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13.08.2016 12:13    |    KUESmagazin    |    Kommentare (16)    |   Stichworte: 54, Alltag, Hauptuntersiuchung, Hauptuntersuchung, kapitän, KÜS, Küs Check, KÜS Magazin, KÜS Plus, opel, Sachverständige, Wirtschaftswunder

Darf man Oldtimer im Alltag fahren?

Das Wunder von Bern passierte im Jahr 1954: Obwohl Ungarn mit zwei Toren in Führung liegt, gelingt es der deutschen Mannschaft in kurzer Zeit drei Treffer zu erzielen. Die Außenseiter-Mannschaft Deutschland wird mit 3:2 Fußballweltmeister. Konrad Adenauer ist Bundeskanzler. Theodor Heuss wird Bundespräsident. Das Riesenmonster Gozilla tyrannisierte japanische Kinogänger.

 

"Das Raubtierhafte dieses Gesichts verleiht dem Wagen den Ausdruck des Vorwärtsstürmens" (Opel Werbung 1954)"Das Raubtierhafte dieses Gesichts verleiht dem Wagen den Ausdruck des Vorwärtsstürmens" (Opel Werbung 1954)

 

Schriftsteller Ernest Hemingway stürzt in Afrika gleich zweimal hintereinander mit dem Flugzeug ab. Aus dem Röhrenradio rockten Bil Haley und Elvis Presley. Die Wirtschaft boomt und der Güterumschlag ist fast schon wieder auf Vorkriegsstand. Es ist friedlich. So friedlich, dass britische Programmierer William Tunstall-Pedoe den 11. April 1954 sogar zum langweiligsten Tag in der Geschichte des 20 Jahrhunderts errechnet haben will: Denn bis auf eine Wahl in Belgien und die Geburt des türkischen Gelehrten Abdullah Atala, sei nichts Weltbewegendes passiert.

 

Überhaupt nichts Weltbewegendes? Doch! Denn Opel verkauft seit Herbst 1953 den überarbeiteten 54er Kapitän. Die Pontonkarosserie im amerikanischen Stil und dem markanten „Haifischmaul“-Kühlergrill war ein richtiger Verkaufsschlager. Zum Haifischmaul textete damals die Opel Werbeabteilung: „Der mächtige Windeinlass ist in der Mitte durch eine Zwischenfläche unterteilt und mit Rippen versehen. Das Raubtierhafte dieses Gesichts verleiht dem Wagen den Ausdruck des Vorwärtsstürmens.“ Die vier Türen sind beim 54er Opel Kapitän vorn angeschlagen und auch die Frontscheibe ungeteilt.

 

Der 54er Kapitän bietet im Vergleich zu modernen Schiessscharten-Autos einen fast schon Licht durchfluteten Innenraum. Der Grund dafür war die ausgefeilte Modellpflege: So wurden die Fensterflächen im Vergleich zum Vorgänger vorn um 64 Prozent, in den Türen um 26 Prozent und an der dreiteiligen Panoramaheckscheibe gar um satte 76 Prozent vergrößert. Wem das nicht reicht, der kann noch das riesige Faltschiebedach binnen 3 Sekunden mit dem verchromten Schalter entriegeln und nach hinten schieben. Zum Vergleich: Das elektrische Verdeck eines 2013er Porsche 911 Cabrio öffnet binnen 13 Sekunden. Darüber kann der Kapitän-Fahrer nur schmunzeln. Vielleicht liegt es schon am Licht, dass man einfach nur gute Laune bekommt, wenn man im Opel Kapitän fährt.

 

Die Blinker können von der Seite und von Gegenüber gesehenDie Blinker können von der Seite und von Gegenüber gesehen

 

Das fantastische Raumgefühl wird auch dadurch ermöglicht, dass der Getriebe- und und Kardantunnel extrem niedrig gehalten wurden. Und dann verfügte bereits der Opel Kapitän – Ferdinand Piech und sein Volkswagen Phaeton müssen jetzt ganz tapfer sein – über die erste zugfreie Innenraumbelüftung, nämlich über Türdrehfenster vorne und hinten (!). Andere nützliche und Komfort steigernde Accessoires oder Annehmlichkeiten, waren Kleiderhaken über den hinteren Türen und ein in die Sitzbanklehne integrierter Ascher mit Zigarrenanzünder.

