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03.09.2016 21:20    |    fate_md    |    Kommentare (4)    |   Stichworte: 1250, GSX, Suzuki Motorrad

Grenzerfahrungen - Teil 2

 

Ersten Teil verpasst? Klickst du hier: Grenzerfahrungen - Teil 1

 

Tag 7 – Montag 22. August – Rheinfall bei Schaffhausen (CH)

 

Von vornherein waren Touriziele mit in die Urlaubsplanung integriert, damit es sich auch nach Urlaub und nicht nur nach sträflichem Kilometerschruppen anfühlt. Waren auch so schon nicht zu wenige...

Planung war eigentlich neben Colmar mal Mulhouse in Frankreich sowie Basel und der Rheinfall bei Schaffhausen in der Schweiz. Mulhouse hatten wir dem Regentag geopfert, da Frankreich mit Colmar eh schon abgehakt war, tat das nicht ganz so arg weh. Der Rheinfall war aber etwas, wo wir beide unbedingt hin wollten und mit knapp 90min Anreisezeit auch absolut tourizielzauglich gelegen war. Die Anfahrt selbst bot dann auch noch einmal genug Motorradfahrspaß, da man in der Gegend einfach kaum untaugliche Straßen findet. Lag doch der Feldberg mitten im Weg auf unserer Anfahrtsstrecke, was ein Ärger...

Ich weiß auch gar nicht so genau, was ich vom Rheinfall erwartet hatte, ich hatte vorher nur Bilder beim allwissenden Orakel gesehen, das was uns dann erwartete beeindruckte mich bzw wohl eher uns jedenfalls zutiefst. Da bummelt man im Innenstadttempo durch eine typische Ortschaft , biegt aus einem ganz normalen Kreisel ab, umgeben von Beton, Bebauung und Infrastruktur wie man sie in jeder Stadt erwartet und urplötzlich sieht man sich mit purer Naturgewalt konfrontiert. Bilder können die Eindrücke gar nicht angemessen wiedergeben, weil sie das Getöse und das Beben im Boden nicht darstellen können und somit die dort allgegenwärtig spürbare endlose Kraft auch nur ansatzweise darstellen können. Auch hier wieder absoluter Motorradbonus: Parkplatz für gratis und sehr nah am Fall selbst, am Infopoint gibt´s Klamottensafes für 2 Franken Pfand, die einem ultrafreundlichst (das soll nicht pieksig übertrieben klingen, sondern ist völlig ernst gemeint, ich habe noch nie so nette Menschen getroffen wie an dem Tag in der Schweiz) im Tausch gegen eine heimatliche 2€ Münze leihweise zur Verfügung gestellt werden.

 

Flux das Möppi also abgeparkt und rein mit den Tierhautpanzern in einen Safe. Und staunen. Immer wieder. Einfach zu krass das ganze. Und das auch noch gratis. Und natürlich. Kein Showeffekt, sondern schiere Urgewalt. Die Infotafel lässt uns später wissen, 600m³ pro Sekunde tösen hier im Schnitt pro Sekunde runter. 600000 l Wasser. Jede Sekunde. Irre. Aber genau so fühlt es sich an, man kann die immense Kraft hören und fühlen. Natürlich mutieren wir zu Vollbluttouris und buchen uns eine Bootsfahrt direkt an den Fall heran. Hammerhart und mit Worten kaum adäquat zu beschreiben. Das hat hier absolut nichts mit Motorradfahren zu tun, trotzdem wird es wohl sehr lange im Gedächtnis und mit diesem Urlaub verknüpft bleiben. Etwa 2 1/2 Stunden verbringen wir dort, bevor wir uns tief beeindruckt auf den Rückweg machen.

