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C30 - Wieso kauft man sowas?

Mein C30, 740 und die britische Motorkultur...

13.08.2009 10:40    |    der_deppen_daemel    |    Kommentare (14)

Hallo Ihr Leser!

 

Selten gibt es Designer, die sich schämen ein Fahrzeug designed zu haben. Doch tatsächlich gibt es einen...

 

Ich hole mal etwas aus :)

 

Marina LimousineMarina LimousineFür das Jahr 1970 musste Morris ein Fahrzeug auf dem Markt bringen, welches den größten Konkurrenten, den Ford Cortina (nicht Taunus), vom Thron der "Flottenfahrzeuge" stoßen sollte. Der Wagen sollte besser als der Cortina werden. Moderner... Einfach wegweisend...! Naja, was dabei heraus kam, war nicht wirklich begeisternd.

 

Starrachse an längsbefestigte Blattfedern und mit 2 diagonal verlaufende Dämpfer. Eine einteilige Kardanwelle ab Getriebe (normal sind Kardanwellen bis ca. kurz vor der Starrachse so ausgeführt, dass ein "Drehwinkel" parallel zum Drehpunkt der Hinterachsschwingen entsteht - dieses entfiel hier, da es den Morris Entwicklern zu teuer war). Eigentlich wurde das Fahrwerk des 1948 vorgestellten Morris Minors fast komplett übernommen.

 

HinerachskonstruktionHinerachskonstruktionUnd dieses merkte man beim Fahren. Extrem schwammiges Fahrwerk, auch für die damalige Zeit. Einige Witzbolde meinen, das Fahrwerk sei noch schlimmer als beim den US-Fahrzeugen der 50er! Und das muss was heißen! ;)

 

Nun, wenn das Fahrwerk nicht überzeugen konnte, was denn sonst? Der Motor? Mit 1,3-1,8l reichte die Motorpalette. Das Styling bzw. die Karosserieform konnte gefallen. Es passte in die damalige Zeit wie die Fast auf's Auge. Rundungen Außen, Kanten im Innern. Kombi, Limousine und Coupé. An sich alle Karosserievarianten, die man damals anbot. Das Styling konnte aber auch nicht überzeugen. Man war nicht davon angetan. Also, wenn man nicht über Optik und Technik verkaufen kann, dann gibt es noch eine Möglichkeit: Preis

 

Die Preise begannen bei £ 620 (was selbst damals SEHR billig war - ein Mini bekam man für £ 600! Neu vom Werk) aber auch damit gewann man keinen Kunden. Wenn, dann nur sehr wenige. Die Verkaufszahlen (keine genauen bekannt) ließen zu wünschen übrig, weshalb man dann Mitte der 70er begann den Nachfolger zu entwerfen. Naja, entwerfen ist etwas übertrieben. Die Morris Entwickler hatten die Idee das Fahrzeug an einen bekannten Designer abzugeben. Ein frsiches italienisches Design sowie ein neuer Name sollten den Marina zu dem zustehenden Ruhm verhelfen.

 

(Werbevideo aus den 70ern)

 

Marina CoupéMarina CoupéMan machte £ 5.000.000 klar und erteilte Giorgetto Giugiaro den Auftrag den Marina umzudesignen. Der Name Ital könnte einem dazu bringen zu denken, dass der Wagen im berühmten Ital Designbüro entworfen wurde, was auch stimmte. Es kam mehr oder weniger dabei nur ein Facelift bei raus. Die Grundzüge der Karosserie blieben gleich.

 

Wieso schämt sich der Designer nun? Es ist recht einfach. Einerseits schämt sich das Designbüro "Ital" dafür, dass man den Wagen deren Namen verlieh (kein Markenschutz). Somit verband man mit dem Namen "Morris Ital" den Wagen mit dem Design aus der damaligen Designschmiede. Und um dieses noch weiter auszuweiten, als Italdesign 2007 den 40. Geburtstag feierte, kam ein Buchband raus. Dort wurden alle Fahrzeuge genannt und aufgeführt, die von Giugiaro entworfen oder mitentwickelt wurden. Einzig ein Auto fehlt... Der Morris Ital. Spricht man die Damen und Herren von Ital darauf an, wird man gebeten das Thema zu wechseln.

