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Elektroantriebe, Plug-in-Hybride, E-Mii? Der Kunde bestimmt die Zukunft - Teil 2 des Expertenchats

SEAT-Chef Jürgen Stackmann spricht in Teil 2 des Expertenchats über konventionelle und alternative Antriebe wie Erdgasfahrzeuge oder Plug-in-Hybride. Über einen geschickten Mix von Material, der ebenso viel Gewicht einsparen kann wie neue Materialien und über SEATs ressourcenschonenden Fahrzeugbau. Die Fragen stellte die MOTOR-TALK-Community vorab und während des Chats. Der Chat wurde per Videostream übertragen.

Alternative Antriebe: Gibt es bald Elektroautos oder Plug-in-Hybride bei SEAT?

Constantin: Unser Nutzer rgkamp möchte wissen, wie es mit den Antrieben in der Zukunft aussehen wird. Vor allem Hybrid wird gerade viel diskutiert, Plug-in-Hybride, Elektrofahrzeuge. Gibt es da bei SEAT konkrete Pläne?

Jürgen Stackmann: Wir konzentrieren uns aktuell sehr stark auf eine Vorentwicklung unserer sogenannten konventionellen Antriebe, Diesel und Benzin, die noch viel Potential in sich haben. Wir haben seit zwei Jahren ein Schwerpunkt gelegt auf den Erdgasantrieb, der in einigen Märkten unheimliche Fortschritte macht im Verkauf.

Wir verkaufen in Italien 50 % unserer Leon und 50% unserer Mii als Erdgasfahrzeuge, weil sie einfach aus Kundensicht alles mitbringen, was man haben will. Einen supergünstigen Verbrauch, eine supergünstige Schonung fürs Portemonnaie. Sie kommen mit 3 Euro 100 Kilometer weit, haben CO2-Werte, die mit konventionellen Antrieben nicht zu erreichen sein werden. Das sind so die Schwerpunktbereiche, die wir zurzeit abdecken.

Wir glauben, dass sich das Thema Plug-in-Hybrid als Brückentechnologie für die nächsten Jahren im Markt verankern wird, aber es wird noch eine Weile dauern, bis es in unserem Kundenstamm wirklich große Nachfrage gibt. Plug-in-Hybride sind technisch sehr anspruchsvoll. Die Technik ist noch sehr teuer und deswegen gibt es noch keine echte Nachfrage zu diesem Zeitpunkt aus dem SEAT-Kundenstamm. Ich gehe davon aus, dass diese Schwarz-Weiß-Diskussion - wir gehen von Verbrennung auf Elektro - so nicht stattfinden wird. Das ist eine langfristige Metamorphose, die irgendwann mit einem größeren Elektroanteil auch in der Marke SEAT enden wird.

Aber wir sind sicher eher die Marke, die dann einsteigt, wenn die Kosten vernünftig sind, wenn die Technik akzeptiert worden ist, auch von unseren Kunden. Technisch können wir das jeden Tag. Wir haben dieselbe technische Plattform wie die ganze Volkswagen-Gruppe. Nur wir warten auf die Impulse aus dem Markt mit der richtigen Nachfrage.

E-Mii oder kein E-Mii

Constantin: Um dann entsprechend auch größere Stückzahlen verkaufen zu können?

Jürgen Stackmann: Ja genau, das ist eine Frage nach der Henne und dem Ei. Letztlich müssen die Kosten für Batterien runter. Wir müssen die Kosten für die Elektromodule im Fahrzeug deutlich reduzieren, um sie für unsere Kunden wirklich sinnvoll anwendbar zu machen.

Sabine: Sie haben jetzt über den Plug-in gesprochen und da hakt die nächste Frage direkt noch einmal ein: Einen E-Mii, wird es den geben?

Jürgen Stackmann: Den E-Mii kann es jeden Tag geben, das ist vielleicht so die konsequenteste Form der Frage zu diesem Thema. Wir haben ja bereits E-Mii in der Testflotte gefahren. Das ist technisch kein Problem, das anzubieten. Es gibt zurzeit aus unserer Marktsicht keine Nachfrage.