 

 

 

 

 

Tag 8 – Dienstag 23. August – Rundtour Schwarzwald

 

Routen von Ortskundigen sind fast immer besser als das, was man sich selbst aufgrund von passiger Optik oder Routenplanervorschlägen selbst zusammen klicken kann. Deswegen bat ich im Vorfeld des Urlaubs im Biker Treff um Tourenvorschläge und bekam u.a. die an diesem Tag gefahrene Tour vom user Vulkanistor als Vorschlag. Knapp 250 km lang, 5h21min Nettofahrzeit laut Motoplaner. Passt genau ins Beuteschema. Auf kleinen und kleinsten Sträßchen waren wir gefühlt kaum mehr als 100m geradeaus unterwegs, meine Mundwinkel trafen sich auf der Rückseite meines Schädels wieder und die dicke Blaue verlor gefühlt mit jedem Kilometer 10kg Gewicht, weil mein Vertrauen in ihre Handlebarkeit rapide stieg. Ein paar Mal habe ich mich an diesem Tag selbst zurückpfeifen müssen, um nicht zu übertreiben. Es lief einfach alles, man musste nicht mehr nachdenken, die Ansicht der nächsten Kurve gab das Handlungsmuster vor, ohne dass das irgendwelcher bewussten Kopfarbeit bedarft hätte, wir waren einfach "drin". Das ist meist der Zeitpunkt, kurz bevor man im 90° Winkel in der Kurve liegt, weil man sich verschätzt hatte. Also immer mal wieder selbst zur Raison gerufen und mit 95 statt 100% weitergemacht. Spaßfaktor allemal hoch genug. Als wir bei Schauinsland ankamen, war ich derartig fertig und einfach nur tief glücklich, dass ich direkt auf dem Möppi hätte einpennen können. Aber auch dort berappelten wir uns und stiefelten in der ach so leichten Moppedmontur den Weg hinauf zum Aussichtsturm und wenn man schon mal da ist, natürlich auch auf selbigen hinauf. Der Panoramablick von dort ist fantastisch, zumal wir bestes Wetter hatten. Übertroffen wurde er an dem Tag aber ein paar Stunden vorher trotzdem schon. Der "Blauen" wurde mir als Tipp nahegelegt, unter dem Motto "fährste eh quasi vorbei". Hab ich so hingenommen und entsprechend angesteuert, auch wenn ich die Auffahrt zum Berg selbst jetzt nicht so toll fand, die Aussicht macht einfach alles wett. Oben auf dem Berg noch rauf auf den Aussichtsturm und dann niederknien vor seiner eigenen, kleinen, unbedeutenden menschlichen Existenz. Fernsicht von geschätzten 80-150km, auf einer Seite die Vogesen, überdacht vom Mond obwohl strahlender Sonnenschein und blauer Himmel war, im Süden die Alpen mit ihren schneebedeckten Gipfeln und im Osten der Schwarzwald. Dazwischen, soweit wie man nur gucken konnte, die Rheinebene. Gut hingucken, Strg + S denken und für immer ins Hirn braten.

Ich hätte an dem Tag Blut spenden und mir selbst im Winter immer mal wieder zur Verfügung stellen sollen, bringt bestimmt direkt gute Laune mit.

 

 

Tag 9 – Mittwoch 24. August – Vogesen die 2te

 

Da wir durch die Einplanung von Colmar nicht genau wussten, wieviel wir von der geplanten 1. Vogesentour wirklich würden abfahren können, hatten wir vorsichtshalber eine zweite geplant. Dieses mal ohne Colmar, dafür mit Besuch bei der Gedenkstätte vom Hartmanswillerkopf. Dass die nun genau auf der Route des Crêtes liegt, sollte ja nun nicht direkt unser Nachteil sein...

Die Gedenkstätte selbst ist ein beeindruckender und bewegender Ort, auch wenn ich selbst die Geschichte dahinter bis zu etwas Internetrecherche nicht wirklich kannte. Die Krypta war so bewegend und fesselnd, dass ich kein einziges Foto machte. Die Gedenktafeln der Gefallenen drinnen tragen keine Namen von Personen, sondern die Bezeichnungen von kompletten Kompanien. Purer Wahnsinn. 30000 Menschen haben auf diesem recht begrenzten Fleckchen Erde ihr Leben für ihr Land gelassen, noch einmal etwa genausoviele wurden verwundet. Schwer vorstell- und auch nicht wirklich begreifbar, wenn man heute in allem Frieden über das Gelände schlendern kann. Tief bewegend in jedem Fall. Besonders wenn man im Gräberfeld hinter der Krypta dann die ganzen Kreuze sieht, wo an einigen tatsächlich frische Blumen standen. Dies ist kein modernes Kunstarrangement, sondern tatsächlich ein gigantischer Friedhof, da liegen echte Menschen und sie scheinen zum Teil noch Angehörige zu haben, die ihrer gedenken. Still ist es. Man spürt die mahnende Stimmung die dieser Ort ausstrahlt.

