Moskwitsch 412 – Zeitzeuge der 1970er Jahre : Seite 3 : Blog des Uhus
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Was für mich den Reiz des Autofahrens ausmacht ...

16.05.2020 09:29    |    UHU1979    |    Kommentare (85)    |   Stichworte: 412, AUTOGESCHICHTEN, AZLK, Fahrzeug, Fahrzeuge, Fotos, Geschichte, Geschichtsbuch, Historie, IZH, Kleinwagen, Limousine, Moskau, Moskvich, Moskwitsch, Oldtimer, Ostblock, Russland, Sowjetunion

Hallo zusammen,

 

neulich gönnte ich wieder einmal just for fun mir das Erlebnis einer Spritztour mit einem faszinierenden alten Auto, diesmal mit einem AZLK / IZH Moskwitch 412. Zum ersten ist es für mich immer wieder entspannend und entschleunigend, das puristische Fahrgefühl, das die bejahrte Technik vermittelt, zu genießen. Zum zweiten besitzt dieses Modell eine nicht uninteressante Geschichte, weshalb ich ihm einen Artikel widme.

 

Moskauer aus dem UralMoskauer aus dem UralDie Moskauer Kleinwagenfabrik (MZMA), seit 1968 AZLK (steht übersetzt für Automobilwerk des Leninschen Komsomol) genannt, hatte 1964 einen dem damaligen Zeitgeist entsprechenden Kleinwagen entworfen, das Modell 408. Kritik gab es aber vor allem an der Technik und so entstand 1967 das Modell 412 mit einem umfangreichen technischen Update, jedoch nur geringen optischen Auffrischungen. Der Moskwitsch 412 wurde zusätzlich bei Ischmasch gebaut, auch das von mir gefahrene Exemplar ist ein solcher Moskauer aus dem Ural.

 

Das kantige Design wird durch Heckflossen und ein paar eleganten Sicken auf der Motorhaube aufgelockert und große, aufrechte Fenster ermöglichen eine gute Übersicht. Chromzierrat versprüht eine zeitgenössische Eleganz. Besonders cool finde ich die Tankklappe, an der das hintere Kennzeichen befestigt ist und die sich nur bei geöffneten Kofferraum öffnen lässt.

Insgesamt wirkt das Fzg. für heutige Verhältnisse schmal und etwas hochbeinig. Das Platzangebot ist vorn ausreichend und hinten sehr eng.

  • Länge: 4.120 mm
  • Breite: 1.550 mm
  • Höhe: 1.480 mm
  • Leergewicht: 1.050 kg

 

Moskvich 412Moskvich 412Die technischen Veränderungen betrafen die passive Sicherheit durch eine Sicherheitslenksäule und optimierte Knautschzonen (ab 1969 als Moskwitsch 412 IE, IE steht für Exportversion – das Fahrzeug entsprach den damaligen internationalen Sicherheitsrichtlinien) sowie die aktive Sicherheit durch einen Bremskraftverstärker. Allerdings hat der Moskwitsch 412 noch Trommelbremsen vorn und hinten und ein Einkreisbremssystem. Kopfstützen, Scheibenbremsen vorn und Zweikreisbremssystem sind erst ab 1975 beim Nachfolger 2138/40 verfügbar. Ischmasch baute diese Version des Moskwitsch 412 bis 1982, danach erfolgte ein Facelift. Äußerliche Hauptunterscheidungsmerkmale zwischen AZLK- und IZH-Fahrzeugen sowie zum Facelift sind Grill und Scheinwerfer.

 

Vor allem sein moderner Motor mit obenliegender Nockenwelle machte den Moskwitsch 412 damals – zu Beginn der 1970er – außergewöhnlich. Die Zylinderblöcke sind aus Aluminiumguss mit eingesetzten Zylinderlaufbüchsen und die Brennkammern haben eine Halbkugelform (quasi ein Hemi-Motor). Die Folge: Das Auto hatte seinerzeit für Kleinwagen eine beeindruckende Fahrleistung.

