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Mein erster Mercedes

Gutes aus dem Hause Benz und andere Highlights

29.06.2012 22:05    |    TDI-Monster    |    Kommentare (29)    |   Stichworte: 32B, Alltag, Auto, Kurioses, Variant, VW Passat, Youngtimer

Eine besondere Autoaffinität ist mir von meinen Eltern nicht in die Wege gelegt worden. Dass ich trotzdem ziemlich "autodoof" bin, muss also andere Ursachen haben, die ich (noch) nicht kenne.

 

In meiner Kindheit dominierten "Brot- und Butter-Autos" meine Familie. Mein Onkel erreichte damals mit seinem tornadoroten 1981er Audi B2 Coupé (in der seltenen 75PS-Variante) das höchste der Gefühle aus dem näheren Umfeld.

 

Doch was sind eigentlich "Brotautos", oder eben "Butterautos"? War der Mercedes W126 dann ein "Wurstauto"...?

 

Werden wir nicht albern und sehen der Realität ins Auge. Gemeint sind Autos, die im ganzen Spektrum ihres Daseins als Neu- und "regulärer" Gebrauchtwagen vor der Schwelle zum Altertümchen vor allem eines waren: Gebrauchsobjekte!

 

Meine Eltern kauften Ende der 1980er einen Passat Variant CL, weil man so etwas kaufte, um eine Familie, Säcke mit Blumenerde, Ikea-Regale und sonstiges von A nach B zu fahren. Ein Opel war vielleicht etwas zu piefig, ein Ford ebenso. Genauso dürfte der damaligen Ford- und Opel-Kundschaft ein VW vielleicht einfach zu teuer gewesen sein. Ideologische Gründe klammere ich hier bewusst aus.

 

Hatten die Autos ihre Halbwertszeit erreicht, wurden Sie oft durch den markeninternen Nachfolger ersetzt und spielten fortan nur noch im Familienalbum eine Rolle. Emotionen verband mit einem 1985er-Passat CL wohl kaum jemand in den Neunzigern. Selbst Mercedes baute zu jener Zeit seine Autos mit einer offiziellen Lebenserwartung von zehn Jahren und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die meisten VW-Familienautos der Achtziger spätestens Mitte der Neunziger ihren Tiefpunkt als Letzthand-Gebrauchtwagen oder Baustellenautos erlebten. "Warum sollte man sowas aufheben?" kam als Frage gar nicht erst auf, wenn sich schon die Frage nach einem wirtschaftlichen Tausch von Verschleissteilen erübrigte.

 

Mitte 1992 hatte dann auch der stratosblaue Variant CL meiner Eltern seine Schuldigkeit getan und wurde verkauft. Pragmatisch wie man war, wurde der Nachfolger ein flammneuer Passat B3 Variant.

Stellvertretend für Millionen anderer deutscher Haushalte wird deutlich, dass diesen Autos kaum emotionale Bindungen selbst an ihre Erstbesitzer gegönnt waren.

 

Ein Mercedes oder BMW war da anders gestrickt. Hier spielten immer Status und Begehrlichkeiten eine wichtige Rolle. Wurden solche exklusiven Autos von den Neuwagenkäufern abgelegt, warteten bereits Heerscharen von Zweit- und Drittverwendern auf ihr Stück vom automobilen Luxus. Einen gebrauchten Passat CL kaufte man sich in der Regel nur dann, wenn man sich keinen neuen leisten konnte.

 

Dies führt bis heute dazu, dass man seine Benz-Affinität ohne große Schwierigkeiten (allenfalls finanzielle Hürden können sich auftürmen) ausleben kann: sucht man einen guten Mercedes W124, findet man ihn wahrscheinlich sogar in der Wunschfarbe. Sucht man hingegen einen ordentlichen VW Passat aus den Achtzigern, dann ja dann, öhm...

 

Sonntagmorgen ist meine Autobörsenzeit: die Freundin weilt noch im Reich der Träume, noch alles still draußen und als notorischer Frühaufsteher kann ich in Ruhe schauen, was man so in Deutschlands Garagen findet. Ich habe mittlerweile ein ganz eigenartiges Beuteschema von Inseraten, die meine Aufmerksamkeit wecken. Schlechte Fotos mit wenig (aber fehlerfreiem) Text und Festnetznummer sind immer interessant.

 

So fand ich auch einen 1987er-Passat Variant, der mehr schlecht als recht fotografiert wurde. Was sich jedoch in meine Netzhaut einbrannte waren die originalen, völlig makellosen Stahlfelgen mit ebenso makellosen (und überhaupt vorhandenen!) originalen Nabenabdeckungen.

 

Ich hatte bereits zuviele Kindheitsträume der 80er rumstehen und wollte partout keinen weiteren Wagen, aber ich konnte nicht widerstehen und fuhr die hundert Kilometer zum Verkäufer. Es war der Schwiegersohn des Erstbesitzer, der den Wagen aber bereits 1988 übernahm. 312tausend Kilometer hatte der Wagen auf der Uhr, aber eine sehr gute Pflege genossen. Die GL-Plüschsitze waren unbeschädigt und sauber, das originale VW-Gamma noch vorhanden und betriebsbereit, der Kofferraum sauber, trocken und völlig rostfrei und selbst die originale Laderaumabdeckung funktionierte wie am ersten Tag. Besonders stolz erzählte mir der Verkäufer, dass selbst das Antennenteleskop noch das allererste sei.

 

Ich muss nicht lange erklären, dass ich den Wagen kaufte. Zuviele Kindheitserinnerungen hingen daran, auch wenn die luxuriöse GL-Ausstattung Lichtjahre vom CL meiner Eltern entfernt ist.

 

Man merkte dem Verkäufer an, etwas besorgt um die Zukunft seines Wagens zu sein aber ich konnte ihn beruhigen, da ich den Wagen aufbauen werde. Gäbe es eine Möglichkeit, Rost an zwei Türen und der Heckklappe wirksam "einzufrieren", würde ich das allerdings jeder Restaurierung vorziehen.

 

Autos müssen eine Geschichte erzählen und dieser tapfere GL kann sagen, seht her 124er-Benze! Ich habs auch bis hierhin geschafft und bin noch lange nicht am Ende. Trotzdem glaube ich, dass sich der alte Geselle nicht über neue Rohbautüren aus dem VW-Classic-Parts-Programm und ein neues Kleid in Flashsilber beschweren wird.

 

Am Tag der Abholung hatte mir der Verkäufer noch einen Satz neuer Hauptscheinwerfer, ein flammneues Kombiinstrument und einen fabrikneuen, originalverpackten Vergaser in den Variant-Kofferraum gelegt. Das habe er so über die Jahre angesammelt.

 

Und jetzt soll mir noch einer sagen, dass nicht auch Brot- und Butter-Passate Leidenschaft bei ihren Besitzern verschiedenster Generationen auslösen können.


Tim

TDI-Monster TDI-Monster


 

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