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Unterwegs mit meinem 328i

Geschichten eines Sexzylinder-Fahrers

10.03.2017 20:04    |    Felyxorez    |    Kommentare (5)

Mach dein Auto zum Smartcar mit dem PACE Link, so bewirbt das Karlsruher Unternehmen PACE Telematics GmbH seine Dienstleistung. In diesem kurzen Blogpost möchte ich meine Erfahrungen mit der Deutschen Interpretation von Automatic teilen.

 

Das grosse Vorbild

PACE orientiert sich sehr stark an einem San Francisco Tech Start-Up Automatic sowohl im Aufbau der Dienstleistungsangebote als auch an der Technik. Automatic bietet in den USA zwei Varianten an, um sein OBD fähiges Auto zum Smartcar zu machen Die teuerste (rund 129$) Variante bietet einen permanenten 3G Anschluss à la Amazon Kindle, wodurch die Daten also direkt über den Adapter in die Cloud geschaufelt werden. Über eine App oder den Browser können die Daten von der Cloud abgegriffen werden.

 

Die günstigere Variante (rund 80$) von Automatic kommt zwar ohne 3G, dafür mit Bluetooth. Der Nutzer verbindet sein Handy direkt mit dem Adapter und erstellt über die App eine Verbindung zum Auto. Das Handy lädt die Daten anschliessen auf die Plattform, sobald es an das Internet angeschlossen ist. Leider beschränkt sich das Angebot von Automatic auf die USA.

 

Die Funktionsweise

PACE springt also in diese Angebotslücke und versucht seit Ende 2016 einen ähnlichen, leicht angepassten Service in Europa anzubieten. Die Oberfläche und Features (Fahrtenbuch - Fehlerspeicherauslese - automatischer Notruf - etc.) sind quasi identisch zum US-amerikanischen Vorbild. Im Gegensatz zu Automatic wird PACE allerdings nicht nicht mit einer mobilen Datenverbindung angeboten, sondern lediglich als BT Adapter.

 

FahrzeuganalyseFahrzeuganalyse

 

Dessen Installation ist trotzdem denkbar einfach. Man steckt den Adapter in die OBD Buchse, drückt drei Sekunden drauf, verbindet sein Smartphone per BT mit dem Adapter und voilà, das Fahrzeug kommuniziert mit der App. Lediglich die Konfiguration mittels 17-stelliger Fahrgestellnummer ist etwas nervend.

 

Sobald die Zündung des Fahrzeugs betätigt wird, verbindet sich der Adapter automatisch mit der App - nun wird die Fahrt aufgezeichnet. Die App springt dann in den Fahr-Modus und zeigt nun diverse personalisierbare Werte wie Geschwindigkeit, Kühlwassertemperatur, Motorlast oder Spritverbrauch an. Das ist praktisch, wirkt natürlich und lenkt nicht zu sehr von der Fahrt ab. Sehr löblich finde ich, dass alle anderen Funktionen von PACE blockiert werden und lediglich die Anzeigen durchgewischt werden können. So wird der Fahrer dazu angehalten, das Handy während der Fahrt nicht zu bedienen. Da der Adapter selbst keine Verbindung zu PACE aufbaut, ist der Nutzer immer darauf angewiesen, dass sich das konfigurierte Smartphone bei der Fahrt im Auto befindet. Falls das Auto also mal von einer anderen Person bewegt wurde oder es zu einem der häufigen Aussetzer kommt, dann muss die Fahrt manuell im PACE cockpit innerhalb einer Woche nachgetragen werden.

 

Eine FahrtanalyseEine Fahrtanalyse

 

Die Fahrten werden automatisch ausgewertet und geben Rückschluss über die gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit, Höchstgeschwindigkeit, verbrauchtem Sprit und einem eigens ausgerechneten Ecoscore. Auf letzteren gibt PACE sogar noch mehr Rückschluss und nennt die Häufigkeit von unsauberer Fahrweise - zu starker Beschleunigung, falschen Schaltvorgängen und so weiter. Das funktioniert aussergewöhnlich flüssig und macht Spass. Nach der Kategorisierung der Fahrten in Privat / Geschäftlich kann ein Fahrtenbuch exportiert werden, das von vielen Finanzämtern in Deutschland anerkannt wird. Toll!

 

Ähnlich wie gefühlt 1000 Apps erfasst PACE automatisch den letzten Standort des Fahrzeugs und kann einen dort hin zurück führen. Die Fehler aus dem Speicher werden ebenfalls in die Cloud geschaufelt. Das hat den Vorteil, dass diese jederzeit abgerufen werden können - auch wenn das Fahrzeug nicht angeschlossen ist. Das ist eine gute Idee, zumindest in der Theorie.