Wir haben einige Testflotten, die laufen auf sogenannten „Governmental Fleets“ (Regierungsflotten), wo wir das Thema durchtesten. Nach wie vor ist es so, dass die Vollelektrofahrzeuge keine große Kundenakzeptanz haben. Das Thema Reichweite ist eine größere Limitierung in der Realität, als man es sich vorstellt. Die Fahrzeuge sind eben relativ teuer. Und was man nie unterschätzen darf: Unsere Kunden sind verwöhnt. Man kann heute überall tanken, convenient mal eben die Reichweite verlängern, das geht mit Elektrofahrzeugen nicht. Ich glaube, das ist eine längerfristigere Umstellung, auch aus Kundensicht, als man es sich vielleicht vorgestellt hat.

Ressourcenschonender Fahrzeugbau

Constantin: Wenn wir jetzt mal von den Kosten absehen und uns die ganze Umwelt anschauen. Es ist momentan noch ziemlich aufwändig ein Elektrofahrzeug zu bauen. Denkt SEAT an ein Elektroauto, das den gesamten Zyklus sehr umweltschonend abschließen kann? Sprich: Es wird aus recycelbaren Materialien hergestellt und ist so insgesamt günstiger, als das, was aktuell auf dem Markt verfügbar ist? Ist da was in Planung?

Jürgen Stackmann: Der Ansatz und die Nachfrage gehen absolut in die richtige Richtung. Wir haben uns als Konzern und natürlich auch als Marke zum Ziel gesetzt, die komplette Ressource vom Einsatz bis zur Verwertung deutlich in der Energiebilanz zu verschlanken und zu verdünnen. Ziel ist es bis 2018 25 % Ressourcen einzusparen. Wir sind als Marke SEAT in diesem Bereich schon einen großen Schritt vorangekommen.

Ein großer Teil der Energie, den wir für die Produktion des Leon z. B. aufbringen, wird bei uns durch Solarmodule auf dem Dach geschaffen. Wir haben weltweit die größte Automobilfabrik mit Solarpanels, das sind über 20 Fußballfelder Solarpanels auf dem Dach. Und wir geben uns unglaubliche Mühe, Ressourcen günstig einzusetzen und zu schonen, Abfälle zu vermeiden, und alles das, was wir über den Kreislauf Recyling zurückbekommen können, auch zurückzubringen in den Markt.

Den Produktionskreislauf möglichst geschlossen halten

Ich glaube, dass die Automobilindustrie einer der großen Vorreiter in diesem Bereich ist. Das Ziel muss es schlussendlich sein, den Kreislauf so geschlossen wie möglich zu halten. Zu 100% wird man es nie hinkriegen, weil man immer irgendwo neue frische Ressourcen verwenden muss, aber das Ziel ist es, ganz konsequent Ressourcenschonung in den Prozess zu integrieren.

Constantin: Und um da noch einmal nachzufragen: Wo sehen Sie beim Thema Recycling die Zukunft bei den Materialien? Carbon ist ein großes Thema wegen des Leichtbaus, lässt sich aber schwer wieder abbauen. (Frage von Udo181)

Jürgen Stackmann: Auch hier ist es ja ein langfristiger Prozess. Natürlich hat Carbon große Vorteile in der Gewichtseinsparung. Es ist im Prozess sehr instabil, sehr, sehr teuer. Wenn Sie Reste von Carbon wieder verwenden wollen, ist es sehr viel schwerer zu recyceln als Metall, das Sie einschmelzen und dem Prozess zurückbringen können. Wenn Sie den letzten Modellzyklus, den MQB A, den neuen modularen Queraufbau der Volkswagen Gruppe anschauen: Wir haben es geschafft, aus einem Fahrzeug der Kompaktklasse etwas mehr als 100 Kilogramm herauszunehmen. Und zwar nicht durch ultrateure Hightech-Materialien, sondern durch einen sehr intelligenten Mix von Materialien.

Das Potenzial ausreizen: Intelligenter Mix von Materialien

Es gibt z. B. die heiß- oder warmgeformten Stähle, die extrem viel mehr Steifigkeit in die Fahrzeuge bringen und auch Robustheit und uns damit Doppelverschweißungen ersparen. Sie bekommen durch neue Methoden sehr viel Gewicht raus. Das ist ein Prozess, der sich jetzt in den nächsten Jahren weiter fortsetzen wird.

