• Online: 1.701

JRAV

Vom Fahren und Fliegen

06.01.2014 19:34    |    JRAV    |    Kommentare (12)    |   Stichworte: flug, motorflugzeug, remos

Ich weiß nicht, ob das Thema in diesem Forum passt, aber da es ja "motor-talk" heißt und das Ding nunmal einen Motor hat, wollte ich Euch diesen Bericht nicht vorenthalten. Vielleicht bekommt ja der eine oder andere von Euch Lust, sich selbst einmal ins Cockpit zu setzen und dem Stress der Straße zu entfliehen.

 

 

Ich trage schon eine Weile den Gedanken in mir, das Fliegen zu erlernen. Eines schönen Tages im Mai begebe ich mich zum Flugplatz in Hildesheim und spreche mit dem Ausbildungsleiter. Am Ende frage ich, ob ich mir denn mal eine Maschine ansehen könnte?

 

Kein Problem.

 

Wir gehen aufs Vorfeld, da steht eine Remos G3 Mirage, die gerade von einer Platzrunde zurück gekommen ist.

 

Sie ist weiß und aus Kunststoff und irgendwie kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Jedenfalls kann ich bequem über all dran und über sie hinwegschauen.

 

Ich darf mich hineinsetzen. Der Einstieg ist etwas mühsam, ich muss mich ein wenig bücken und mich durch die enge Luke schlängeln. Wie beim Porsche heißt es wohl, sich erst einmal einen neuen Ein- und Ausstiegsalgorithmus anzutrainieren.

 

Als ich 1991 zum ersten Mal in ein richtiges Flugzeug stieg war ich regelrecht schockiert. Plastikambiente, Plastikscheiben, und die Flügel waren nicht starr, nein sie bewegten sich. Es handelte sich um eine Boeing 767 von Delta Airlines, mit der wir von Hamburg nach Atlanta flogen, und ich hatte richtig Muffensausen.

 

Seitdem schockt mich nichts mehr. Die Remos ist Innen aus einem ähnlichen Plastik wie die Innenverkleidung eines Linienflugzeugs, die Scheiben sind auch aus Kunststoff, so what?

 

 

Der Sitz ist gut gepolstert und bequemer, als er aussieht. Ich betätige den Steuerknüppel: er fühlt sich nicht sehr viel anders an als der Joystick vom Flugsimulator und nur ein wenig größer und solider und mit Schaumstoff gepolstert. Und er lässt sich nicht um die Z-Achse drehen.

 

Die Instrumente sind etwas spartanischer als bei der X-Plane Variante, aber alles in allem kommt mir die Umgebung merkwürdig vertraut vor.

 

Mühsam kraxel ich wieder hinaus.

 

Ja, hmm, und jetzt?

 

„Sagen Sie Bescheid, wenn sie mal eine Runde fliegen möchte“

 

Ich überlege eine Moment. Wann möchte ich denn eine Runde fliegen? Nächste Woche? Im Juni? Im Juli? Im August?

 

„Hmm...gut, wann ginge denn?“ frage ich zögernd.

 

„Ich weiß nicht, wann sie Zeit haben? Morgen? Oder jetzt, wenn Sie etwas Geld dabei haben?“

 

„Jetzt?“

 

Hmm.

 

Warum eigentlich nicht. Das Wetter ist herrlich, und das Flugzeug steht einfach so herum. Da ich beim letzten Ikeabesuch mangels Öffnungszeiten nur vier Euro für zwei Hotdogs ausgegeben hatte habe ich genug Bargeld in der Tasche, um gemäß Preisliste bis nach München zu fliegen.

 

Wenn nicht jetzt, wann dann?

 

An einem anderen Termin muss ich vorher bangen, ob das Wetter auch gut ist. Vielleicht habe ich vorher eine schlaflose Nacht, wie damals, als ich zum ersten Mal Porsche fahren durfte.

 

„Wissen Sie was? Fliegen wir doch gleich eine Runde!“

 

Der Fluglehrer ist angesichts meiner plötzlichen Spontanität ein wenig erstaunt, freut sich aber über meinen Entschluss.

 

Ich bringe kurz meinen Pullover und die Infomappe zur Ausbildung ins Auto. Meine Sonnenbrille ist natürlich in meinem anderen Auto, typisch. Egal.

 

In der Baracke bin ich vom Interessenten zum neuen Flugschüler aufgestiegen. So schnell kanns gehen.

 

Der Fluglehrer übergibt mir ein schweres Headset von Sennheiser, mit Mirko und Lautstärkeregler. Das ist schon eine andere Hausnummer als mein einfacher Noise Cancellation Kopfhörer von Sharper Image, den ich kurz vor einem Rückflug aus Miami erworben hatte und der mir seitdem ein treuer Begleiter beim Staubsaugen und Rasenmähen geworden ist.

 

Ich soll beim Flugzeug warten und habe reichlich Gelegenheit, ein paar Fotos zu machen.

 

Da steht sie, die Remos:

 

 

Und damit soll ich jetzt fliegen? Nicht im Ernst! Ein bisschen mulmig ist mir schon, mich dieser Plastikkiste anzuvertrauen.

 

Ich schleiche um die Maschine herum und betrachte sie so genau, wie ich sonst nur einen Ferrari im Showroom untersuche.

 

Komplett unbekannt ist mir dieses Muster ja nicht, in X-Plane 10 bin ich schon eine ganze Weile mit einer Remos G3 unterwegs. Eigentlich ist sie ganz vertrauenserweckend, hinten gibt es sogar ein winzig kleines Spornrad, falls man zu steil aufsetzen sollte.

 

Außerdem gibt es natürlich eine abschließbare Tankklappe und einen Hinweis auf das Rettungssystem von Junkers (gibt’s die Firma immer noch? Die haben doch früher mal ganze Flugzeuge gebaut!)

 

 

Hier kommt im Notfall der Fallschirm des Rettungssystems herausgeschossen.

Je länger ich mir die Remos ansehe, umso mehr Vertrauen gewinne ich.

 

 

Komischerweise hält sich meine Aufregung in Grenzen, vor einer ersten Fahrt in einem Porsche hatte ich damals mehr Respekt, da bin ich mit wackeligen Knien eingestiegen, aber vor dem kleinen Flugzeug habe ich eigentlich keine Angst.

 

Der Fluglehrer kommt. Ich steige ein, aber es ist doch etwas eng, mein Knie berührt fast den Gashebel.

 

Kein Problem, da muss der Sitz nur ein wenig nach hinten.

 

Eine elektrische Sitzverstellung mit Memory hatte ich nicht unbedingt erwartet, und von Porsche bin ich durchaus pragmatische Lösungen gewohnt. Bei Remos geht’s noch einfacher: man kann mit einem Handgriff den ganzen Schalensitz herausnehmen und ein Loch tiefer platzieren. Das ist ein wenig hackelig, funktioniert aber.

 

 

Die Sitze mit Hosenträgergurt lassen sich umstecken, um auch größeren Personen Platz zu bieten.

 

Und ist gewissermaßen Luxus: die meisten Ultraleichtflugzeuge haben gar keine Sitzverstellung, da lassen sich höchstens die Pedale verstellen!

 

Ich kraxel wieder hinein und sitze gleich viel bequemer. Die Innenbreite ist zwar recht schmal, besonders wenn man die kleine Flügeltür schließt, aber durch die großen Plexiglasfenster ist das Raumgefühl sehr viel großzügiger als in meinem Porsche Boxster.

 

Ein modernes Glascockpit hat diese Remos im Gegensatz zu ihrer simulierten Schwester natürlich nicht. Trotzdem gibt es nicht nur genügend Anzeigen, sondern auch eine große Sammlung geheimnisvoller Schalter und Hebel, die beim angehenden Flugschüler ordentlich Verwirrung stiften.

 

 

Die Ausstattung ist eher spartanisch, der Fluglehrer erklärt mir das Wesentliche.

 

Die Instrumente, sprich Libelle, Fahrtenmesser (in km), Höhenmesser (in Fuß) und Variometer (Luxus) kenn ich aus dem Flugsimulator zur Genüge.

 

Dann gibt es eine Anzeige für die elektrische Trimmung, die man mit zwei Knöpfen auf dem Joystick...äh...wie heißt das doch gleich – egal – verstellt. Es gibt auch Knöpfe für Links und Rechts, die sind aber ohne Funktion. So so, hier wäre also noch Optimierungsbedarf.

 

Dann gibt es ein Funkgerät und einen Transponder, Drehzahlmesser und Benzinuhr sowie einen Haufen winziger Kippschalter.

 

Die Landeklappen werden in zwei Stufen über ein Gestänge am Dach betätigt, daneben sitzt der Hebel fürs Rettungssystem (nicht verwechseln!)

 

 

 

In der Mitte sitzt der Hebel für die Bremse. Manche Flugzeuge werden auch mit den Pedalen gebremst (und beim Bremsen gelenkt), dieses hat einen Bremshebel und ein bewegliches Bugrad, gottseidank.

 

Dann gibt’s noch zwei Schieberegler fürs Gas und einen für die Vergaservorwärmung.

 

Und – last but not least – zwei Lüftungsdüsen, die irritierenderweise nicht mit Leder bezogen sind.

 

Vermutlich habe ich alles Mögliche noch vergessen, aber für genau solche Fälle ist eine allgemeine Checkliste unter dem Bremshebel befestigt, die allerdings keinen Hinweis darauf enthält, wo welches Bedienelement zu finden ist.

