05.11.2012 13:07
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KUESmagazin
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Soll man es riskieren? Gebrauchter Bentley Continental GT für 32.000 EuroMit einem Geheim-Event in der Frankfurter Tiefgarage beginnt der Vmax-Höllentrip auf Zeit. Die Geschichte ist längst verjährt. Deshalb dürfen wir sie erzählen. Ohne Zweifel hat sich Bentley auf der IAA 2007 in Frankfurt mächtig etwas einfallen lassen: Wer eine VIP-Einladung hatte, durfte die noblen Flying-Spur, Arnage-T und Continental nicht nur aus der Nähe betrachten, sondern auch fahren. Keine Ahnung, wie wir an das Ticket kamen. Vielleicht ein Tippfehler auf der Einladung? Wir hatten jedenfalls eine.
Kostümiert im Rennfahrerdress der 30er Jahre führten uns Studenten der Medizintechnik, die sich als Bentley-Experten ein bisschen was nebenbei verdienen, in die Tiefgarage des Maritim-Hotels. Bentley hatte eigens zur IAA ein komplettes Parkdeck angemietet und mit Holz und Leder ausgeschlagen.
Wo sonst Business-Schlitten parken, thronten schwere Sessel und Granit beschlagene Theken mit Espresso-Maschinen. Skurriler geht´s kaum. In der Ausstellungshalle konnten sich die geneigten VIPs von der handwerklichen Perfektion eines Bentley überzeugen. Wurzelholz vom Baustamm bis zum Hochglanz polierten Instrumententräger gab es genauso zu bestaunen, wie die Rohlinge für Messingtürgriffe vom Arnage-T.
Unser Bentley-Boy erzählt nebenbei geradezu abenteuerliche Geschichten. So zum Beispiel von einem Käufer, der sich das Wurzelholz im Cockpit selbst ausgesucht hat. Später im Auto fügte sich die seltene Maserung zu einem Totenkopf auf dem Handschuhfachdeckel zusammen. Eine weit reichende Entscheidung, denn schließlich werden die meisten auf Wunsch bestellten Bentley nicht verkauft, sondern vererbt. Obwohl der Bentley schon fast fertig war, mussten die ganzen Innereien wieder herausgerissen werden. Das Holz wurde durch anderes mit weniger gruseliger Optik ersetzt.
Gut eine Stunde dauerte die Reise in die Bentley-Geschichte, dann endlich rückte der Bentley-Boy den Schlüssel raus. Unser Testwagen ein Bentley Continental in trendigem Weiß mit Sattelbraunem Leder. Einfach hinreißend. Immerhin darf ich selbst fahren. Unsere Test-Strecke führt von der Frankfurter Messe nach Königstein, Bad Homburg und über die A5 wieder zurück. Ich erhalte die klare Anweisung: „Fahren Sie, so schnell Sie wollen. Wir sind einiges gewöhnt.“ Das lässt man sich nicht zwei Mal sagen.
Sitz und Spiegel einstellen, anschnallen, den verchromten Starterknopf drücken und ab geht die Post. Der Vollgas-Sound in den unteren drei Gängen zaubert Gänsehaut auf die Trommelfelle. Tempo 200 spürst du gar nicht, bei 6100/min zieht sich Automatik den fünften Gang rein, 250 erlebt man als kaum relevante Durchgangsstation, doch ab 270 meldet sich das Adrenalin. Bei 280 passieren wir die berüchtigte Autobahn-Senke, wo das Auto erst leicht nach links und dann leicht nach rechts zieht. Der Beifahrer stöhnt vernehmlich. Sollte er doch Angst haben?. DK 56 HWR zeigt jetzt das erste Mal über 310 km/h an.
Zwei Atemzüge später ducken wir uns mit 225 Sachen in die Schnellstraßen-Kurve. Hier muss zügig eingelenkt werden, denn alles über 200 ist nicht mehr Querkraft-neutral. Der rechte Fuß massiert trotzdem mit Nachdruck das Fahrpedal: 305, 310. Dann kommt eine schmale Schneise, der Windsack hängt quer in der Luft, und für Sekundenbruchteile fühle ich mich wie Bernd Rosemeyer damals kurz vor Mannheim. Der Bentley versetzt leicht, aber er gerät nicht ins Trudeln, sondern fährt einfach eine halbe Spur weiter rechts, grad so, als ob nichts gewesen wäre.
Nur gut, dass wir heute Mittag alle vier Spuren für uns haben. Besagter Linksknick kostet Überwindung, doch er geht tatsächlich voll, und am nächsten Anbremspunkt stehen 330 km/h auf der Uhr, das sind echte 318 km/h. Auf dem Rückweg zur Messe entlockt der rechte Zeigefinger dem Bordcomputer eine epische Ziffer: Verbrauch 60,1 Liter. Die Nadel der Tankuhr fällt förmlich nach links. Zwischen voll und leer liegen bei diesem Tempo gerade mal 35 Minuten. Da können Michelin und Pirelli es sich ohne weiteres erlauben, eine 60-minütige Vmax-Garantie zu geben – wer die ausnutzen will, muss den Wagen aus der Luft betanken.
Weil bei diesem Tempo die Reichweite auf 150 Kilometer schrumpft, leuchtet bereits kurz vor Fahrtende die Reserveleuchte auf: Tank leer, Ende der Dienstfahrt. Allerdings: Der Bentley ist auch mit 13 bis 17 Litern zu bewegen. Zurück in der Tiefgarage, muss der W12 noch etwa zehn Minuten weiterlaufen, denn der ausgepumpte Viersitzer klagt knisternd und zischend über erhöhte Temperatur. Vor allem die Reifen sind inzwischen mehr als doppelt so heiß wie im Normalbetrieb. „Bentley hat viel Arbeit in die Kühlung, die Aerodynamik, die Abstimmung der Luftfederung und die Bremsen stecken müssen, um das Auto speziell für den Tempobereich zwischen 250 und 320 km/h fit zu machen", erklärt unser Bentley-Boy. Die Kräfte, die bei dieser Geschwindigkeit auf den Wagen einwirken, sind enorm – bei voller Verzögerung stehen beispielsweise rund 1,2 g an." Auch die Aerodynamik spielt eine wichtige Rolle. Allein die falsche Positionierung der GPS-Antenne hätte Bentley bis zu fünf km/h gekostet." Ein Skandal.
Heute gibt es einen gebrauchten Bentley Continental Baujahr 2005 übrigens schon ab 32000 Euro. Allerdings darf der Besitzer noch einmal die gleiche Summe investieren, wenn Turbos und Verschleissteile erneuert werden müssen. Der Neupreis lag bei 159.000 Euro.
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