 

Morris ItalMorris ItalDas Schämen geht aber auch noch weiter. Als der Morris Ital 1984 zum letzten Mal gebaut wurde und dann "klangheimlich" vom Markt verschwand, trauerte keiner dem Wagen hinter her. Der Marina/Ital war der ungeliebte Produkt einer Namhaften Marke und trug den Namen Morris als letztes Fahrzeug.

 

Aber auch hier ist nicht Schluss. Das Stiefkind wurde Mitte/Ende der 90er wieder aufgelegt. Wo? Na, das ist klar, China! Der "Huandu CAC6430" ist nichts anderes, als ein Morris Ital mit schickeren Stoßstangen und besserer Verarbeitung. Aber auch hier war die Produktionsdauer von schlechten Verkaufszahlen überdeckt, weshalb bereits 2001 die letzten CACs (was für ein Name!) vom Band liefen. Das war dann das endgültige Aus für den Marina/Ital.

 

Selbst ich, Fan und Freund britischer Fahrzeuge, kann an diesem Ital/Marina nichts tolles finden. Weder Rostbeständigkeit, Haltbarkeit, Sicherheit, Sparsamkeit, Design,


13.08.2009 11:13    |    murxer666

Die Seitenneigung ist ja im Werbevideo auf Seenotkreuzerniveau.

Aber wirklich erstaunlich, dass du schreibst, die Qualität sei bei der China Kopie besser gewesen...

 

Da hat wohl wieder das British Leyland Monster zugeschlagen und alles weggespart, was irgendwie

nen Reiz ausgemacht hätte.

 

murxer


13.08.2009 11:14    |    der_deppen_daemel

Jop! Gutes Beispiel ist die schon genannte Kardanwelle. Für Komfort sehr wichtig... Selbst ein Ford Transit hat ein 2-teiliges :D


13.08.2009 11:20    |    Polo6NFDTCiV

So wie das auch heute noch zutrifft, ein Facelift als Verschlimmbesserung, eines Designs, das im 1. Wurf auch als Coupé, ein aaah und und oooh erzeugt und wie ich finde, gelungen ist...


13.08.2009 11:22    |    der_deppen_daemel

Der Meinung waren die Kunden auf dem Globus damals jedoch nicht....


13.08.2009 12:26    |    Polo6NFDTCiV

Das mag sein, der_deppen_daemel,

da ich noch zu einer Generation gehöre, die den Karossen, an denen man die Chromstangen durch wuchtige Plastikzierleisten ersetzt hat, nichts abgewinnen kann, für die die Windeier der letzten 2 Jahrzehnte bis auf ganz wenige Ausnahmen, nicht nur wegen der mangelhaft gewordenden Rücksicht, ein Greuel sind, kommt es schon zum aaah und oooh gegenüber der beiden Urtypen....

Ein Facelift kann einen Gesichtsverlust zur Folge haben, wie meines Erachtens nach, auch hier geschehen...


13.08.2009 12:31    |    der_deppen_daemel

Da stimme ich mit dir überein. Ist bei mir genauso. Große fette Chromstoßstangen sind immer besser als schwarze Plastikklötze...

 

Okay, optisch sage ich mal, wenn ich mir ein Marina oder Ital kaufen müsste (quasi als Zwang) dann nur das Coupé in Frage käme. Schaut irgendwie nach Vauxhall Chevette (Opel City Rekord oder City Kadett...!?) oder Ford Pinto aus ;)

 

Das Facelift hat aus einem biederen Ding ein häßliches Ding gemacht... Für 5.000.000 hätte ich etwas mehr erwartet :D


13.08.2009 12:36    |    nukefree

Doch, die Dinger sind optimal dazu geeignet, um Klaviere draufzuschmeissen ;) :D

 

Musst nur aufpassen, dass das keiner vom Morris Marina Owners Club mitbekommt. ;) 


13.08.2009 13:11    |    Polo6NFDTCiV

Dafür sind Fahrzeuge vom Kontinent wesentlich besser geeignet, nukefree, als die von der Insel, die lassen sich mitsamt Bodenblech durchbiegen :D :D :D


13.08.2009 18:58    |    der_deppen_daemel

Hehe... Aber ich garantiere, dass die Designer auf dem Festland sich nicht für ein mißlungenes und überteuertes Lifting sich nicht schämen :D Na gut, einen könnte ich mir da vorstellen... *Verflucht seist du Steve Mattin!*


