• Online: 3.581

03.01.2019 18:27    |    VincentVEGA_    |    Kommentare (11)

Frohes Neues!

 

Wie ja ausgiebig kommuniziert wurde, hat Motor-Talk keine Redaktion mehr. Auch sonst wirkt die Plattform wie verlassen. Dazu passt das Blogsterben. Ich weiß nicht, warum MT in den letzten 12 Monaten so heftig abgebaut hat. Ich habe mich zurückgezogen, weil ich einfach keine Zeit mehr finde. Im Job voll einngespannt, doch irgendwie ist das "Drumherum" des Alltags jedes Jahr gefühlt doppelt so aufwendig und anstrengend.

 

Dennoch - das Blogsterben schließt Car Vision nicht mit ein. "Ka Wischn" hängt am Tropf, liegt auf der Palliativstation, aber noch gibt es Lebenszeichen. Das hier war mal sehr innovativ, neu gestartet mit der Vision "alles rund um Mobilität" professionell zu präsentieren. In dieses Konzept soll auch der neue, heutige Artikel passen.

 

Carsharing erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Auch kann man inzwischen ganze Modellpaletten von den Herstellern als Leasingangebot zum Durchtauschen bekommen. Zum Urlaub den Van, auf der Langstrecke die Limousine, bei gutem Wetter das Cabrio, im Winter gern den Allrader. Doch das kostet.

 

Eine günstigere Alternative zu Sixt&Co

 

Oft wird eben der passende Wagen gemietet. Doch auch das ist ganz schön teuer. Wie komme ich denn nun so billig wie möglich an einen Mietwagen?

Auf der anderen Seite gibt es viele Autobesitzer, die auf ihr Vehikel nicht angewiesen sind und es zwar jeden Tag über Steuer und Versicherung bezahlen, aber vielleicht nur alle paar Tage nutzen.

 

Die Idee, beide Seiten zusammenzubringen ist alt, die bekannteste Lösung ist die Plattform Drivy. Das "Rezept" ist einfach. Privatleute vermieten ihr Auto. Hier auf MT wird man wohl eher Fahrzeugenthusiasten finden, denen sich schon bei dem Gedanken daran, den Wagen zu verleihen, alles zusammenzieht. Doch ist der Wagen ja in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand.

 

Ich finde das Konzept ganz gut, denn einerseits können Fahrzeugeigentümer ihr Gefährt angemessen "auslasten", andererseits kann man sich für eine Urlaubsfahrt auch günstig(er) einen Kombi besorgen.

 

Natürlich ist das hinsichtlich der Versicherung bedenklich, daher arbeitet Drivy mit der Allianz zusammen. Normal sind 900 Euro Selbstbeteiligung, für 8 Euro pro Miettag kann man diese auf 250 Euro reduzieren, für 16 auf Null. Ich nahm bislang immer die null Euro, wobei die goldene Mitte sicherlich das Vernünftigste ist. Fahren kann man am Tag 200 Kilometer, alles darüber kostet extra.

 

Da Drivy in der Regel preissensible Mietinteressenten anspricht, habe ich stichprobenartig zwei Fahrzeuge des unteren Preissegments in verschiedenen Teilen des Landes gemietet. Mir ging es erstens darum, festzustellen, ob diese Autos Gurke oder Geheimtipp sind. Außerdem kann ich so Autos kennenlernen, die ich sonst wohl nie gefahren hätte. Man muss aber bedenken, dass Anbieter auch Anmietungen ablehnen können, wenn der Interessent nicht vertrauenswürdig genug erscheint. Kurioserweise wurde mir ein Vectra C verwehrt. Und einmal antwortete die Anbieterin nicht, aber die Anfrage war auch recht kurzfristig. Das sind nun mal Privatleute, die sind schon mal im Urlaub oder haben schlichtweg keine Zeit zu reagieren.

 

Kandidat 1: Volvo V50 T5

 

Nummer eins im Süden Deutschlands ist ein Volvo V50 T5. Eine Woche kostet durchschnittlich 30 Euro am Tag inklusive der von mir gewünschten Null-Euro-Selbstbehalt-Versicherung. Dafür hat der Wagen den seltenen Fünfzylinder (Modell T5). Ein Kombi eines Premiumherstellers mit 170 PS ist für den Preis durchaus ein gutes Angebot.

 

Die Kommunikation mit der Besitzerin verlief sehr freundlich und absolut problemlos. Der Wagen wurde als nicht mehr neuwertig, aber noch schön zu fahren beschrieben. Die sportliche Schweden-Liebhaberin wies mich darauf hin, nicht in die Waschanlage zu fahren, das Schiebedach wäre wohl undicht. Ansonsten einfach fahren, Tiere kein Problem, Rauchen bitte nicht. Mängel wurden fair und ausgiebig dokumentiert.

