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Mein erster Mercedes

Gutes aus dem Hause Benz und andere Highlights

29.06.2012 19:41    |    TDI-Monster    |    Kommentare (14)    |   Stichworte: Alltag, Auto, Golf II, Oldtimer, Spaß, Youngtimer

Der 13. Mai 1992 war ein Mittwoch. An diesem Mittwoch saß ich seit etwa einem dreiviertel Jahr in meiner neuen Schulklasse auf dem Gymnasium. Vieles war neu, aus 800 Metern Fußmarsch zur Grundschule waren im vergangenen Spätsommer 12km Busfahrt und zusätzlich 800 Meter Fußmarsch geworden. Schon damals zeichnete sich ab, dass ich mit Mathe wohl nie eine tiefgehende Freundschaft eingehen würde. Ich hatte damals bescheuerte Klamotten an und eine noch dämlichere Frisur. Rückwirkend betrachtet stelle ich aber heute fest, damit völlig im Mainstream-Korridor rangiert zu haben.

 

Im Frühjahr 1992 war mein erstes Auto so weit entfernt, wie die Kuh vom Fliegen. Ich mochte damals bereits die W123/124-Modelle von Mercedes und auch die aktuellen Audis hatten es mir angetan. Meine Eltern bewegten zu diesem Zeitpunkt noch einen ausstattungsbefreiten Passat 32B Variant CL in blaumetallic (selbst auf die Innenverstellung der Außenspiegel hatte man bei der Neufahrzeugbestellung verzichtet!). Er sollte wenige Monate später mit der Geburt meines jüngsten Bruders durch einen flammneuen, weinroten Passat 35i Variant "Trend" ersetzt werden. Der Wagen hatte ein elektrisches Schiebedach (und sonst nix)! Diesen Anfall von Dekadenz meiner Eltern vergesse ich bis heute nicht.

 

Zum Golf II hatte ich damals ein recht eindeutiges Verhältnis: ich fand ihn übelst hässlich! Ich konnte ihm nichts abgewinnen, war es doch immer das Lieblingsauto derjenigen, die eigentlich keine Lieblingsautos hatten!

 

Meine Mathe(!)lehrerin fuhr einen tornadoroten Dreitürer-GL mit Werksalus (bestimmt ein ehemaliger Vorführwagen, soviel Geschmackssinn will ich dieser alten Hexe bis heute nicht zutrauen). Meine Englischlehrerin fuhr ebenfalls einen Dreitürer, allerdings einen noch scheusslicheren, sandfarbenen CL.

 

Ich hatte das Thema Golf II mit der kindlich entstandenen Abneigung für lange Zeit abgeschlossen, bis ich Anfang dieses Jahres einen günstigen (Verbrauchs-)Wagen suchte, der mich als Neu-Pendler zum nicht so toll beleumdeten Parkplatz eines Kleinstadtbahnhofes tragen sollte. Mein in der Restaurierung befindliches Mercedes W123-Coupé wollte ich nach seiner Fertigstellung nun nicht dafür hernehmen.

 

An einem Sonntagmorgen stöberte ich ich im Netz und fand im nahen Belgien einen 1992er Golf II Turbodiesel mit niedriger Laufleistung (128tkm) zum noch niedrigeren Preis aus 2. Hand.

 

Ich weiß nicht, was mit mir in den letzten 20 Jahren geschehen ist, aber als ich das kleine Wägelchen in seinem maritimblauen Kleid ("LA5E" für die Cracks...) und den freundlich-hell gemusterten Stoffsitzen sah, fand ich ihn....schön! Etwas überrascht von mir selbst, kaufte ich den Wagen ein paar Stunden später.

 

Weißgott bin ich kein VW-Experte und so erfuhr ich vor Ort und Dank wikipedia, dass es sich bei dem 1992 hergestellten kleinen Turbodiesel um einen der allerletzten Golf II handelte. Der Nachfolger Golf III wurde zum Zeitpunkt der Erstzulassung meines Maritimblauen TD im Mai 1992 bereits einige Monate gebaut. Es war das Sondermodell "Function", was die Erstbesitzerin aus dem deutschen Norden heute vor 20 Jahren orderte. Das gegenüber dem Basismodell durch einen höhenverstellbaren Fahrersitz, Colorverglasung und Fußraumlüftungsdüsen für die Fondpassagiere aufgewertete Sondermodell sollte denn an Luxus auch reichen, weswegen die Dame nur noch einen fünften Gang auf dem Vordruck ankreuzte. Ob sie sich anschließend genauso sehr über die fehlende Servolenkung "freute", wie ich...?

 

Der Wagen legte in den kommenden Jahren keine Weltreisen zurück, weder an Haltereinträgen im Brief, noch auf dem Kilometerzähler. In den späten Neunzigern wurde er das erste Auto der Zweitbesitzerin, die den kleinen Blauen nun an mich verkaufte. Gerade einmal drei Weltumrundungen hatte er nun hinter sich. Seine rechte Türe war durchgerostet, was auf einen Werkstattmurks der 90er-Jahre hindeutet: die Türe wurde bei VW nach einem Einbruchsversuch getauscht. Die neue Rohbautüre wurde dann wohl nicht mit Wachs versiegelt.

 

Von Anfang an hatte der Golf keine große Karriere bei mir zu erwarten. Er sollte als Pendlerkiste dienen, bis ich mit etwas mehr Zeit ausgestattet, einen schönen 190er oder W124 als Ersatz finden würde.

 

Als ich ihn jedoch in die Heimat überführte (und damit erstmals im Leben Golf II fuhr), wandelte mich der kleine blaue Verbrauchswagen vom Golf II-Verabscheuer zum Sympathisanten. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl in dem Wagen. Alles war dort, wo man es erwartete. Die Sitze waren gut, nichts klapperte, der kleine Diesel zog ordentlich durch und der Wagen roch gut. Der Geruch im Innenraum ist für mich ein entscheidendes Kaufkriterium! Alte Benze riechen am besten, Audis aus der Zeit sind relativ neutral. Opel und besonders Japaner stinken ekelhaft.

 

Nun hatte ich einen gut riechenden Golf, einen TÜV-Püfer, der mir ein "ohne Mängel" ins Gutachten schrieb und sich gleichzeitig zu einem emotionalen Ausbruch ("was ein geiles Auto mit diesem Motor!") hinreißen ließ sowie einen 60 PS-Turbodiesel, der sich nur 4,4l Kraftstoff auf 100km aus dem Brotkörbchen nahm!

 

Mittlerweile habe ich 2000km mit dem Kleinen zurückgelegt, ihm einen großen Service, einen neuen Zahnriemen, einen Euro2-Kat, eine Politur, eine Polsterreinigung mit dem Waschsauger und einen neuen Lederschaltsack spendiert. Eine neue Beifahrertüre habe ich bereits in Maritimblau lackiert, sie wartet nur noch auf ihren Einbau.

 

Klingt das alles nach dem Auto, welches ich vor 20 Jahren so verabscheut hatte?

 

Nein, kleiner Golf. Wir sind beide älter geworden und reifer. Hätte ich damals gewusst, welch überfrachteter Plastikschund einmal deine Nachfahren werden sollten, ich hätte Dich damals nicht so verachtet. Ich hoffe Du akzeptierst mein Friedensangebot in Form einer Mike-Sanders-Konservierung und gehst mit mir ein Stück im Leben gemeinsam. Schließlich haben wir beide noch einiges vor, oder?


Tim

TDI-Monster TDI-Monster


 

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