 

Lean Startup - Falsch verstanden

Gute Ideen in der Theorie - das ist eigentlich das Schlagwort für PACE. Das Konzept ist zwar gut erprobt und gut durchdacht, doch die Ausführung leidet an sehr vielen Mängeln. Diese trüben das Nutzererlebnis leider so sehr, dass PACE sich leider selbst obsolet macht. Das fängt mit Kleinigkeiten wie dem kontra-intuitiven User Interface an. Im Allgemeinen wirkt das sehr hübsche und schlichte Browser und App Interface recht unbequem und hat viele Bedienungsschwierigkeiten. Zum Beispiel ist das Browser-Cockpit nur über den Aktivierungslink in meinen Emails zu finden und anderweitig nicht verlinkt. Oder andere überflüssige Nervereien wie bei der Nachtragung von fehlende Fahrten, da werden zwar die Kilometerstände automatisch gesetzt, die Adressen anhand der vorigen Fahrten jedoch nicht. Das wäre eigentlich naheliegend. Zusätzlich dazu vergisst die App regelmässig die Login Daten.

 

Fahrt 2Fahrt 2 Fahrt 1Fahrt 1

 

Und nachzutragende Fahrten - davon gibt es leider viele. Viel zu viele. Die Kommunikation zwischen App und BT Dongle ist offensichtlich problematisch. Zwar verbindet sich das Smartphone immer zuverlässig mit dem Adapter, doch oft vergisst die App scheinbar letzteren. Das heisst, dass das Fahrzeug wieder eingetragen muss, inkl. Eingabe der 17-Stelligen VIN. Manchmal verbindet es sich eine Stunde später wieder selbstständig, meistens nicht. Es ist jedenfalls immer ein sehr frustrierendes Erlebnis in das Auto einzusteigen, loszufahren und zu sehen, wie man sich auf der Karte immer weiter von der letzten gespeicherten Position des Fahrzeugs entfernt anstatt in den Fahr-Modus zu springen.

 

Das muss auch nicht nur beim Verbinden und Losfahren passieren. Häufig verliert die App den Kontakt während der Fahrt. Ein manuelles Koppeln über die App geht dann immer nur über das Eintragen der Fahrgestellnummer - sehr nervig und überflüssig, weil es scheinbar keine wirkliche technische Unterbrechung gibt. Ist die Fahrgestellnummer wieder eingegeben, dann funktioniert alles wieder. Bei einem anderen Nutzer habe ich erlebt, wie PACE falsche Kilometerstände eingetragen hat und auf einer Fahrt mit weniger Kilometern auf dem Tacho angekommen ist als das Fahrzeug losgefahren ist. Oder es zeigt unterschiedliche Distanzen für exakt die selbe Strecke an.

 

Schön wär'sSchön wär's

 

Das Auslesen des Fehlerspeichers ist in der jetzigen Form ebenfalls völlig unbrauchbar. Das Testobjekt, ein BMW E46 Compact von 2005, hat rund ein Dutzend Fehler im Speicher, welche nicht nur über die BMW eigene Software abgerufen werden können, sondern über jegliche Diagnoseschnittstellen. Das fängt bei defekten Glühkerzen an und geht bis hin zu diversen fehlerhaften Sensoren. PACE zeigt keinen einzigen dieser Fehler an! Nicht einen einzigen! Was wiederum heisst, dass ich für eine gescheite Fehlerdiagnose eine andere Software samt Adapter brauche, da PACE seine proprietäre Schnittstelle scheinbar nicht für andere Apps freigibt. Gerade das ist in Anbetracht der vergleichbar hohen upfront Kosten von mehr als 100€ nicht nachvollziehbar.

 

Ich verstehe, dass PACE erst seit einem halben Jahr auf dem Markt ist und mir sind Begriffe wie Lean Startup (ein Produkt nur mit den absolut notwendigen Features auf den Markt werfen, um Kosten und Risiko zu reduzieren) durchaus klar. Allerdings scheint PACE viel zu sehr darauf fokussiert, exakt Automatic zu kopieren ohne überhaupt sicherzustellen, dass grundsätzliche Features stabil funktionieren. Die instabile App mach die App unbrauchbar, weil das manuelle Korrigieren der Fahrten aufwändiger ist, als das Fahrtenbuch einfach händisch zu schreiben. Da alle anderen Features (Gerade die Fehlerspeicherauslese) sowieso nicht richtig funktionieren, stellt dies den Existenzgrund von PACE ziemlich in Frage.