 

Egal, ich hab einen Profi rechts neben mir sitzen. Schnell stöpselt er mir noch die Kopfhörer hinten an, ich setze sie mir auf und fühl mich ein wenig isoliert.

 

Wir schließen die Türen, es wird warm im Cockpit. Der Flug sagt mir, welche Schalter ich betätigen soll, dann startet er per Schlüsseldreh den Motor. Wir prüfen, ob die Magnetzünder funktionieren: erst auf Links - der Motor rappelt – auf Both – Motor läuft normal – auf Rechts – Motor rappelt – auf Both – alles in Ordnung.

 

Schön.

 

Ich soll die Avionik einschalten, dafür ist der große Plastikschalter, der aussieht, als hätte man ihn bei Conrad gekauft und nachträglich eingebaut.

 

Klack.

 

Nun funktionieren Mikrofon und Kopfhörer. Die Stimmen hören sich an, wie man sie aus dem Flugsimulator. Delta-Mikey-Tripple-Delta. Das ist schon ein wenig ungewohnt: nur man selber spricht normal, alle anderen einschließlich des Herrn auf dem Platz rechts neben mir hört man nur durch den Sprechfunk. Sonst höre ich nur das Geräusch des kleinen Rotaxmotors.

 

Die Parkbremse ist schon gelöst, jetzt soll ich ein wenig Gas geben. Der Gashebel ist schwerer als erwartet. Man muss einen Finger ans Instrumentenbrett legen und mit dem Daumen drücken, um feinfühlig Gas zu geben.

 

Und dann rollen wir tatsächlich los.

 

Erste Erkenntnis: die Rollbahn, die im Flugsimulator immer topfeben ist, ist alles andere als topfeben, sondern wellig, fast schon hügelig. Ich steuere mit den Füßen: Mit dem linken Fuß steuere ich nach Links, mit dem rechten Fuß nach Rechts.

 

Klingt einfach, ist aber eigentlich nicht so intuitiv, jedenfalls für mich nicht, ich verwechsele die Richtung dauernd. Auch fällt es mir schwer, die Finger vom Steuerknüppel zu lassen: der linke Daumen gehört ans, die rechte Hand an die Bremse, jawohl.

 

Trotzdem schaffe ich es, die Remos auf dem Asphalt zu halten. An einer Stelle müssen wir ausweichen, ein Gyrocopter kommt uns entgegen.

 

Es ist aber genügend Platz vorhanden, kein Problem.

 

Und dann stehen wir an der Startbahn. Auch die ist überraschend hügelig und keinesfalls topfeben. Im Prinzip geht es eine Senke herunter und dann einen Hügel wieder hinauf. Das ist eigentlich gar nicht mal so blöde, denn beim Starten beschleunigt man schneller und wird dann hinaufkatapultiert, während man beim Landen mit geringerer Geschwindigkeit zusätzlich abgebremst wird.

 

Vor dem Start betätige ich noch einmal die Bremsen und drehe den Motor hoch, sozusagen als letzter Check. Danach habe ich nur noch die Aufgabe, die Bewegungen des Fluglehrers nachzuvollziehen.

 

Wir geben Vollgas, der Motor heult auf, die Remos setzt sich in Bewegung, und schon nach ein paar Metern herrscht plötzlich Ruhe: wir sind abgehoben!

 

Es ist kaum zu glauben, aber ich fliege mit einem Ultraleichtflugzeug! Heureka!

 

Am liebsten würde ich „wohooooo!“ schreien, kanns mir gerad noch so verkneifen.

 

Durch den Luftstrom funktioniert auch die Lüftung, das Klima im Cockpit wird deutlich angenehmer.

 

Aus dem Seitenfenster sehe ich, wie die Landschaft langsam kleiner wird. Die Remos steigt friedlich bis auf 1.200 ft – Platzrundenhöhe. Dann soll ich ein wenig Gas wegnehmen und den Motor auf 4.500 U/min bringen. Die nächste Anweisung ist, kurz das Ruder loszulassen, um zu überprüfen, ob das Höhenruder richtig ausgetrimmt ist.

 

Ich lasse los, die Remos fliegt mit der Gelassenheit einer Kaffeemühle geradeaus.

 

Perfekt. Ich habe Zeit, kurz durchzuatmen und aus dem Fenster zu schauen. Aus der Luft sieht Deutschland wunderschön aus. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist sieht man ja nur ein breites Betonband mit hässlichen LKW, dämlichen Kleinwagen und Scheiß-Vertreter-TDIs, die von hinten drängeln.

 

Wenn man in einem Flugzeug sitzt wird die breite A7 plötzlich zu einem schmalen Betonband, Wohnsiedlungen zu Modellstädten und die Felder zu einem gelb-grünen Flickenteppich. Die Welt ist grün und braun, nicht grau oder schwarz mit weißen Steifen und einer Mauer links und rechts.

 

Wir drehen eine leichte Kurve. Die Koordination von Hand und Fuß muss ich trainieren, aber ansonsten geht es eigentlich leichter als befürchtet. Das Flugzeug liegt stabil in der Luft und reagiert willig auf alle Steuereingaben, wie ein gutmütiges Reitpferd.

 

Links aus dem Fenster liegt nun der den Flugplatz. Ich sehe einen Fallschirmspringer, der auf gleicher Höhe seinen Fallschirm geöffnet hat. Eine startende Maschine kreuzt unseren Weg - oops, die hatte ich gar nicht gesehen.

 

Mein Fluglehrer ergreift die Gelegenheit, er will mir etwas Besonderes zeigen und lässt die Triple-Delta auf 3,000 Fuß steigen. Plötzlich befinden wir uns über den Wolken. Sie glitzern in der Sonne als wären sie aus Diamantfäden und sehen einfach nur wunderschön aus! Irgendwie ganz anders als die grauen Massen, die man aus dem Airbus kennt, und vor allem hat man in der Remos statt eines winzigen Fensters einen absoluten Panoramablick!

 

Es sei sehr selten, erklärt er mir, dass die Wolken so niedrig seien, dass man auf einer Platzrunde darüber fliegen könne.

 

Schade, dass ich keine Gelegenheit für ein Foto hatte. Vielleicht ein andermal.

 

Viel zu schnell müssen wir zurück auf Platzrundenhöhe.

 

Die Orientierung nicht so ganz einfach. Den Flugplatz habe ich aus den Augenverloren. Oh Schreck! Bind ich blind?

 

Der Fluglehrer sagt mir die nächsten Punkt, die ich ansteuern soll: um ein Gewerbegebiet herum -> Kurve, dann weiter zu einem kleinen Wald, dann über ein bestimmtes Gebäude hinweg. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Kurven selbst geflogen bin, aber eigentlich war es gar nicht so schwierig. Eben so ähnlich wie im Simulator, nur irgendwie – einfacher. Genau wie das Fahren eines Autos im wirklichen Leben einfacher ist als in Forza Motorsport, so ist das Steuern eines Flugzeugs gar nicht mal so schwer, weil man eben den Flieger unter sich spürt und die Bewegungen mitmacht.

 

Schlecht oder übel ist mir nicht, nur ein wenig Druck in den Ohren merkt man schon.

 

Schließlich sehe ich auch wieder den Flughafen: ein winziger dunkelgrauer Asphaltstreifen.

 

Und darauf sollen wir landen? Der sah doch vorhin noch viel größer aus!

 

Der Anflug ist ein wenig schwieriger, der Fluglehrer übernimmt. Wie im Flugsimulator muss man die Landebahn richtig treffen, die Problematik kommt mir vertraut vor. Damit die Rollstrecke nicht zu lang wird möchte er in der Mitte der Bahn landen. Mit einem ‚Plumps’ landen wir einige Meter vor der Mitte. Es fühlt sich nicht viel anders an als die Landung mit einer 747. Man ist eben plötzlich wieder auf dem Boden gelandet.

 

Leider.

 

Die Remos G3 im Hangar

Wieder im Hangar.

Wir rollen zum Hangar. Ich darf wieder steuern und die Bremse betätigen. Meine Hände wandern intuitiv immer zum Steuerknüppel, obwohl dieser am Boden relativ nutzlos ist.

 

Vor dem Hangar stellen wir die Remos ab. Erst schalte ich die Avionik aus, dann würge ich mit einem kräftigen Ruck am Gashebel die Maschine ab. Anschließend muss ich alle anderen Hebel auf ‚Aus’ stellen, ungefähr vier der fünf. Der Zündschlüssel wandert aufs Armaturenbrett, der Fluglehrer sichert das Rettungssystem. Es käme durchaus vor, dass Kinder im Flugzeug herumklettern und an allen möglichen Hebeln ziehen, weswegen das System gesichert werden muss.

 

 

Zu zweit rollen wir die Remos in die Halle, man kann sie wirklich alleine manövrieren, es ist nur darauf zu achten, dass man mit den Tragflächen nicht irgendwo hängenbleibt. Zuguterletzt darf ich noch die gesammelten Fliegen mit einem Tuch abwischen und habe einige Momente allein mit der Remos.

 

Im Büro rechnen wir ab: der Flug kostet mich ganze 30€, was ich absolut fair finde - in einer kommerziellen Flugschule bezahlt man locker das Zehnfache, da ist so ein Verein schon eine feine Sache. Die tatsächliche Flugzeit waren 20 Minuten, alle Rollbewegungen und Instruktionen sind gratis, die Landung übernimmt der Fluglehrer, wunderbar.

