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VW-Zulieferer-Streit: Die Folgen - Was passiert nach dem Zulieferer-Streit?

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12 Tage beschäftige der Zulieferer-Streit die Autobranche. Jetzt ist klar, es war ein Machtkampf. Wie der ausging und welche Folgen er haben könnte, lest Ihr hier.

VW-Zulieferer-Streit: Was kommt danach? VW-Zulieferer-Streit: Was kommt danach? Quelle: dpa/Picture Alliance

Wolfsburg – Eigentlich hatten die Vertreter von Volkswagen und der Prevent-Gruppe Stillschweigen vereinbart. Doch einen Tag nach der Einigung im Zulieferer-Streit sind doch erste Details bekannt geworden. Wie die „Süddeutsche Zeitung", berichtet, hätten VW und Prevent auf gegenseitige Schadenersatzansprüche verzichtet. Der als Auslöser für den Streit gehandelte abgebrochene Auftrag soll wenigstens zur Hälfte umgesetzt werden. Zudem blieben die beiden Prevent-Firmen Car Trim und ES Automobilguss bei VW mindestens weitere sechs Jahre im Geschäft.

Für Getriebeteile dürfe sich VW in den kommenden sechs Jahren einen weiteren Lieferanten neben ES Automobilguss suchen, allerdings „nur im Umfang von 20 Prozent“. Außerdem sei eine Vertragsstrafe vereinbart worden, sollten künftig Zulieferungen ausfallen. Ein VW-Sprecher sagte zu dem Bericht auf Anfrage lediglich: „Wir haben über die Inhalte der heutigen Vereinbarung Stillschweigen vereinbart, und daran halten wir uns.“ Die Produktion soll am kommenden Montag (29.08.) wieder regulär laufen, hieß es am Mittwoch aus dem Konzern.

Nach der Einigung zwischen VW und den beiden Zulieferern verließen die ersten Lkws von Volkswagen den Betrieb der Firma ES Automobilguss GmbH in Schönheide Nach der Einigung zwischen VW und den beiden Zulieferern verließen die ersten Lkws von Volkswagen den Betrieb der Firma ES Automobilguss GmbH in Schönheide Quelle: dpa/Picture Alliance

VW zahlt 13 Millionen an Zulieferer Car Trim

Offiziell hieß es nach den fast 20-stündigen Verhandlungen am Dienstag von Seiten ES Automobilguss nur, beide Seiten hätten sich darauf verständigt, die Geschäftsbeziehungen langfristig fortzuführen – „in Form einer gegenseitigen, vertrauensvollen und verbesserten partnerschaftlichen Zusammenarbeit in allen Bereichen.“ Für die weitere Kooperation seien „Prinzipien“ abgestimmt worden, sagte Alexander Gerstung, Mitglied der Geschäftsleitung. Außerdem habe es eine „gütliche und faire Einigung“ über bisher offene finanzielle Themen gegeben.

In harter Währung bedeutet das laut dem Bericht der Süddeutschen Zeitung eine Zahlung von 13 Millionen Euro von VW an den Sitzbezughersteller Car Trim. Ursprünglich hatte die Firma für die geplatzten Aufträge (Sitzbezüge für VW und Porsche) mit einem Umfang von 500 Millionen Euro einen Ausgleich von 58 Millionen Euro gefordert. Eine Forderung, die von VW als „absurd hoch“ angesehen worden sein soll.

Der Sieg eines Zulieferers?

Als Reaktion darauf stellte Car Trim offenbar die Lieferungen an VW ein, die Schwesterfirma ES Automobilguss zog aus Solidarität mit. Und traf VW empfindlich. Das Fehlen wichtiger Getriebeteile legte die Produktion der wichtigsten Modelle Golf und Passat lahm. Man begreife sich auf Zuliefererseite wie Geschwister, die einander in großer Not helfen und füreinander einstehen, hieß es von Zuliefererseite während des Streits.

Nach der Einigung sieht es so aus, als hätten die Geschwister trotz der deutlich geringeren Entschädigung einen eindeutigen Sieg errungen. Der große Weltkonzern musste auf den kleinen Zulieferer – ES beschäftigt 350 Mitarbeiter – eingehen. Und er kann ihn im Nachhinein nicht für die Produktionsausfälle belangen. Die Kosten dafür liegen nach Expertenschätzungen bei mehr als 100 Millionen Euro. Scheinbar einziges Zugeständnis des Zulieferers – 20 Prozent der Teile kann sich VW jetzt von einer anderen Firma holen. Und das wird Volkswagen höchstwahrscheinlich auch tun.

