• Online: 3.514

JRAV

Vom Fahren und Fliegen

12.09.2013 21:36    |    JRAV    |    Kommentare (50)    |   Stichworte: fahrbericht, Jaguar, katze, X350/358, X358), XJ Mark III (X350, xjr

Jaguar XJ Super V8Jaguar XJ Super V8

 

„Mein Gott, ich muss doch vollkommen bekloppt sein!“

 

Nicht zu ersten Mal an diesem Tage geht mir der Gedanke durch den Kopf. Ich befinde mich irgendwo auf einer Autobahn nördlich von Nürnberg. Wo genau, tut nichts zur Sache. Viel wesentlicher ist die Frage, in was für einem Auto ich sitze.

 

Ich sitze in einem Jaguar. Nein, es handelt sich nicht um irgendeinen Jaguar, den ich zufällig gerade Probe fahre. So etwas kommt ja schließlich öfter mal vor. Nein, nein, es handelt sich vielmehr um MEINEN Jaguar. Ich habe ihn gekauft, und das vor gerade mal einer halben Stunde.

 

Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht einen schrecklichen Fehler begangen habe. Ich meine, ich habe ein dickes Bündel Geldscheine gegen ein 10 Jahre altes Auto mit fast 240,000km auf dem Tacho getauscht.

 

Und dann auch noch einen Jaguar! Wenn es wenigstens ein Mercedes wäre....wie blöde kann man nur sein!

 

Zumindest handelt es sich um einen besonders hübschen Jaguar der Baureihe XJ 350 – richtig, das ist der mit der Aluminiumkarosserie, der aber prinzipiell genauso aussieht, wie der 1985er Jaguar XJ12 Sovereign meines Großvaters. Nur dass selbiger braun war. Mein Jaguar ist grün, jawohl, wie es sich für einen richtigen Jaguar gehört. British-Racing-Green, selbstverständlich.

 

Gibt es noch ein anderes Grün?

 

Nicht für britische Autos. Innen hat die Katze eine feine Lederausstattung in der Sonderfarbe ‚Ivory’ mit dunklen Kedern in „Warm Charcoral“. Das hellbeige Leder bildet einen wunderbaren Kontrast zum dunklen Lack. Zugegeben, ein wenig Lederpflege hätte der Innenraum dringend nötig, aber ansonsten ist das empfindliche Material überraschend gut erhalten – und das, obwohl es sich um einen Jaguar handelt.

 

Holz und Leder, das können die Briten. Das Lenkrad in meinen Händen ist natürlich ebenfalls aus feinstem Nussbaumwurzelholz, die Airbagabdeckung ist mit dunklem Leder bezogen, der Growler grinst mir zähnefletschend entgegen. Es liegt wunderbar in der Hand und hat sogar eingearbeitete Auflagen für die Daumen. Weich und geschmeidig lässt es sich bewegen – wohin ich es auch drehe, die Katze folgt der mit einer unheimlichen Geschmeidigkeit, wie es eben nur ein Jaguar zu tun vermag.

 

jaguar-xjr-350-3jaguar-xjr-350-3

 

Auch das Armaturenbrett ist großflächig mit Holz verkleidet. Der Dachhimmel ist in feinstem Velours gekleidet, und auch die dunklen Teppiche sehen wie neu aus.

 

Oberhalb des Wählhebels – übrigens eine besonders edel wirkende Skulptur aus Holz und Chrom – befindet sich ein großer Farbmonitor mit Touchscreen, eingebettet in einen Rahmen aus Klavierlack. Zusammen mit zwei weiteren Monitoren, die sich in den Kopfstützen befinden, ist er das einzige Indiz, dass es sich nicht um Opas Jaguar, sondern um ein Modell aus der Neuzeit handelt.

 

Trotz – oder wegen (?) - all dem Luxus bleibt ein ungutes Gefühl. Wie dichtete der Volksmund doch einst: „Lieber Gott, schütze mich vor Sturm und Wind und Autos, die aus England sind!“

 

Warum habe ich bloß einen Jaguar gekauft? Und dann auch noch von privat – ohne jegliche Garantie! Ich muss total...aber lassen wir das.

 

Eigentlich gibt es nichts, vor dem ich mich fürchten müsste. Leise schnurrt der V8-Motor, gelassen zieht die Katze ihre Bahnen durch den dichten Feierabendverkehr. Eigentlich handelt es sich um eine ungeheuer entspannende Form der Fortbewegung. Eigentlich.