 

Zufrieden rolle ich nach Hause und träume davon, möglichst bald wieder in der Luft zu sein - so unvernünftig das auch sein mag.

 

Originalartikel: http://www.vorwerkz.com/schnupperflug-remos-g3-mirage/


12.09.2013 21:36    |    JRAV    |    Kommentare (50)    |   Stichworte: fahrbericht, Jaguar, katze, X350/358, X358), XJ Mark III (X350, xjr

 

„Mein Gott, ich muss doch vollkommen bekloppt sein!“

 

Nicht zu ersten Mal an diesem Tage geht mir der Gedanke durch den Kopf. Ich befinde mich irgendwo auf einer Autobahn nördlich von Nürnberg. Wo genau, tut nichts zur Sache. Viel wesentlicher ist die Frage, in was für einem Auto ich sitze.

 

Ich sitze in einem Jaguar. Nein, es handelt sich nicht um irgendeinen Jaguar, den ich zufällig gerade Probe fahre. So etwas kommt ja schließlich öfter mal vor. Nein, nein, es handelt sich vielmehr um MEINEN Jaguar. Ich habe ihn gekauft, und das vor gerade mal einer halben Stunde.

 

Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht einen schrecklichen Fehler begangen habe. Ich meine, ich habe ein dickes Bündel Geldscheine gegen ein 10 Jahre altes Auto mit fast 240,000km auf dem Tacho getauscht.

 

Und dann auch noch einen Jaguar! Wenn es wenigstens ein Mercedes wäre....wie blöde kann man nur sein!

 

Zumindest handelt es sich um einen besonders hübschen Jaguar der Baureihe XJ 350 – richtig, das ist der mit der Aluminiumkarosserie, der aber prinzipiell genauso aussieht, wie der 1985er Jaguar XJ12 Sovereign meines Großvaters. Nur dass selbiger braun war. Mein Jaguar ist grün, jawohl, wie es sich für einen richtigen Jaguar gehört. British-Racing-Green, selbstverständlich.

 

Gibt es noch ein anderes Grün?

 

Nicht für britische Autos. Innen hat die Katze eine feine Lederausstattung in der Sonderfarbe ‚Ivory’ mit dunklen Kedern in „Warm Charcoral“. Das hellbeige Leder bildet einen wunderbaren Kontrast zum dunklen Lack. Zugegeben, ein wenig Lederpflege hätte der Innenraum dringend nötig, aber ansonsten ist das empfindliche Material überraschend gut erhalten – und das, obwohl es sich um einen Jaguar handelt.

 

Holz und Leder, das können die Briten. Das Lenkrad in meinen Händen ist natürlich ebenfalls aus feinstem Nussbaumwurzelholz, die Airbagabdeckung ist mit dunklem Leder bezogen, der Growler grinst mir zähnefletschend entgegen. Es liegt wunderbar in der Hand und hat sogar eingearbeitete Auflagen für die Daumen. Weich und geschmeidig lässt es sich bewegen – wohin ich es auch drehe, die Katze folgt der mit einer unheimlichen Geschmeidigkeit, wie es eben nur ein Jaguar zu tun vermag.

 

 

Auch das Armaturenbrett ist großflächig mit Holz verkleidet. Der Dachhimmel ist in feinstem Velours gekleidet, und auch die dunklen Teppiche sehen wie neu aus.

 

Oberhalb des Wählhebels – übrigens eine besonders edel wirkende Skulptur aus Holz und Chrom – befindet sich ein großer Farbmonitor mit Touchscreen, eingebettet in einen Rahmen aus Klavierlack. Zusammen mit zwei weiteren Monitoren, die sich in den Kopfstützen befinden, ist er das einzige Indiz, dass es sich nicht um Opas Jaguar, sondern um ein Modell aus der Neuzeit handelt.

 

Trotz – oder wegen (?) - all dem Luxus bleibt ein ungutes Gefühl. Wie dichtete der Volksmund doch einst: „Lieber Gott, schütze mich vor Sturm und Wind und Autos, die aus England sind!“

 

Warum habe ich bloß einen Jaguar gekauft? Und dann auch noch von privat – ohne jegliche Garantie! Ich muss total...aber lassen wir das.

 

Eigentlich gibt es nichts, vor dem ich mich fürchten müsste. Leise schnurrt der V8-Motor, gelassen zieht die Katze ihre Bahnen durch den dichten Feierabendverkehr. Eigentlich handelt es sich um eine ungeheuer entspannende Form der Fortbewegung. Eigentlich.

 

Aber Moment - war da nicht ein Knistern? Ach, es rührt von den Tüten, in denen die Winterräder verpackt sind, die im Fond liegen. Der Vorbesitzer hat sie mir freundlicherweise überlassen, und nun dürfen sie feudal auf einer elektrisch verstellbaren Rückwand durch die Republik reisen.

 

Klug ist die Katze außerdem: ich kann mit ihr sprechen. Und manchmal versteht sie mich sogar und liest mir beispielsweise sämtliche Befehle zur Bedienung des Navigationssystems vor. Und wenn ich einmal den Blick von der Straße abwende, so bremst sie sogar für mich – sofern ich vorher den Tempomaten mit Abstandsradar eingeschaltet habe.

 

Trotzdem werde ich mit dem Jaguar noch nicht so ganz warm. Ob ich nicht doch einen Fehler gemacht habe? Hätte ich nicht doch lieber den alten BMW 750i sanieren sollen? Er rostet zwar praktisch überall und hat überdies einen schweren Hagelschaden, aber er war doch so ein schönes Auto.

 

Die Katze ist mir immer noch fremd. Ein weiterer Spruch fällt mir ein: „Wenn Du Jaguar fahren willst, kauf Dir am besten gleich zwei: einen für die Werkstatt, einen zum fahren“

 

Mein Gott ich bin doch vollkommen bescheuert!

 

Fast schon wütend über meine Dummheit, einen Jaguar gekauft zu haben, trete ich das Gaspedal durch. Schließlich ist die Bahn frei und das Tempolimit wurde schon vor 20 Kilometern aufgehoben.

 

Die 6-Gang Automatik schaltet einige Gänge zurück, der 4,2l V8 mit Kompressor heult auf und lässt seinen 395 britischen Vollbluthengsten freien Lauf.

 

Die große Limousine schießt wie ein wilder Gepard voran - 210, 220, 230, 240...diese Geschwindigkeiten sind mir wohl vertraut, aber der leichte Jaguar erreicht sie viel schneller als mein alter BMW. Viel wichtiger jedoch ist: im Gegensatz zum E38 ist der Super V8 bei diesen hohen Geschwindigkeiten wunderbar zu beherrschen. Die komfortversprechenden Sitze mit den harten Kopfstützen bieten einen wunderbaren Seitenhalt – kein Vergleich zu den durchgesessenen Komfortsitzen im alten 7er, auf denen mein Allerwertester immer mühsam nach Halt suchen musste.

 

Je schneller es vorangeht, umso wohler fühlt sich die Katze. Wir zischen durch die Kurven, dass es eine Wonne ist, fast wie im Porsche, nur mit viel weniger Arbeitsaufwand. Einen schwarzen 5er BMW nach dem anderen nehmen wir ins Visier, jagen ihn und lassen ihn rechts liegen.

 

Das Überholprestige ist enorm: sobald die mächtige Raubkatze im Spiegel erscheint haben es sie meisten Fahrer sehr eilig, ihre Gefährte zurück auf die rechte Spur zu bringen. Mit lautem Kompressorgebrüll dürfen wir passieren – nicht jedoch die schwarzen BMW, die mühsam versuchen, uns zu folgen. Denen fahren LKW brutal vor die Plauze, die dem grünen Jaguar gerade noch bereitwillig Platz gemacht haben.

 

Ja, es hat durchaus seine Vorteile, mit einem exotischen Auto unterwegs zu sein.

 

Würzburg ist inzwischen vorbei, die Autobahn wird kurviger. Alle Spuren sind frei, nur vor uns auf der mittleren Spur befindet sich ein neuer 5er. Der Abstand wird kleiner, der Touring, der ausschaut wie ein Dienstwagen der ‚Men in Black’ kommt langsam näher und mit rund 230 km/h rasen wir im Formationsflug durch die Kurven. Das Fahrwerk wird gut gefordert, die Katze legt sich ein wenig zur Seite, ist der anspruchsvollen Aufgabe aber gut gewachsen. Doch was ist das? Plötzlich sehe ich rote Bremslichter vor meiner Nase: ohne erkennbaren Grund stieg der Fahrer des 5ers in die Eisen. War ihm die Kurve etwa zu eng geworden?

 

Auch der Jaguar wird für einen winzigen Moment aus dem Konzept geworfen, ich bremse vorsichtig – was in der Kurve allgemein eine eher blöde Idee ist – und positioniere mich fürs erste hinter dem BMW. Was für ein Schrecken!

 

Trotzdem wächst meine Sympathie für die mir immer noch fremde Katze: Wir haben quasi unser erstes Abenteuer bestanden, so etwas verbindet. Mein alter 750er BMW hätte die Kurve wohl höchstens mit 180 und dann auch nur unter Protest genommen.