14.08.2009 08:00    |    mirabeau

Soweit ich mich erinnern kann, stammt das Facelift nicht von Giugiaro sondern vom Britisch-Elend-Chefdesigner. Ital Design steuerte nur noch die genauen Konstruktionszeichnungen etc. bei, was man eben so zur Produktion benötigte. Nicht einmal mehr dazu war man bei Morris in eigener Regie mehr fähig. Im Rechnungsbetrag werden auch die Namensrechte enthalten sein. Leicht verdientes Geld. Das Design taucht also in der Historie von Ital Design nicht auf weil es gar nicht von Ital Design stammt obwohl das Fahrzeug "Ital" heißt.

 

Die 5 Mio Pfund waren die Kosten für das gesamte Facelift, nicht die Kosten fürs Design.


11.10.2009 09:32    |    Celeste

Das Design des Marina war up-to-date 1970. Man muss sich nur mal vergleichbare Ford oder Opel-Modelle anschauen. Besonders auffällig ist die Ähnlichkeit des Hillman Avengers. Der Marina hat sich übrigens recht gut verkauft. Von 1970 bis 1980 wurden 1.163.116 Marinas produziert, also mehr als 100.000 im Jahr. Für damalige Zeiten ein guter Wert, wenn man bedenkt, dass der Marina nur in wenigen Märkten angeboten wurde und ausländische Käufer kaum zu Importwagen griffen. Bestes Jahr des Marinas war das Produktionsjahr 1972/73 mit über 200.000 produzierten Marinas.

 

Der Ital war leider dann natürlich nur noch der Versuch, ein Modell, dass 1980 hoffnungslos veraltet war, noch etwas am Leben zu halten. Das merkt auch der Käufer und so wurden in 4 jahren nur noch ca. 175.000 Itals produziert.

 

Der Ital wurde übrigens von Harris Mann entworfen! Als nix mit schämen. Der Ital hat nichts mit Giorgetto Giugiaro oder Italdesign zu tun, daher können die den auch nicht in ihrer Historie nennen. Man glaubte 1980 nur, dass der Name auf Italdesign hinweisen würde, was aber falsch ist.

 

Eigentlich war der Marina ein Erfolg, wenn die Qualität gestimmt hätte, wenn die Manager richtig kalkuliert hätten und wenn der schon entwickelte Nachfolger Morris TM1 nicht ersatzlos eingestampft worden wäre (was auch gleichzeitig das Aus für den Triumph Dolomite/1500 Nachfolger SD2 bedeutete).

 

Unter www.austin-rover.co.uk kann man übrigens extrem viel über die britische Automobilindustrie ab Mitte der 50er erfahren.

 

Viele Grüße

 

Celeste


14.06.2013 12:52    |    italeri1947

Herzlichen Dank für diesen Artikel zu einem Auto, das ich ebenso fast vergessen hatte.


14.06.2013 20:03    |    Trackback

Kommentiert auf: italeri1947 - Hans’ Hitparade von Autos, die keiner wollte:

 

Morris Ital (1980-1984).

 

[...] Hmm... Das sowas nochmal durchgekaut wird?

 

2009: http://www.motor-talk.de/.../...er-designer-schaemt-sich-t2368934.html

[...]

 

Artikel lesen ...


19.10.2014 23:23    |    wlaWoller

Hmm... wollte mir einen schicken Marlin auf der Basis eines Morris Marina zulegen. Zu dem 30ér Jahre Design mag das beschriebene schwammige Fahrverhalten passen. Wie sieht es beim Motor aus? Ist der wenigstens halbwegs alltagstauglich?


Deine Antwort auf "Morris Marina/Ital - selbst der Designer schämt sich"

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1986 den Fertigungstunnel in Großbritannien verlassen und bereits nach wenigen Wochen mit den ersten Kinderkrankheiten in die Werkstatt berufen, wurde ich 1997 in die Bundesrepublik überführt und bin seitdem im Landkreis Verden angemeldet :D Mit hellem Leder, schon gräulichen Scheinwerfern und ein höher gelegtes Fahrwerk siehe ich nicht gerade aus wie "made in England". Mein Hobby hat 5 Räder (alle 5 sind während des Fahrens in Gebrauch), 4 Töpfe, 3 Pedale, etwas Alu, viel Glas und trägt den skandinavisch angehauchten Namen: Sörtie.

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