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veni vidi vega

Mit einem Fiesta fing alles an, seitdem habe ich alle möglichen Autos sämtlicher Typen hier behandelt.

22.04.2020 18:39    |    VincentVEGA_    |    Kommentare (4)    |   Stichworte: Alte Mitsubishi

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Nachdem er nun grundsätzlich einmal vorgestellt ist, kann ich nun detaillierter auf den ersten der Neuzugänge eingehen. Insbesondere soll hier auch der Vergleich mit dem Vorgänger stattfinden.

 

Karosserie

 

Der Wagen ist ein ganz normaler Mittelklassewagen der Spät-80er, das heißt, der Wagen ist deutlich kürzer und besonders schmaler als ein aktuelles Fahrzeug dieser Klasse, aber immer noch 4,60 Meter lang. Vorn sitzt man gut, die Sitze könnten aber etwas besser sein. Hinten sind die Platzverhältnisse eher beengt, Kopf- und Knieraum sind knapp, die Sitzflächen etwas kurz, aber nicht zu kurz. Der Kofferraum hingegen taugt für Mafiosi, man müsste eine Leiche nicht einmal zersägen und kann sie bequem durch die große Heckklappenöffnung hereinlegen.

Zwar wird die Ladefläche nicht hundertprozentig eben, Variabilität gibt es aber durchaus: So kann man erst die Sitzflächen nach vorn kippen, ehe man die Lehnen vorklappt, das begradigt den Laderaum spürbar. Nach vorne ist der Wagen sehr übersichtlich, nach hinten leider überhaupt nicht. Die Vorteile des Fließhecks werden mit dem großen Heckspoiler zunichte gemacht, denn dieser blockiert recht viel Glasfläche der Heckscheibe. "Sechzehnvau" war eben in den 90ern DIE Ansage in der Mittelklasse und bedarf einer optischen Hervorhebung durch Doppelrohrauspuff und Frittentheke.

 

Das Platzangebot ist spürbar geringer als im E10, besonders auf der Rückbank. Wo man sich im alten Galant noch problemlos lang machen kann, ist man im Nachfolger fast schon eingeklemmt. Die Sitze sind deutlich straffer gepolstert, sitzen sich "moderner" als die Sofamöbel im Vorgänger. Im Kapitel Kofferraum hat der Alte keine Chance, und selbst, wenn man statt des Fünftürers die Limousine des E30 heranzieht, bliebe immer noch der Vorteil der niedrigeren Ladekante, denn es ist keine Freude, Bierkästen in einen E10 zu wuchten. Ob der E30 auch als Viertürer eine umklappbare Rücksitzbank bietet, weiß ich leider nicht.

 

Verarbeitung

 

Die Materialien und Verarbeitung sind äußerst langlebig. Die Kunststoffe sind zweckmäßig, aber nicht von billigster Machart, widerstehen auch grober Nutzung als Lastesel ziemlich gut. Alles fühlt sich noch eine Stufe solider als im E10 an, der seinerseits in dieser Disziplin einen guten Eindruck hinterlässt.

 

Bedienung / Ausstattung

 

Das Interieur weicht klar vom Galant E10 ab - das Armaturenbrett ist deutlich wuchtiger, sodass insbesondere Beifahrer plötzlich weniger Knieraum haben, doch auch der Fahrer hat zumindest subjektiv weniger Luft. Das schrullige Bedienkonzept mit Bediensatelliten, Blinkerwippschalter, Einspeichenlenkrad, versenkten Türöffnern ohne "richtige" Mittelkonsole ist passé, der E30 orientiert sich insbesondere an deutschen Mitbewerbern. Das bedeutet, dass sich der unkundige Fahrer deutlich schneller zurecht findet. Typisch japanisch ist nur noch die Bedienung des Abblendlichtes über eine drehbare Kappe des Blinkerhebels statt eines separaten Drehschalters.

