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Stackmann sieht Potenziale in der Verbesserung der Handelsnetzqualität - Teil 4 des Expertenchats

Im vierten Teil des Chats spricht SEAT-Chef Jürgen Stackmann darüber, wie die Karrierechancen für Jung-Ingenieure aussehen, wie sich SEAT im Ausland positionieren will und über die Qualität des SEAT-Händlernetzes. Die Fragen stellte die MOTOR-TALK-Community vorab und während des Chats. Der Chat wurde per Videostream übertragen.

Constantin: Unser Nutzer Tü-Bi hat eine Frage zur Karriere: Ihrer Erfahrung nach, was muss ein Ingenieur mitbringen, um im Automotive-Sektor wirklich erfolgreich zu sein? Geht es da um die Vernetzung – muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein oder wie schätzen Sie da die besten Chancen ein?

Jürgen Stackmann: Da gibt es keine global-klare Antwort drauf, wie man im Automobilbereich Karriere macht. Was viel wichtiger ist, ist einen Lebensweg zu finden, der einem selbst Freude macht. Karriere entwickelt sich irgendwann, wenn die Lust auf Fähigkeiten trifft und damit fängt es einfach an. Man muss als Ingenieur ganz klar Spaß haben am Auto und Lust haben, sich im Detail, aber auch ganzheitlich mit dem Thema Automobilität zu beschäftigen.

Ich kann nur versichern, es gibt wahrscheinlich weltweit keine Branche, die ein solch vergleichbar breites Spektrum für Ingenieure bietet wie der Autobau. Von der Produktionstechnik, über das Chemiewesen – wir haben extrem viele Chemielaboranten, die sich mit dem Thema Qualität und Materialtestung befassen – bis hin zum klassischen Fahrzeugentwicklungsbereich. Das macht den Reiz eines Autos aus.

Eine unglaubliche Breite von Aufgaben, die im Autobau heutzutage notwendig sind. Ich kann nur jedem raten, wer Spaß hat an Autos und wirklich Lust hat auf Ingenieurwesen, ist wahrscheinlich im Autobereich als Lebenskarriereweg immer richtig aufgehoben. Der Rest entwickelt sich dann über Fähigkeiten, und natürlich das Schaffen von Netzwerken. Mein Rat für alle, die noch früh in der Karriere sind: Viele Praktika machen, sich viel umgucken, Leute kennenlernen. Man braucht einen Einstieg, und der Rest entwickelt sich dann meist von selbst.

Karriere bei SEAT: Vernetzung schon im Studium hilft bei der Jobsuche danach

Sabine: Der Nutzer RallyVensis möchte wissen, wie es eigentlich zusammenpasst, dass die Konzerne, Industrie immer wieder über einen Ingenieurmangel klagt, es aber gleichzeitig in Deutschland viele gut ausgebildete Ingenieure gibt, die mit dem Argument, sie hätten ja keine Berufserfahrung, nicht eingestellt werden. Wie soll man Berufserfahrung sammeln, wenn man die Chance dafür nicht bekommt? Und wie passt das zusammen – Mangel und gut ausgebildete Leute?

Jürgen Stackmann: Ich habe das schon häufig gelesen. So richtig nachvollziehen kann ich es aus den einzelnen individuellen Lebensläufen eigentlich nicht. Deutschland braucht Ingenieure. Nicht nur bei den Herstellern selbst, sondern das Netz Automobil besteht ja in Deutschland aus einem unglaublich starken Netz von Zulieferern. Wenn Sie also an die großen deutschen Zulieferer denken – Bosch, Conti, Schaeffler, was immer wir haben – das sind ja Häuser, die Ingenieure auf dem gleichen Niveau und der gleichen Vielfalt brauchen wie die Autohersteller selbst.

Ich glaube, heutzutage ist frühe Vernetzung mehr denn je das A und O. Ich rate jedem immer, sich so früh wie möglich im Studium zu vernetzen. Über Praktika Leute und Unternehmen kennenzulernen. Natürlich Wissen über die Realitäten zu gewinnen. Das heißt dann aber auch, dass man in den Semesterferien dann eben mal nicht Ferien fährt, sondern arbeiten geht. Jemand der wirklich will, wird in Deutschland sicher eine Möglichkeit finden, einen guten Job zu finden.