 

Aber Moment - war da nicht ein Knistern? Ach, es rührt von den Tüten, in denen die Winterräder verpackt sind, die im Fond liegen. Der Vorbesitzer hat sie mir freundlicherweise überlassen, und nun dürfen sie feudal auf einer elektrisch verstellbaren Rückwand durch die Republik reisen.

 

Klug ist die Katze außerdem: ich kann mit ihr sprechen. Und manchmal versteht sie mich sogar und liest mir beispielsweise sämtliche Befehle zur Bedienung des Navigationssystems vor. Und wenn ich einmal den Blick von der Straße abwende, so bremst sie sogar für mich – sofern ich vorher den Tempomaten mit Abstandsradar eingeschaltet habe.

 

Trotzdem werde ich mit dem Jaguar noch nicht so ganz warm. Ob ich nicht doch einen Fehler gemacht habe? Hätte ich nicht doch lieber den alten BMW 750i sanieren sollen? Er rostet zwar praktisch überall und hat überdies einen schweren Hagelschaden, aber er war doch so ein schönes Auto.

 

Die Katze ist mir immer noch fremd. Ein weiterer Spruch fällt mir ein: „Wenn Du Jaguar fahren willst, kauf Dir am besten gleich zwei: einen für die Werkstatt, einen zum fahren“

 

Mein Gott ich bin doch vollkommen bescheuert!

 

Fast schon wütend über meine Dummheit, einen Jaguar gekauft zu haben, trete ich das Gaspedal durch. Schließlich ist die Bahn frei und das Tempolimit wurde schon vor 20 Kilometern aufgehoben.

 

Die 6-Gang Automatik schaltet einige Gänge zurück, der 4,2l V8 mit Kompressor heult auf und lässt seinen 395 britischen Vollbluthengsten freien Lauf.

 

Die große Limousine schießt wie ein wilder Gepard voran - 210, 220, 230, 240...diese Geschwindigkeiten sind mir wohl vertraut, aber der leichte Jaguar erreicht sie viel schneller als mein alter BMW. Viel wichtiger jedoch ist: im Gegensatz zum E38 ist der Super V8 bei diesen hohen Geschwindigkeiten wunderbar zu beherrschen. Die komfortversprechenden Sitze mit den harten Kopfstützen bieten einen wunderbaren Seitenhalt – kein Vergleich zu den durchgesessenen Komfortsitzen im alten 7er, auf denen mein Allerwertester immer mühsam nach Halt suchen musste.

 

Je schneller es vorangeht, umso wohler fühlt sich die Katze. Wir zischen durch die Kurven, dass es eine Wonne ist, fast wie im Porsche, nur mit viel weniger Arbeitsaufwand. Einen schwarzen 5er BMW nach dem anderen nehmen wir ins Visier, jagen ihn und lassen ihn rechts liegen.

 

Das Überholprestige ist enorm: sobald die mächtige Raubkatze im Spiegel erscheint haben es sie meisten Fahrer sehr eilig, ihre Gefährte zurück auf die rechte Spur zu bringen. Mit lautem Kompressorgebrüll dürfen wir passieren – nicht jedoch die schwarzen BMW, die mühsam versuchen, uns zu folgen. Denen fahren LKW brutal vor die Plauze, die dem grünen Jaguar gerade noch bereitwillig Platz gemacht haben.

 

Ja, es hat durchaus seine Vorteile, mit einem exotischen Auto unterwegs zu sein.

 

Würzburg ist inzwischen vorbei, die Autobahn wird kurviger. Alle Spuren sind frei, nur vor uns auf der mittleren Spur befindet sich ein neuer 5er. Der Abstand wird kleiner, der Touring, der ausschaut wie ein Dienstwagen der ‚Men in Black’ kommt langsam näher und mit rund 230 km/h rasen wir im Formationsflug durch die Kurven. Das Fahrwerk wird gut gefordert, die Katze legt sich ein wenig zur Seite, ist der anspruchsvollen Aufgabe aber gut gewachsen. Doch was ist das? Plötzlich sehe ich rote Bremslichter vor meiner Nase: ohne erkennbaren Grund stieg der Fahrer des 5ers in die Eisen. War ihm die Kurve etwa zu eng geworden?