Die Ausstattung ist interessanterweise fast gleich, der E10 bietet automatische Heizung und Wischer, der E30 elektrisches Schiebedach und elektronisches Fahrwerk. Darüber hinaus gibt es keine Unterschiede, beide sind mit beheizten, elektrisch einstellbaren Spiegeln, vier elektrischen Fensterhebern und ABS gut ausgestattet.

 

Motor

 

Die Charakteristik der Motoren unterscheidet sich deutlich. Der alte Galant mit niedriger Literleistung, aber großer Maschine läuft kraftvoll und hängt bei halbem Pedaldruck gut am Gas, mag aber weder Vollgas noch hohe Drehzahlen, insbesondere im Teillastbereich fühlt er sich wohl.

Der Motor des E30 ist kleiner bei gleichzeitig höherer Spitzenleistung, was er sich - typisch 16V - über die Drehzahl holt. Untenrum, also bis ca. 2500 Umdrehungen, passiert so gut wie nichts, sodass man meinen könnte, man säße in einem stinknormalen 109-PS-Galant. Erst ab 4000 Umdrehungen wacht er wirklich auf und lässt den Wagen überraschend mühelos nach vorne stürmen. Im Verbrauch unterbietet der Zweiliter des E30 den 2,35-Liter des E10 um mindestens einen halben Liter, braucht aber Super, während der Alte theoretisch mit Normal betankt werden könnte. Beide sind relativ sparsam, brauchen im Schnitt um die 8,5 Liter, ich fahre die alten Maschinen aber auch eher schonend.

 

Dazu passt, dass der E10 sehr lang übersetzt ist, um gemütlich bei schonender Drehzahl mit 120 dahinzugleiten, während der E30 bei gleichem Tempo lauter ist und spontaner am Gas hängt.

 

Fahrverhalten

 

Obwohl die Grundkonstruktion absolut identisch ist, behauptete Mitsubishi 1987, Millionen in die Weiterentwicklung des Autos investiert zu haben. Die "Soft"-Stellung des ECS-Fahrwerks (Electronic Controlled Suspension) entspricht im Übrigen weitgehend dem Serienfahrwerk des E30, weshalb man die beiden Fahrzeuge auch trotz des Hightech-Systems vergleichen kann. Das ECS im E30 ist bereits die zweite Generation ECS, die erste gab es im E10, aber ebenfalls nur in absolut homöopathischen Dosen (nur im Galant Royal und optional im Sapporo).

 

Wie auch der E10 umrundet der E30 im "Soft"-Modus die Kurven mit spürbarer Seitenneigung, ist dabei einfach nur weich, ohne den Federungskomfort heutiger Autos zu erreichen, insbesondere kurze und derbe Stöße nehmen beide spürbar auf, dennoch wäre es keinesfalls angebracht, beide als unkomfortabel zu bezeichnen. Der E30 ist etwas straffer, ohne schlechter zu federn.

 

Großen Fortschritt bietet die Lenkung, obwohl der E10 eine geschwindigkeitsabhängige Servolenkung hat, fühlt sich die des E30 besser an, sie ist nicht nur leichtgängiger, sondern auch Präziser. Auch die Stoßempfindlichkeit hat merklich abgenommen, so spürt man im E10 Antriebseinflüsse und Stöße fast ungefiltert, während das Lenkrad des E30 stärker entkoppelt ist.

 

Die Stunde des ECS-Fahrwerks schlägt in überraschenden Gefahrensituationen. Ungewollt durfte ich dies schon ausprobieren, ein vor mir fahrendes Auto bremste in einer kurvigen Auffahrt auf dem Autobahnkreuz ruckartig ab, vermutlich aus Angst, nicht auffahren zu können. Mir blieb nichts anderes übrig, als auszuweichen und mit knappem Abstand zu überholen. Ich bin mir sehr sicher, dass ich den E10 trotz ABS bei diesem Manöver verschrottet hätte, während es mit dem E30 irgendwie funktioniert hat.

Ich muss dazu aber sagen - wirklich hart ist auch der Sportmodus nicht, der Härtegrad ist ungefähr das, was bei einem heutigen Auto als normal gilt. Auf kurvigen Landstraßen ist der E30 dann doch williger als der E10, aber ohne zu einem wirklich sportlichen Auto zu werden. Die adaptive Funktion funktioniert so gut, dass ich "Hard" nicht voreinstelle, sondern stets das Auto selbst regeln lasse.