Wir sehen es an den Angeboten, die wir zum Teil auch spanischen Ingenieuren machen. Wir haben als Volkswagengruppe seit 3 Jahren ein Angebot, das nennt sich „Start-up Europe“, wo wir spanischen Ingenieuren die Möglichkeit geben, bei Volkswagen, bei Audi Karrieren zu erfinden. Das verlangt von diesen jungen Menschen aber, dass sie ihr Land verlassen, dass sie sich bewusst integrieren wollen im Ausland und das gelingt denen auch. Warum soll es in Deutschland den Deutschen nicht gelingen? Ich sag immer, der der immer will, der flexibel ist, der wird auch diese Frage nie bekommen, wo die Berufserfahrung ist, er wird sie dann schon mitbringen.

Auslandsstrategie bei SEAT: Europa vs. Asien

Sabine: Der Nutzer Tecci6N möchte wissen, wie es mit SEAT international weiter geht. Auch hinsichtlich des Leon als Trägergesicht. Ist es denn geplant, dass Sie nach Asien oder Amerika weitere Modelle bringen oder überhaupt dort einsteigen?

Jürgen Stackmann: Ja, das ist eine sehr wichtige Frage, mit der wir uns sehr viel auseinandersetzen, auch bei uns auf dem Vorstandslevel. SEAT begreift sich als europäische Marke und wir haben uns ganz klar zum Ziel gesetzt, die Marke so aufzustellen, dass sie tragfähig ist in Europa, vor allem aber ihre Zukunft aber auch selbst in die Hand nehmen kann. Wir wollen nicht von Asien abhängig werden.

Das große Abenteuer heißt China, der größte Automarkt der Welt. Das ist eine Dimension, die ist für Europäer unvorstellbar. Damit man ein Gefühl für die Größenordnung bekommt: Wir haben in Gesamteuropa im letzten Jahr rund 13,5 Millionen Autos verkauft, die Prognose für in 5 Jahren ist, doppelt so viele davon in China, also einem einzigen Markt, zu verkaufen. Der Markt wird immer wichtiger, immer wettbewerbsintensiver. Er kann unter Umständen für SEAT die größte Chance bieten, ist aber ganz klar für uns auch die größte Herausforderung.

Wir sind eine relativ kleine Mannschaft, wir müssen und wollen uns auf unseren Heimatmarkt konzentrieren. Wir wachsen in Europa zurzeit zweistellig und konsequent. Unser Fokus auf Europa zahlt sich also auch aus. Wir können es uns nicht leisten, einen zweiten Riesenmarkt parallel mit anzugehen. Wir müssten für China entwickeln, unser heutiges Portfolio passt so nicht. Der SUV, den wir im nächsten Jahr bringen werden, ist der erste Wagen, der wirklich komplett auch in China funktionieren könnte. Ein Fahrzeug wie der VenteVente würde natürlich auch nach China passen. Aber wir bräuchten für China eine Limousine, die wir für Europa einfach nicht brauchen.

Es gibt sehr viele strategische Fragen die wir beantworten müssen, bevor wir das Abenteuer China angehen wollen. Unsere Konzentration gilt Europa, den Kunden, die auch heute Abend hier die Fragen stellen, die wollen wir begeistern für die Marke.

SEAT in Amerika: Wenn "groß" nicht groß genug ist

Sabine: Und wie sieht es dann in den USA aus? Das passen die SUV, die sie planen, ja dann ganz gut?

Jürgen Stackmann: Ja, die Amerikaner sind noch einmal anders als die Chinesen, deutlich anders. Sie lieben „groß“, große Limousinen, große SUVs. Auch die jetzt sinkenden Ölpreise haben dazu geführt, dass das Thema „Think Big“ wieder vollständig zurück ist im amerikanischen Automarkt. Die Philosophie von Qualität und Preis ist in Amerika auch eine vollkommen andere als in Europa. Das heißt nicht, dass es schlechter oder besser ist, es ist nur sehr anders. Ich kann mir zurzeit nicht vorstellen, dass wir als Marke SEAT in Nordamerika erfolgreich sein können, das ist sehr viele Schritte weiter als wir derzeit denken können.

