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Testfahrt mit dem Google-Auto - Bei diesem Auto ist Langeweile das Ziel

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Wie fühlt es sich an, das Steuer eines Autos der Technik anzuvertrauen? Beängstigend? Befreiend? Langweilig? Die Meinungen der Tester driften weit auseinander.

Das Google-Auto "sieht" keine anderen Fahrzeuge oder Verkehrsteilnehmer, sondern farbige Boxen Das Google-Auto "sieht" keine anderen Fahrzeuge oder Verkehrsteilnehmer, sondern farbige Boxen Quelle: Youtube

Mountain View/Kalifornien - Autonomes Fahren ist einer dieser Begriffe, der weit weg scheint und den viele weit weg schieben, weil sie den Schmerz der damit verbundenen Fahrspaß-Kastration fürchten. Das kann Chris Urmson, Projektmanager für das Google-Auto, nicht nachempfinden. Er nennt Fahrspaß einen Mythos. Schließlich sei das tägliche Pendeln durch den Stadtverkehr alles andere als amüsant. Der Mann lebt in Kalifornien und ihm sind von Berufs wegen virtuelle Wolken viel näher als die Grüne Hölle. Nur so ein Typ denkt beim Thema Autofahren daran, sich hinter dem Steuer zurückzulehnen, ganz legal eine SMS zu schreiben oder sich noch schnell zu rasieren.

Das zu diesem Szenario passende Vehikel soll das Google-Auto sein. Seit fünf Jahren tüftelt der Technologie-Gigant an diesem Fahrzeug. Rund 1,1 Millionen Test-Kilometer ist die Google-Flotte bereits gefahren, autonom. Anfangs mit einem Toyota Prius, mittlerweile mit einem Lexus RX 450h. Jetzt durften zum ersten Mal einige Journalisten mit dem Prototypen fahren. Ihre Bewertungen sind vielschichtig.

Die aktuelle Google-Flotte besteht aus weißen Lexus RX 450h Die aktuelle Google-Flotte besteht aus weißen Lexus RX 450h Quelle: Youtube

Das Lob eines Journalisten: Langweilig

John Markoffs umschreibt die Fahrt im BitBlog der „New York Times“ mit einem Wort: Boring (langweilig). Das meint der gute Mann aber nicht vernichtend, sondern lobend: Er empfindet die ereignislose Tour als Fortschritt. Markoff hat Erfahrung mit solchen Autos. Seine erste Fahrt mit einem autonom fahrenden Auto endete 2005 im Gebüsch. Die Sensoren des Testfahrzeugs der Universität von Standford hatten damals einen herabhängenden Ast als Hindernis wahrgenommen und so wich das Auto automatisch aus - in den Busch. Der Ingenieur an Bord verpasste es, den roten Ausknopf rechtzeitig zu drücken.

Skeptisch saß Marco della Cava von „USA Today“ auf der Rückbank des Autos – die beiden vorderen Sitze besetzten Google-Techniker. „Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Kreuzung Straße der Freiheit und Panik-Allee, in einem weißes Lexus mit einem rotierenden Laser auf dem Dach“, schreibt er. Brian Torcellini, Chef-Testfahrer von Google, beruhigt ihn. „Bei uns dreht sich alles um Sicherheit“, sagt er. “Uns ist bewusst, dass der Ruf der Technik an dem hängt, was wir tun“.

Aus diesem Grund ist eine langweilige, ereignislos und vor allem störungsfreie Fahrt genau das, was die Google-Ingenieure erreichen wollen. In der Theorie sind sie diesem Ziel sehr nahe. Seit 2009, als Google mit dem Projekt begann, hat es im öffentlichen Straßenverkehr erst zwei Unfälle mit einem Google-Auto gegeben. Beide Male stand das Auto an der roten Ampel und ein anderes Fahrzeug krachte hinein.

Beherzt in die nächste Lücke

Gar nicht langweilig fand Liz Gannes die Fahrt im autonomen Lexus. Im Gegenteil. Die Autorin der Das erste Google-Auto war ein Toyota Prius Das erste Google-Auto war ein Toyota Prius Quelle: picture alliance / dpa technischen News-Seite re/code schreibt, dass der Fahrstil des Autos viel weniger konservativ war, als sie erwartet hatte. Das Auto beschleunigte in eine freie Lücke auf der benachbarten Fahrspur und fuhr an einem in zweiter Reihe stehenden Pick-up vorbei. Auf Wunsch fährt das Google-Auto sogar schneller als die Polizei erlaubt. Aber nur 16 km/h zu schnell.

Auch John Markoff bescheinigte dem Auto einen beherzten Fahrstil. Statt wie ein menschlicher Fahrer im Stadtverkehr von Spur zu Spur zu mäandern, wechselte der Lexus gezielt und mit Nachdruck die Fahrspur. „The Google Lexus was all business“, schreibt er.

90 Prozent weniger Unfälle

Bislang weiß noch niemand, wann das Google-Auto auf den Markt kommt. Chris Urmson hat sich ein persönliches Ziel gesetzt: Wenn sein heute zehnjähriger Sohn den Führerschein macht, also in sechs Jahren, soll das Auto im öffentlichen Verkehr fahren. Ein autonom fahrendes Auto wird das Unfallrisiko ungemein senken, denkt er. Schließlich entstehen 90 Prozent aller tödlichen Unfälle durch menschliche Fehler.

Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. Das größte Problem ist das fehlende Kartenmaterial. Das Google-Auto kann nur dort fahren, wo alle Details wie Höchstgeschwindigkeit, die Höhe der Ampeln und die der Bordsteinkante bereits ins Kartenmaterial eingepflegt wurden. Bislang gilt das erst für 2.000 Meilen (3.200 km). Auch Regen bereitet dem Auto noch Probleme. Auf Schnee wurde es noch nicht einmal getestet. Und dann ist da noch die Fragen zu Versicherung und Datenschutz.

Es bleibt also noch einiges zu tun für Chris Urmson und seine Kollegen. Doch eines Tages, da sind sie sich sicher, fährt ihr Google-Auto allein durch die Welt.

Quelle: USA Today, Detroit News, bit.blogs.nytimes.com, iol.co.za, re/code

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