 

"Entfeinerung" gegenüber dem E10

 

Als der E30 herauskam, positionierte Mitsubishi eine Luxusversion des alten E10 über dem Neuen. Man kann sich natürlich fragen, warum man das neue Topmodell auf die Basis des alten, abgelösten Autos stellt. Vermutlich, weil an ein Auto der oberen Mittelklasse andere Ansprüche gestellt werden als an die Brot-und-Butter-Mittelklässler. Gerade der knapp geschnittene Innenraum des E30 wäre gegenüber den populären Konkurrenten Ford Scorpio und Opel Omega ein klares Minus, da spielt der E10 trotz gleicher Außenmaße in einer anderen Liga. Der Sapporo ist geräumiger und luxuriöser, der Galant sportlicher, die Fahrzeuge richteten sich somit an völlig verschiedene Zielgruppen.

 

Mit der tieferen Positionierung des Galant, der nun in Europa nicht mehr das Topmodell darstellte, mussten die Kunden auch mit Verschlechterungen Vorlieb nehmen, um den Abstand zum Sapporo zu wahren. Technische Raffinessen wie die automatische Heizung und die geschwindigkeitsabhängigen Scheibenwischer wurden gestrichen. Tempomat und Sitzheizung, im E10 Royal Serie, gab es im E30 auch für das Topmodell GTi nicht mehr, obwohl Blindstopfen bezeugen, dass diese Annehmlichkeiten in anderen Märkten erhältlich waren. Im Übrigen stiegen die Preise mit der Einführung des E30 sogar deutlich, dennoch verkaufte sich der Neue um ein Vielfaches besser.

Aber auch Banalitäten wie eine Fondbeleuchtung fielen dem Rotstift zum Opfer, sodass man in Mitsubishis Mittelklasse von nun an die Kinder im Dunkeln anschnallen musste. Man kann den gewollten Rotstift schon beim Türschließen im Dunkeln sehen - wenn ich beim E10 die Tür schließe, dimmt sich das Innenraumlicht mit einer Zeitverzögerung von ca. 10 Sekunden langsam herunter, oder früher, wenn ich das Auto vorher bereits abschließe. Im E30 heißt Tür zu, dass das Licht schlagartig ausgeht.

 

Schwachstellen

 

Beide Fahrzeuge eint die Rostempfindlichkeit, wobei beide Fahrzeuge für ihre Zeit dabei gar nicht mal schlecht dastehen. Kurioserweise sind die Rostherde bei beiden Modellen eher unterschiedlich. E10 trifft es am Schweller, Radläufen und Kotflügeln, auch die Radkästen hinten gammeln gern, die Ursache sind zumeist Feuchtigkeitsnester. Der E30 gammelt seltener an Kotflügeln und Radläufen, dafür knuspern die Türen besonders an der Unterkante weg. Allerdings neigen im direkten Vergleich eher die E10 dazu, nach einem Salzwinter zu rosten. Mechanisch sind beide Modelle unproblematisch, allerdings bekommt man für den E10 so gut wie keine Teile mehr, für den E30 gibt es Verschleißteile noch weitgehend neu und Gebrauchtteile sind durch die hohen Stückzahlen noch zu bekommen.

Während der E10 nur selten Elektronikdefekte zeigt, neigen E30 zu Defekten der Steuergeräte, bedingt durch auslaufende Kondensatoren, irgendwann trifft es jeden, sodass diese Kondensatoren präventiv getauscht werden sollten. Auch die Automatikgetriebe der E30 sind von Defekten der Steuergeräte nicht verschont.

 

Ergebnis

 

Nach gründlicher Überlegung würde ich weiterhin den E10 vorziehen. Ja, der E30 fährt sich moderner und er hat einen großen, recht variablen Kofferraum. Das Interieur ist robuster, der Wagen ist auf dem Papier schneller und sparsamer.