Constantin: Jetzt müssen wir mal ein wenig über etwas Unangenehmes reden: SEAT hat im Jahr 2013 150 Millionen Euro Verlust gemacht. Können Sie uns schon etwas zum Jahr 2014 sagen? Gibt es da schon Zahlen oder zumindest eine Richtung in die es gehen wird?

Jürgen Stackmann: Der MOTOR-TALKer ist genau einen Tag zu früh. Wir veröffentlichen ja morgen früh auf der Jahrespressekonferenz des Konzerns die Ergebnisse aus dem Jahr 2014. Ich kann Ihnen heute leider gar keine konkrete Zahl nennen, das geht aus börsenrechtlichen Gründen nicht. Aber SEAT ist auf einem super Weg, nachhaltig profitabel zu werden. In allen Bereichen, Benefit und Cashflow, geht es in die richtige Richtung.

Das müssen Sie morgen nachlesen, oder kommen und sich das mal anschauen. Aber das Ziel von uns als Vorstandsteam ist es, SEAT einmal nachhaltig profitabel zu machen und nicht einfach nur irgendwann „Hero of the Day“ zu sein mit einer schwarzen Null. Das nutzt ja keinem etwas.

Wir wollen SEAT so aufstellen, dass das Produktportfolio stimmt, dass wir nachhaltig Kunden für unsere Produkte begeistern können, dass wir unsere Kosten im Griff haben – das ist eher eine Kulturfrage von uns, von der Mannschaft her. Aber wir kümmern uns mit der gleichen Intensität wie um die Autos gerade um das Thema Marke, unser Handelsnetz, das in vielen Märkten noch professionalisiert werden muss für die nächsten Jahren und wenn wir unsere Hausaufgaben zeitnah machen, werden wir demnächst SEAT nachhaltig, sauber und profitabel aufstellen können.

Constantin: Das klingt zuversichtlich.

Jürgen Stackmann: Ja, das sind wir auch.

Sabine: Bleiben wir bei den Händlern. Einer unserer Nutzer schreibt, dass das Händlernetz von SEAT nicht das Beste ist. Gibt es Pläne, das auszubauen?

Jürgen Stackmann: Ich verstehe die Frage, in Teilen ist es sicher auch absolut berechtigt, so etwas zu sagen. SEAT hat sich vielleicht in den letzten Jahren nicht ausreichend um das Thema Handelsnetzqualität gekümmert. Mich freut sehr, dass wir gerade hier in Deutschland in den letzten drei Jahren große Schritte in die richtige Richtung machen.

Qualität und Umfang von SEATs Händlernetz

Wir haben in den letzten zwei Jahren 100 neue Händler ans Netz genommen. Händler die sich bewusst für die Marke SEAT entschieden haben, weil sie an unsere Zukunft glauben, weil sie an das Programm glauben. Wir haben hochprofessionelle neue Händlergruppen gewinnen können. Es werden dieses Jahr noch ganz prominente große Händlergruppe zur Marke SEAT hinzukommen.

Aber wir sind uns der Aufgabe ganz klar bewusst, dass wir parallel zu unserem Produktportfolio auch die Qualität in allen Bereichen im Handelsnetz voranschieben müssen. Dazu gehört Ausbildung, dazu gehört Commitment, dazu gehört auch Repräsentation. Wir sind dabei, unsere Handels-CI neu aufzustellen. Uns freut, dass die Handelspartner mit großer Lust und mit großer Überzeugung in die Marke investieren, in neue Betriebe, in neue Ausbildungsstätten, in Servicequalität. Und ich gehe davon aus, dass wir in einigen Jahren auf MOTOR-TALK dann eher darüber sprechen werden, wie toll sich das Netz entwickelt hat.

Constantin: Aktuell kritisieren unsere Nutzer nicht nur das Netz, sondern auch die Qualität der Mitarbeiter. Ein Nutzer sagt konkret, dass er sich im Internet deutlich besser informieren kann als beim Händler selbst. Gibt es da spezielle Schulungen, die angedacht sind, um die Händler besser zu schulen?

