• Online: 5.610

MOTORBASAR.de - Der MOTOR-TALK Fahrzeugmarkt mit über 400.000 Anzeigen

veni vidi vega

Mit einem Fiesta fing alles an, seitdem habe ich alle möglichen Autos sämtlicher Typen hier behandelt.

07.12.2019 02:07    |    VincentVEGA_    |    Kommentare (13)    |   Stichworte: 1984, 80er, Alte Mitsubishi, E10, E 10, EXE, Galant, Mitsubishi, Youngtimer

Wieder lange nichts von mir gelesen, denn wie kann es anders sein... es läuft chaotisch.

 

Der Honda ist inzwischen weg, und die S-Klasse ist ein Totalschaden, dazu kann ich mich aber nicht äußern, da das jetzt ein laufendes Verfahren ist, und die C-Klasse, die ich noch dazu habe, hat Injektorprobleme und ist auch nicht mehr wirklich nutzbar. Das Auto, über das ich heute berichte, fährt derzeit übrigens auch nicht.... Egal, das soll irgendwann mal ein anderer Artikel beleuchten. Da ich jetzt auch noch schwer erkrankt bin, finde ich aber immerhin die Zeit, einem völlig unterbewertetem Fahrzeug einen Artikel zu widmen.

 

Nun, stellen wir uns mal vor, wir möchten einen 80er-Jahre-Youngtimer. Da gibt es ja eine breite Auswahl für jeden, wirklich jeden Geschmack. Nur - wohin mit den ganzen Autos, denn eigentlich sind es viele wert, erhalten zu werden und haben einen ganz eigenen Charakter. Insofern liegt es ja nahe, etwas zu kaufen, dass Vieles verbindet. Eine Prise Mercedes 190 im Design und der Qualität, einen Schuss Citroen in Extravaganz und Schrulligkeit, eine Ausstattung wie ein Jaguar, etwas Seltenheit wie ein Matra Rancho und zu guter Letzt das lächerliche Preisniveau eines Renault 21.

Das gibt es nicht?

 

 

 

Doch gibt es, den Mitsubishi Galant E10 der Baujahre 1984-1987. Durch die kurze Modellaufzeit war er nie wirklich nennenswert im Straßenbild vertreten, zumal die Japaner Mitte der 80er noch nicht ganz so in deutschen Garagen etabliert waren - erst der Nachfolger wurde ein Verkaufsschlager.

 

Wer er ist

 

Warum der E10 selbst im Kreis der gewiss nicht uninteressanten 80er-Reisschüsseln hervorsticht und tatsächlich ein überlegenswertes Liebhaberstück ist, zeigt schon die Betrachtung in der Ahnenreihe.

Der Mitsubishi Galant macht seinem Namen in allen Modellgenerationen alle Ehre, war er doch unaufdringlich, fuhr sich angenehm und punktete durch hohe Fertigungsqualität. Ausschlaggebend war aber auch, dass das Design eher sportlich orientiert war. Der Vorgänger A160 hatte noch ein Coke-Bottle-Design wie seine Vorgänger, wenn auch aerodynamisch optimiert, dazu ein sehr nüchternes Interieur wie die deutsche Konkurrenz. Der Nachfolger E30 hatte den Haifischlook und ein fahrerorientiertes Cockpit á la BMW. Modelle von 87-92 sieht man ab und zu sogar heute noch im Alltag.

 

Und dazwischen liegt nun der E10, der so gar nicht in die Ahnenreihe passt. Ein Design voller Trapezformen, so glattflächig wie nur möglich, dazu im Interieur Bediensatteliten und Einspeichenlenkrad (letzteres aber nur bei bestimmten Modellen). Der E10 stellt auch insoweit einen Umbruch dar, als dass er der erste Galant mit Vorderradantrieb war.