 

Unter Pontonkarosserie versteht man übrigens den Verzicht auf Trittbretter sowie sichtbar angesetzte Kotflügel. Der Vorteil: Die Pontonkarosserie bot Glattflächigkeit in Verbindung mit deutlich größerer Geräumigkeit. Pontons (= „Brückenschiff“, Fähre), das sind hochbordige, schwimmfähige Blechquader, mittels derer das Militär Pionierbrücken für Flussüberquerungen erstellte.

 

Die Heckpartie begeistert mit kleinen Heckflossen. Die oben angebrachten Blinker sollten auch von der Seite sichtbar sein. Sogar von der Gegenüberliegenden. Der Kofferraum hat ein Volumen von stolzen 660 Litern.

 

Das riesige Faltdach - in 3 Sekunden geöffnetDas riesige Faltdach - in 3 Sekunden geöffnet

 

Das Reserverad ist Platz sparend an der linken Außenflanke montiert. Der Grund: Bei einer Reifenpanne sollte es nicht mehr nötig sein, das Urlaubsgepäck auf der Strasse stapeln zu müssen. Aus heutiger Sicht sensationell ist das geringe Leergewicht der selbst tragenden Karosserie von nur 1210 Kilogramm. Einzig die Zuladung ist mit 440 kg für einen offiziell zugelassenen Sechssitzer eher mäßig. Über Sicherheit sollte man dabei auch nicht diskutieren: 1954 gab es natürlich noch keine Gurte und Airbags. Der Bremsweg aus 100 km/h wird auf etwa 60 Meter geschätzt. Je nach Verschleisszustand der Bremse sind es sogar ein paar Meter mehr.

 

Ein offiziell zugelassener SechssitzerEin offiziell zugelassener Sechssitzer

 

Im Jahr 1954 war es Stand der Technik. Von November 1953 bis Juli 1955 wurden 61.543 Exemplare gebaut. Der Kaufpreis betrug 9.500 DM (ab 3. Januar 1955: 8.990 DM). Der 54er Kapitän lag, nach VW Käfer und Opel Olympia, an dritter Stelle der westdeutschen Produkionsstatistik. Das ist ungefähr so, als würden heute alle unsere Nachbarn Mercedes S-Klasse fahren. Ein echtes Wirtschaftswunder.

 

Der Alltag in einem 54er Automobil gestaltet sich deutlich langsamer und aufwendiger. Ja, er rostet. Hier und da. Meistens unter dem Kofferraumboden. Die Türdichtungen bröseln. Die schöne Zeituhr im Cockpit muss regelmässig mit der kleinen Kurbel aus dem Handschuhfach aufgezogen werden. Zur Belohung macht sie leise tickticktick, wie die alte Wohnzimmeruhr von Oma und Opa. Zum Ölwechsel muss der Kapitän alle 3000 (!) Kilometer. Einen Ölfilter hatte er 1954 noch nicht.

 

Überhaupt verlangt der Reihensechser Phase I - es gab ihn auch im LKW Opel Blitz – nach etwas Liebe und Verständnis. Nach längerer Standzeit wird dreimal mit dem Gaspedal gepumpt, damit die Beschleunigungspumpe ein bisschen Sprit ins Saugrohr pustet. Das Benzin- Luftgemisch ist nämlich längst verdunstet. Dann wird der Choke links neben dem Tacho gezogen und ohne Gas gestartet, damit der Reihensechser nicht absäuft. Sobald die ersten Lebenszeichen von der Kurbelwelle zu hören sind, den Choke etwas rein und mit Gasstössen das ganze Gemisch am Leben erhalten.

 

Es ist ein bisschen wie Kochen. Die Lenkradschaltung ziehen, nach unten bewegen und losrumpeln. Der erste Gang ist nicht synchronisiert. Das sieht auf den ersten Metern etwas hilflos und peinlich aus. Mit jedem Kilometer aber wächste die nonverbale Beziehung zwischen Mensch und Maschine und fährst ruckfrei, gleitend durch die Landschaft. Du weißt, was er braucht und er macht Dich glücklich. Das ist der Deal.

 

Sobald der Motor warm ist, wird der Choke ganz reingeschoben. Manchmal, an der Ampel, wenn die rote Ampere-Lampe flackert und das Feuer droht auszugehen, muss der Choke nochmal ein paar Zentimeter raus, wenn der Leerlauf nicht richtig eingestellt ist. Mit der richtigen Einstellung ist das allerdings so eine Sache: Mit jedem Weg ändert sie sich wie eine Meinung. Irgendwas muss also immer verstellt und eingestellt werden. Du bis nie fertig.