 

In den Kassler Bergen lassen wir es ein wenig ruhiger angehen lassen. Schließlich gibt es hier böse Radarfallen und Lastwagen, die mit Tempo 40 den Berg hinaufschleichen. Das Abstandsradar ist sehr angenehm, weil es auch dann die Geschwindigkeit konstant hält, wenn es bergab geht. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass der Jaguar lieber Rennen mag – unter dem eleganten Abendkleid befindet sich schließlich eine reinrassige Rennkatze, die sich nicht allzusehr vom Supersportwagen XKR unterscheidet. Deswegen gewähre ich ihr hin und wieder ein wenig Auslauf, lasse den Kompressor ein wenig Luft schaufeln, genieße das wunderbare Gefühl der Beschleunigung, scheuch sie um die Kurven und wundere mich immer wieder, wie viele Autos uns respektvoll den Weg frei machen.

 

Ich habe also einen Jaguar gekauft, und wenn sich das Auto als furchtbare Diva entpuppen sollte, so ist es wenigstens eine athletische Diva.

 

Fast bin ich zuhause. Ich biege an der Anschlussstelle Hannover Anderten von der A7 Richtung Peine ab, cruise durch die Ortschaft Ilten, durchfahre eine niedliche kleine Landstraße mit sanften Kurven, biege in unser Viertel ein und parke direkt vor meiner Tür. Ich stelle den den Wählhebel auf die Parkposition, dann mache ich den Motor aus und steige aus.

 

Zufrieden betrachte ich die elegante Karosse: Wir sind nicht liegen geblieben. Es sind keine Teile abgefallen. Das Display zeigte nicht eine Fehlermeldung. Der Motor brummte, die Bremsen bremsten, die Leuchten leuchteten und die Klimaanlage kli...nun ja, sie produzierte kalte Luft, also genau das, was man nun einmal von einer Klimaanlage erwartet, nicht wahr?

 

Ich habe einen Jaguar gekauft, und er hat mich sicher und komfortabel nach Hause gebracht. Es wird sicher ein Weilchen dauern, bis wir uns aneinander gewöhnt haben. Ein paar Monate, vielleicht ein Jahr. Die eine oder andere Kleinigkeit ist sicher zu reparieren, aber im Großen und Ganzen hat sich die Katze für ihr Alter erstaunlich gut gehalten.

 

Vielleicht war die Idee ja doch nicht so bekloppt...

 

Originalbericht mit Bildern: Jaguar XJ 350 Super V8 - Driving Home | VORWERKZ.COM

 

Liebe Grüße,

 

Johannes


03.09.2013 20:58    |    JRAV    |    Kommentare (20)    |   Stichworte: 6er, bmw, coupe, f06, F06 Gran Coupe, Fahrbericht, gran, m6, Vorwerk, Vorwerks, vorwerkz

 

Es gibt Leute, die behaupten, das „M“ im Namen der BMW M GmbH stehe für Motorsport.

 

Andere wiederum sagen, das sei falsch, „M“ stehe für „Marketing“.

 

Die Wahrheit jedoch lautet: „M“ steht für „Monster“.

 

Und ein solches Monster steht vor meiner Tür. Ich habe einen Heidenrespekt vor dem Ding. Und ich mache mir Sorgen. Zwar ist der Wagen vollkaskoversichert, aber die Selbstbeteiligung ist mit 2500€ gigantisch hoch.

 

Allein die Mattlackierung mit dem schönen Namen „frozen silver metallic“ kostet 3,800€ Aufpreis. Dazu kommen gigantische hochglänzende 20’ Räder, hinter denen goldene Bremssätteln schimmern, ein Hinweis auf die M Carbon-Keramik-Bremse, die mit schlappen 8,800€ in der Aufpreisliste steht.

 

Ja, dieser Wagen löst mir Respekt ein. Ich war sehr dankbar für die ausführliche Einweisung des Händlers, bin mit dem Ding bislang aber trotzdem nur die 10km von B&K bis nach Hause gefahren und habe fürs abendliche Ausgehen lieber die Katze gewählt.

 

Deutlich weniger Respekt hat die sechsjährige Sarah von nebenan, die vollkommen unbeeindruckt munter auf ihrem Plastiktrecker um die parkenden Autos herumkurvt.

 

Dabei schaut der M6 alles andere als freundlich aus. Gut, Autos von BMW schauen immer ein wenig böse aus. Aber während der alte 7er der Baureihe noch den unverbindlichen Charme eines Mafiapaten ausstrahlte und der E65 mit den Theo-Weigel-Gedächtnis-Augenbrauen den Politiker miente, so schaut das M6 Gran Coupé in etwa so freundlich drein wie Darth Vader mit gezücktem Laserschwert – eine brutale tödliche Kampfmaschine ohne jegliche Skrupel.

 

 

Ob man damit Brötchen holen kann?

 

Kurzerhand nehme ich meinen Mut zusammen, greif mir den Schlüssel von der Kommode und steige in den M6.

 

Das Interieur mit schwarzer Volllederausstattung und den futuristischen blauen Anzeigen erinnert spontan an Filme wie „Minority Report“. Normalerweise bin ich immer unglücklich, wenn ich in einem neuen BMW sitze, aber dieses Exemplar ist etwas Besonderes: Der M Sportsitz sitzt wie angegossen und lässt sich vielfach verstellen, insbesondere die Einstellung der Seitenwangen in Schulterhöhe find ich super, könnte vielleicht sogar noch ein wenig enger sein. mein Blick fällt auf das tolle M-Lenkrad, die schönen analogen Instrumente und geheimnisvoll glitzernde Karboneinlagen.

 

Das Dach ist mit einem Leder/Alcantara Himmel bezogen und wirkt sehr wertig – kein Vergleich zu dem, was einem sonst von BMW zugemutet wird. Interessanterweise gibt es keine Haltegriffe – und auch ein Schiebedach ist nicht vorgesehen, weil hier aus Gewichtsgründen teures Karbon verbaut wurde.

Das Platzangebot empfinde ich persönlich als großzügig, insbesondere meine Knie haben mehr aus ausreichend Platz, ohne wie im F10 gegen irgendwelche Kanten zu stoßen. Man sitzt sehr tief im M6, die Mittelkonsole ist extrem breit, aber geschmackvoll asymmetrisch arrangiert.

 

Sogar auf den Rücksitzen kann ich mit meinen 1,81m bequem sitzen. Der Beinraum ist vielleicht ein wenig kurz geraten, aber trotzdem mehr als ausreichend. Die Fondklimaanlage ist ein wenig ausladend, zur Not kommt noch eine fünfte Person unter, die ihre Beine jedoch links und rechts positionieren muss (und – sofern männlich – die Eier wahlweise kühlen oder kochen kann).

 

Weil der M6 statt eines Automatikgetriebes ein Doppelkupplungsgetriebe hat, wurde statt des üblichen phallischen Wählhebels ein deutlich griffigerer M-Knubbel installiert. Eine P-Stellung gibt es nicht, stattdessen möchte das Auto in „D“ geparkt werden und zieht dann anschließend automatisch die Parkbremse an.

 

Mit einem Druck auf den Startknopf erwacht das Monster zum Leben. Während der alte V12 nach einem kurzen Aufbrüllen in einen ruhigen Leerlauf verfiel und ein Jaguar wie ein zufriedener Puma schnurrt, so brummt der im M6 verbaute 560PS 4,4l Achtzylinder den Fahrer mit dem freundlichen Zahnpastalächeln eines wütenden Pitbulls an.

 

Das griffige Lenkrad ist dick wie die Oberarme von Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten, aber deutlich hübscher anzusehen. Die Kunststoffhebel für Blinker und Scheibenwischer sind mir inzwischen vertraut, die Schaltpaddel allerdings sehr im Wege.

 

Vorsichtig trete ich das Gaspedal und manövriere den M6 aus der Parkbucht. Langsam trottet das Monster durchs Wohngebiet und lässt sich erstaunlich friedlich an der Leine führen. Die Lenkung ist leichtgängig, das Getriebe sanft, die Federung akzeptabel und die Übersicht – bescheiden. Dort, wo normalerweise die Frontscheibe verbaut ist, ist im 6er BMW ein überdimensionierter Rückspiegel im Wege, der das Format der Heckscheibe deutlich überragt. Möchte man nach vorne sehen, so muss der Fahrer mühsam rechts oder links an dem Spiegel vorbei schauen. Im Spiegel selbst sieht man den Dachhimmel, die Kopfstützen der Rücksitze und einen schmalen Streifen. Eigentlich ist er vollkommen überflüssig, denn wie oft kommt es vor, dass hinter einem M6 ein Dacia mit Statussymptomen und Lichthupe drängelt?

 

Ich bin dankbar für die Kameras, dank denen man den Tarnkappenbomber präzise an Zäunen, Kindern und hohen Bordsteinen vorbei manövrieren kann. Gut für das Punktekonto sind auch die zahlreichen Geschwindigkeitsanzeigen: es gibt eine Anzeige im (serienmäßigen) HUD, eine weitere große Digitalanzeige im Tacho und ein analoger Tacho.

 

 

Hurra, ich habs geschafft! Ich bin den Gefahren des Wohngebietes entronnen und auf der Hauptstraße gelandet. Und nun stehe ich an der Ampel und entdecke zwei interessant aussehende Knöpfe: M1 und M2. Drücke ich auf „M1“, so schaut die eben noch friedfertige HUD-Anzeige plötzlich aus wie die eines Kampfjets. Zeigten die blauen Anzeigen unter dem Drehzahlmesser eben noch „Comfort“ an, so stehen die Zeichen nun auf „Sport Plus“. Auch die Ganganzeige hat von „D“ auf „1“ gewechselt.

