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Bentley Continental GT (2018): Erprobungsfahrt - Aus dem Bentley-Coupé wird ein schwerer Porsche

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Ein Modellwechsel nach fast 15 Jahren: Bald zeigt Bentley den neuen Continental. Wir waren mit dem Coupé schon auf Erprobungsfahrt und erklären die neue Technik.

Auf Erprobungsfahrt im neuen Bentley Continental: Das Coupé bekommt die Plattform des Porsche Panamera Auf Erprobungsfahrt im neuen Bentley Continental: Das Coupé bekommt die Plattform des Porsche Panamera Quelle: Bentley

Von Stefan Grundhoff

Crewe – In 15 Jahren bauen die meisten Hersteller zwei Auto-Generationen. Bentley genügen in dieser Zeit ein paar Facelifts. Der Continental, das bärenstarke Coupé aus Crewe, ist seit 2003 auf dem Markt. Geändert hat sich seitdem verhältnismäßig wenig. Warum auch – er verkauft sich noch ausgezeichnet. Trotzdem: Zeitgemäß ist seine Phaeton-Basis längst nicht mehr.

Deshalb startet bald der Nachfolger. Auf der IAA in Frankfurt am Main zeigt Bentley den neuen Continental GT. Er bekommt eine ganz neue Plattform, eine (überfällige) Gewichtskur und einen modernen Motor. Wir haben die Entwicklung an zwei Stellen begleitet, im Abstand von etwa einem halben Jahr.

Bentley Continental GT: Im Prototyp mit Renn-Innenraum

Das Arbeitstier: Dieser Prototyp fährt mit Schalensitzen und Käfig Das Arbeitstier: Dieser Prototyp fährt mit Schalensitzen und Käfig Quelle: Bentley Rolf Frech hat gute Laune. Der Entwicklungsvorstand bei Bentley führt sein neues Baby heute zum ersten Mal Journalisten vor. Zwei Autos hat er nach Spanien bringen lassen, beide bis zur Unkenntlichkeit beklebt und verhüllt. Das Prototyp-Duo verbrachte die kalte Novembernacht draußen, sicher versteckt unter abgeschlossenen Tarnmatten. Flach, lang und bullig wird der neue Continental. Mehr ist noch nicht zu erkennen.

Frech steigt in ein Fahrzeug. Cameron Peterson, Direktor der Gesamtfahrzeugentwicklung bei Bentley, steuert den anderen. Frechs Auto ist mit Käfig und Schalensitzen ausgestattet. „Das ist unser Arbeitstier“, lacht er, „ein Prototyp, der bei uns wirklich für alles hergenommen wird. Der hat schon einiges hinter sich.“

Heute fährt er dort, wo niemand zuschaut. Gegenverkehr gibt es auf den namenlosen Straßen Nordspaniens höchstens im 15-Minuten-Takt. Petersen erklärt: „Die Straßen hier sind bestens für unsere Erprobungen geeignet. Aber natürlich sind wir auf der ganzen Welt unterwegs, um die Prototypen ranzunehmen. Im September waren wir sehr viel in den USA unterwegs und bald beginnt die heiße Phase der Wintererprobung.“ Der Rest – bis hin zu den ersten Crashtests – findet am Computer statt.

Porsche-Plattform, 48 Volt und ein Doppelkupplungsgetriebe

Aktuell arbeitet Bentley mit 25 Prototypen. Bis zum Frühjahr kamen in der finalen Phase der Abstimmungen nochmals 45 hinzu. Wenn die gesamte Entwicklung abgeschlossen ist, hat das Team von Rolf Frech fast 150 Autos zerschlissen. Einige dann schon aus Teilen, die Maschinen im Werk produziert haben. Das Arbeitstier und sein Bruder sind augenscheinlich wild zusammengeschustert.

In der Kurve viel besser: Weniger Gewicht, bessere Verteilung und ein Wankausgleich im Continental In der Kurve viel besser: Weniger Gewicht, bessere Verteilung und ein Wankausgleich im Continental Quelle: Bentley Rolf Frech dreht die Gänge aus, schaltet über die Pedale am Lenkrad und lässt den Drehzahlmesser zucken. Die Gänge wechseln schnell und ohne Rucken. „Wir haben uns letztlich im neuen Continental für ein Doppelkupplungsgetriebe von ZF entschieden. Es gab auch Gegenstimmen; doch letztlich hat die Technik Anfang 2016 alle überzeugt.“ Das Auto soll sportlicher werden, aber nicht unbequemer.