Technische Daten:

  • 4-Zylinder 4-Takt-Motor
  • 1.478 cm³ Hubraum
  • Leistung 55 kW / 75 PS bei 5.800 U/min
  • Nenndrehmoment 112 Nm bei 3.400 U/min
  • Verbrauch trinkfeste 14 l /100 km Super bleifrei
  • Höchstgeschwindigkeit (angegeben): 140 km/h

 

Anmerkungen:

  1. Aufgrund der geringen Verfügbarkeit des neuen Motors und der verfügbaren Benzinqualität in Teilen des Absatzmarktes blieb das Modell 408 mit dem altem Motor parallel in Produktion.
  2. Anfang der 1970er nahmen Rallye-Versionen des Moskwitsch 412 erfolgreich an Langstreckenrallyes teil. Link Dies führte auch zu einer gewissen Bekanntheit außerhalb des Ostblocks.

 

Moskvich 412Moskvich 412Standardantrieb ist selbstverständlich. Die Kraft wird mittels synchronisierten 4-Gang-Getriebe auf die Hinterachse übertragen. Es lässt sich leicht schalten, auch weil der Schalthebel zeitgemäß sehr lang ist. Zum Teil muss man sich beim Einlegen des dritten Ganges etwas vorbeugen. Die Übersetzung ist – setzt man heutige Maßstäbe an – recht kurz, sodass sich der Wagen ab ca. 40 km/h recht schaltfaul im 4. Gang fahren lässt.

 

Das Fahrwerk ist wie bei anderen Fahrzeugen sowjetischer Provenienz optimal für schlechte Fahrbahnen ausgelegt. Die Hinterachse ist als Starrachse an Blattfedern aufgehängt. Selbst zeitgenössische Tests (vgl. weiterführende Quellen) loben den Fahrkomfort, insbesondere auf schlecht ausgebauten Strecken, kritisieren aber eine gewisse Übersteuerneigung auf unebenen Fahrbahnen. Aus heutiger Sicht wirkt das etwas schaukelig und der Geradeauslauf ist nicht mit heutigen Autos vergleichbar. Aber Kopfsteinpflaster etc. merkt man gar nicht. Unterstützt wird das komfortable Fahrgefühl durch die schönen weichen Plüschsessel, welche an 1970er Jahre Fernsehsessel erinnern. Seitenhalt ist diesen jedoch völlig fremd.

 

Insgesamt fällt die Gewöhnung an das Auto sehr leicht, fehlende Servolenkung und Choke für den Kaltstart entsprechen dem damaligen Stand der Technik. Es ist schlicht etwas Gespür für die Technik erforderlich. Die restliche Bedienung ist spartanisch und selbsterklärend. Außer Hupe, Licht, Blinker und Scheibenwischer gibt es nicht viel mehr. Wer braucht schon eine Klimaanlage, wenn es schöne Ausstellfenster gibt?

 

Die schönste Heckflosse diesseits des UralsDie schönste Heckflosse diesseits des UralsDie Bedienelemente wie Lenkrad und Blinkerhebel sind sehr filigran gestaltet und funktional. Ablagen im Innenraum gibt es neben dem Handschuhfach gar keine. Sehr schön ist das Kombiinstrument, welches auch eine Spannungs- und Öldruckanzeige beinhaltet. Wer bietet das heute schon?

Für eine Beurteilung der Qualität fehlen mir die zeitgenössischen Maßstäbe, aber die bei einem sowjetischen Oldtimer erwartet man ja auch keine Spaltmaße wie bei modernen Autos. Jedoch ist mir der Spottname „Rostquietsch“ durchaus noch bekannt.

 

Zu den insgesamt produzierten Stückzahlen konnte ich keine Angaben finden. Laut Quellen lief im Mai 1967 lief das 1-Millionste Auto bei AZLK vom Band und im August 1974 das 2-Millionste. Zusätzlich gab es Lizenzbauten in Bulgarien und bei Ischmasch wurden in Summe 2.317.439 Einheiten des Moskwitsch 412 gebaut.