 

 

 

Was ihn auszeichnet

 

Nun ist er also ein schräger Vogel. Gut, neben einem Subaru XT ist er doch recht bieder, aber der ist auch kaum zu überbieten. In der Klasse der Familienkutschen sticht der Galant schon weit aus der Masse heraus. Ich bin den Wagen mal akribisch durchgegangen, warum. Alle E10 mit Ausnahme einiger weniger und schon in den 90ern ausgestorbener Sparmodelle, die nicht mal mehr als Scheunenfund auftauchen, haben:

 

- Zwei Blinker an der Front

- Heizungsbedienung am Lenkrad

- Automatische Heizung, quasi eine Klimaautomatik ohne Kühlfunktion

- Wippschalter für die Blinker

- Innenleuchte Marke "Omas Aschenbecher"

- Einen Vorläufer des Regensensors, geschwindigkeitsabhängige Scheibenwischer in verschieden programmierten Stufen

- Witzige Heizungspiktogramme mit "Nasenmännchen", siehe Bild

 

Nun wäre es ja sicherlich nicht mein Auto geworden, wenn sich das je nach Modell noch steigern ließe. Mein Wagen hat darüber hinaus:

 

- geschwindigkeitsabhängige Servolenkung (exotisch für mitte der 80er)

- Vollausstattung, die 300E-Käufer neidisch macht

- Einspeichenlenkrad mit Zielflaggendekor (Was??)

- geriffelte Heckleuchten á la Mercedes.

 

Dabei ist mein Wagen als EXE nur die zweithöchste insgesamt angebotene Ausstattung, wobei der EXE ein spätes Sondermodell ist, das mutmaßlich dazu diente, übriggebliebene Teile zu verwerten und gleichzeitig über Preis-Leistung den Abverkauf anzukurbeln. Das gab es auch so beim Audi 80 (SC und GT-Ausstattung 1986). Der Royal (später: GLS de Luxe) bot dazu noch Klimaautomatik, Schiebedach und - um es letztendlich auf die Spitze zu treiben - ein elektronisches Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern, das war 1984 noch nicht einmal in der Formel 1 zu finden. Aber bereits das (in Deutschland) Einstiegsmodell GL konnte sich im Vergleich zum Passat sehen lassen.

 

Wer ein solches Spitzenmodell erwischt, hat also die Chance, in einer eher übersichtlichen Karosserie der Mittelklasse Innovationen aus der Luxusklasse zu fahren. Das hat was! Selbst mein EXE, der gegenüber dem Royal / de Luxe noch klar bürgerlicher ist, fühlt sich eher nach W124-Gegner als 190er-Konkurrent an. Dazu sollte man auch erwähnen, dass dieses Modell z.B. in den USA auch mit Dreiliter-Sechszylinder und verlängertem Vorderwagen zu bekommen war. Die Gegner waren also durchaus auch stattliche Limousinen wie der Camry und nicht nur die Passat/Ascona-Klasse.

 

Noch lustiger wird es mit dem Sapporo. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mitsubishi Galant als solcher erkannt wird, liegt nahe null, aber den Sapporo erkennen nicht mal Experten. Das muss man sich wie bei Audi 80 und 90 oder Opel Omega und Senator vorstellen - der Sapporo ist die Luxusvariante. Der legt an Schrulligkeiten noch

 

- rahmenlose Scheiben

- noch futuristischeres Design inklusive schriller Alufelgen

nach.

 

So einen wollte ich eigentlich, aber das gute Angebot wurde mir vor der Nase weggeschnappt.

 

Erwähnenswert: Mitsubishi war in Sachen G-Kat vorne mit dabei, schon früh gab es eine Einspritzvariante mit Kat. In Japan war das um 1985 längst üblich, nur hierzulande verhinderte das verbleite Benzin einen früheren Einsatz.