Wir fahren weiter, von Süd nach Nord über die Route des Crêtes bis nach Le Markstein, biegen dort nach Osten ab. Bei Soultzmatt beweist ein weiterer Soldatenfriedhof mit penibelst ausgerichteten weißen Kreuzen rechts der Straße, wie umkämpft diese Region war. Als blanke Ironie des Schicksals liegt genau an unserem Haltpunkt neben der Straße ein Frosch in etwa der Höhe einer Briefmarke. Auch friedliche Zeiten können hochgefährlich sein. Unsere Route führt nach Nordosten, auf und über die D417, um bei Wintzenheim zu kehren und durch den Wald in Richtung Süden und Château du Hohlandsbourg auf der Route des 5 Châteaux. Als wir den Parkplatz erreichen und sehen, dass ein in dem Moment für uns unbekannt weiter Fußmarsch den weiteren Weg zum Ziel darstellen sollte, beschließen wir beide spontan, dass die gut 30°C Außentemperatur ein überzeugendes Argument sind, selbiges links liegen zu lassen und einfach weiter zu fahren. Trotz Meshanteil in der Kombi wird es nicht mehr kühl durch Fahrtwind, die Luft ist einfach viel zu warm. Um die Rheinebene möglichst flott zu durchqueren, geht es wieder auf die Autobahn und dann kurz vor der Grenze.... nicht weiter. Mist, was ist denn nun los. Knapp 2,5km vorm Rhein totaler Stillstand. Brütende Hitze und keine Ahnung, was das Problem ist. Wir hangeln uns durch zu einer Autobahnbrücke und das Weibchen raucht erst mal eine auf der linken Spur. Gibt´s so wohl auch nicht jeden Tag. Muss ich auch nicht haben, es ist wirklich abartig warm und ich mache mir langsam ernsthaft Gedanken um den Fortbestand meines Kreislaufs, wenn wir nicht irgendwo dauerhafte Kühlung oder zumindest etwas Fahrtwind bekommen. Ich beschließe, mich durch vorbildlich ignorierte Rettungsgasse zwischen beiden Spuren zu mogeln, was nicht bei jedem für Begeisterung sorgt, mir aber in dem Moment total egal ist. Mit teilweise weniger als 10cm zu den Spiegeln geht es dann tatsächlich irgendwie voran durch den Stau, wohl wissend, dass mir diese Taktik spätestend direkt an der Grenze nichts mehr bringt, da es dort künstlich auf einspurig verengt ist, inklusive bewaffneter Kontrollposten, warum auch immer die dort standen, sympathisch wirkten sie nicht mit Flecktarn und MG. Im Schatten eines LKW warten wir also kurz vor der Verengung und überlegen, ob wir es einen anderen Verkehrsteilnehmern gleich tun sollen und ein paar Meter entegen einer Auffahrt auf die angrenzende Landstraße fahren. Rechtlich logisch verboten, technisch aber kein wirkliches Problem da nur Plastikpylonen als Mittelplanke herhalten. Und hey, Vollsperrung ist doch nahe der Anarchie, gerade jenseits der 30°C Marke. Das Problem ist nicht die Auffahrt, sondern die darauffolgende Weiterreise. Da ich nicht weiß wo das eigentliche Problem ist – soweit man gucken kann ist Stau – könnte es mich auch trotz Richtungswechsel anscheissen und ich stünde einfach an anderer Stelle im selben Stau, weil ich die Problemstelle nicht umfahren habe.

 

Während ich darüber sinniere, geht es vor uns plötzlich ein Stück weiter. Jetzt oder nie, Beschleunigungsstreifen voll ausnutzen, reinquetschen und zumindest bis auf die andere Seite der Verengung kommen. Läuft. Gewonnen. Jetzt wird das Problembild deutlich. Die A5 ist dicht. Vollsperrung verrät uns das Indernetz später, weil ein PKW einen LKW umschubsen wollten. Gelang wohl nicht so gut, 20km Stau waren die Folge. Das interessiert mich in dem Moment noch nicht, ich sehe nur, dass die Gegenrichtung frei ist. Also drauf auf die Bahn und Feuer.An der nächsten Raststätte raus, dem Navi die Autobahnnutzung verbieten und die FeWo als Ziel eintragen. Jetzt heißt es hoffen. Mit etwa 90min Verspätung zum Plan rollen wir vor die Garage.