 

Die Ampel wird grün, ich trete aufs Gas und das Monster schießt mit einem ohrenbetäubenden Donnern voran. Mit zitternden Händen stehe ich an der nächsten Ampel und denke „o weia“. Das Monster hat sich derweil schlafen gelegt, als ob es beleidigt wäre.

 

Mit einem unguten Gefühl im Bauch wähle ich die Taste „M2“. Aber statt die Klingen des Brutus weiter zu schärfen, stehen alle Anzeigen wieder auf „Komfort“.

 

Man kann Mr. Hyde also einfach wieder ausschalten und in Dr. Jekyll verwandeln. Erleichtert rolle ich weiter Richtung Edeka, alles ganz piano – soweit man im M6 von „piano“ sprechen kann.

 

Bis ich zu einer Unterführung komme. Unterführungen haben für mich eine magische Anziehungskraft, sie verleiten mich dazu, Unsinn zu treiben. Diese hier ist nicht anders: ich mache das Fenster auf, aktiviere Mr. Hyde und trete das Gaspedal bis ans Bodenblech.

 

„Bumm!“

 

Von einem Aufheulen des Motors zu sprechen wäre eine unverzeihliche Untertreibung. Der M6 explodiert förmlich, innerhalb einer Sekunde ist der Tunnel passiert und der Spuk vorbei. Als wäre nichts gewesen trottet Dr. Jekyll Richtung Supermarkt, während mein Puls noch auf 180 ist. Ich suche mir einen Parkplatz im Königreich „Weit Weit Weg“, unternehme einen längeren Spaziergang zum Bäcker und wundere mich anschließend, wie klein doch der Kofferraum ist. Immerhin, er ist größer als beim Jaguar F-Type und die Brötchentüte passt rein.

 

Auf dem Rückweg koppele ich das Bluetooth mit meinem iPhone, lege die „Rage Against The Machine“ Playlist auf und genieße den kräftigen Sound aus der 1200 Watt Bang & Olufson Stereo Anlage, der nicht nur die Sitze, sondern vermutlich auch die halbe Umgebung vibrieren lässt. Die Anlage sieht wirklich sehr schick aus und ist selbstverständlich besser als das 320 Watt Alpine System von Jaguar, aber nicht soviel besser, dass es 5000€ Aufpreis wert wäre.

 

Beim Navigieren auf Parkplätzen und Wohngebieten lerne ich das Surround-View Kamerasystem sehr zu schätzen, mit der man präzise um hohe Bordsteine zirkeln kann, ohne die teuren Alufelgen unnötigen Gefahren auszusetzen.

 

Wohin fahren wir nach dem Frühstück?

 

Wie wäre es mit einer Fahrt zum Media Markt Parkhaus zwecks Fotoshooting?

 

Ich lade meine Kameraausrüstung in das flache Auto mit seiner gespaltenen Persönlichkeit. Durchs Wohngebiet wird fleißig geschlichen, aber sobald die Tempo 30 Zone hinter uns liegt lass ich Mr. Hyde aus seinem Käfig und trete das Gaspedal bis ans Bodenblech: das Ufo schüttelt sich ein wenig und schieß mit Warp-Speed und lautem Gebrüll voran!

 

Ich werde brutal in meinen Sitz gedrückt und fühle mich, als säße ich auf einem Pferd, welches gerade im Stall mit funkensprühenden Hufen durchgeht. Als ich mich von meinem Schrecken erholt habe, stelle ich entsetzt fest, dass der Tacho bereits die 180 km/h Marke überschritten hat und eilig auf die 200 zustürmt. Noch schneller fliegt ein Tempo 70 Schild auf mich zu und mir bleibt nichts anderes übrig, als dem kleinen Bremspedal einen kräftigen Tritt zu verpassen. Wie Schiffsanker verzögern die goldenen Keramikbremsen das 2-Tonnen-Monster und bringen uns zurück auf eine „vernünftige“ Geschwindigkeit, die aber immer noch rund 30 km/h über dem liegt, was die Polizei erlaubt.

 

Auf dem Südschnellweg Richtung Hildesheimer Straße lasse ich das führerscheinfressende Monster noch einige Male von der Leine, achte aber sehr darauf, maximal 40 km/h überm Limit zu bleiben. Es gelingt mir leidlich. Sobald das Gefühl der Beschleunigung verinnerlich hat, muss man schon wieder Bremsen, und zwar bevor sich die Mundwinkel zu einem Grinsen verziehen können. Der M6 ist ein Auto für Masochisten: damit zu fahren ist wie richtig guter Sex mit einer richtig tollen Frau, nur dass man jedes Mal kurz vorm Orgasmus von der Schlagbohrmaschine des Nachbarn unterbrochen wird.

 

Was bleibt, ist das schlechte Gewissen und die Sorge, ob sich nicht doch irgendwo ein Blitzer hinter den Büschen versteckt und sein Zielfernrohr auf das silberne Geschoss gerichtet hat.

 

Ich schalte den Tempomaten auf 110 km/h ein lege zur Beruhigung die „Böhse Onkelz“ Playlist auf.

 

Und knall fast gegen einen Lastwagen! Ist es möglich, dass dieses Super-Duper-High-Tech-Geschoss keinen Abstandstempomaten hat? Tatsächlich: die Anzeige, die ich für ein Abstandsradar gehalten habe, ist tatsächlich der dezent im Hintergrund arbeitende Spurhalteassistent.

 

Das hätte ich ehrlich nicht erwartet – so ein modernes Auto hat gefälligst selber zu bremsen!

 

 

Beim Media Markt mache ich einige Bilder, erledige meine Einkäufe und beschließe, auf dem Rückweg eine Verbrauchsrunde einzulegen: von Edeka über den Schnellweg und die Landstraße nach Hause. Zwischendurch röhrt hinter mir ein Audi RS5 in Spiellaune, aber nein, ich lass ihn ziehen. Das Ergebnis meiner Zurückhaltung: statt der sonst üblichen 20l zeigt der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 10,8l an. Dieser Wert bewegt sich im üblichen Rahmen.

 

Zuhause lasse ich den M6 erst einmal frustriert stehen. Das Auto ist eine riesige Verschwendung. Nicht an Ressourcen, sondern an Auto. Es gibt offenbar keine geeigneten Straßen, auf denen man das Potential dieses Monsters freien Lauf lassen kann. Im normalen Verkehr kann man vielleicht 10% der Leistung überhaupt nutzen. Wenn er wenigstens wie ein Ferrari einen rotzigen Sound hätte, aber nein, bei geringen Drehzahlen hört sich der Motor so brav und kultiviert an wie der eines Audi A8 4.2.

 

Für die Stadt ist der M6 er zu unübersichtlich, für Landstraßen hingegen zu groß und zu schnell. Da macht ein Smart Roadster deutlich mehr Laune, weil man mit dem beherzt Gas geben darf und durch die kleine Karosserie mehr Platz zum austoben hat.

 

Unsere Top-Gear-Challenge für den nächsten Tag: „Finde eine Straße, auf der das BMW M6 Gran Coupé Sinn macht.“

 

Unser erster Gedanke ist, einen Ausflug an die Ostsee zu machen. Aber bei 14° und Sturm und Regen ergibt das nicht wirklich einen Sinn. Der Elbtunnel ist zwar reizvoll genau wie die A7 südlich von Hamburg, aber nördlich von Hamburg sind die Autobahnen dicht befahren und staugeplagt.

 

Wir beschließen trotzdem, Richtung Norden zu fahren, vielleicht in die Lüneburger Heide. Der Picknickkorb passt problemlos in der Kofferraum, ich lasse Mr. Hyde aus seinem Käfig und fahre auf die A7 – direkt in den nächsten Stau! Zwar löst sich das Verkehrsknäuel ein wenig, aber trotzdem ist die Autobahn viel zu dicht für den M6, zumal das Überholprestige zu wünschen übrig lässt. Viele halten das 560 PS Geschoss für einen 520d und machen nur widerwillig Platz. Insbesondere ein Audi A3 versperrt auf besonders penetrante Art und Weise mit 130 bis 170 km/h die linke Spur. Selbst als beide Spuren neben ihm frei sind bleibt er stur auf der Überholspur. Mir reißt der Geduldsfaden, ich setze den Blinker rechts und ziehe wie ein geölter Blitz auf der Lastwagenspur an dem Kleinwagen vorbei – sehr darauf achtend, dabei niemandem zu zu gefährden.

 

Der Audi ist schnell im Rückspiegel verschwunden, das HUD zeigt kurzfristig die 280 km/h an. Einige Golf und Passat machen bereitwillig Platz - doch dann sind wir wieder mitten im dichten Kolonnenverkehr. Gut, dass ich mich darauf verlassen kann, dass die gerade magischen Keramikbremsen das Monster jederzeit in seine Schranken verweisen können. Es gibt kein Eintauchen, kein Fading, die Bremsen sind ihr Geld definitiv wert.

 

Der M6 ist dermaßen gut zu beherrschen, dass man ihn quasi jederzeit in jede beliebige Lücke beamen kann. Nur Wurmlöcher kann er wohl leider nicht aufspüren. Kurz vor Walsrode zeigen Blinklichter einen Stau an. Ich fahre rechtzeitig hinaus auf die Umleitung – und lande prompt im nächsten Stau!