 

Wie er sich fährt

 

Der Wagen ist insoweit galant, als dass er völlig auf Komfort getrimmt ist. Die Sitze sind unfassbar weich und lassen mich tief einsinken, das Velours ist dick. Die Verstellmöglichkeiten des Sessels sind schier endlos. Überraschend auch das Platzangebot: Vorne gefällt das sehr kurze, futuristisch-reduzierte Armaturenbrett, sodass selbst adipöse Beifahrer sich nicht mit den Knien die Ohren zuhalten. Hinten gibt es angesichts der geringen Außenmaße gewaltig viel Platz, sodass ich mit 1,87 m noch bequem sitzen kann, obwohl der Fahrersitz noch auf mich eingestellt ist. Alles ist sehr hochwertig verarbeitet, die Türtafeln haben unten Teppichverkleidung wie in Wagen der gehobenen Klasse. Kurzum: In dem Wagen kann man es wirklich aushalten.

 

Beim Fahren merkt man dann die weiche Federung, die tatsächlich so weich ist, dass der Wagen in schnell gefahrenen Kurven spürbare Seitenneigung hat, was aber der Fahrsicherheit keinen Abbruch tut. Sportlich ist da nichts, wobei der Galant noch deutlich zackiger als ein W123 unterwegs ist, der allerdings auch eine Generation älter und eine Klasse größer ist. Die in der damaligen Presse als unexakt kritisierte Schaltung geht recht direkt von der Hand, die Servolenkung ist etwas schwerer als von heutigen Fahrzeugen gewöhnt, in schnellen Autobahnkurven ist sie aber tatsächlich stramm, beim Rangieren teigig.

Was nervt sind Antriebseinflüsse in der Lenkung, egal ob Rumpeln der Gullideckel oder Zerren der Antriebswellen - das Lenkrad lässt den Fahrer stets wissen, was an der Vorderachse passiert.

 

Der quer eingebaute Vierzylindermotor hat im stärksten für Deutschland angebotenen Saugermodell tatsächlich 2,4 Liter Hubraum - so viel traut ihm gar keiner zu, auch nicht die, die sich halbwegs mit Autos auskennen. Dabei entlockte Mitsubishi dem Aggregat nur bescheidene 112 PS, der Kat fraß damals noch gut Leistung. Dafür waren die Autos damals auch leichter, und tatsächlich wirkt der Galant subjektiv sehr flott. Große Scheiben, dünne Verkleidungen, geringes Gewicht und großer Hubraum - das fühlt sich dann schon nach Rakete an, wenn man im Stadtverkehr ordentlich aufs Pedal tritt. Eine Zeit lang fuhr mal ein äußerst gut erhaltener 300E-24V neben mir, und der etwa 20-jährige Fahrer schaute etwas fragend auf meinen Galant. Als ich ihn an der Ampel stehen ließ, sah er das als Einladung, an den Folgenden dagegen zu halten. Der Benz gewann trotz Automatik letztendlich, doch man konnte hören, dass alle sechs Zylinder ordentlich zu tun hatten. :D

In Sachen Verbrauch dürfte ich aber überlegen gewesen sein, denn im Schnitt nimmt der Galant nur acht Liter. Für ein doch recht gut motorisiertes Mittelklasseauto, dass über 30 Jahre alt ist und bereits einen G-Kat hat, wahrlich nicht schlecht. Wobei der Audi 80 auch nicht wirklich mehr gebraucht hat.

 

Im Übrigen gibt es noch einen Turbo mit 150 PS. Die machen in dem leichten Galant mächtig Laune, allerdings dürfte keiner von denen die Strafsteuer für katlose Autos überlebt haben. Schade, denn so einen suche ich noch! Ich sehe mich schon mit mehreren E10 herumfahren, denn das Modell hat es mir nachhaltig angetan. Einen holländischen DL-Nullausstatter, gegen den sogar ein Passat CL überaus luxuriös wirkt, bräuchte ich auch noch, nur gibt es keinen mehr davon. Zum Glück müsste man eigentlich sagen. :D

Der Turbodiesel war für die damalige Zeit übrigens sehr modern und vor allem flott. Ein Mercedes 300D sah kein Land gegen den nur 1,8 Liter großen Selbstzünder mit immerhin über 80 PS. Auch ihn hat die Steuerfalle geschnappt.

