Volvo 262 C Bertone (1980): mobile.de Fundstück

Ein sehr eckiges Bertone-Coupé

MOTOR-TALK

verfasst am Sun Sep 09 07:45:28 CEST 2018

Hinter manchem Inserat verbergen sich besondere Fundstücke. Einige davon stellen wir Euch auf MOTOR-TALK vor. Diesmal ein Volvo 262 Bertone Coupé aus Kalifornien.

Beim Coupé wurden einfach die hinteren Türen von der Limousine abgeschnitten und das Dach deutlich niedriger aufgesetzt
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK

Von Haiko Prengel

Berlin – Schwedenstahl und „made in Italy“: Die Angabe auf dem Typenschild kann erst einmal irritieren.

Kenner wissen: Beim Volvo 262 ist das kein Widerspruch. Das exzentrische Coupé, so kantig wie ein Hobel, wurde einst von der Karosseriebau-Legende Bertone in Turin gebaut. Bloß 6.622 Exemplare sollen zwischen 1976 und 1982 entstanden sein.

Ein verbliebenes Exemplar, und dazu noch in ansehnlichem Zustand, steht derzeit im beschaulichen Berlin-Kladow zum Verkauf.

Als „komplett rostfrei“ preist Besitzer Rainer Wenzel sein Schmuckstück in Goldmetallic, Baujahr 1980, an. Wie das nach fast 40 Jahren sein kann? Sein Volvo 262 C Bertone stammt aus Kalifornien, wo es naturgemäß eher selten regnet und schon gar nicht schneit. „Es gibt einfach keinen Rost da“, sagt Wenzel – ein Amerika-Fan, der in den Staaten eine Car-Dealer-Lizenz besitzt und sich auf das Aufspüren von automobilen Kostbarkeiten spezialisiert hat.

Gedacht für die USA

Tatsächlich war der 262 C eigens für den US-amerikanischen Markt entwickelt worden. Es gab zwar auch deutsche Auslieferungen, doch in erster Linie wollte Volvo mit dem komfortablen und gut ausgestatteten Coupé – zur Serienausstattung gehörten Annehmlichkeiten wie Klimaanlage, elektrische Fensterheber und Ledersitze - ordentlich Dollars verdienen.

Basis war die legendäre 240er/260er Baureihe, deren Autos für viele heute als der klassische Volvo schlechthin gelten. Markenzeichen: Viel Ecken und Kanten, eine robuste Technik und viel viel Blech - beziehungsweise Schwedenstahl. Was Knautschzone und passive Sicherheit betrifft, setzten 240er und 260er in den Siebziger Jahren Maßstäbe.

Das 262 Bertone Coupé sollte vor allem gut betuchte Kunden an der amerikanischen Ost- und Westküste ansprechen. Das in Berlin zum Verkauf stehende Fahrzeug diente in den Achtzigern einem Kalifornier als extraordinäres Spielzeug. Letztmalig soll der Wagen 1989 angemeldet sein, wovon die alten Kennzeichen zeugen. Dann wurde der Volvo abgemeldet und stand laut Verkäufer 30 Jahre in einer klimatisierten Garage herum.

Am liebsten geradeaus

Eine so lange Standzeit tut keinem Auto gut, weshalb die Probefahrt zunächst auszufallen droht – der betagte V-Sechszylinder will einfach nicht anspringen. Verkäufer Wenzel führt das auf uralte Zündkerzen und nicht minder betagten Sprit zurück, der sich noch im Tank befindet. Nach beharrlichem Leiern gibt sich der Euro-V6 dann aber doch einen Ruck und säuselt los. 147.000 Meilen (237.000 km) stehen auf dem Tacho.

Geradeaus mag der 262 am liebsten. Mit der Dreigang-Automatik und dem gefühlten Handling einer fahrenden Blechtonne steht entspanntes Cruisen auf dem Programm. Flott geht aber auch, mit seinen 155 PS entwickelt der 2,8 Liter große Sechszylinder ordentlich Schub. Früher glitt das Bertone Coupé über die Freeways von Kalifornien, jetzt soll es seinen zweiten Frühling auf deutschen Straßen bekommen. An der Robustheit des schwedischen Seniors zweifelt Verkäufer Rainer Wenzel jedenfalls nicht. „Ich würde mit dem Auto so bis nach Spanien fahren.“

Vorher muss der Wagen aber erst einmal die Hauptuntersuchung bestehen. Was die Karosserie betrifft, scheint Rost tatsächlich kein Problem zu sein. Schweller, Türunterkanten, Endspitzen, Radläufe – wo die Baureihe normalerweise häufig an Korrosion krankt, zeigt sich das Berliner Coupé sauber.