Das Gehäuse eines Doppelkupplungsgetriebes im Volkswagen Golf - Der Autogigant hatte sich von einem einzigen von ES Automobilguss gefertigten Teil abhängig gemacht Das Gehäuse eines Doppelkupplungsgetriebes im Volkswagen Golf - Der Autogigant hatte sich von einem einzigen von ES Automobilguss gefertigten Teil abhängig gemacht Quelle: dpa/Picture Alliance

Das Ende des Single Sourcing?

„Der eigentliche Grund für die Posse liegt aber auf dem VW-Einkaufssystem“, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Der Autobauer hat sich bei einem seiner Teile nur auf einen einzigen Lieferanten verlassen. Das Prinzip ist in der Branche als „Single Sourcing“ (Einzelquellenbeschaffung) bekannt. „Wenn man einen Fall findet, bei dem ein Weltmarktführer mit mehr als 600.000 Beschäftigten sich von einer 500-Mann-Bude abhängig macht, sprechen alle Regeln der Statistik dafür, dass mehr solcher Fälle im Karton schlummern“, sagte Dudenhöffer.

Das Ziel von VW wird es sein, eine derartige Eskalation mit einem Lieferanten zu verhindern. Doch das ist nicht einfach: Eine Einzelquellen-Beschaffung drückt mit der Abnahme größerer Mengen den Preis, mehrere Lieferanten heben ihn. Doch VW muss wegen der Milliardenbelastungen der Dieselaffäre und schlechter Margen bereits massiv Kosten senken. Der Konzern kann sich Sicherheit im Moment nicht leisten. Ende Juni hatte Einkaufschef Francisco Garcia Sanz an Zulieferer geschrieben: "Um Zukunftsthemen finanzieren zu können, müssen wir (...) deutlich effizienter werden."

Ändert sich etwas in der Branche?

Zulieferer gelten im Allgemeinen als die Schwächeren in der Autobranche. Die großen Konzerne diktieren ihnen die Preise, die Aufträge können sie aber nicht ausschlagen. Da wirkt das Aufbegehren der Prevent-Firmen wie ein Signal. Im Umfeld des VW-Konzerns hieß es während des Streits, Zulieferer würden "nicht mit Samthandschuhen" angefasst, aber alles bleibe "im Rahmen".

Wird sich jetzt etwas ändern? Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft erwartet keine grundsätzlichen Verschiebungen im Machtgefüge. "Womöglich wird jetzt aber in der Branche stärker diskutiert, dass es um eine vertrauensvolle, langfristige Kooperation gehen muss. Oft werden die Risiken allein auf die Lieferanten abgewälzt - und diese werden häufig nur noch beatmet."

Wer ist dieser Zulieferer?

Fraglich bleibt auch, ob sich die Prevent-Gruppe mit der Eskalation letztendlich einen Gefallen getan hat. Die Gruppe hat ihren formalen Sitz laut „Manager Magazin“ in Slowenien, mit 15 Standorten und 6.500 Mitarbeitern sei sie aber tatsächlich einer der größten Arbeitgeber in Bosnien-Herzegowina. Nach eigenen Angaben sei das Unternehmen am Konflikt gar nicht beteiligt hieß es während des Streits. Car Trim und ES Automobilguss seien eigenständige Unternehmen.

Das stimmt nur zur Hälfte. Denn die Zulieferer-Firmen wurden laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) erst vor einigen Monaten aufgekauft. Von einer niederländischen Finanzholding namens Eastern Horizon - an der auch Prevent beteiligt ist. Die Eigentumsverhältnisse werden zu Recht oft als undurchsichtig beschrieben.

Dazu streitet das Unternehmen mit Daimler über einen geplatzten Deal und soll laut einer aktuellen Meldung der Nachrichtenagentur Reuters auch in Brasilien Probleme mit VW haben. Laut der brasilianischen VW-Tochter soll ein seit Monaten anhaltender Konflikt dort vor Gericht geklärt werden. Seit März 2015 hätten etwa 130.000 Fahrzeuge in drei Werken nicht gefertigt werden können. Auch Fiat-Chrysler musste laut FAZ im Mai 2016 in Brasilien vorübergehend die Produktion stoppen. Der Sitzhersteller Keiper hatte seine Lieferungen eingestellt - er gehört ebenfalls zur Prevent-Gruppe.

Was genau die Gruppe mit ihrer aggressiven Taktik bezweckt, ist unklar. Ob sie damit nur den Ruf kleinerer Zulieferer verdirbt oder tatsächlich etwas ändert, wird sich zeigen. Spätestens in sechs Jahren, wenn die jetzt zugesicherte Zusammenarbeit mit VW endet.

Quelle: mit Material von dpa

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