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20.04.2016 12:45    |    VincentVEGA_    |    Kommentare (21)

Anders als sonst geht es nicht direkt um das Blech. Es ist vielmehr eine kleine Geschichte drumherum. Wem das zu langweilig ist, sollte auf andere Artikel warten. Wer sich allerdings auf etwas Nostalgie zum Schmunzeln - und vielleicht auch eine kleine Zeitkritik - einlassen möchte, dem lege ich diesen Artikel wärmstens ans Herz.

 

Justin ist 18. Endlich hat er seinen Führerschein in der Hand und kann sich nun einen eigenen Wagen holen. Vaters ratenfinanzierten Opel Insignia bekommt er fast nie, Mutters Clio Campus ist einfach uncool und untermotorisiert. Sein Abitur bestand er mit 2,2, das war seinen Eltern was wert. Viertausend Euro liegen auf dem Schreibtisch. Sauberes Geld, dass sein Vater durch schmutzige Hände verdient. Einerseits ist es sein Geld, andererseits doch das seines Vaters. Zu schade, um es für einen Fehlkauf zu verschwenden. So fragte er ihn um Rat, wie er das denn damals gemacht hatte.

 

Uwe war vor genau 30 Jahren ebenfalls 18 Jahre alt. Den Führerschein bezahlte er mühelos vom Erbe seiner Großmutter, die vor zwei Jahren viel zu früh verstarb. Den alten Ford Consul, den noch sein 1978 versorbener Großvater kaufte, fuhr jetzt der Onkel, man fand, dass der Wagen zu groß und zu teuer für Uwe ist, der damals gerade seine Lehre begann. Sein Vater hatte ihm nach der Schule die Lehrstelle besorgt, da Uwe nach dem erweiterten Hauptschulabschluss die Lust auf Lehranstalten verlor und lieber in den Discos tanzte. Nun war er Klempner- und Installateurlehrling, den Lohn sparte er gelegentlich an und legte sie zum Rest des Erbanteils dazu. Viertausend Mark hatte er sich zusammengespart, dafür sollte sich doch etwas finden.

 

Uwe ging zum Kiosk, um sich alle wichtigen regionalen Tageszeitungen zu kaufen. Fünf Mark weniger waren nun im Budget, und er hatte nicht einen einzigen Wagen bereits gesehen. Er blätterte die Inserate immer wieder durch. Natürlich suchte er nach einem großen Ford, so einen, wie er ihm von seinen Eltern vorenthalten wurde. Granada 2.3L, Baujahr 1977, 109TKM, 3975 Mark. Der wäre sogar besser als der 75er Consul. Aber wie sollte er das seinen Eltern erklären? Schließlich musste er, bis er die Lehre in einem Jahr abschließen würde. noch zuhause wohnen bleiben. Nein, ein großer Wagen ist einfach nicht drin.

 

Vielleicht ist ein Japaner eine gute Wahl. Sie waren schließlich lächerlich billig und oft gut ausgestattet. Der neue Accord muss sich vor nichts verstecken, der Starion ist ein ultrascharfes Gerät und hat sogar einen Turbomotor, während man von dem langweiligen 626 nur Gutes über seine Zuverlässigkeit hört.

 

Sein Blick fiel auf das Inserat eines Mitsubishi Colt. Baujahr 1981, mit nur 57 TKM Laufleistung. Vier Türen, sodass er seine Jacke und seine Tasche elegant hinten hereinlegen konnte - oder mal seine Freunde mitnehmen kann. Mit 70 PS ist er so stark wie die Golf der Streberkinder und wird der feuerroten Lackierung gerecht. An der Vorwahl der angegebenen Nummer erkannte er, dass der Wagen nur ein paar Kilometer entfernt angeboten wurde. Er schnappte sich ein paar Münzen und lief zur nächsten Telefonzelle, vor der sich eine Schlange befand. Doch er wartete gerne eine Viertelstunde im Regen, denn schließlich war er voller Vorfreude auf sein erstes Auto.

Auf die Zeitung konnte er nichts mehr kritzeln, die war durchnässt. Er wischte seinen Arm an der Hose trocken und malte mit dem Kuli auf seinen Arm und rannte so schnell es ging nach hause, damit der Regen seine Notizen nicht verwischen konnte.