 

Das macht echt keinen Spaß! Wir beschließen, dem Norden den Rücken zu kehren und stattdessen unser Glück Richtung Süden zu suchen, in der Hoffnung, eine Mr. Hyde kompatible Straße zu finden. Der Verkehr in diese Richtung ist ein wenig überschaubarer, aber immer noch recht belebt.

 

Wir finden für das Monster ein dankbares "Opfer" in Form eines weißen Opel Insignia OPC mit immerhin 325 PS. Dessen Fahrer schafft es tatsächlich, seine "rasende Rentnerschaukel" auf knapp 240 km/h zu beschleunigen, aber er ist uns trotzdem im Wege – der M6 schafft die gleiche Übung mit Halbgas.

 

"Bitte bitte, lieber Opel, lass uns doch ganz kurz vorbeihuschen!"

 

Kurz vor Hildesheim ist der Fahrer dann wohl endlich zu der Überzeugung angelangt, dass wir lästig wie eine Schmeißfliege am Heck kleben bleiben, egal wie schnell er auch fahren mag, und lässt er uns vorbei. Mit lautem Gebrüll schießt Mr. Hyde vorbei und verbannt die Überzeugung des OPC Piloten, ein wirklich schnelles Auto zu fahren, ins Reich der Illusionen. Ich bin beeindruckt, wie rasend schnell der 560 PS Biturbo den 2 Tonnen schweren M6 selbst jenseits der 250 km/h Marke nach vorne katapultiert, so dass man den Ziffern im HUD kaum folgen kann.

 

Der freie Auslauf von Mr. Hyde nimmt schon kurz nach Hildesheim sein Ende: wir geraten in den nächsten Stau wegen einer Baustelle. Resignierend widmen wir uns der B&O Anlage. Meine Anna ist von dem System absolut begeistert und genießt das mächtige Konzert. Wir hören Playlists von Metallica und Nightwish in voller Lautstärke und finden auch genügend Zeit, das elegante silberne Jaguar Cabriolet auf der Nebenspur gebührend zu bewundern.

 

An der nächsten Ausfahrt verlassen wir die Autobahn und füttern das Monster mit kurvigen Landstraßen. Kaum zu glauben: auch hier ist das M6 Gran Coupé in seinem Element. Dank des aktiven M-Differentials, welches die Kraft in Kurven optimal verteilt, dreht sich Mr. Hyde fast wie ein Panzer mit Kettenantrieb um die Ecken und erreicht dabei eine geradezu aberwitzige Kurvengeschwindigkeit. Um Mr. Hyde uneingeschränkt walten zu lassen, hat Dr. Jekyll vorsichtshalber das Wort „Seitenneigung“ aus dem Vokabular des M6 gestrichen: das große Coupé neigt sich nicht zur Seite, sondern umzirkelt die Kurven wie auf Schienen.

 

Kommt dieses Monster jemals an seine Grenzen?

 

In Königskrug machen wir Rast und vertilgen einen der berühmten Riesenwindbeutel, während das silberne Geschoss auf dem Parkplatz wartet. Ab und zu erregt es die Aufmerksamkeit anderer Gäste. Man hört sie leise raunen: „Ist das der neue BMW M6? Man munkelt, er habe fast 600 PS!“

 

Nach dem Essen tanken wir 60l Super und wenden uns Richtung Osten. Dort, so sagt man, gäbe es lange leere Bahnen, die dem BMW Monster in etwa so gut munden würden wie Kellogs Cornflakes der kleinen Sarah. Einige Radarfallen müssen wir austricksen, dann befinden wir uns tatsächlich auf einer langen zweispurigen Schnellstraße ohne Tempolimit. Nur ab und zu sind Autos auf der rechten Spur. Für das Monstrum ist diese Straße ein gefundenes Fressen: Mit Warp-Speed vertilgt der M6 Kilometer um Kilometer, der Tacho pendelt dabei zwischen 230 und 290 km/h.

 

Es kommt einem geradezu surreal vor: der M6 ist dermaßen schnell, dass alle anderen Auto wie stehende Hindernisse wirken. Noch unwirklicher erscheint die Kontrollierbarkeit dieses Geschosses. Es ist jederzeit möglich, zu stoppen oder die Richtung zu ändern. In keinem anderen Auto habe ich jemals dermaßen sicher gefühlt wie im M6 Gran Coupé. Der Porsche Boxster ist schon unheimlich beherrschbar, aber das Fahren damit ist harte Arbeit. Der M6 hingegen macht es dem Fahrer leicht: er fährt 290, als ob es nichts wäre – und ist dabei überraschend leise und bequem. Erst ab 270 treten größere Windgeräusche auf, so dass man die Stimme ein klein wenig heben muss, um sich zu unterhalten.

 

Tempo 300 jedoch erreichen wir auf dieser Straße nicht, dazu gibt es doch zu viele Kuppen und Senken, an denen man nicht weit genug vorrausschauen kann.

 

Ich mache kehrt und fahre Richtung Goslar. In der Altstadt suchen wir uns einen Parkplatz, unternehmen einen längeren Spaziergang und essen zu Abend. Inzwischen ist es dunkel geworden. Weil der Akku meines iPhones leer ist und ich damit keine Navigation habe, dauert es ein wenig länger, bis wir das Auto wieder finden. Unversehrt steht es geduldig wartend auf dem Edeka Parkplatz, auf dem ich es verlassen habe.

 

In der Dunkelheit weist uns das hervorragende LED Licht den Weg. Die Straße wird jederzeit perfekt ausgeleuchtet, die Qualität ist noch einmal eine Stufe besser als das ohnehin schon gute Bi-Xenon Licht. Sehr beeindruckend arbeitet auch der automatische Fernlichtassistent.

 

Dann endlich sind wir auf der A7. Sie ist leer. Ich schalte den M1-Modus ein und trete das Gaspedal durch. Der Motor heult auf, die Ziffern des HUDs rasen an mir vorbei – 270 – 280 – 290 – 297 – 301. Dann muss ich vom Gas gehen, weil einige andere Autos in Sicht sind. „Wusch-wusch-wusch“ Ein Audi A6 kommt anfangs nur langsam näher, während unser M6 munter beschleunigt. Ich schätze seine Geschwindigkeit auf 250 km/h, als wir vorbeifahren steht der Tacho auf 280. Der Audi verschwindet – 290 – 296 – 299 – 302 -307 – 310.

 

Mit Tempo 310 durch die Nacht zu rasen ist ein nahezu episches Erlebnis. Es gehört zu den Dingen, die man als Autofahrer unbedingt einmal gemacht haben muss. Viel zu schnell sind wir wieder zuhause. Mit knisterndem Motor stelle ich Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf der Straße ab.

 

Und nun?

 

Mit dem M6 haben wir eigentlich alles gemacht, was man nur machen konnte. Wir waren in der Stadt, in den Bergen, auf der Autobahn und im Stau. Wir sind bei Tag und bei Nacht gefahren. Der Verbrauch lag knapp über 18l auf 100km – angesichts der absolut überirdischen Fahrleistungen bei diversen Vollgasorgien finde ich das absolut akzeptabel.

 

Dank der ausgefeilten Elektronik und der inzwischen recht gut funktionierenden Kamerasysteme kann man auch im Alltag gut mit dem Monstrum mit der gespaltenen Persönlichkeit klarkommen. Natürlich gibt es ein paar Dinge, die man verbessern könnte: beispielsweise wird das ACC schmerzlich vermisst.

 

Ansonsten ist der BMW M6 das mit Abstand beste Auto, das ich je gefahren bin. Unendlich viel Speed, geniales Handlung bei gutem Komfort und akzeptablem Verbrauch.

 

Der einzige Wehmutstropfen, der bleibt, ist die Tatsache, dass man die Talente dieses Fahrzeug praktisch nie wirklich nutzen kann. Und erst jetzt langsam bewusst, dass diese Raserei vielleicht doch nicht ganz ungefährlich war. Von daher ist es ganz gut, dass ich das Monster morgen früh wieder abgeben muss.

 

Die Unvollkommenheit dieser Welt und ihrer Bewohner mindert aber nicht die Faszination, die von dem M6 Gran Coupé ausgeht. Es ist episch. In jeder Hinsicht.

 

Wenn Gott persönlich ein Auto geschaffen hätte, dann dieses.

 

Liebe Grüße,

 

Johannes

 

Originalartikel mit größeren Bildern: [http://www.vorwerkz.com/bmw-m6-gran-coupe-dr-jekyll-mr-hyde/]

 

Für alle, die meinen Senf zu anderen Autos lesen möchten: http://www.vorwerkz.com


22.08.2013 16:42    |    JRAV    |    Kommentare (19)    |   Stichworte: 320d, 3er, bmw, cabrio, diesel, E93, fahrbericht, jrav, test, Vorwerkz

Mein im Ausland lebender Schwager kam zu Besuch und brauchte natürlich ein Auto. “Ein Cabriolet sollte es sein, ein richtiges Spassauto” befand meine Schwiegermutter. Am besten was sportliches, vielleicht ein Porsche oder ein BMW Z4.

 

Da mein Schwager ein fürsorglicher Familienvater ist und mit seinen beiden kleinen Kindern anreist, haben wir die Idee vom flotten Zweisitzer schnell wieder verworfen.

