macht.

Das Wettrüsten in der Oberklasse hat Mercedes vorläufig gewonnen. Der E 63 AMG hängt RS6 und M5 um ein paar Zehntel ab.

Barcelona - Der kalte Krieg ist vorbei, sollte man meinen. Aber zwischen der M GmbH, der Quattro GmbH und AMG gibt es ein neues Wettrüsten. Wer hat das stärkste, schnellste, atemberaubendste Oberklassemodell? Mit dem neuen E 63 AMG S 4matic hat Mercedes diese Frage bis auf Weiteres geklärt. 585 PS, 800 Nm, 0-100 km/h in 3,6 Sekunden – da bleibt den Bayern vorerst die Luft weg.

Audis RS6 Avant "begnügt" sich mit 560 PS, 700 Nm Drehmoment und braucht 3,9 Sekunden für den Spurt auf 100 km/h. Vor allem fehlt ihm aber die Typzulassung, man kann dieses Auto nicht kaufen.

Der BMW M5 stemmt ebenfalls 560 PS, sein maximales Drehmoment liegt bei 680 Nm. Die 100 km/h passiert er nach 4,3 Sekunden. Eine Allradversion des BMW M5 ist nicht geplant.

Der Mercedes E 63 AMG schafft die Quadratur des Kreises: Eine kompromisslose Fahrmaschine mit guten Komfort-Eigenschaften.

Hallo, ich bin ein V8

Vor Kurzem habe ich ausführlich die neue Mercedes E-Klasse erlebt, als das, was sie ist. Eine souveräne Sänfte, das Maß aller Dinge im ministerialen Fuhrpark wie in der Taxiflotte. Jetzt steht vor mir wieder eine E-Klasse. Eine, die mit Zurückhaltung und Sanftheit nichts am Rad hat - Der E63 AMG. Für einige Stunden muss ich den Spagat finden zwischen den Möglichkeiten dieser Rennmaschine und den Einschränkungen, die Verkehrsregeln und Straßenverkehr mir auferlegen.

Ich sinke ins tiefergelegte Gefährt auf straffes Sportgestühl. Dem Dreh am Zündschlüssel folgt hier kein dezentes E-Klasse-Säuseln. Vielmehr die Ansage: Hallo, ich bin ein V8. Ein kräftig-sonores Brubbeln tönt aus der klangoptimierten, doppelten Doppelendrohr-Anlage. Ein kurzer Gas-Test im Leerlauf verwandelt es in ein heiseres Kreischen, gedeckelt bei etwa 3.500 U/min.

Hier lässt es sich schalten und walten. Schalthebel auf der Mittelkonsole, daneben die Auswahl an AMG-Sonderfunktionen.

Gefühlt geschrumpft

Ab auf die Autobahn, raus aus der Stadt. Schnelle Zwischensprints bleiben ein kurzes Vergnügen, dank des strikten Tempolimits von 120 km/h. Ja, ich halte mich daran. Die ungeheuren Kräfte, mit denen mich der E 63 in den Sitz presst, lassen sich aber zumindest für einige Sekunden erahnen. Fahrwerksseitig steht im E 63 statt ultimativem Komfort ultimative Traktion und Beherrschbarkeit auf dem Programm. Gefühlt schrumpft das Auto deutlich zusammen, reagiert schnell und direkt auf Gas, Bremse, Lenkung und Fahrbahn.

Trotzdem: Eine direkte E-Klasse ist noch lange keine unbequeme E-Klasse. Die Fahrprogramme C (Controlled Efficiency), Sport oder Sport Plus wirken auf Federung, Motoransprache und Getriebeabstufung. Bei ziviler Gangart bleiben die Unterschiede allerdings subtil.

Barry White statt Grenzbereich

Auf der kurvigen Landstraße verliere ich endgültig alle Illusionen, dieses Auto heute in den Grenzbereich locken zu können. Schnelle Sprints, eng gefahrene Kurven, scharfes Bremsen – der AMG schüttelt all das aus dem Ärmel, lässt sich nicht einmal einen quietschenden Reifen entlocken.

T-Modell: Auch der E-Klasse-Kombi erhält bei AMG die volle Performance-Packung.
Zeit also für Entspannung, für ein bisschen Oktan-Blasphemie. Was der E 63 AMG auch gut kann. Bei etwa 90 km/h entspannt dahingleiten, den Motorsport Motorsport sein lassen. Eine sonor blubbernde Barry-White-Symphonie aus dem Endrohr genießen. Ja, das ist ein sehr schöner V8.

So dezent gefordert, erreicht der Mercedes am Ende einen Durchschnittsverbrauch von 13,6 Liter/100 km. Sicher nicht das letzte Wort, genauso wie diese kurze Ausfahrt nicht das letzte Wort sein kann. Ein AMG muss auf die Rennstrecke. Der Termin steht, mehr dazu in der kommenden Woche.

 

Technische Daten: Mercedes-Benz E 63 AMG

  • Modell: Mercedes-Benz E 63 AMG
  • Motor: 5,5-Liter-Achtzylinder-Biturbo-Benziner
  • Getriebe: AMG Speedshift MCT Siebengang-Automatik
  • Leistung: 557 PS (S-Version: 585 PS)
  • Drehmoment: 720 Nm (S-Version: 800 Nm)
  • Verbrauch: 9,8 l/100 km (4matic, S-Version: 10,3 l/100 km) (NEFZ)
  • CO2: 230 g/km ((4matic, S-Version: 242 g/km)
  • 0 – 100 km/h: 4,2 Sekunden (4matic: 3,7 Sekunden, S-Version: 3,6 Sekunden)
  • Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (elektronisch begrenzt)
  • Länge x Breite x Höhe: 4,89 m x 1,87 m x 1,45 m
  • Leergewicht inklusive Fahrer: 1.845 kg
  • Kofferraum: 540 l
  • Grundpreis: 103.054 Euro
  • Marktstart: April 2013

Ein AMG muss ein Mercedes bleiben. Das bedeutet: Trotz aller Rennstreckenpotenz bleibt der E 63 ein bequem zu fahrendes Auto.
Die gut 10 Liter Normverbrauch waren auf der Testfahrt kaum erreichbar, auch bei dezenter Gangart. Immerhin: Alle E 63-Varianten erfüllen bereits die Euro 6.
Klingt komisch, ist aber so: Die exzellenten Handling-Eigenschaften lassen das Auto im Vergleich zur E-Klasse kleiner wirken.
Understatement? Doppelte Doppelendrohr-Anlage.
Mercedes-Benz E 63 AMG
Mercedes-Benz E 63 AMG
Der Mercedes E 63 AMG schafft die Quadratur des Kreises: Eine kompromisslose Fahrmaschine mit guten Komfort-Eigenschaften.
Mercedes-Benz E 63 AMG
Mercedes-Benz E 63 AMG
T-Modell: Auch der E-Klasse-Kombi erhält bei AMG die volle Performance-Packung.
Mercedes-Benz E 63 AMG T-Modell
Im Display kann der Fahrer beobachten, welchen Fahrmodus er ausgewählt hat.
Cockpit: An der klaren Gliederung des eleganten Fahrer-Biotops ändert sich wenig.
Hier lässt es sich schalten und walten. Schalthebel auf der Mittelkonsole, daneben die Auswahl an AMG-Sonderfunktionen.