BMW 6er Gran Coupé - Erste Fahrt im BMW, den Väter lieben und Mütter akzeptieren

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VON CONSTANTIN BERGANDER

Warum braucht ein Coupé vier Türen? Warum kommt BMW so spät damit? Und warum ist gerade dieses Nischenmodell der tollste Bayer, den Motor-Talk in diesem Jahr gefahren ist? Antworten findest Du hier.

Wenn der vorbeifährt, schnell genießen Wenn der vorbeifährt, schnell genießen Flach ist er, breit ist er und so wunderbar laaaang. Meine Augen wandern über das Blech, verlieren sich in einer Kante, Sicke, die sich über die gesamte Flanke zieht. Dazu der obligatorische „Hofmeister-Knick“. Wenn Augen fühlen könnten, dann wäre meine Freundin heute eifersüchtig. Das neue Gran Coupé ist der feinste Kompromiss, den BMW seit Jahren in Blech gepresst hat. Er ist schön, er ist praktisch, er ist lang wie ein 7er und dynamisch wie ein 5er. Vor allem aber ist er ein Sportwagen, den auch Väter ohne Reue fahren können. Schließlich lassen sich hier sogar die Rücksitze umlegen. Warum die Bayern diesen Typ so spät bringen? Weil das Gran Coupé das Top-Modell der 6er-Reihe ist.

Lack und Leder

Ich steige ein und stelle fest: Drinnen sieht er fast noch feiner aus als draußen. Auch, weil die Kunden hier mehr mitentscheiden dürfen. „Auf Wunsch könnten wir den Innenraum auch bunt gestalten“ scherzt ein Projektleiter. Geschmack ist oft ja Glücksache und das hatte ich mit meinem Testwagen. Der trägt innen nur Farben, die wie neuartige Eissorten klingen: Amarobraun und Opalweiß. Fast alle Oberflächen sind mit Leder und Alcantara bezogen, einiges ist lackiert. Schönheit hat manchmal ihren Preis: Auf dem weißen Lack sieht man jeden fettigen Fingerabdruck.

 

Vorne sitzt man feiner als zu Hause Vorne sitzt man feiner als zu Hause Die Sitzposition ist tief, der Kopf genießt dafür Freiheit. Zumindest vorne. Hinten raubt das geschwungene Dach den Fondpassagieren trotz über fünf Metern Länge eine Menge Platz. Doch keine Sorge: Wer unter 1,85 Meter misst, muss sich auch hier nicht krumm machen. Ein lustiges Zahlenspiel zum Schluss: der 6er mit vier Türen ist ein 5-Sitzer. Zumindest laut Fahrzeugschein.

Kurz zum Kofferraum: er fasst 640 Liter und die Rücksitzbank ist, anders als beim 6er Coupé, geteilt klappbar. Ledersitze sind Serie. Unschönes Detail: Auch beim braunen Alcantarahimmel sind Mikrofone und Lampen in schwarzem Plastik gehalten.

Dieseln ohne Reue

Ein Druck auf den Startknopf zündet den doppelt aufgeladenen Reihensechser-Diesel im 640d. Im kalten Leerlauf nagelt er hauchzart, aber dieseltypisch. Sind die Fenster geschlossen, hört allenfalls der neugierige Nachbar was davon. Kommt er in Fahrt, verbessern sich seine Manieren. Dann grummelt er kernig wie ein ganzer Kerl, pardon, Benziner. Den Diesel spürt man dann nur an der Tankstelle. Laut ist allenfalls noch der Beifall an die Herren Akustikingenieure. Das haben die toll gemacht!

Seine 630 Newtonmeter zwingen bei vollem Druck sogar die 275er Heckgummis in die Knie, 313 Pferde galoppieren elektronisch begrenzte 250 km/h schnell. 100 Sachen erreicht der, achtung, B-a-s-i-s-m-o-t-o-r nach 5,4 Sekunden. Ich würde gern mehr zur serienmäßigen Achtgang-Automatik schreiben. Aber die schaltet so flink und weich, das mir die Worte fehlen. Trotzdem muss gesagt werden: Diese Technik ist High-tech pur. Der Wandler wird nach dem Anfahren bei Drehzahlen über 1000 Touren überbrückt – wer braucht da ein Doppelkupplungsgetriebe?

Trotz knapp zwei Tonnen Gewicht tänzelt der 6er wie ein flinker Schwergewichtsboxer. Fegt flott durch die Kurven und bleibt stets lässig in der Spur. Die Dynamik dieses Riesen begeistert.

Alternative Antriebe

Wer sich trotz eines CO2 Ausstoßes von 146 Gramm pro Kilometer gegen den Diesel entscheidet, der wählt den klassischen Benziner. Der 640i erreicht mit 320 PS und 450 Nm die gleichen Fahrwerte, schluckt aber mit 7,7 Litern laut Norm-Verbrauch 2,2 Liter mehr als der Selbstzünder.

In Wahrheit sind es schnell viel mehr. Aber sei es drum. 6er-Gran-Coupé-Fahrer knausern sicher nicht an der Zapfsäule.

Erst zum Herbst folgt der 650i mit 4,4-Liter-V8-Biturbo und dann 450 PS. In nicht zu ferner Zukunft wird es einen M6 geben. Dessen Motor gleicht in vielen Punkten dem des 650i, bekommt aber zusätzlich zwei Twin-Scroll Turbolader mit zylinderbankübergreifender Aufladung. Ermöglicht wird das durch die Bauform des N63 Motors: Die Abgasseite befindet sich zwischen den Zylinderbänken.

Assistenz an Bord

Mit dem passenden Smartphone hat der Fahrer Zugriff auf die BMW-App. Es lassen sich Twitter- und Facebook-Meldungen abrufen, das Audiosystem verwendet die eigene Musiksammlung und Internetradio. Letzteres funktioniert nur bei gutem Empfang zuverlässig. Und unterfordert das Bang & Olufsen Soundsystem maßlos. Wer will, lässt sich wichtige Informationen auf die Frontscheibe projizieren. Der Spurassistent meldet gewagte Interpretationen der Fahrstrecke. Der „Fahrerlebnisschalter“ bietet mit fünf Abstufungen für jeden etwas passendes. Mit dem Eco Pro Modus lässt sich entspannt Cruisen und Benzinsparen. Mit Sport+, werden Fahrwerk und Motor zu Dynamikern. Das ESP hält sich zurück und ermöglicht Drifts. Das ist cool, aber nichts für den Straßenverkehr.

Fazit

Dieser 6er mit vier Türen ist "gran, gran" große Klasse. Doch der Preis von 83.000 Euro für die Basisversion ist stattlich. Auch, weil der Wagen bei aller Schönheit, bei allem Können nicht so viel individueller ist, als ein Mercedes CLS oder ein VW Passat CC. Bei aller Perfektion. Hier hätte BMW noch mutiger sein können.

 

Modell: BMW 640d Gran Coupé

Motor: 3,0 Liter Diesel, zwei Turbolader

Getriebe: 8-Gang Automatik

Leistung: 313 PS

Verbrauch: 5,5 Liter

CO2: 146 Gramm / km

0 – 100 km/h: 5,4 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit: 250 (begrenzt)

Länge x Breite x Höhe: 5,07 x 1,89 x 1,39 Meter

Kofferraum: 460 Liter

Preis: 83.000 Euro

Marktstart: 2. Juni 2012

 

Quelle: MOTOR-TALK

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