 

 

 

 

 

Tag 10 – Donnerstag, 25. August – Basel, ach nein doch nicht

 

Da der Tag gestern doch sehr prägsam war, insbesondere im Bezug darauf, mit den Außentemperaturen nicht zu lässig umzugehen - sonst gibt´s Straßenrandimbiss "Moppedfahrer im eigenen Saft" – beschlossen wir schon am Abend zuvor, den Stadtbesuch in Basel zu streichen und nicht bei über 30°C einen auf Zwangstouri zu machen. Stattdessen sollte es gleich nach dem Frühstück, solange es in den Wäldern noch angenehm frisch und auf den Straßen schön leer ist, eine kleine Runde durch den Schwarzwald geben. Ein paar Streckenteile abfahren, die uns schon am Dienstag so gut gefallen hatten. 120 Kilometer in etwa 3 Stunden wurden es, fuhr sich gut und reichte völlig aus. Danach hievten wir unsere Kadaver unter den Sonnenschirm auf die Dachterrasse und versuchten, das Eis schneller futtern zu können als die Hitze es wegzuschmelzen versuchte. Gelang vorzüglich. Ganz nebenbei ging es dann am Nachmittag auch schon ans Koffer packen. Morgen früh würden wir unser Schwarzwalddomizil verlassen und weiterziehen in Richtung Alpen. Also den großen "ich muss alles schleppen, was man nicht am Mopped braucht" Koffer gepackt und schnuckelig wie ein Haustier Gassi geführt bis zur Poststation. Koffer und Topcase ebenso weitestgehend vorgepackt, so dass am nächsten Morgen nur noch die letzten Kleinigkeiten hinein mussten und dann ab dafür. Anschließend nochmal checken, ob sich nichtstun am Abend genauso gut anfühlt wie nachmittags. Jop, läuft.

 

 

Tag 11 – Freitag, 26. August – Tagesziel St. Anton (A)

 

Unsere Vorbereitung gestern bescherte uns einen relativ entspannten Morgen, nach dem Frühstück waren die letzten Dinge flott verstaut und schon war die Mopete umzugsbereit. Durch vier Länder sollte uns die Route führen, Deutschland, Schweiz, Liechtenstein und Österreich. Das ganze bei happigen 6h 32min Nettofahrzeit, sportliche Aufgabe angesichts von Gluthitze gleich ab dem Frühstück. Etwas kürzer wäre technisch wohl möglich gewesen, aber hey, wenn man schon mal in den Alpen ist, möchte man ja auch ein paar Pässe fahren. Bei letzteren war dem Navi zum Glück die Route nahezu unabänderbar aufgezwungen, für den Beginn der Tagesetappe schien das aber nicht so vehement festzustehen. Oder das Navi findet Liechtenstein einfach doof, kann auch sein. Jedenfalls lotste es uns – entgegen der Tourplanung im Motoplaner – einfach nicht hindurch, sondern einfach weiter im Norden durch die Schweiz. Mistding, hat es uns doch einfach ein Land geklaut. Dafür waren die geplanten Pässe drin, was fahrerisch wohl auch deutlich interessanter gewesen sein dürfte, als zwei nicht spürbare Grenzübertritte. Es war feinstes Reisewetter, wenn auch noch immer knackheiß, dies konnte man angeichts der Gegend, der Straßen und vor allem der Kurven doch ziemlich gut vergessen. So führte uns das Benzinross artig über Faschinajoch, Hochtannbergpass und Arlbergpass nach St. Anton am Arlberg, wo wir gegen 18 Uhr das Ortsschild passierten. Links der Straße standen diverse Pensionen, da wir nichts gebucht hatten, schickte ich das Weibchen los zum Klingeln, irgendwer wird schon ein Zimmer frei haben. Denkste. Alles belegt. Mist. Also weiter im Text und bergab weiter rein in den Ort. Vorm Kreisverkehr im Zentrum dann pokern, weiter auf der Durchfahrtsstraße und hoffen, am Straßenrand was zu finden, oder rein in die Stadt und in den kleinen und steilen Straßen bessere Chancen haben, dafür ein 400kg durch die Gassen manövrieren müssen. Wir entschieden uns für die Stadt und dies sollte sich als gute Wahl erweisen. Die dritte Pension empfing uns freundlich und entschuldigte sich redlich dafür, dass in der Garage kein Platz mehr fürs Mopped ist, ich könne aber einfach unter dem untersten Balkon parken. Tat ich. Superherzliche Pensionsführung, sehr ordentliches Zimmer, top Aussicht und ein absolut leckeres und liebevoll zubereitetes Frühstück am nächsten Morgen. All dies begründete den nicht billigen aber doch vertretbaren Preis anstandslos. Am Abend ging es dann noch schnell in die Innenstadt. Eindeutig auf Wintersport ausgelegt, hatte längst nicht alles geöffnet, verhungern würden wir aber keinesfalls müssen, die Auswahl an Restaurants war riesig. Die Entscheidung fiel auf ein kleines urig wirkendes Etablissement mit Terrasse in der Fußgängerzone. Statt Karte gab es nur 3 Gerichte als Ansage, alles vom Grill und nur in der Fleischsorte unterschiedlich. Klingt komisch, schmeckte aber ultimativ lecker. Frisch gebackenes Knoblauchbrot, ein Putenfiletsteak das wahrscheinlich 20min vorher noch Puls hatte und das ganze garniert mit frischem, wirklich frischem Salat und wohl selbstgemachten Kartoffelsalat. Sah toll aus, schmeckte noch viel besser und erwies sich am Ende des Abends als überraschend preisgünstig. Von der Tanke im Ort gabs noch eine Flasche Wein unbekannter Bauart, welche anschließend satt und hochzufrieden auf dem Balkon vom Pensionszimmer geleert wurde. Wirklich schade, dass wir morgen früh schon weiterreisen würden, wirklich schön hier.