 

Die Leistung des Reihensechszylinders liegt bei heute albernen 68 PS (50 kW), aber die Fahrleistungen sind aufgrund des geringen Gewichts beachtlich: Bei Höchstgeschwindigkeit klettert die Tachonadel auf 138 km/h. Damit zählt er damals zu den schnellsten Limousinen im Lande. Selbst ein Mercedes 220 schaffte nur 150 km/h Spitze. Ausprobieren möchte man das heute lieber nicht mehr. Opel hat den Verbrauch mit 10,1 Litern angegeben. In der Praxis sind es aber 12-14 Liter Superplus mit Bleiersatz-Additiv. Mit nur 45 Litern Tankinhalt sollte man lieber alle 250 Kilometer nachtanken. Leere Tanks rosten gerne, deshalb ist es auch nicht ganz verkehrt, nach getaner Arbeit den Kapitän für den nächsten Ausritt voll betankt abzustellen.

 

Erstaunlich: Der Kapitän hat schon bei niedrigen Drehzahlen enorm viel Drehmoment, lässt sich schon ab 40 km/h im höchsten Gang fahren. Der höchste ist übrigens der Dritte. Zwischengas kann nicht schaden.

 

Maximal 100 km/h traut man sich im Kapitän, danach wird es ungemütlich: Der sonst so kultivierte Kurzhuber heult gequält und das schwankende Schiff ist mit der Schneckenlenkung nur mühsam auf Kurs zu halten. Die Schneckenlenkung, die nach Schmierplan regelmässig gefettet werden sollte, funktioniert prinzipiell wie ein Schneckengetriebe. Mit dem Lenkrad wird eine Welle bewegt, die ein Segment des Schneckenrads mit dem Lenkstockhebel dreht und die daran gelagerten Spurstangen verschiebt.

 

Auf Landstrassen empfehlen sich 80 km/h, bergauf sind es manchmal nur 60. Dabei ist niemand böse. Die Autoschlange hinter Dir empfindet eine Mischung aus Mitleid und Bewunderung. Die Passanten winken, lachen rufen. Warum ist die Welt nicht immer so schön? Oh wie gerne hätten wir doch noch einmal den 11. April 1954.

 

"Das Raubtierhafte dieses Gesichts verleiht dem Wagen den Ausdruck des Vorwärtsstürmens" (Opel Werbung 1954) "Das Raubtierhafte dieses Gesichts verleiht dem Wagen den Ausdruck des Vorwärtsstürmens" (Opel Werbung 1954)

 

Noch viel mehr zum Kapitän gibt es bei den fanatischen Alt-OPELanern:

http://www.alt-opel.org/index.php?sn=typengruppe08

 

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13.08.2016 21:40    |    emil2267

:)


13.08.2016 23:03    |    JesusChrysler

Schöner Bericht, den ich gen gelesen habe:)


14.08.2016 11:32    |    bakkilenkt

Ja wie geil ist der denn! Also der Bericht und natürlich der Kapitän!

 

Ich fuhr in selbst, ja, exakt diesen hier. Aus seinem alten Revier in sein Neues. Ein Abenteuer!

 

Was sofort auffällt: Es ist Licht geworden! Der Kapitän gibt Dir Deine Sicht zurück, Deinen Überblick.

Blitzt nur ein einziger flüchtiger Sonnenstrahl aus dem Himmel, geht im Kapitän die Sonne auf. Licht

aus, Spot an. Jeder Wintergarten wirkt dagegen wie ein Kellerverlies. Und versuche mal mit dem

Wintergarten zur Eisdiele zu fahren ;-)

 

Dann taucht vor Dir ein Hindernis auf, eine Entenfamilie. Du gehst vom Gas, der Kapitän verzögert.

Du bremst, der Kapitän nicht. Du trittst ihm ordentlich in seinen Bodenblechhintern, tatsächlich wird

er langsamer. Aber ganz langsaaam. Eine große Lücke tut sich auf, Platz zum überholen. Erstaunlich

geschmeidig und mit gutem Durchzug ziehst Du an den drei Enten vorbei, grüßt fröhlich, aus dem

riesigen Schiebedach winkend. Es ist fast so groß wie bei den Enten, aber die haben nicht einmal

ein Drittel Deiner Leistung, wer will da tauschen?