 

Stattdessen buchte ich ein viersitziges Cabrio bei Sixt.

 

 

An einem Freitagmorgen war es soweit: ich fuhr zu Sixt, um den Wagen abzuholen. Statt des erhofften Mercedes E-Klasse Cabrios bekam ich die Schlüssel zu einem BMW 320d Cabriolet mit Blechdach. Ich unterschrieb und sah mir den Wagen an: er sah schon sehr schick aus: silbern glänzender Metalliclack, schwarzes Leder, M-Paket, 6-Gang Schaltgetriebe….SCHALTGETRIEBE?

 

Schaltgetriebe ist ein Problem.

 

Einige von Euch werden hämisch Grinsen: “Kann der Trottel nicht schalten?”

 

Mein lieber Schwager lebt in Israel, einem Land, in dem es keine Autos mit Schaltgetriebe gibt, mit Ausnahme einiger Miniautos, in die sich aber kein Fahrer hineinwagen würde, der noch recht bei Verstand ist. In einem Land, in dem täglicher Raketenbeschuss mit einem Schulterzucken wahrgenommen wird, geht man auch beim Autofahren nicht allzu rücksichtsvoll miteinander um. Es wird gerast, gehupt, gedrängelt, und obwohl fast jedes Auto nur 100 PS hat möchte jeder im Stau ganz vorne sein. Und wenn man dort steht, gerne auch bergauf, dann schaut der Israeli lieber auf sein Samsung Smartphone, um seinen Status zu twittern, anstatt sich mit einem Schaltgetriebe herumzuschlagen.

 

Da ich ausdrücklich ein Automatikauto bestellt hatte wendete ich mich wieder an die freundliche Dame am Tresen. “Ja, so ein Cabrio, das sei ja ein richtiger Sportwagen, und der hätte nunmal eine Gangschaltung”, so ihre Antwort.

 

Als Fahrer eines Porsches mit Tiptronik konnte ich es mir gerade noch verkneifen, mich vor Lachen den Bauch haltend auf den Boden zu wälzen. Ich wollte nicht respektlos sein, für eine einfache Sixt Angestellte ist ein 3er BMW auch ohne Klapptop ein unerschwinglicher Traumwagen.

 

Und sie war wirklich hilfreich: sofort rief sie in den umliegenden Zentralen an. es gelang ihr tatsächlich, in der Filliale am Georgsplatz ein Mercedes Cabrio mit Automatik aufzutreiben. Ich müsse mich aber beeilen!

 

Ich bekam die Anweisung, mit dem BMW zur anderen Filliale zu fahren und das Auto zu tauschen.

 

Nichts lieber als das!

 

So hatte ich also Gelegenheit, kurz vor Produktionseinstellung noch einmal das erste und letzte (der Nachfolger heißt 4er) BMW 3er Cabrio mit Blechdach zu fahren!

 

 

Als langjähriger BMW-Altauto-Treter und Auto-ImShowroom-Herumsitzer war mir der 3er BMW wohlbekannt. Ultrafettes Lenkrad, breiter Monitor in der Mitte, iDrive und Startknopf. ansonsten viel Plastik – bei BMW Verkäufern unter der Bezeichnung “hochwertiger Kunststoff” und manchmal auch “Leder” bekannt.

 

Hübsch gestaltet sind die M-Fußmatten mit blauen Kedern, ansonsten wirkt der Innenrau doch ein wenig trist.

 

Immerhin, die Tür fällt satt ins Schloss. Ich steckte den Schlüssel in die dafür vorgesehene Öffnung und starte den Motor per Knopfdruck. Bei 30° Aussentemperatur übertönt die sehr effiziente Klimaanlage jegliche Nagelgeräusche des Dieselmotors. In kurzer Zeit ist der Innenraum auf eine halbwegs erträgliche Temperatur abgekühlt. Eine angenehme Sitzposition finde ich genauso schnell, eine elektrische Sitzverstellung ist beim 3.850€ teuren M-Paket serienmäßig an Bord.

 

Vorsichtig rolle ich den kleine BMW vom Hof: die Kupplung greift angenehm, die Gänge sind kurz und knackig, so soll es sein. Die Lenkung ist extrem leichtgängig, aber dafür trotzdem einigermaßen präzise.

 

Richtig klasse finde ich die Übersicht zur Seite: keine B-Säulen sind die einzig wahren B-Säulen, und ich frage mich spontan, ob die C-Säule beim 3er Cabrio als B-Säule bezeichnet wird. Ebenfalls genial: mit einem einzigen Knopf kann man sämtliche Seitenscheiben versenken!

 

Das Dach hingegen möchte noch nicht aufgehen: ein Piktogramm verweist mich auf eine nicht verriegelte Kofferraumabdeckung. Egal, mir ist es viel zu warm.

 

Die Federung des M-Sportfahrwerks ist straff. Fahrbahnunebenheiten werden durchaus weitergegeben, aber niemals so ungefiltert wie es (m)ein Porsche zu tun pflegt. Die Kurvenlage ist natürlich ebenfalls keineswegs mit der eines Porsches zu vergleichen, no pain, no gain.

 

Aber jetzt will ich doch offen fahren, wenigstens ein ganz klein bisschen. An einer Shell-Tankstelle halte ich kurz an, steige aus und öffne den Kofferraum. Tatsächlich ist dort eine Abdeckung, die zurückgeschoben werden möchte. Rumms-Klack – der Riegel ist drinnen und das Kofferraumvolumen um 30% geschrumpft.

 

Ob das Verdeck auch per Schlüssel aufgeht?

 

Ich halte meinen Daumen auf die Taste zum Öffnen: nach einigen Sekunden surren Motoren, das Dach fängt an sich zu bewegen und sich wie ein Origami-Kunstwerk zusammenzufalten. Elegant verschwindet es unter dem (weniger eleganten) Kofferraumdeckel. Ich bin ehrlich beeindruckt!

 

 

 

Beeindruckt ist vielleicht ein wenig zu schwach: die Choreographie muss ich mir unbedingt nochmal ansehen! Mit dem Schlüssel schließe ich das Dach und sehe mir an, wie quasi das gesamte Heck entblößt wird und sich das Auto wie ein Transformer in Sekundenschnelle in ein Coupé verwandelt.

 

Einfach spitze!

 

Und weil ich neugierig bin, wie sich so ein BMW Cabriolet offen fahren lässt, Drücke ich noch einmal aufs Knöpfchen und mache das Dach wieder auf. Dach auf – Dach zu – Dach auf – Dach zu – an dem Mechanismus hätte Homer Simpson sicher ein Wochenende lang seine Freude.

 

Genug gespielt, ich muss weiter, meinen Mercedes abholen, bevor ihn mir jemand anders wegschnappt.

 

Aber einmal will ich noch: “Dach zu – Dach auf…”

 

Das 3er Cabrio ist auch offen sehr angenehm zu bewegen: man fühlt sich deutlich geschützter als im offenen Porsche. Wegen der hohen Gürtellinie dürfen die Seitenscheiben unten bleiben. Damit ist es das perfekte Cabrio für Warmduscher, die einen coolen Eindruck machen möchten.

 

Eine absolute Pest und dem Auto in kleinster Weise würdig ist hingegen der Motor: ein Diesel hat in einem Cabrio wirklich nichts verloren, und dieser schon gar nicht: das Turboloch ist so groß und tief wie der Schwarzsee in Kitzbühel. Erst kommt nix, dann zuviel, dann wieder nix. Das nutzbare Drehmomentband ist winzig, man ist dauernd am Schalten. Das ist nicht nur unheimlich nervig, es verhindert auch, dass man cool den Ellenbogen heraushängen lassen kann, wie es sich gehört.

 

Sound gibt es auch keinen. Zumindest nicht aus dem Auspuff.

 

Aber vielleicht aus dem Radio?

 

Ich probiere an der Ampel das Soundsystem aus. das Ergebnis ist eine Enttäuschung: statt ordentlich satt “uz-uz-uz” zu machen, wie es sich für ein 3er Cabrio gehört, kann das hier verbaute System mühsam mit dem Lautsprecher meines iPhones mithalten.

 

 

Fazit bei der Abgabe: ein nettes Auto mit einer brillanten Faltmechanik das zumutbar angenehm fährt.

 

Leider verdirbt der Diesel den guten allgemeinen Eindruck. Als M3 mit V8, SMG Schaltung, Volllederausstattung und Logic 7 oder Hamann Kardon könnte die Kiste jedoch richtig Freude bereiten.

 

Zuhause jage ich das 3er Cabrio durch den Konfigurator und komme auf einen Neupreis von stolzen 55.240€

 

Warum sind die Deutschen bloss so doof und kaufen zu einen exorbitanten Preis Autos mit dermaßen miserablen Motoren? Die Amis wissen schon, warum bei ihnen die Modellpalette beim 335i beginnt.

 

Mein Tipp: es ist zwar nett, wenn der 320d nur 5l verbrauchen soll, aber irgendwie macht es keinen Sinn, bei einem dermaßen teuren Spassauto mit dem Sprit knausern zu wollen und sich gleichzeitig das ganze Vergnügen zu verderben. Deswegen nehmt entweder den (übrigens 3.000€ billigeren 320i) mit dem laufruhigen 170PS 6-Zylinder Motor oder spart euch das M-Paket und wählt stattdessen den 272 PS starken 330i, der richtig Laune macht.