Am teuersten aus Bowies Garage

Um die Standschäden muss man sich kümmern. Immerhin hat Verkäufer Wenzel nach eigenen Angaben schon eine defekte Benzinpumpe ausgetauscht, auch der Mengenteiler der Einspritzanlage funktioniere wieder. Das rechte Seitenfenster, das sich elektrisch nicht hochfahren lässt, will er ebenfalls instandsetzen. Die Klimaanlage ist außer Betrieb und benötigt im besten Fall nur eine neue Befüllung. Außerdem ist ein neuer Satz Reifen fällig, die alten Pneus sind über 15 Jahre alt.

9.900 Euro soll der Berliner Volvo 262 C kosten. Der Preis erscheint fair, es werden auch Bertone Coupés für das doppelte Geld angeboten. Ein schwarz lackierter 262 C brachte Anfang des Jahres sogar einmal 183.000 Euro ein. Allerdings gehörte der auf einer Schweizer Auktion veräußerte Wagen einmal David Bowie. Auch der 2016 verstorbene Musiker war dem Charme des extravaganten Bertone-Coupés verfallen.

Der Besitzer dieses 262 C aus Kalifornien war wohl ebenfalls verstorben, vermutet Verkäufer Wenzel. Dann stand der schmucke Vierkant fast 30 Jahre in einer Garage herum. „Die Amerikaner sind da etwas unbedarft“, erklärt der Berliner. „Wenn da ein Auto nicht mehr anspringt, ist es Schrott.“ Nun gibt es die Gelegenheit, dem Klassiker neues Leben einzuhauchen. Mehr Ecken und Kanten an einem Coupé geht jedenfalls nicht.

Volvo 262 bei mobile.de finden

 

Technische Daten Volvo 262 C Bertone (1976-1982)

  • Motor: V6-Zylinder-Benziner
  • Hubraum: 2.664 cm³, ab 1980 Vergrößerung auf 2.847 cm³
  • Leistung: 148 PS (103 kW), später 155 PS (114 kW)
  • Getriebe: Dreistufen-Automatik
  • 0-100 km/h: 12,0 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
  • Verbrauch: ca. 14 l/100 km
  • Leergewicht: 1.390 kg
  • Länge: 4,900 m
  • Breite: 1,710 m
  • Höhe: 1,370 m
  • Radstand: 2,650 m

Volvo 262 Bertone Coupé: Seitenansicht
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Die Entwürfe für den 262 C stammen nicht von Bertone, sondern von Volvos Hausdesigner Jan Wilsgaard
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Viel, viel Blech und eine Knautschzone bis zum Horizont: In den Siebzigern setzte Volvo mit seinem Sicherheitskonzept Maßstäbe
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Mehr Ecken und Kanten gehen nicht: Für viele ist die 240er/260er Jahre der Volvo schlechthin
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Der Euro-V6 gilt als robust, aber trinkfreudig
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Ein Dutzend Golfbälle und ein Reiseführer für Colorado und Utah: Der Erstbesitzer war offenbar sportlich und liebte das Reisen
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Der Kofferraum bietet viel Platz für Gepäck. Die Bleche am Heck weisen keine Rostschäden auf
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
147.000 Meilen stehen auf dem Tacho. Die Abnutzungsspuren wirken dem Alter und der Laufleistung entsprechend
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
„Made in Italy“: Das Typenschild verrät, wo das Bertone Coupé gebaut wurde
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Elektrische Fensterheber waren beim Volvo 262 C Serie. Der auf der rechten Seite ist außer Betrieb, angeblich ist nur der Schalter kaputt
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Die mit faltigem Leder bespannten Türen wirken schon recht barock
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Die Klimaanlage muss neu befüllt werden. Kältemittel müssen vor dem US-Import abgelassen werden
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Neben der Dreigangautomatik war auch ein Vierstufengetriebe mit Overdrive erhältlich
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Der Einstieg ist etwas beschwerlich, weil das Dach beim Coupé einfach eine Etage niederiger aufgesetzt wurde
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Das Cockpit wirkt bei allem Komfort recht sachlich gestaltet
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Mehr Sofa als Rückbank: Die Ledergarnitur lädt zum Fläzen ein
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Viel an Historie existiert nicht, lediglich die alten Kennzeichen liegen noch im Wagen. Danach war das Auto zuletzt im Jahr 1989 zugelassen
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Rost scheint bei dem US-Import kein Problem zu sein. Schweller und Türunterkanten wirken sauber
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK
Auch der Unterboden wirkt sauber, soweit sich das ohne Hebebühne beurteilen lässt
Quelle: Haiko Prengel für MOTOR-TALK