 

Auch der Jaguar wird für einen winzigen Moment aus dem Konzept geworfen, ich bremse vorsichtig – was in der Kurve allgemein eine eher blöde Idee ist – und positioniere mich fürs erste hinter dem BMW. Was für ein Schrecken!

 

Trotzdem wächst meine Sympathie für die mir immer noch fremde Katze: Wir haben quasi unser erstes Abenteuer bestanden, so etwas verbindet. Mein alter 750er BMW hätte die Kurve wohl höchstens mit 180 und dann auch nur unter Protest genommen.

 

In den Kassler Bergen lassen wir es ein wenig ruhiger angehen lassen. Schließlich gibt es hier böse Radarfallen und Lastwagen, die mit Tempo 40 den Berg hinaufschleichen. Das Abstandsradar ist sehr angenehm, weil es auch dann die Geschwindigkeit konstant hält, wenn es bergab geht. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass der Jaguar lieber Rennen mag – unter dem eleganten Abendkleid befindet sich schließlich eine reinrassige Rennkatze, die sich nicht allzusehr vom Supersportwagen XKR unterscheidet. Deswegen gewähre ich ihr hin und wieder ein wenig Auslauf, lasse den Kompressor ein wenig Luft schaufeln, genieße das wunderbare Gefühl der Beschleunigung, scheuch sie um die Kurven und wundere mich immer wieder, wie viele Autos uns respektvoll den Weg frei machen.

 

Ich habe also einen Jaguar gekauft, und wenn sich das Auto als furchtbare Diva entpuppen sollte, so ist es wenigstens eine athletische Diva.

 

Fast bin ich zuhause. Ich biege an der Anschlussstelle Hannover Anderten von der A7 Richtung Peine ab, cruise durch die Ortschaft Ilten, durchfahre eine niedliche kleine Landstraße mit sanften Kurven, biege in unser Viertel ein und parke direkt vor meiner Tür. Ich stelle den den Wählhebel auf die Parkposition, dann mache ich den Motor aus und steige aus.

 

Zufrieden betrachte ich die elegante Karosse: Wir sind nicht liegen geblieben. Es sind keine Teile abgefallen. Das Display zeigte nicht eine Fehlermeldung. Der Motor brummte, die Bremsen bremsten, die Leuchten leuchteten und die Klimaanlage kli...nun ja, sie produzierte kalte Luft, also genau das, was man nun einmal von einer Klimaanlage erwartet, nicht wahr?

 

Ich habe einen Jaguar gekauft, und er hat mich sicher und komfortabel nach Hause gebracht. Es wird sicher ein Weilchen dauern, bis wir uns aneinander gewöhnt haben. Ein paar Monate, vielleicht ein Jahr. Die eine oder andere Kleinigkeit ist sicher zu reparieren, aber im Großen und Ganzen hat sich die Katze für ihr Alter erstaunlich gut gehalten.

 

Vielleicht war die Idee ja doch nicht so bekloppt...

 

Originalbericht mit Bildern: Jaguar XJ 350 Super V8 - Driving Home | VORWERKZ.COM

 

Liebe Grüße,

 

Johannes


18.09.2013 14:28    |    Dynamix

Ich weiß wie ein Kompressor funktioniert, aber meine Frage bezog sich eher auf das warm und kaltfahren bei einem Kompressormotor :)


18.09.2013 14:36    |    Ascender

Und mein Post bezog sich auch eher auf einen Kommentar des TEs. ;)


12.10.2013 21:34    |    mrbean95

Toller Bericht über meinen Traumwagen. Der Bericht bestärkt mich, nicht mehr all zu lange zu träumen. Dir allzeit gute Fahrt mit diesem so einzigartig eleganten Gefährt! vg mrbean95


13.12.2013 14:05    |    andyrx

schöner Bericht zum einem tollen Auto....ähnlich erging es mir als ich meinen Jaguar XKR gekauft hatte....;)

 

der Motor ist ein Gedicht und das Auto der perfekte Langstreckenwagen...der Verbrauch ist durchaus moderat wenn man nicht ständig Cityverkehr fährt.

 

Grüße Andy


Bild

13.01.2014 11:05    |    Gronchi

Super geschrieben und Gratulation zum Wunderschönen XJ.....

Traum Auto und dazu der perfekte Motor!!


18.01.2014 14:17    |    GPX8888

Toller Bericht. Ich habe mir fast zur gleichen Zeit einen XJR geholt und die Entscheidung keine Sekunde bereut. Der Motor ist der Hammer, das Fahrzeug ein Traum. Und vor allem stehen die Dinger nicht an jeder Ecke rum.