 

Das Bremsen ist in meinem Galant übrigens recht einfach, da er ABS hat. Das ist aber ein sehr seltenes Extra.

Zusammenfassend kann man sagen: Viel Platz, gute Ausstattung, bequeme Sitze, weiches Fahrwerk, lange Übersetzung - der Galant ist ein hervorragendes Reiseauto, aber auch einfach so zu fahren macht Spaß.

Nachts reinsetzen, alle vier Fenster runterfahren, über die dumpfen Serienboxen vom FM-Transmitter 80er-Musik dröhnen lassen, Sitz bequem stellen und flott über verwaiste Straßen fahren, während das Cockpit nachts im Stil der Enterprise leuchtet.

 

Vergleich zum 1984er Audi 80 B2

 

Da ich beide Autos einige Kilometer fuhr, kann ich denke ich gut darüber urteilen.

Tatsächlich herrscht eigentlich Gleichstand. Beide bieten ähnlich viel Platz, haben eine gute Materialqualität, sind auf Leichtbau ausgelegt. Die Fahrwerkskonstruktion ist zudem weitgehend identisch nach Golf-Rezept, und der Verbrauch ist auch fast gleich.

 

Der Mitsubishi hat ein paar Vorteile: Er ist etwas flotter und deutlich besser ausgestattet. Der Audi wiederum fuhr sich direkter, was wohl aber auch an der fehlenden Servo liegt, die im Mitsubishi eher künstlich ist.

Der größte Unterschied neben der Ausstattung ist tatsächlich der Motorensound, im Audi brummig und sonor, der Galant klingt nach Kreissäge.

Die Ersatzteillage ist bei beiden prekär, wobei man bei Audi noch das Glück hat, auf Verschleißteile aus dem VW-Regal zurückgreifen zu können. Auch Gebrauchtteile sind für Audi deutlich leichter zu bekommen, müssen aber mit Goldstaub bezahlt werden, während die Mitsubishi-Szene deutlich weniger Geld aufruft.

 

Schwachstellen

 

Wer einen E10 will, sollte sich bewusst sein, dass der Wagen im Image nahe Null steht. In den letzten 10 Jahren haben sich die Preise zwar mehr als verdoppelt, dümpeln aber immer noch auf niedrigem Niveau. Trotz Teilverzinkung rosten auch Galant, und nicht jede Werkstatt kennt sich mit alten Japanern aus. Auch im hohen Alter muss ein gepflegter Galant selten eine ansteuern, da die Qualität sehr gut ist. Geht aber doch mal etwas kaputt, wird es schwierig, denn Teile gibt es so gut wie gar nicht mehr. Hier müssen im worst case teure Einzelanfertigungen her. Vielleicht bringen 3D-Drucker hier die dringend benötigte Entspannung.

 

Links

 

Galant 2400 GLS im Youngtimer-Fahrbericht (Alf Cremers)

 

Kaufberatung Galant/Sapporo (AMS)

 

Wer einen E10 mal in Aktion sehen will, dem sei dieses aufwendig produzierte Video empfolen:

 

 

 

Hat Dir der Artikel gefallen? 15 von 15 fanden den Artikel lesenswert.

Blogempfehlung

Mein Blog hat am 14.02.2017 die Auszeichnung "Blogempfehlung" erhalten.

Der Übeltäter

VincentVEGA_ VincentVEGA_

Mercedes

 

Wer sich hierher verirrt hat

  • anonym
  • SantanaGX
  • c8boch
  • alpinax
  • HerrLehmann
  • jojsbo

Blog Ticker

Banner Widget