 

Doch der E10 bietet den größeren Innenraum (bis auf den Kofferraum, da verliert er klar), fährt in der Praxis kaum langsamer und der Mehrverbrauch ist bei der Jahresfahrleistung eines Oldtimers geradezu lächerlich.

 

Der eigentliche Punkt ist aber, dass alles, was den E10 als Youngtimer besonders macht, weggestrichen wurde. Das Design des E30 ist gut und damals sehr modern, vereitelt ihm aber heute die Wahrnehmung als Oldie. Die technischen Extravaganzen wurden gestrichen. Im Detail ist der E30 simpel, wo der E10 hochwertig ist. Aber vor allem ist der E30 so erfolgreich gewesen, weil er dem europäischen Massengeschmack entsprach. Die Schrulligkeiten wie die Heizungsnasen (Bild im E10-Artikel), doppelte Blinker an der Front und unmögliche Bedienelemente, die den Reiz eines Hobbyautos ausmachen, sind spurlos verschwunden. Kurzum: Der E30 ist kein schlechtes Auto, aber furchtbar langweilig. Als GTi ist er wegen der vollen Ausstattung (Achtung: Klima ist extra und die meisten haben diese nicht), dem wirklich tollen Elektronikfahrwerk und der Mehrleistung attraktiv, insbesondere als praktischer Fünftürer, der Kinderwagen oder Fahrrad ohne Mühe schluckt. Eine 08/15-Limousine hätte ich wahrscheinlich nicht gekauft, dafür sind diese Autos dann einfach zu beliebig.

Zusammenfassend kann man sagen: Der E10 ist das weit bessere Liebhaberstück, der E30 aber deutlich einfacher am Leben zu erhalten. Die Rollen Hobbyauto und Alltagsmöhre waren also schnell verteilt, wobei mein Galant GTi durchaus erhaltenswert ist.

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23.04.2020 18:12    |    crnl2

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24.04.2020 13:29    |    Micha476

Mein Vater fuhr von 1990 bis 1996 zwei Fahrzeuge. Ab 1990 eine goldfarbenen 90PS Stufenheckversion und dann danach ab 1993 den GTI 16V in rot/silber Den durfte ich dann auch ab und an mal fahren und hatte echt Spaß damit.

Das Fahrwerk am GTI habe ich in guter Erinnerung. Man hat schon die unterschiedlichen Einstellungen bemerkt. Größtes Manko waren die Bremscheiben, die öfter mal eine Unwucht hatten. Mit 5 Mann an die Ostsee in den Urlaub. Das passte alles gut rein.

Der Wagen war insgesamt 13 Jahre und mehr als 200.000 Kilometer in der Familie bis ein Motorschaden das Schicksal besiegelte. Mein Vater hatte den GTI in der Familie weiter gegeben uns sich ein Simga Kombi gekauft. (der war auch top)

 

Danke für die Erinnerung und die Vorstellung. Damals waren die Mitsubishis richtig gute Autos.


26.04.2020 11:58    |    British_Engineering

Sehr interessant zu lesen dein Artikel, denn ich mag zwar den Galant E30 ziemlich gern, habe aber mit dem Vorgänger E10 eigentlich nie Berührpunkte gehabt und den auch nicht unbedingt als spannendes Auto gesehen. Aber mit dieser Einschätzung scheine ich ja nicht so ganz richtig gelegen zu haben.

 

Für mich war der E30 immer ein recht hochwertig gemachtes Auto im Vergleich zu anderen Mittelklässlern aus den 80ern die ich näher kenne und durchaus schätze wie Renault 21, Peugeot 405, Sierra oder Vectra A.


28.04.2020 07:05    |    pico24229

Toller und vor allem objektiver Artikel, man merkt dass du dir Gedanken gemacht hast und Ahnung von den Autos hast.

Der E10 ist für mich einfach ein alter Japaner, also generell cool weil alt. Der E30 gefällt mir optisch hingegen richtig gut.


Deine Antwort auf "Gleicher Name, anderes Auto"

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