13.03.2014 16:34    |    BrentanoXJ

Halo Johannes,

habe Deinen Bericht erst Heute gelesen, da ich gerade selber auf der Suche nach einem solchen Fahrzeug bin. Würde mich interessieren wie Dein Urteil jetzt nach etwa einem Jahr ausfällt. Sind Deine

Befürchtungen eingetreten und würdest Du Dich noch einmal für ein solches Auto entscheiden?

 

Gruß Christian


20.03.2014 22:27    |    Milo88

Wunderschön geschrieben! Lädt zum träumen ein.


22.03.2014 23:13    |    Mister_Busy

Hallo Johannes.

 

Ich bin neu hier und gerade beim Stöbern auf deinen Bericht gestoßen.

Seit Kurzem fahre ich einen X358 Daimler Super Eight - zuvor hatte ich einen Zwilling deines Super V8. Ebenfalls aus 2003 und in BRG mit der gleichen Innenfarbkombination. Ein absolut problemloses Auto, dazu elegant und zeitlos schön.

 

Ich hoffe, du hast die Entscheidung nicht bereut und fährst den Jag auch heute noch.

 

Den Super V8 habe ich schweren Herzens abgegeben. Eigentlich stand der Nachfolger schon fest - XJ 4.2 Sovereign. "Nur" 298PS und kein Kompressor, aber deutlich jünger und bestens ausgestattet.

Zufällig bin ich dann auf den Super Eight gestoßen, eine echte Rarität - und diese Kombination aus Fünf Sterne Luxus und Kompressor-V8 hat mich dann schnell wieder unvernünftig werden lassen.

 

Gruß


15.05.2019 15:34    |    seebaer150

Ich fand Deinen Bericht auch wirklich klasse. Als ich den XJR x308 1997 zum ersten mal neu zur Probe fuhr, konnte ich ihn mir nicht leisten. Seit ein paar Jahren haben wir zwei davon. Allerdings sollen diese auch wie neu aussehen - auch untendrunter. Alles was wie neu da steht, kostet auch richtig Geld. Das merken wir seit Jahren.

 

Der Fahrspaß ist allerdings gigantisch. Das Fahrzeug ist spontan um die Kurve fast wie ein Sportwagen. Und wird überall bewundert. Irgendwie schein das Alter überhaupt keine Rolle zu spielen beim Ansehen.

 

Verbrauch: Minimal 11.5 Liter auf der Landstraße. Dann fließt man mit dem Verkehr und überholt gelegentlich. Richtig schnell über kurvige Landstraßen - mehr als 18,5 Liter habe ich nie geschafft.


26.01.2020 15:04    |    huahua1

Hallo Johannes,

 

hast Du Deinen Jaguar noch und würdest Du ihn wieder kaufen?

Ich spiele nämlich auch mit dem Gedanken.

 

Viele Grüße,

Horst


Deine Antwort auf "Jaguar XJ Super V8 - Wie konnte ich nur so blöd sein?"

Johannes Vorwerk

JRAV JRAV

Jaguar

Johannes Vorwerk begeistert sich seit seiner frühesten Kindheit für Autos - insbesondere für angejahrte Luxuslimousinen, die angesichts der zu erwartenden Reparaturanfälligkeit bei den Mitmenschen eher für Mitleid als Mitneid sorgen. Durch Probefahrten in interessanten Fahrzeugen hält Johannes sich auf den aktuellen Stand der Technik und berichtet über seine ausführlich und mit einer guten Prise Humor auf seinem Blog http://www.geniale-fahrberichte.de .

 

Seit 2014 macht Johannes Vorwerk nicht nur die Straßen, sondern auch den unteren Luftraum unsicher: als frischgebackener Privatpilot fliegt er mit den antiken Flugzeugen des lokalen AeroClubs mit 200 km/h am Stau vorbei. Übers Fliegen schreibt mit großer Begeisterung auf http://www.Alpha-Flying-India.de und hat über seine Erfahrungen in der Flugausbildung das Buch "Alpha Flying India - Vom Flugsimulator ins reale Cockpit" verfasst, welches bei Amazon und auf iTunes erhältlich ist.

Blog Favoriten

Besucher

  • anonym
  • 4klaus44
  • marcuSklasse

Blogleser (12)

Buchtipp