 

Beim Fahren merkt man dann schon, dass der Preis irgendwo herkommen muss. Der Volvo hat, seit er 2004 vom Band lief, etliche seiner 170 PS verbummelt, ist nicht lahm, wirkt aber ermüdet. Das Lenkrad steht nicht ganz gerade und die Lenkung hat ein wenig Spiel. Nicht besonders viel oder gar verkehrsunsicher, aber spürbar. Die Laufleistung von ca. 300.000 Kilometern wirkt daher glaubhaft. Auch ist der Wagen etwas verkrümelt, daher darf er auch ungereinigt wieder abgegeben werden.

 

Insgesamt 2.400 Kilometer habe ich mit diesem Wagen abgespult. Fazit: Die Basis Focus kann er nicht leugnen, Dinge wie die freischwebende Mittelkonsole oder das nordisch-klare Design faszinierten Anno 2004, heute wirkt er eher altbacken, doch die Haptik und Akustik sind für die Laufleistung gar nicht übel. Nichts wirkt mit Ausnahme des Schalthebels und des Lenkrades zerschlissen, nichts fällt bei leichtem Ziehen und Rütteln ab. Größtes Manko: Die zu kleinen Außenspiegel und der hohe Verbrauch. Verkehrssicher war er, zuverlässig gelaufen ist er auch.

 

Bei der Rückgabe gab es überhaupt keine Probleme, es wurde keine Macke plötzlich aus dem Hut gezaubert oder Ähnliches. Die Eigentümerin freut sich, erstens weil der Unterhalt des Wagens durch das Vermieten erträglicher ist und zweitens weil der Wagen so keine Standschäden bekommt. Im Sommer fahre sie eh meist Motorrad. Ich dachte eigentlich, Drivy-Vermieter sehen ihr Auto nüchtern als Nutzgegenstand. Doch hier musste es unbedingt der T5 sein, weil dieser noch den schönen Volvo-Motor hat und kein Ford-Triebwerk. Dazu passt das auf Schwedisch eingestellte Navi und die CD mit schwedischer Musik, die im Radio lag. Enttäuscht war sie nur, weil ich einen Tankbeleg verloren hatte. So konnte sie nicht alles bei Spritmonitor eingeben. Fazit: Sehr empfehlenswert

 

 

Kandidat 2: Renault Laguna 1.8

 

War der V50 ein Glückstreffer? Im Norden mietete ich einen alten Laguna, Baujahr 2002, um einen zweiten Versuch zu starten. Der Preis ist ganz ähnlich wie beim Volvo, aber der Gegenwert nicht ganz so exklusiv. Doch die Anzeige versprach einen für sein Alter besonders guten Zustand und eine niedrige Laufleistung.

Auch hier lief alles Zwischenmenschliche glatt. Die Verarbredung zur Abholung wurde eingehalten, Freundlichkeit war kein Fremdwort, Macken am Auto wurden anstandslos dokumentiert. Kurios der Hintergrund: Der Eigentümer besitzt gar keinen Führerschein - er hätte sich das Auto gekauft, weil er den besonders günstig von einem Freund bekam. Aber ihm käme mit dem Schein immer etwas dazwischen, daher vermiete er das Auto, damit es sich nicht kaputtsteht.

Auf die Frage nach Mängeln bekam ich die Auskunft, dass ein vorderer Querlenker fällig sei. Es würde auf der Autobahn etwas rütteln und beim Überfahren von Speedbreakern etwas poltern. Er habe vor der Vermietung einen Mechaniker draufschauen lassen, der Wagen könnte so noch die angefragte Woche gefahren werden.

Von "super Zustand" verstehe ich jedoch - rein optisch - etwas anderes. Brandlöcher im Sitz und in der linken Türverkleidung, Kratzer und Dellen, Rost an der Motorhaube. Auch die Sticker sind nichts für schüchterne Menschen, siehe Bild... Auch hier wieder: Wagen ist dreckig und darf dreckig wieder abgegeben werden. Hund ja, Rauchen bitte nein. Ich bestand zur Sicherheit auf eine kurze, gemeinsame Probefahrt, was auch gar kein Problem war. Ergebnis: Mit Ausnahme des Querlenkers, der ja offen angesprochen wurde, hat der Anbieter zumindest betreffend der Technik den Mund nicht zu voll genommen. Die Bremsen quietschen leicht, verzögern aber noch gut. Die Drosselklappe könnte man mal reinigen, da die Leerlaufdrehzahl etwa 100 UPM zu hoch ist und das Gas beim Wegnehmen noch minimal "hängt". Ansonsten ist der Wagen in seinem Fahrverhalten in Ordnung. Ich musste nur erst den Rückwärtsgang suchen, da ein Zubehörschaltknüppel verbaut ist.