 

Die Straße wird kleiner, leerer. Der Kapitän fliesst bei knapp 70 durch die Landschaft wie die Weser

neben Dir, ruhig, aber unaufhaltsam. Du entspannst Dich auf der gemütlichen Sitzbank, führst mit

einer Hand den großen Opel. Mit der anderen Hand führst Du Deine Kleine. Direkt neben Dir. Du fühlst

sie. Umarmst sie. Sie legt ihren Kopf auf deine Schulter und Du weißt: Alles ist gut. Genau jetzt.


14.08.2016 12:42    |    ConvoyBuddy

Ein toller Bericht zu einem tollen Auto.

 

Mein Vater hatte den etwas jüngeren Bruder dieses Kapitän, einen 56er, der immerhin schon brachiale 75PS statt der 68 des beschriebenen 54er hatte. :)

Fahrten bis hinunter nach Italien waren eine wirklich entspannte Reise, und genug Gepäck konnte man auch mitnehmen.


14.08.2016 16:16    |    KUESmagazin

Vielen Dank Euch für die tollen Kommentare. :) Wir geben Sie natürlich auch den Kapitän weiter


15.08.2016 16:39    |    Sturmflut92

ein sehr schönes KFZ! schön geschriebener Bericht, hat Spaß gemacht ihn zu lesen! :)


15.08.2016 18:36    |    FranzR

Hi,

 

schönes Auto, schöner Bericht, schöne Bilder. Er hat 6 Volt, was damals auch funktioniert hat und schon alleine deshalb erhaltenswert ist. Aber die Batterie! Immerhin eine schwarze, aber vermutlich seit 1960 eingebaut...


15.08.2016 22:54    |    Gorgeous188

Oldtimer: Fahren ja, Alltag nein! Meiner steht in der Tiefgarage, und kommt am Wochenende, bei schönem Wetter oder bei besonderen Gelegenheiten raus.

Originalzustand? Ja, aber bitte auch nicht übertreiben. Radio, Felgen, Auspuff und Fahrwerk gehen in Ordnung. Lässt sich alles relativ einfach austauschen nach persönlichen Vorlieben, und bei Bedarf auch wieder mit Original. Aber auch das bitte nicht übertreiben. Ein gesundes Mittelmaß zwischen "Alles Original, sogar der Ölfilter muss aus dem Jahr der EZ sein" und "komplett verbastelt".


16.08.2016 09:22    |    Reaven145

viele Schätzchen haben einfach ein zeitloses Design. Schön das so viele sich dem Erhalt dieser Oldtimer widmen.


16.08.2016 15:54    |    cmoss

Vielleicht noch eine kleine Korrektur: Die paar Gasstöße vor dem Starten waren notwendig, damit die Beschleunigungspumpe etwas Benzin ins Saugrohr einspritzt, nicht, weil alles ausgetrocknet war.


17.08.2016 07:35    |    Spannungsprüfer33

Toller Bericht. Ich habe - glaube ich - beim Lesen permanent gegrinst....


17.08.2016 19:15    |    KUESmagazin

@cmoss Merci für den Hinweis. Wir haben die Anmerkung gerne aufgenommen. Der Kapitän steht für eine Zeit, in der es nur schöne Nachrichten gab.


18.08.2016 07:49    |    BMWX3_3.0d

Sorry, den Bericht hab ich nicht gelesen (zu faul am Morgen) aber allein bei den Bildern ist mir mein Herz aufgegangen. Diese Formen einfach wunderschön. TOLL


18.08.2016 10:40    |    nick_rs

Mist, jetzt habe ich auch wieder Lust auf solch ein Gefährt :(


18.08.2016 13:00    |    Kunipfuhl

Wir haben vor 45 Jahren einen Katzenbuckel-Taunus weggeschmissen und ein paar Jahre später einen Hundeknochen-Escort.

Scheisse, das waren auch automobile Zeitzeugen.


18.08.2016 21:37    |    cmoss

Ich habe vor ein paar Jahren einen - recht verfallenen, aber an sich fast fahrbereiten - Ford Eifel verschenkt, BJ 1938. Der neue Besitzer hat ihn top hergerichtet und jetzt einen schönen Oldtimer.


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