Jürgen Stackmann: Es lässt sich natürlich so pauschal schwer sagen. Da muss und möchte ich unsere Kollegen und Partner auch mal in Schutz nehmen. Das Internet hat natürlich dazu geführt, dass sich Kunden, die sich auf ein bestimmtes Produkt fokussiert haben, einen Informationsgrad haben, für den ich früher lange auch wirklich arbeiten gehen musste.

Autokauf im Internet: Kunden sind sehr gut informiert

Es geht darum, dass wir gute Mitarbeiter für die Marke aufbauen und behalten können, die nicht nach ein paar Jahren woanders hingehen und dass wir Handelsinvestoren finden, die das Thema Personalauswahl und Personalschulung auch wirklich mit Nachdruck umsetzen. Da sind wir auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel.

Wir hatten jetzt im letzten Sommer 2.400 Händler in unserem Werk, um ihnen die Marke nahezubringen. Wir hatten 100 Mitarbeiter, die das Werk und Ihre Arbeit präsentiert haben und ich glaube, das ist etwas, das auch als Funke übergesprungen ist. Diese Leidenschaft für Auto, für Präzision, für Qualität. Das war der Anfang, wir investieren sehr viel Zeit und auch Geld in Schulungen und das wird sich über Zeit auszahlen. Aber wir arbeiten mit Menschen und wir müssen die Menschen heranführen an den Grad von Professionalität, den unsere Kunden auch erwarten.

Sabine: Planen Sie auch, das Händlernetz mit Werbemaßnahmen zu unterstützen oder auch finanziell zu unterstützen, um das auszubauen und die Produktberatung besser zu machen?

Jürgen Stackmann: Für das Thema Produktberatung bieten wir natürlich Schulungen an, die wir unterstützen. Unsere Philosophie für den Handel ist eigentlich relativ simpel. Wir sind der Überzeugung, dass wir in der Marke SEAT unseren Partnern ein gesundes Geschäftsmodell anbieten, und wir erwarten, dass auch er investiert in die Stärke der Marke und die Schulung seines Personals auch durch lokale Initiativen. Wir tun eigentlich alles dafür, zu vermeiden, dass wir einen Partner dafür bezahlen müssen, damit er etwas tut. Da haben wir eine ganz klare Meinung zu.

Constantin: Aktuell gibt es Gerüchte, dass es ein Auto geben wird von einem Konzern, der eigentlich nichts mit Autos zu tun hat. Wir reden übers Apple Auto und über das Google Auto, ohne Konkretes darüber zu wissen. Glauben Sie, dass von den großen Mobilfunkherstellern bzw. Betriebssystemherstellern ein eigenes Auto kommen wird?

Stackmann: Keine Angst vor dem Google-Auto

Jürgen Stackmann: Ich glaube, da müssen Sie Google fragen. So richtig verstehen tue ich es nicht, so richtig wissen tut es gar keiner. Deswegen braucht man auch nicht großartig darüber zu spekulieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass Autobauen eine hohe Kunst ist. Ein Auto so zu bauen, dass es langlebig ist und wirklich auch 100 % sicher, das ist eine hohe Kunst. Das kann nicht jeder und ich weiß nicht, warum das gerade ein Mobilfunkhersteller besser könnte als ein Autobauer, der das ja schon seit vielen Jahren macht. Wir warten mal ab, was da kommt. Wie Dr. Winterkorn sagte: Angst haben wir keine, aber wir gucken mal hin. Wir sehen aber nun auch am Thema Google Glasses, dass diese Unternehmen sich, sobald sie von Software auf Hardware umsteigen, nicht immer so leicht tun, auch mit naheliegenderen Konzepten. Also warten wir es mal ab was da kommt. Wir werden das verfolgen und dann schauen wir mal.

Constantin: Gut, ich glaube, die Zeit ist um. Liebe Community, es war toll, dass Ihr dabei wart, Wir danken Euch für Eure Teilnahme. Auch an Sie besonders, Herr Stackmann, vielen Dank, dass sie dabei waren. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Wir verabschieden uns aus dem MOTOR-TALK-Büro. Tschüss und bis bald.

Hier geht es zu Teil 1 SEATs Modellstrategie, Teil 2 Alternative Antriebe und Teil 3 SEATs Design-DNA des Expertenchats mit SEAT.

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