 

Bewusst habe ich mich für eine Limousine entschieden, weil ich eine Langstrecke fahren wollte. Im 5. Gang lagen bei Tempo 120 unglaubliche 4000 Umdrehungen an.. aber R ist unten rechts... wo ist dann der 6. Gang??

Nach ca. 200 Kilometern hatte ich es satt, fuhr auf den Rastplatz und schaltete wiederholt bei ausgeschaltetem Motor von 5 nach unten rechts. Jedes mal gingen die Rückfahrscheinwerfer an. WIE BITTE? EINE MITTELKLASSELIMO DIE IM HÖCHSTEN GANG BEI 120 GANZE 4000 DREHT???

Was zum Geier haben sich die Ingenieure dabei gedacht? Ich hatte echt 'nen Hals, wobei man sagen muss, dass die Geräuschdämmung im Wagen exzellent ist. Mein 1997er Honda Accord macht bei gleicher Drehzahl deutlich mehr Lärm, fährt da aber auch schon 130. Trotzdem: Weiche Sitze, gute Ausstattung, bequeme Federung, gute Dämmung: Der Laguna ist eigentlich ein gutes Auto für lange Fahrten. Warum bauen die dann eine Übersetzung wie bei einer 30-PS-Ente ein?

 

Untypisch für den schlechten Ruf des Autos brannte keine Warnlampe, die Heizung ging und die Fenster fuhren hoch und runter wie sie sollten. Ach halt: Die Beleuchtung des Beifahrerfensterhebers ist defekt, die Leselampe für vorne Links geht nicht so ganz - manchmal ja, manchmal nein. Und das Display der Klimaautomatik - das bleibt dunkel und muss quasi mit der Lupe nach Informationen abgesucht werden. "Das ist ein Renault, da hilft bestimmt einfach mal gegen schlagen" dachte ich mir - und pochte mit dem Finger gekonnt dagegen. Als das Display dann erst kurz aufflackerte und dann tatsächlich wieder ging, hätte ich die Fuhre vor Lachen fast in die Planke gesetzt.

 

Da Schnee und Glatteis dazwischen kamen, konnte ich ca. 100 Kilometer nur 80 - 90 fahren und eben keine 120. Trotzdem - für die abartige Drehzahlorgie sind 8,5 Liter im Schnitt gar nicht so übel.

Und sonst? Die Heckklappendämpfer sind hin, beim Beladen ist mir das ultraschwere Riesending auf die Birne gedonnert. Sehr unangenehm - das Ding kann im richtigen Winkel auch meinen Dickkopf oder sogar mein Genick spalten...

 

So, nun bring ich die Mühle wieder zurück. Böse Überraschung? Ich denke nicht. Daher: empfehlenswert.

 

 

 

Ergebnis

 

Drivy macht aus meiner Sicht schon Sinn. Die günstigste Kategorie, die wohl die meisten Interessenten anspricht, habe ich zwar nicht komplett getestet (das wäre so ja gar nicht durch mich allein möglich), aber die beiden Stichproben waren verkehrssicher und die Anbieter umgänglich. Man darf eben keine sauberen und neuwertigen Fahrzeuge erwarten. Dafür zahlt man bei Hertz, Avis und anderen ja auch deutlich mehr. Gerade wenn man aber größere Gegenstände oder Hunde transportiert sind verschmuddelte Autos mit einigen Macken auch einfach besser als ein Mietwagen, der nach Rückgabe kritischst untersucht wird.

 

Ich würde es wieder nutzen, wenn da mal ein interessantes Auto, dass ich noch nie gefahren bin, für einen schmalen Taler auftaucht. Mein eigenes Auto anbieten? Eher nicht, dafür bin ich doch zu sehr Autoliebhaber, auch wenn ich das Geld gut für Wartung und Pflege gebrauchen könnte, das ich mir so anderweitig absparen muss.

Aber wie seht ihr das? Bei Drivy mieten? Oder sogar bei Drivy anbieten?

Hat Dir der Artikel gefallen? 3 von 3 fanden den Artikel lesenswert.

Blogautor(en)

  • Kruegerl
  • VincentVEGA_

Was gibt es hier zu sehen?

Economy - Business - Automotive Lifestyle

 

Hier findet ihr zahlreiche Themen und Gedankengänge aus den Bereichen der automobilen Wirtschaft sowie des Alltags. Fühlt euch frei, zu Aktuellem und Vergangenem auch eure Meinung Kund zu tun. Car Vision soll nicht nur unterhalten, sondern auch eine ungezwungene Diskussionsplattform bieten.

Der Sternenkreuzer

Besucher

  • anonym
  • Luke-R56
  • jepatelSynack
  • paulimi75
  • allstar17
  • Abarth1368
  • Korynaut
  • gunnoid
  • secret
  • miczi

Die treue Leserschaft (162)

Blog Ticker

Twitter

Blogempfehlung

Mein Blog hat am 22.03.2011 die Auszeichnung "Blogempfehlung" erhalten.