Motorkultur

Vollgetankte Selbstmord-Maschine: Gerald und sein Z28

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Hätte er damals nicht per Postkarte ein Mad Max-T-Shirt mit Nightrider-Motiv aus dem Hujak-Onlineshop von Franklin Zeitz bestellt, die Welt wüsste bis heute nicht, dass da draußen seit mehr als 20 Jahren einer der letzten Outlaws in seinem 79er Camaro Z28 seine Bahnen zieht. Auch wenn er normalerweise derjenige ist, der überholt, die Moderne ist an Gerald Dietz glücklicherweise spurlos vorbeigezogen. Gut, er hat ein Handy, was er aber auch brauch. Jemand wie er, der über eine Viertelmillion Kilometer mit seinem Detroit Iron abgerissen hat, ist halt selten über Festnetz zu erreichen. Ansonsten ist Gerald aber oldschool to the bone. Während sich die Jugend nach Büroschluss in Web 2.0 Communities zusammenrottet, Profilbilder von ihren mattschwarzen Hobeln in Usergalerien hochlädt, über Benzinpreise motzt und im Chat über den idealen V8-Sound theoretisiert, ist Gerald lieber mit seinem Schlitten da unterwegs, wo das wahre Leben spielt, auf der Straße...

Denn seinen Wagen, den hat er ganz allein für sich gekauft, vor dem großen Boom und zwar in einer Zeit, als sich gebrauchte Camaros bei dubiosen Fähnchenhändlern die BF Goodrich-Pellen im weißen Kies plattstanden und grobgehäkelte Umweltaktivisten und Grundschullehrer die Wälder mit Lichterketten und Betroffenheitsblick gegen sauren Regen und katlose Autos verteidigten. 1989 kaufte sich der Trockenbaumeister aus Weiterstadt bei Darmstadt nach gezielter Suche den feuchten Redneck-Traum aus weniger pflegender Sechst-Hand. Die handgeschaltete deutsche Erstauslieferung ist seitdem Geralds treuer Begleiter in allen Lebens- und Wetterlagen. Verweichlichungen wie Saisonkennzeichen, Komplett-Resto oder Hohlraumversiegelung sind den beiden fremd. Aktuell arbeitet der 5. Gebrauchtmotor unter der angerosteten Haube des Laternenparkers, in die ein beeindruckter Passant vor einigen Jahren „Perverses Auto" ritzte. Gerald stört die nicht bestellte Gravur im Thermoplastlack nicht, ist ja letztlich auch was Wahres dran. Knapp 1.500 Euro Hubraum-Steuer drückt er per anno an den raffgierigen deutschen Fiskus ab, ohne eine Lizenz für die Frankfurter Umweltzone, dafür sind TÜV-Querelen im 2-Jahres-Turnus fester Programmbestandteil der automobilen Langzeitbeziehung. An ein H-Kennzeichen ist sowieso nicht zu denken. Laternenpfahl-Abdrücke nach missglückten Driftversuchen und ein verwohnter Innenraum haben eine Einstufung als historisches Kulturgut bisher erfolgreich verhindert.

Motoraver traf Gerald während der Nitrolympx auf dem Hockenheimring. Gerald ist ein Besucher der ersten Stunde und hat seitdem nicht einmal gefehlt. Schon 1986 saß der Benzinfreak an der Viertelmeile des Hockenheimrings und hatte seinen Spaß am V8-Jericho der Top Fueler. Beständigkeit ist eben eine feste Größe im Leben des 46-Jährigen. Ein Leben ohne V8 ist für den gelassenen Hessen genauso unvorstellbar wie ein Verkauf seines Camaros.

Bevor wir mit Gerald eine Runde übers Gelände drehen konnten um Fotos ohne Campingwagen im Hintergrund zu machen, musste der dreißig Jahre alte Chevy einer 2006er E-Klasse Starthilfe geben, deren Onboard-Entertainment-System die Batterie leergelutscht hatte. Geralds Batterie steht immer unter Strom, sein Sport-Coupé hat kein Autoradio. Während im Gespräch mit Gerald der hilfsbedürftige Daimler-Kapitän das Überbrückungskabel mit Plus auf Masse legt und sich derweil den gesamten Kabelbaum abfackelt, leuchtet bei dem Eisenschwein aus Übersee nichtmal die Ladekontrollleuchte. Gerald nimmt die Kurzschlusssituation gelassen und raucht seine Selbstgedrehte in Ruhe auf. Danach geht es in Richtung Haupttribüne. Die 250.000 Kilometer merkt man dem Camaro während der Fahrt nicht an. Eher könnten es 500.000 gewesen sein. Alles rappelt, alles klappert und was keine Geräusche macht, ist wahrscheinlich schon vor langer Zeit abgefallen. Die Schaltkulisse ist mittlerweile offen und erlaubt eine permanente Asphaltüberwachung, der Dachhimmel ist irgendwann einmal runter gekommen und wurde kurzerhand entsorgt und der linke Kotflügel schlackert lässig im Fahrtwind. Anders sehen Sportwagen in den Südstaaten auch nicht aus. Gerald weiß es. Er hat mal Urlaub in Alabama gemacht. Hat ihm viel besser gefallen als Vegas...

Fotos: Katharina Franke

 

 

Quelle: Motoraver Magazin

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