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Wundercar: Mitfahren für die Smartphone-Generation - Hier fahren Fremde in Deinem Auto mit

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Wer in Berlin oder Hamburg zur Webdesigner-Party oder zum Arzt will, soll bald per App ein Wundercar ordern. Doch die Geschäftsidee fischt in einer juristischen Grauzone.

Ein WunderCar-Fahrer: Christoph (r.), studiert in Hamburg und war mit seinem Mercedes-Van schon überall in Europa. Wer bei ihm mitfährt, kriegt eine eiskalte Cola aus der Bordküche Ein WunderCar-Fahrer: Christoph (r.), studiert in Hamburg und war mit seinem Mercedes-Van schon überall in Europa. Wer bei ihm mitfährt, kriegt eine eiskalte Cola aus der Bordküche Quelle: WunderCar/Jannis Werner

Berlin – Das Betahaus, eine ehemalige Lappenfabrik in Berlin-Kreuzberg, ist nicht einfach nur ein Bürohaus. Es ist ein „co-workingspace“, hier weht der Geist der New Economy. Ein bisschen Silicon Valley, ein bisschen Studentenkneipe, ein bisschen Schullandheim. Ein- und Mehrpersonen-Startups mieten hier einen Schreibtisch, ein Büro, eine Steckdose – oder einen Seminarraum.

In so einen Seminarraum sitzen heute sechs junge Männer und einige Mitarbeiter des Hamburger Startups „Wundercar“. Die jungen Männer werden gecastet, oder, so die Sprachregelung: „kennengelernt“. Denn sie sollen Wundercar-Fahrer werden.

Fahrer-"Kennenlernen" in Berlin: Die Mitarbeiter wollen alle Fahrer kennenlernen, müssen aber auch kritische Fragen beantworten Fahrer-"Kennenlernen" in Berlin: Die Mitarbeiter wollen alle Fahrer kennenlernen, müssen aber auch kritische Fragen beantworten Quelle: MOTOR-TALK Was Wundercar-Fahrer machen ist leicht gesagt, aber schwer erklärt. Sie fahren andere Menschen, die zu ihnen ins Auto steigen, von A nach B. „Sag uns, wo Du abgeholt werden möchtest. Ein Fahrer holt Dich in Deiner Nähe ab. Aussteigen, Trinkgeld über die App geben, Fahrt bewerten, winken“, fasst Wundercar zusammen.

Wer das Wundercar-Konzept schubladisieren möchte, gerät an Grenzen. Ein Taxidienst? Nein, denn Fahrer und Mitfahrer begegnen sich als Privatpersonen. Eine Mitfahrbörse? Nein, denn der Fahrer fährt dorthin, wo der Mitfahrer hin möchte. Eine Gefälligkeit unter Nachbarn? Auch nicht, denn der Fahrer möchte natürlich entlohnt werden – und Wundercar erhält 20 Prozent Provision.

Die Idee kommt aus Amerika

Die Idee stammt aus Amerika, Grundannahme: Taxifahren ist den meisten Menschen zu teuer. Die Mehrheit fährt deshalb selten bis nie Taxi, sagt der Wundercar-Gründer Gunnar Froh. Aber er glaubt: Menschen teilen gern ihr Auto, möchten andere Menschen kennenlernen und sich mit ihrem Auto etwas dazuverdienen.

Das Vorbild kommt wie so oft aus Amerika: Die Lyft-Autos erkennt man am großen rosa Schnurrbart ("moustache") Das Vorbild kommt wie so oft aus Amerika: Die Lyft-Autos erkennt man am großen rosa Schnurrbart ("moustache") Quelle: Lyft Das Schlagwort heißt „Share Economy“: Menschen teilen ihr Eigentum. Zum Beispiel Wohnungen, wo Angebote wie "Couchsurfing" bereits etabliert sind, oder eben das Auto.