 

 

Tag 12 – Samstag, 27. August – Tagesziel Kufstein (A)

 

Das sehr leckere Frühstück erwähnte ich ja bereits und so konnten wir frisch gestärkt unsere Tagesetappe in Richtung Kufstein beginnen. Direkter Weg wäre möglich, aber doof. So schnell kommen wir nicht wieder hier her, also nochmal ein paar Pässe mit in die Routenplanung gedrückt.

Hahntennjoch, Namlospass, Fernpass, Holzleitensattel, Seefelder Sattel und Zirler Berg sollten dafür sorgen, dass sich Möppi nicht zu lange in der Senkrechten langweilt. Es war Samstag, es war tolles Wetter und es war dementsprechend voll. Nichtsdestotrotz war die Fahrt angenehm und stressfrei. Auffahrt zum Hahntennjoch, schon in den ersten Kurven kommt uns nach längerer Pause ein Schlepper mit Unfallmotorrad hintendrauf – gefolgt von ca. 50 eng gedrängten Bikes – mahnend entgegen, die Sache hier nicht zu übertreiben. Auf geht´s nach oben, es läuft flüssig, alles passt. Nach ein paar Minuten sage ich dem Weibchen noch per Intercom, dass es komisch ist, dass uns niemand mehr entgegenkommt. Etwas 30 Sekunden später stehen wir im Stau. Dreck. Rund 10 Autos und ein paar Moppeds vor uns hat´s einen geerdet, wie sich später rausstellen sollte, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Zwei Minuten früher los und das wäre unsere Position gewesen. Stimmt nachdenklich. Die Cops waren wohl durch Zufall gerade vor Ort, im ersten Anschein scheint nicht viel passiert zu sein, da die Uniformträger entspannt laufen und primär Fotos machen. Nachdem der Krankenwagen kommt und kurz nach ihm der Notarzt und dann auch noch Decken gespannt werden, überdenke ich diese Meinung. 45 Minuten lang geht gar nix, Stau soweit das Auge reicht. Als sich alles schon aufzulösen scheint, kommt ein dritter Krankenwagen. Irrtümlich hinzugerufen? Nein, er drängelt sich an der Unfallstelle vorbei weiter durch den Stau. Samstag bei gutem Wetter scheint kein ideal gewählter Tag zu sein, hier zu fahren. Durch die massive Pulkbildung geht auch nach Beräumung der Unfallstelle nicht wirklich flüssig weiter. Auf der Passhöhe machen wir Pause und lassen den Pfropfen aus Blech und Benzindrang erst einmal abfließen. Von Norden kommt ein Pärchen auf einer GS angerollt, hält neben uns und rät uns, langsam zu machen, unten gehts kaum weiter, Unfall. Dafür also der dritte Krankenwagen. Wahrend wir für die Info danken, fährt er hinter uns vorbei, gefolgt von einem ebenso großen Pulk wie kurz vorher von Süden startete. Ein paar Minuten später starten auch wir wieder, der Verkehr hat sich normalisiert, bis auf einen Deppen der permanent meint, blindlings überholen zu müssen, geht es stressfrei voran. Der Namlospass gefällt uns fahrerisch dann noch besser, seine Kurven passen genau zu dem Fahrprofil der dicken Blauen, man swingt wunderbar im Takt durch die Landschaft ohne heftigsten Materialmord im Racemodus mit nur spitzen Kehren und kurzen Geraden. Am Fuße des Namlos kehren wir in einer Hütte zur Mittagspause ein, ein "Bikerabo" aus "Alpenburger" (sehr lecker!) und Kaffee soll Energie für die weitere Reise bringen. Klappt gut. Die weitere Reise verläuft angenehm, aber unspektakulär. Desto näher wir wieder an die großen Ost-West Verbindungen kommen, umso dichter wird erwartungsgemäß der Verkehr. Den Fernpaß hinter einer riesigen Kolonne hinter einem Wohnmobil / Lastzug / [setze hier beliebiges unnötig langsames Fahrzeug ein] raufdümpeln, bringt zwar zweifelsohne schöne Aussichten, fahrerisch jedoch keine Endorphinschübe. So vergeht die Restzeit des Tages eher mit dem Ausblick auf schöne Bergpanoramen als mit großen "huiiiii, nochmal" Streckenerlebnissen. Ein paar Ausnahmen gab es natürlich, hinter einem SQ5, der augenscheinlich ortskundig war, eine Bergstraße hoch zu dreschen, kann zum Beispiel dicke Spaß machen.