 

Auf jedem Fall war es wieder eine schöne Abwechslung, mit dem kleinen Genossen eine Ausfahrt zu unternehmen.

 

Danke fürs Lesen.

Schöne Grüße,

der Uhu

 

Moskvich 412 Moskvich 412

 

weiterführende Quellen:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Moskwitsch-412

http://www.moskwitsch-412.de/index.htm

Hier ein sehenswerter damaliger Fahrzeugtest: Video

Ein Video von der Produktion bei AZLK gibt es hier.

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15.08.2020 12:39    |    UHU1979

Das Thema Kraftstoffqualität in der DDR hatte ich neulich erst in einem Gespräch mit ein paar Älteren: Gab es in der DDR soetwas wie Super / ROZ 95? Die Erinnerungen waren da nicht mehr ganz zuverlässig.

15.08.2020 15:51    |    BaldAuchPrius

Moin, es gab in den 80ern, soweit ich mich erinnere, das "Normal", welches auch VK 88 genannt wurde, also 88 Oktansprit?

Und es gab "Extra", 92 Oktan, und "Super", 95 Oktan

 

https://de.wikipedia.org/.../Vergaserkraftstoff?...(%E2%80%9ESuper%E2%80%9C).

15.08.2020 19:11    |    UHU1979

Danke für die Aufklärung.

03.05.2022 19:51    |    Bastler2711

Zitat:

@Erwachsener schrieb am 16. Mai 2020 um 19:25:03 Uhr:

Wo bist du da langgefahren? Die Elbschlösser habe ich erkannt, aber was ist das für ein Gebäude im Hintergrund des zweiten Bildes im Text? Ein altes Fabrikgebäude?

Das ist die Salope. Früher Wasserwerk für Dresden Neustadt. Heute wohl teure Loft Wohnungen.

03.05.2022 20:10    |    Bastler2711

Also ich hatte zu DDR Zeiten 3 Mosis. Allerdings keine Isch. Den gabs offiziell nicht .( Offizielle Importe)

erst 408 Mit Lenkradschaltung. Dann 408IE der mutierte dann zum 412. :) Gegen den Rost half nur Arbeit mit dem noch heute erhältlichen Elaskon K60.

Verbrauch ca 9,5 Liter in der Stadt. ( 1500 Maschine) Naja wen man den im dritten mit 120 die piste bügelte dann natürlich mehr. Meiner Meinung nach hängt der Spritverbrauch sehr vom Temperament des Fahrers ab. Auch heute noch, :( Mein erste Fahrt nach der Wende nach Bayern ( Füssen) brachte mir, vom dortigen Bauern, den Spruch ein: Düss iss ein Russenauto :) . Niedlich war auch die Heimreise, rund um Nürnberg. Wie viele genau neben mir fahren mussten und dann interessiert ihren Tacho betrachteten. ( Bei meinen waren es etwas über 160 auf der Mittelspur. Einige Kleinwagen kamen nicht hinterher.)

Die Kiste war bei richtiger Pflege eigentlich sehr zuverlässig.

04.05.2022 06:30    |    oli

Zitat:

@Bastler2711 schrieb am 3. Mai 2022 um 20:10:47 Uhr:

Die Kiste war bei richtiger Pflege eigentlich sehr zuverlässig.

Danke für's Teilen Deiner Erfahrungen! Aber genau diese Wendung finde ich immer kurios. Ja, die Mossis laufen heute noch zu tausenden in einigen Regionen, aber "richtige Pflege" bedeutet oft viel und regelmäßige Arbeit am Fahrzeug. Ganz im Gegensatz, und unvergleichbar, zu dem, was man heute vom Auto erwartet.

 

Lieb Gruß

Oli

 

P.S.: Bilder in Anhang aus Kyrgyzstan, 2017.


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