 

Verstärkt wird das ganze von einem katastrophalen Kundendienst, welcher dadurch verschlimmert wird, dass es keine Nutzercommunity gibt, wo man sich mit anderen Benutzern austauschen kann. In Kombination mit einem eMail Support, bei dem man auf schwerwiegende Probleme wie rückwärtszählende Kilometerstände nur Antowrten à la "Vielen Dank Lieber XY, wir leiten dein Problem an die Technik weiter." bekommt, ist das ein tödliches Rezept. Ich persönlich bin sehr enttäuscht und habe versucht den Adapter zurückzuschicken. Als einer der ersten Kunden bin ich natürlich bereit Zugeständnisse zu machen. Wenn allerdings rudimentäre Probleme bestehen, dann kann man das in Beta Tests herausfinden. Das regelmässige frustrierende Erlebnis "Adapter ist mit BT verbunden - die App verbindet sich nicht automatisch - ich muss die App wieder manuell verbinden und dafür die 17 stellige Fahrgestellnummer eingeben" finde ich einfach zu frustrierend und frech dafür, dass ich einen Vollpreis bezahlt habe.

 

Ich persönlich bin sehr enttäuscht. Ich hoffe PACE wird sich auf essentielle Probleme konzentrieren und diese ausmerzen. Nota bene wären dies eine zuverlässige Kommunikation App - Adapter, eine Nutzercommunity sowie eine funktionierende Fehlerauslesefunktion - oder zumindest eine Schnittstelle/Kooperation um dies mit Carly oder anderen Apps zu können. Langfristig wäre eine 3G Lösung, wie Automatic sie anbietet, wohl optimal.

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11.03.2017 07:10    |    Goify

Danke für deinen Bericht. Seit etwa 8 Wochen habe ich diese nervige PACE-Werbung in Facebook und fragte mich, ob das meine Fahrtenbuchschreiberei vereinfachen kann. Aber das scheint wohl zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sein.


23.03.2017 15:44    |    Felyxorez

Ne, gar nicht. Mein Stiefvater probiert selbst Vimcar aus. Die können zwar ausser Fahrtenbuch nichts, weder Fehler auslesen noch sonst was, dafür kommt der Adapter mit 3G.

 

Allerdings ist das mindestens ein genauso grosses Theater - und zu einem noch höheren Preis.


20.12.2017 19:12    |    Eumel16

Danke für den Bericht

seitdem ich Vimcar habe kann ich mein Fahrzeug BMW X5M nicht mehr verriegeln. Die Alarmanlage löst sofort aus.

Wiederholte Anrufe beim Kundendienst brachte bis jetzt keine Verbesserung. Mir wurde nur mitgeteilt, dass man eine neue Firmware laden werde- Versprochene Rückrufe wurden nicht durchgeführt. Wenn nicht bald Abhilfe erfolgt muss ich das Gerät ad acta legen. Schade, denn prinzipiell funktioniert alles sehr gut.


20.12.2017 19:19    |    Felyxorez

Vimcar ist sowieso ziemlich übel, gerade der Grottenschlechte (!!!) Support in Verbindung mit dem sehr hohen Preis Nach mehreren Monaten haben wir das im Unternehmen komplett aufgeben. Da kann ich deine Erfahrungen nur bestätigen.


28.07.2020 10:19    |    mark bischoff

Hallo, ich habe die app nebst Dongel seit einem jähr im Einsatz. das Ergebnis ist immer noch ernüchternd:

 

Kontinuierliche Abbrüche sind an der Tagesordnung erneutes Einbuchen bzw verbinden braucht aber keine Seriennummer mehr. einfach auf den dongle drücken bzw alles schließen und neu verbinden am handy (spassige Geschichte wenn man unterwegs ist) support ist freundlich hat aber keine ahnung bzw denkt der user ist ein bisschen doof. seit Eingen wochen verbindet sich das handy nicht mehr mit der interne. cloud alle Fahrten werden also nicht gesynct aber da nach wenigen tagen die sog Sperrfrist (angeblich wg des Finanzamtes und der Zulassung dafür) abläuft kann man die Fahrten auch nicht korrigieren und stehen als Privatfahrt oder ben gar nicht im Log. Service reagiert nicht bzw erzählt lustige Geschichten das das an Apple liegt wg angeblicher Bluetooth Geschichten die beim iPhone sind - das ist kompletter Unsinn hat einfach mit sauberer Programmierung zu tun. Die GUI der App ist sehr hübsch und echt hilfreich wenn es denn seine Hauptfunktion beherrschen würde.


Deine Antwort auf "PACE - Mach dein Auto zum Stupidcar"

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