 

Gegen 17.30 Uhr erreichen wir das Ende der Naviroute, Kufstein, Zentrum. Wir halten an einer Tankstelle und fragen bezüglich einer Pension, "so was gibt´s hier nicht". WTF? Keine Pension in Kufstein? Glaubt man ja nicht. Leider Gottes klappte das mit der Buchung des Auslandspakets für die Schlautelefone irgendwie nicht, weswegen wir kurzerhand nach Kiefersfelden rüberfuhren, um vom dortigen Discounterparkplatz das allwissende Orakel nach Pensionen befragen zu können. Ging problemlos, per Telefon irgendwas à la "ich hab noch was im Nebengebäude" gebucht. Mal überraschen lassen. Praktisch hieß das, Pension fast im Zentrum (ca. 600 m Fußweg), unten eine Doppelgarage, in einer von beiden durfte Möppi noch gratis nächtigen und obendrauf ein aufgesetzer Bungalow mit riesiger Terrasse. Betritt man selbige, hat man direkten Blick auf die Festung. Besser geht´s ja kaum. Ok, das Gebäude selbst war nicht gerade nagelneu und 5* Kategorie, aber wir brauchten ja auch nur Bett, Klo und Dusche. Das gab es allemal her und der Service war sehr zuvorkommend. Nach einem Essen in der Innenstadt und kurzem Stadtbummel incl. "Festung, ich war mal da" Kurzbesuch verkrümelten wir uns auf "unsere" Terrasse, tranken leckeren Discounterwein aus Zahnputzbechern. Bei feinstem Sternenhimmel und prachtvoll beleuchteter Festung in direkter Sichtlinie. Manchmal sind es die ganz einfachen Dinge, die glücklich machen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tag 13 – Sonntag, 28. August – Tagesziel Karlsbad (CZ)

 