Mit steigendem Tempo fällt auf, dass sich die Continental-Front viel besser benimmt als bisher. Das starke Untersteuern des Vorgängers ist weg. „Wir haben etwas Porscheness in den Continental gepackt“, erklärt Frech. Bedeutet: Der neue Continental basiert auf dem Modularen Standard-Baukasten (MSB), dem gleichen Chassis wie der Porsche Panamera.

Diese Plattform ermöglicht reinen Hinterradantrieb. Die Vorderachse rutscht nach vorn, das Gewicht von Motor und Getriebe verteilt sich besser nach hinten. Vorn lasten noch etwa 52 Prozent des Gewichts. Zusätzlich speckt das Allradcoupé 200 Kilogramm ab und bekommt einen elektrischen Wankausgleich (48 Volt). All das macht ihn handlicher. Ein Leichtgewicht wird der Continental trotzdem nicht. In den technischen Daten werden ab Herbst 2017 rund 2.200 Kilogramm Leergewicht stehen.

Digitale Instrumente und ein Porsche-Touchscreen

Szenenwechsel. Im späten Frühjahr fahren wir wieder Bentley Continental, dieses Mal in Wales auf einer kleinen Rennstrecke. Eine neue Version mit vollständigem Innenraum. Noch stark getarnt, aber zumindest innen ohne hässliche Matten. Mit edlen Hölzern, perfekten Sitzen und einem griffigen Lenkrad. Im neuen Conti setzt Bentley erstmals animierte Instrumente ein. Ein großer Schritt zum noch jungen Bentley Bentayga. Der zeigt vor allem analog an.

Der Bentley Continental speckt 200 Kilogramm ab. Trotzdem wiegt er noch rund 2,2 Tonnen Der Bentley Continental speckt 200 Kilogramm ab. Trotzdem wiegt er noch rund 2,2 Tonnen Quelle: Bentley Nicht überraschend für eine Neuauflage nach fast 15 Jahren: Cockpit und Innenraum wirken viel moderner. Es gibt hübsche Schaltereinheiten und einen 12,3 Zoll großen Touchscreen wie im Porsche Panamera. Auch bei den Fahrerassistenzsystemen haben die Briten nachgelegt. Das S-Klasse Coupé darf nicht davonziehen.

Bentley Continental GT: W12 mit 635 PS und 900 Nm

Weder technisch, noch fahrdynamisch. Das W12-Triebwerk presst den Continental GT durch die erste Kurvenkombination der Piste. Hier ist der Brite nicht wiederzuerkennen. Wankausgleich und adaptive Dämpfer, jeweils mit 48-Volt-Technik, halten die Karosserie gerade. Die Lenkung arbeitet etwas leicht, aber mit guter Rückmeldung, präzise und mit dem Gefühl eines sportlichen Coupés.

Genaue Fahrdaten nennt Bentley noch nicht. Aber 635 PS und 900 Newtonmeter deuten an: Der neue Conti wird in knapp vier Sekunden auf Tempo 100 sprinten und 330 km/h rennen. Heute hören wir ihn vor allem wummern und brüllen. Lauter und schöner als der gleiche, etwas schwächere Motor im Bentayga.

 

Allradantrieb gibt es serienmäßig im neuen Continental, nun aber mit variabler Kraftverteilung. Im Normalfall geht die ganze Kraft nach hinten. Je nach Traktion, Fahrprogramm oder Fahrstil kommt mehr Leistung vorn an. So marschiert der Conti neutral durch flotte Kurven und kaschiert galant seinen Speck. Das gute Fahrwerk und die 22-Zöller sorgen dafür, dass bei unseren schnellen Runden zwölf Meter Streckenbreite ausreichen.

Der Dinosaurier wird modern: Im Continental ist alles neu, von der Plattform bis zum Display Der Dinosaurier wird modern: Im Continental ist alles neu, von der Plattform bis zum Display Quelle: Bentley

V8-Motoren und „Speed“-Modelle folgen

Zum Start bietet Bentley den neuen Continental ausschließlich mit einem W12-Triebwerk an. Den mussten die Ingenieure an die neue Plattform anpassen. Das Vorderachs-Differenzial sitzt weiter vorn als beim Bentayga. Der Motor muss an dieser Stelle Platz machen.

Die Mühe lohnt sich: Der Conti wird schneller, stärker, fahrbarer als bisher. Außerdem sparsamer. „Ein deutlich geringerer Realverbrauch sorgt dafür, dass der Kunde nunmehr eine Reichweite von 800 Kilometern hat“, erklärt Peterson. Bei dem Zwölfzylinder wird es langfristig nicht bleiben. Achtzylinder und „Speed“-Modelle sowie Sondereditionen sind gesetzt. Der Conti muss ja wieder ein paar Jahre laufen – wenn auch nicht unbedingt wieder 15.

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