 

Samstag, 14.06.1986, um 11:00.

 

Pünktlich um halb Zehn kam Klaus-Jürgen mit seinem spinatgrünen Kadett C. Den hatte ihm sein Vater vor drei Wochen hingestellt. Klaus-Jürgen konnte sich seinen Wagen nicht aussuchen. Während seine Freunde alle entweder den größeren Ascona oder den neueren D-Kadetten hatten, war sein Wagen der Älteste und dazu noch die Basismotorisierung und das Grundmodell mit 40PS. Opel, das zählte was im Ruhrgebiet, besonders der Kadett, der hier gebaut wird, das betonte Klaus-Jürgens Vater immer wieder. Der Nähmaschinenklang des Motors singt das Lied der harten Arbeit für ehrliches Geld. Ach ja, Geld. Für das Geld, was sein Vater für dieses Mindestmodell hinlegte, hätte es auch einen 1.2S in genauso solidem Zustand gegeben. Doch er wagte es nicht, sich zu beschweren. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht unter die Haube, zumal sein Vater für die zweitausend Mark jeden Tag in der Zeche seine Gesundheit aufs Spiel setzte.

 

Bereits mit 40 PS war das Gefühl der Freiheit groß. Wie sollte es dann erst mit 70 Pferden sein?

Die Besichtigung war ernüchternd. Der Colt war technisch gut. Er fühlte sich trotz der geringen Laufleistung ausgelutscht an, aber alles funktionierte problemlos und bestätigte den Ruf des zuverlässigen Japaners. Klaus-Jürgen, der Schlosser lernt, kennt sich aus, er sagt, die Japaner waren damals noch nicht so weit, dass Verarbeitung und Steifigkeit mit europäischen Fahrzeugen mithalten können. Doch am Schlimmsten war der Rost, der Schraubenzieher durchbrach den Schweller. Viertausend Mark sollte der Colt allein kosten, für den Schweißer blieb nichts übrig, da konnte der Wagen noch so flott sein und noch so viele serienmäßige Extras haben.

 

Doch Klaus-Jürgen überredete Uwe, mit ihm alle Händler der Umgebung abzuklappern. Sie mussten sich beeilen, lange Öffnungszeiten am Samstag waren noch Zukunftsmusik. Einfach auf Gut Glück. Keine geplante Suche, in denen Zeitungen mit bunt markierten Anzeigen eine Rolle spielen. Um 15 Uhr - dass die noch offen hatten! - unterschrieb Uwe bei einer Werkstatt mit angeschlossenem Autohandel. Es wurde ein Kadett C 1.2 S, der auch deutlich unter dem Maximalbudget lag, es war gut, noch Geld für alle Fälle übrig zu haben. Klaus-Jürgen konnte sich seinen persönlichen Traumwagen natürlich ab und an von Uwe ausleihen.

 

Justin brachte all das nicht weiter. Er konnte sich das alles nicht vorstellen. Er war stattdessen reizüberflutet von abertausenden Anzeigen im Internet. Unter 90 PS ist man im heutigen Verkehr untermotorisiert, aber allein die Versicherung für einen Golf IV 1.6 kostet ihn jährlich 2000 Euro. Das ist zu viel.

Warum nicht ein Twingo? Der sieht lustig aus, aber auch zu weiblich. Ein Polo, ja der wäre es vielleicht, für den wären auch 75 PS bestimmt genug. Oder auch nicht. Der Corsa C wirkt genauso altbacken. Was ist, wenn etwas kaputt geht? Wenn er jetzt vielleicht doch studieren möchte, anstatt eine Ausbildung zu machen, kann er sich das Auto im Unterhalt nicht leisten. An der Uni parken kann er sowieso nirgendwo, die Parkplätze weichen Fahrradstreifen und breiten Bürgersteigen. Die Übrigen kann man nicht bezahlen, falls sie überhaupt noch frei sind. Immerhin hatte er wie heutzutage wie fast alle das Abitur abgelegt, um sich alle Möglichkeiten in der schnellebigen, globalisierten Leistungsgesellschaft offen zu halten.

 

Somit schloss er den Browser und fuhr den PC herunter. Das Geld für den Wagen packte er vorsichtig in den Umschlag zurück. Er konnte sich die Möglichkeit ja schließlich noch offen halten.

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