Warum Karlsbad? Eigentlich hatte das keinen besonderen Hintergrund. Ich kannte den Ort vom Namen her einfach, war als kleiner Knirps wohl auch mit der Family schon dort und wenn man durch den bayrischen Wald und anschließend übers Erzgebirge will, aus Österreich kommend, landet man eben in der Nähe oder ganz einfach IN Karlsbad. Groß genug um tendenziell genügend Unterkünfte zu bieten, war unser vorerst letztes Zwischenziel also eher eine Pragmatismuslösung. Schon beim losfahren beäugte ich den Reifen nochmal kritisch, die Alpenetappen hatten ihm heftiger zugesetzt, als ich das gedacht hätte, aber er würde uns schon noch bis nach Hause bringen. Die Fahrt selbst konnte den letzten Tagen logisch nicht das Wasser reichen, auch wenn immer mal wieder durchaus ansehnlich fahrbare Etappen zwischendrin waren. Mittlerweile wurden die Phasen bis uns der Arsch weh tat aber auch immer deutlich kürzer, als Phasen die wir zur Regeneration bräuchten, somit also einfach durchziehen und los. Bis auf eine nervige und scheinbar endlose Umleitung vor Cham und einem wilden Naviverarschungsversuch kurz vor Karlsbad – es lotste uns mal spontan 5,5km auf einer elendig schmalen und in grässlichem Zustand befindlichen Straße von der Hauptroute ab in den Wald, um schlussendlich einfach nur umkehren zu wollen – gab es keine besonderen Vorkommnisse. Im Vergleich zu den Schwarzwald- und Alpenregionen sieht Tschechien einfach nur abgefuckt aus, das kann man nicht blumiger beschreiben. Über etliche Kilometer konnte man auch zweifeln, ob in diesem Land überhaupt Menschen leben, weit und breit kein Haus, kein Mensch, kein gar nix. Die letzten Kilometer vor Karlsbad wären eigentlich eine wunderschöne Strecke durch den Wald, ich war mittlerweile allerdings einfach derart fertig, dass ich keinen Spaß mehr daran entwickeln konnte. Nach einem letzten Tankstopp folgte die Fahrt ins Zentrum, die Naviführung endete hier, jetzt hieß es Pensionen suchen. Schwieriger als gedacht. Alles eher Geschäfte und große Wohnblöcke, das klassische, freistehende Einfamilienhaus mit Besitzer im Erdgeschoss und obendrüber Einliegerwohnung zum vermieten war hier nicht zu finden. Wir fuhren eine steil ansteigende Straße hinauf in ein Gebiet augenscheinlich besser Betuchter. Am Straßenrand war ein Schild mit unendlich vielen Verbotszeichen. Ich beschloss, dass die für mich nicht gelten, da ich die Erklärungen dazu eh nicht lesen kann und fuhr einfach durch. Die Häuser wurden Villen und immer prächtiger, irgenwann ein Hotel rechts. Wir halten, das Weibchen fragt nach dem Zimmerpreis. 115€. Ohne Frühstück. Urgs. Bissl heftig für den klassischen Bett-Klo-Dusche Bedarf. Eisenhart fragt die Holde also die Rezeptionistin, ob sie nicht eine günstige Pension kenne und statt sie rauszuschmeißen, zückt die gute Dame kurzerhand ihr Handy und besorgt uns binnen 5 Minuten eine private Pension, effektiv 300m Luftlinie entfernt, Fahrstrecke sind es knapp 2km. Das ganze für etwa 1/3 des Preises, incl. Frühstück. Acht Minuten später stehen wir dort vor der Tür, die Gastmutti quatscht irgendwas auf Russisch, das Weibchen antwortet entsprechend, ich verstehe mangeld Russichkenntnissen kein Wort und schwupps sind beide im Haus verschwunden und ich stehe wie doof an der Straße. 10 Minuten später kommen beide nebst Herr des Hauses wieder raus, man winkt mich herbei, ich solle das Mopped mitbringen, es parkt auf dem Grundstück. Optimös. Mit einer Mischung aus Deutsch, Russisch, Englisch und Händen & Füßen besprechen wir gemeinsam die Details und lassen uns kurz Ausflugsziele auf einer Karte zeigen. Viel ausfliegen wollen wir gar nicht mehr, nur essen wäre toll. Durch eine Abkürzung durch einen Park ist man in 5 Minuten in der Innenstadt, top Lage. Da hier heute City Triathlon war bzw. noch in den letzten Zügen ist, ist die Stadt gerammelt voll. Wir watscheln durch die Fußgängerzone, suchen uns ein kleines Restaurant aus, freuen uns ob des zufälligen Gatis-WLAN und können somit zumindest mal die Daheimgebliebenen über unser Nachtlager informieren und anschließend für aberwitzig wenig Geld aberwitzig viel Essen in uns reinschaufeln. Der anschließende Stadtbummel fällt kurz aus, wir kaufen noch die obligatorische Miniflasche Becherovka (Pfui Katze!) und schwingen uns per pedes durch den Park zurück zur Pension. Der Balkon darf genutzt werden, machen wir doch gern. Bequem auf dem Korbstuhl sitzend, kann man so die aus dem Erzgebirge nahenden Gewitter beäugen, imposanter Anblick.