Gewicht und Gewichtsvermeidung sind mit die ultimativen Entwicklungsziele heute. Wenn Sie sich die nächsten großen Schritte im Bereiche Verbrauch angucken, das wird sich alles in den Bereichen der Aerodynamik und Gewicht abspielen. Natürlich geht die Motorentechnik weiter, aber die hat irgendwann physikalische Limitierungen. Aber am Ende, bei aller Technik, bei aller Materialverliebtheit, müssen wir Autos bauen, die sich unsere Kunden leisten können. Das ist immer die ultimative Challenge - leicht zu sein, schnell, aerodynamisch zu sein, aber leistbar zu bleiben.

Constantin: Also wie bei den Motoren, das ausnutzen, was man hat, und wo man noch Potential hat.

Jürgen Stackmann: Ja, das ist der Antrieb unserer Techniker und der großen Mannschaft. Nicht nur mit teuren Materialien zu arbeiten, sondern die Materialien mit viel Intelligenz einzusetzen. Auch anders, als man es vielleicht vor fünf Jahren noch gemacht hat, um Material und Gewicht zu sparen, mehr Steifigkeit, mehr Sicherheit in die Fahrzeuge zu bekommen. Da sehen wir uns auf einem prima Weg.

 

Constantin: Ich möchte gerne nochmal das Thema Elektro aufgreifen. Da gab es noch eine Rückfrage von 318i BMW. Der schlägt vor, man könne ja ein kleines erschwingliches Elektroauto bauen, mit einer Reichweite von 50 bis 100 Kilometern und einem optionalen Range-Extender. Würde so etwas in die Zukunft von SEAT passen?

Jürgen Stackmann: Es schreibt sich jetzt natürlich einfacher als Frage, als es nachher technisch realisierbar ist. Wir haben im Autobau viele sich sehr widerstrebende Anforderungen. Letztlich gibt es die Anforderung aller unserer Kunden an uns, ein 100 % sicheres Auto zu bauen. Und zwar nicht nur passiv, wenn mal etwas passiert, sondern inzwischen auch aktive Systeme anzubieten, die einen aus einem Crash raus halten. Dann haben Sie auf der anderen Seite das Thema Verbrauch und CO2 von der Gesetzgebung, die wir natürlich auch erfüllen müssen. Dann haben wir natürlich auch an uns noch den Anspruch, ein Fahrzeug anzubieten, was Fahrfreude macht.

Ein Fahrzeug, was ganz leicht ist, hat hier oftmals ein paar echte Schwierigkeiten, weil leichte Fahrzeuge oft nicht unsere Anforderungen an Crashsicherheit und Langlebigkeit erfüllen. Und das Thema günstige Fahrzeuge mit langer Range gibt es zurzeit einfach nicht. Das ist ein Wunsch, der ist aber nicht realisierbar weil Elektro per se noch eine sehr, sehr teure Technik ist. Man soll niemals nie sagen, vielleicht gibt es in den nächsten 10, 15, 20 Jahren in den Städten eine solche Entwicklung, das muss sich erst herausstellen. Absehbar ist es noch nicht, die hohen Kosten müssen aus dem Markt raus, damit sich unsere Kunden Elektro wirklich leisten können.

Constantin: Also sprechen wir über eine langfristige Zukunft?

Jürgen Stackmann: Wie gesagt, das sind Zyklen die manchmal immer schneller kommen, als wir sie gerne hätten, weil die Kunden sich mit den Produkten umstellen müssen. Es muss sich gerade im städtischen Bereich die Infrastruktur umstellen, wir müssen ja irgendwo draußen auf der Straße die Fahrzeuge nachladen können. Das sind Faktoren, die mit bedacht werden müssen in so einer Umstellung. Wir sind letztlich eine Gesellschaft im Westen, die mit Verbrennermotoren groß geworden ist. Die gesamte Infrastruktur ist auf dieses System abgestimmt. Das ist natürlich mittlerweile auch ein gelebtes System. Dieses System zu verändern, wird Zeit brauchen.

Hier geht es zu Teil 1 SEATs Modellstrategie, Teil 3 SEATs Design-DNA und Teil 4 Potenziale im Unternehmen des Expertenchats mit SEAT.

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