 

Originalartikel auf [http://www.vorwerkz.com/origami-stadtfahrt-im-bmw-320d-cabrio/]

 

Edit: es ist so peinlich. Nicht für mich. Aber für BMW. Der 320i ist kein sahniger Reihensechser, sondern ein rappeliger Vierzylinder, der zu allem Überfluss noch eine Direkteinspritzung hat. Schämt Euch!

 

Liebe Grüße,

 

Johannes

 

Mein Blog mit 27 Fahrberichten: http://www.vorwerkz.com

 

Mein Ratgeber: http://www.gebrauchtwagenratgeber.com


29.05.2009 15:38    |    JRAV    |    Kommentare (0)

Die Challenge: eine billige Luxuslimo finden, die besser ist als ein BMW 750i E38

 

Der Herausforderer: ein silberner 2002 Jaguar XJR mit 70tkm auf dem Tacho, also viel neuer als mein alter Fuffi.

 

 

Auf den ersten Blick: schöner Wagen - SCHÖÖÖÖNER Wagen!. Wirklich schöner Wagen. Klassisches Design, sehr breit, sehr flach, schöne Räder, Gittergrill.

 

Der Einstieg fällt leicht, auch wenn der Innenraum knapp geschnitten ist. Ich falle auf bequeme Ledersitze, die mehr Ähnlichkeit mit Sesseln als mit Autositzen haben. Der Blick fällt auf eine wunderschöne Wurzelholzlandschaft. Darin befinden sich drei tiefe Höhlen, in denen sich die Instrumente verstecken.

 

 

Die Mittelkonsole ist mit Leder bezogen, die Armaturentafel leider nicht. Ist nicht tragisch wenn man es nicht gewohnt ist.

 

Das Holz/Lederlenkrad liegt gut in der Hand, leider ein bisschen zu weit weg, man kann es auch nicht näher heranrücken. Der Zündschlüssel hingegen ist eine Peinlichkeit, er stammt offenbar aus dem Ford Ka.

 

Nach draufen erstreckt sich der Blick auf die wunderschön geformte Motorhaube, wirklich viel sieht man allerdings nicht. Das Dach ist doch sehr niedrig, insbesondere auch, weil der Wagen ein Schiebedach hat.

 

Wenn ich nach hinten schaue, stoße ich immer mit dem Kopf an die Decke, was in der Realität bedeutet: nach jeder Fahrt im Jag rennt meine Freundin mit der Bürste in der Hand hinter mir her, um meine Frisur zu richten.

 

Da das Schiebedach jetzt nicht wirklich die Bezeichnung "Panoramadach" verdient, ist vermutlich ein Exemplar ohne diese Austattung die bessere Wahl, wenn mans denn findet.

 

Stattdessen wäre ein Alcantara-Bezug eine feine Sache, auch wenn es der Frisur vermutlich egal wäre.

 

Ich lasse den Motor an. Der V8 brummt dezent vor sich hin. Automatikwählhebel auf D. Vorsichtig manöveriere ich die Katze über das Gelände auf die Straße und fahre langsam los.

 

Der Tank ist natürlich leer. Halt bei der ersten Tanke. Hmm...ist der Tankdeckel jetzt links oder rechts? Aussteigen, angucken: Aha, links. Also füll ich mal 15l Super ein, die sollten uns nach Hannover und zurück bringen.

 

Wir rollen langsam weiter über die Landstraße. Der Jag liegt gut, die Lenkung ist leider nicht ganz gerade, dafür ungewohnt leichtgängig. Kann man den BMW mit dem kleinen Finger rangieren, reicht hier vermutlich ein geschickte dosiertes Pusten.

 

Das Fahrwerk ist angenehm, nicht zu straff aber mit gutem Kontakt zur Fahrbahn. In den Kurven merkt man, daß einige hundert Kilo weniger zu bewegen sind als im dicken 7er.

 

 

Ein bisschen irritiert mich die Tatsache, daß der XKR erst mal 2,000 U/min in den nächst höheren Gang schaltet, der BMW V12 schaltet deutlich früher.

 

Wir kommen an der A7 an, zumindest das Kühlwasser ist warm. Beim Auffahren auf die Autobahn vermisse ich Schub, da hat der BMW den besseren Antritt.

 

Zwei Kleinwagen wollen vorbei, erst dann kommen wir auf die linke Spur. Kick-down. Die Katze zieht ordentlich an, 200 sind schnell erreicht, und hier kennt der Jag kein Halten mehr und zieht sauber bis Tacho 260 durch.

 

Weniger sauber ist die Geräuschkulisse: Hat man schon bei 160 km/h gewisse Windgeräusche kommt ab 210 km/h ein brutales Pfeifen dazu. An den Kompressor-Sound muß man sich gewöhnen, es klingt sehr synthetisch. Auch das Fahrwerk möchte im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig mitreden.

 

Kurzum: Der Wagen ist schnell, aber laut, wenn auch natürlich längst nicht so extrem wie ein Porsche.

 

 

Ein Überholprestige ist leider nicht wirklich vorhanden, offenbar sind rasende Mietzekatzen in Deutschland ein doch eher seltenes Ereignis. Golfs bummeln endlos vor einem her, und auch die Bremse muß man öfters strapazieren. Selbige macht ihre Sache recht ordentlich, rubbelt aber heftig.

 

Zuhause angekommen zeig ich Anna das Auto:

 

 

Sie ist als Katzenliebhaberin von dem Jag natürlich recht angetan, findet die Sitze sehr bequem und den Platz mehr als ausreichend. Das gilt sogar für den Kofferraum, den ich als sehr klein empfinde. Wenn man das Notrad entfernt, könnte man ein bisschen mehr Platz schaffen, ein Raumwunder wird er dadurch immer noch nicht.

 

Kurze Sitzprobe im Fond Hinten kann ich gerade so sitzen, sie ohne Probleme. Ich schätze mal, hier ein Kleinkind anschnallen dürfte in diesem Auto wegen des niedrigen Dachs eine ziemliche Pest sein.

 

Der Verbrauch ist ähnlich wie beim Fuffi, wobei mein Eindruck ist, daß er bei hohem Tempo aufgrund der relativ bescheidenen Aerodynamik mehr schluckt als der BMW.

 

Es gibt schon einige Ausstattungsdetails, die ich vermisse: Vollleder, PDC vorne, Xenons, das elektrische Rollo und die seperate Verstellung des oberen Lehnendrittels. Die Qualitätsanmutung ist auch nicht so überzeugend.

 

Das Radio mit Navi konnten wir leider nicht austesten, weil offenbar die Batterie zwischenzeitlich einmal leer und deshalb die Sperre aktiviert war. Klima funzt.

 

Die Bedienung in der Mittelkonsole ist sehr ansehlich, aber alles andere als ergonomisch, weil es ein Riesenmeer von Tasten ist die nicht wirklich in logische Gruppen aufgeteilt sind.

 

Und Hauke hatte recht: der XJR hat kein ESP, sondern nur eine Traction Control. Wenn man mit Tempo 50 unterwegs ist und an einer Ortsausfahrt das Gaspedal ans Bodenblech drückt fängt sie wild an zu blinken.

 

Fazit: der Jaguar XJ-R ist ein wunderschönes klassiches Auto. Wenn ich noch meinen alten 5er fahren würde, würd ich den vermutlich sogar kaufen.

 

Topgear Moderator Jeremy Clarkson hat einen XJR gekauft und viele Jahre gefahren. Für ihn ist der Jag das absolute Non-Plus-Ultra.

 

Als BMW 750i Fahrer hingegen muß ich sagen, daß der alte V12 einfach das bessere Auto ist. Bequemer, satter, leiser, mit schönerem Sound, letztendlich auch sparsamer und praktischer. Und das, obwohl er 5 Jahre älter ist und 100,000km mehr auf dem Tacho hat.

 

1:0 für den BMW also. Sorry, Pussycat, und sorry, Mr. Clarkson.

 

PS: Weitere Fahrberichte findet ihr auf meiner Homepage http://www.vorwerkz.com/fahrberichte/


Johannes Vorwerk

JRAV JRAV

Jaguar

Johannes Vorwerk begeistert sich seit seiner frühesten Kindheit für Autos - insbesondere für angejahrte Luxuslimousinen, die angesichts der zu erwartenden Reparaturanfälligkeit bei den Mitmenschen eher für Mitleid als Mitneid sorgen. Durch Probefahrten in interessanten Fahrzeugen hält Johannes sich auf den aktuellen Stand der Technik und berichtet über seine ausführlich und mit einer guten Prise Humor auf seinem Blog http://www.geniale-fahrberichte.de .

 

Seit 2014 macht Johannes Vorwerk nicht nur die Straßen, sondern auch den unteren Luftraum unsicher: als frischgebackener Privatpilot fliegt er mit den antiken Flugzeugen des lokalen AeroClubs mit 200 km/h am Stau vorbei. Übers Fliegen schreibt mit großer Begeisterung auf http://www.Alpha-Flying-India.de und hat über seine Erfahrungen in der Flugausbildung das Buch "Alpha Flying India - Vom Flugsimulator ins reale Cockpit" verfasst, welches bei Amazon und auf iTunes erhältlich ist.

Blog Favoriten

Besucher

  • anonym
  • 4klaus44
  • marcuSklasse

Blogleser (12)

Buchtipp