„Mein BMW kostet viel Geld, deshalb will ich mir was dazuverdienen“; sagt ein Fahrer in spe im Betahaus-Seminarraum. Ein anderer denkt altruistischer: „Ich möchte Menschen meine Stadt zeigen“ - ein ziemlich cooler Typ, blond, langhaarig und mit Skateboard unterm Arm. Er ist der Prototyp des gewünschten Fahrertyps: Zwischen seinen Dienstterminen hat er viel Zeit. Ein kleiner Zuverdienst statt täglichem Leerlauf im Außendienst würde auch ihm gefallen.

In den USA nennt sich die Wundercar-Geschäftsidee „Lyft“ und ist in San Francisco, Los Angeles oder Seattle ein großer Erfolg. Schon nach einem Jahr verzeichnete das Startup rund 30.000 Fahrten pro Woche. Die durchschnittlichen Preise liegen 30 Prozent unter dem Taxi-Tarif. Ein strenges Aussieben und ein Bewertungssystem schließen zweifelhafte oder unfaire Fahrer und Fahrgäste aus.

Juristische Grauzone

Und in Deutschland? Wundercar will zunächst mit Pilotprojekten in Berlin und Hamburg starten. Warten müssen die Gründer, die „eine hohe siebenstellige Summe“ bei Startup-Finanziers einwerben konnten, noch auf die Programmierer: Bisher ist die App nicht fertig, und damit der Dreh- und Angelpunkt des Konzepts.

Aber kann so etwas in Deutschland überhaupt funktionieren? Das ist auch an diesem Abend im Betahaus ein heiß diskutiertes Thema. Taxifahrer benötigen schließlich einen Personenbeförderungsschein und eine Ortskundeprüfung – anders als Wundercar-Fahrer. Was aber ist Wundercar dann, wenn nicht das, was das Personenbeförderungsgesetz verhindern soll: unsichere, illegale, „wilde“ Taxis?

Genau wissen das die Moderatoren des Kennenlernkreises auch nicht. Für die Fahrer gibt es keine fixe Entlohnung, sondern der Gast zahlt im eigenen Ermessen ein „Trinkgeld“ per App und Kreditkarte. Das ist einfach und erspart peinliche Momente. Und es ist anscheinend auch der juristische Kniff, dem die Gründer vertrauen. Denn so trifft auf ein freiwilliges „Mitnehmen“ ein freiwilliges „Bezahlen“.

Der „Fall“ Tamyca

Trotzdem scheint es nur eine Frage der Zeit, bis der erste Taxi-Verband gegen das Hamburger Startup klagt. Denn die „Share Economy“ steht in Konkurrenz zu etablierten Dienstleistern. Die müssen strenge Auflagen erfüllen und sind auch deshalb teurer.

Die Macher wünschen sich "coole Leute mit coolen Autos". In der Realität darf es aber auch mal ein ganz normaler Audi sein Die Macher wünschen sich "coole Leute mit coolen Autos". In der Realität darf es aber auch mal ein ganz normaler Audi sein Quelle: WunderCar Das musste schon das Startup Tamyca erfahren, das Autovermietungen von privat an privat vermittelt. Der Verband der Autovermieter reichte Klage ein und argumentierte: die privaten Fahrzeuge erfüllen keine Sicherheits-Standards. Für gewerblich vermietete Autos gelten bei HU und Versicherung strenge Regeln, während bei Tamyca Privatwagen unbekannten Zustands registriert sind.

Coole Leute, Coole Autos

Die Wundercar-Macher und –Geldgeber sind sich sicher genug: Am ersten Tag, glauben sie, schließt ihnen niemand die Firma. Viel lieber als von juristischen Problemen sprechen sie von „coolen Leuten“, die „gern neue Leute treffen“, andere Leute in ihrem „coolen Auto mitnehmen“ und überhaupt: die Stadt per Smartphone-App zum Dorf machen.

Eine Zugangsregel für Fahrer wird deswegen schnell fallen, denn sie entpuppte sich als uncool: Bisher erlaubt Wundercar nur Autos mit Baujahr 2002 oder jünger. Also keine kultigen Young- und Oldtimer. Da die aber viel cooler sind, dürfen sie auch bald mitfahren.

Avatar von bjoernmg
Renault
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