 

 

Tag 14 – Montag, 29. August – Tagesziel Magdeburg

 

Grober Plan war eigentlich, bis kurz vor Leipzig über Land zu fahren und von dort auf die A14 und Knallgas gen Heimat. Der Reifen sieht allerdings schon echt scheiße aus und das Navi scheint dies zu riechen. Knapp die Hälfte der Strecke sollte uns noch durch einige ansehnliche Kurven führen, genießen kann man das allerdings nicht mehr so recht, die Spurtreue entspricht langsam einem einem betrunkenen Einbeinigen. Vorder- und Hinterreifen haben massivsten Sägezahn, die profillose Mittellauffläche zeigt beginnende Auflösungserscheinungen. Wir steuern also unser Zwischenziel an und schalten kurz vor erreichen den Routing Modus um. Wohl in Absicht der Reifenschonung dürfte das Navi nun zwar Autobahnen nutzen, ignoriert aber alle auf und nahe der Strecke befindlichen Schnellstraßenbetonkonstrukte vorbildlichst. Sehr starker Seitenwind macht die Fahrt nicht wirklich angenehm, der Anschlagsversuch durch einen blöden E36 Lenker, der seinen kläglichen Überholveruch einfach nicht abbrechen wollte, obwohl wir ihm entgegenkamen (an dieser Stelle danke an den bremsenden LKW Fahrer, der somit eine Lücke schuf) sorgte dann ganz kurz vor der Heimat aber doch nochmals für reichlich Adrenalin. Der Rest der Fahrt war Dienst nach Vorschrift, einfach nur noch ankommen, wir hatten keinen Bock mehr. Bei jeder kleinen Pause guckten wir nach dem Reifen. Bis nach Hause würde er uns bringen, bis zur Müritz – eigentlich waren noch 3 Tage Müritz zum Seele baumeln lassen im Anschluss geplant – aber auf keinen Fall mehr. Hatte sich aber eh erledigt, da unsere potenzielle Übernachtungsmöglichkeit uns am Morgen informierte, dass sie mit Sprunggelenkbruch im Krankenhaus liegt. Blöd für alle, Glück für den Reifen. Gegen 16.30 Uhr – Koffer und Weibchen sind schon zu Hause abgesetzt – tanke ich ein letztes Mal voll und schubse die Rolltrompete in die Halle.

4677Km attestiert die Spritmonitorauswertung. Kein Wunder, dass uns der Arsch weh tat.

 

Ein wenig Spielerei für Statistikfans:

 

Gesamtstrecke:4677km
Durchschnittsgeschwindigkeit laut Navi:49km/h
Gesamtverbrauch:277l Super
Durchschnittsverbrauch:5,92l / 100km
Grenzübertritte:20

 

 

In stillem Gedenken an einen Satz Continental Road Attack 2 und die Frontkamerahalterung nebst Kamera. Ruhe sanft, irgendwo in den Alpen.

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05.09.2016 11:39    |    hirschgeweih

Cooler Bericht. Von welcher Seite habt ihr den Rheinfall angefahren?

 

War das die Seite vom Schloss, oder die gegenüberliegende?


05.09.2016 11:44    |    fate_md

Von der gegenüberliegenden. Zum Schloss hätten wir von unten dann mit dem Boot fahren können, die Aussicht auf die ganzen Treppen in Kombination mit ein ganz klein wenig Sonne draußen, dämpfte unsere Motivation dahingehend aber auf etwa null.


08.09.2016 21:05    |    Vulkanistor

Sehr guter Bericht und wie immer lässig zu lesen. Da habt Ihr ja eine richtig heftige Rundtour hinter Euch. Respekt.

 

Besonders freut mich, dass der Schwarzwald Euch gefallen hat. Ist auch eines meiner Lieblingsgebiete. Dort kann man einfach genial mit dem Mopped fahren.


20.05.2017 18:35    |    TDIBIKER

Klasse geschrieben, Fate! Sehr angenehm zu lesen.


Deine Antwort auf "Grenzerfahrungen - Teil 2"

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