Ein Blog ? Nicht wirklich !

18.10.2008 01:43    |    LSirion LSirion    |   Stichworte: , , ,

Grundstadtfahrzyklus
Grundstadtfahrzyklus

Nachdem ich zum realen Verbrauch in Hinblick auf den Werksverbrauch schon eine Anmerkung geschrieben habe, will ich nun noch etwas näher auf den NEFZ eingehen.

 

Zu finden ist die Richtlinie 70/220/EWG wie bereits beschrieben an folgender Stelle:

http://eur-lex.europa.eu/de/index.htm / einfache Suche / Nummer / -> Richtlinie + 1970 + 220

 

Am besten man sucht sich das entsprechende PDF - irgendwo dort zu finden - ich verwende hier folgende Fassung:

 

1970L0220— DE— 01.01.2007 — 023.001— 1

 

Sämtliche Werte sind diesem PDF entnommen und ohne Gewähr.

 

 

Dort kann man überdies genau nachlesen wie das mit den Fahrwiderständen, den Schwungmassen, dem Abgasentnahmesystem, den Verdunstungsemissionsmessungen und vielen anderen Dingen funktioniert - aber wirklich genauestens.

 

 

Beim ADAC ist die Grafik ja schon sehr schön abgebildet (Link) aber da ich schon so genaue Daten im PDF fand, habe ich einfach selbst ein paar Diagramme erstellt...

 

Nach oben ist die Geschwindigkeit in km/h angetragen, nach rechts die Zeit in Sekunden.

Rote Punkte sind Schaltpunkte - beim Innerortstest ist für das Schalten eine Zeit von 2 Sekunden eingeplant, außerorts ist die Schaltdauer nur bis zum 4. Gang mit 2 Sekunden definiert.

"LL" heißt Leerlauf ohne Gang, "--" bedeutet ausgekuppelter Motor und eingelegter Gang.

 

Die blauen Zahlen bezeichnen den zu wählenden Gang*, die schwarzen Zahlen zeigen die Beschleunigung in m/s².

 

* Automatikfahrzeuge schalten selbst, voreingestellt ist Fahrstufe "drive", diese wird nicht verändert

* Fahrzeuge mit Schaltanzeige werden nach dieser geschaltet

* im zweiten Teil kann über 100 km/h nach Herstellerangabe auch ein höherer Gang als der 5. verwendet werden

 

 

Auswertung:

 

 

Gesamtdauer: 1180 Sekunden + 40 Sekunden Warmlaufphase

 

4 x Grundstadtfahrzyklus je 195 Sekunden:

 

Mittlere Geschwindigkeit während der Prüfung: 19 km/h.

Theoretisch durchfahrene Strecke je Zyklus: 1,013 km.

 

In der Grafik fällt einem sofort die niedrige Beschleunigung auf:

 

0 -15 km/h in 4 Sekunden

0 -15 km/h in 5 Sekunden

15 - 32 km/h in 5 Sekunden

0 - 15 km/h in 5 Sekunden

15 - 35 km/h in 9 Sekunden

35 - 50 km/h in 8 Sekunden

 

Also von 0 - 50 km/h inklusive Schaltzeiten in 26 Sekunden - sehr realitätsnah ?!

 

 

1 x Außerstädtischer Fahrzyklus 400 Sekunden:

 

Mittlere Geschwindigkeit während der Prüfung: 62,6 km/h.

Theoretisch durchfahrene Strecke je Zyklus: 6,955 km.

 

Hier ist die Beschleunigung ähnlich wahnwitzig:

 

0 -15 km/h in 5 Sekunden

15 -35 km/h in 9 Sekunden

35 - 50 km/h in 8 Sekunden

50 - 70 km/h in 13 Sekunden

 

Also von 0 - 70 km/h inklusive Schaltzeiten in 41 Sekunden.

 

50 - 70 km/h in 13 Sekunden

70 - 100 km/h in 35 Sekunden

100 - 120 km/h in 20 Sekunden

 

Also von 0 - 100 km/h inklusive Schaltzeiten in 76 Sekunden.

Dagegen sind die 100 - 120 km/h in 20 Sekunden schon sehr flott !

 

Beim Verzögern sieht es kaum anders aus. Maximal 1,389 m/s² bei 50 - 0 km/h, das ist eine Wegstrecke von über 69 m für diesen mickrigen Bremsvorgang !

 

 

Angesichts dieser Werte und der bereits im anderen Thema erwähnten Vorgaben, ist nun wohl jedem klar, wie es im NEFZ zu absolut realitätsfernen Verbräuchen kommen kann. Diese sind zwar untereinander vergleichbar, aber das ist auch schon fast alles...

 

 

Starke Fahrzeuge werden völlig realitätsfern bewegt, sind unterfordert und gehen sofort in den höchstmöglichen Gang...

 

 

Es gibt also eigentlich nur ein Fazit:

 

Um ein großes Fahrzeug auf NEFZ-Verbrauchswerte zu bringen muss man entsprechend langsam damit fahren - so langsam wie mit einem Kleinwagen mit Basismotorisierung.

Im Umkehrschluss bedeutet dies je mehr Leistung ein Fahrzeug hat, desto weiter kann es sich von der Normverbrauchsangabe entfernen.

 

 

Auf diese Werte die kommende CO2-Steuer auszulegen kann wohl nicht ernsthaft begründet werden !

Wer dies unterstützt hat meiner Meinung nach immernoch nicht verstanden wie der NEFZ funktioniert, oder er will übermotorisierte Fahrzeuge fördern, warum auch immer - sicherlich nicht der Umwelt zuliebe !


Kommentare: 17

18.10.2008 13:37    |    Olli the Driver Olli the Driver

Dazu gab es diese Woche auch einen Bericht auf Spiegel Online

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,583564,00.html

Kann wohl noch dauern bis hier mal eine Einigung erzielt wird. Und bis dahin bekommen besonders "Spritsparende" Modelle nur ein 5-Gang Getriebe weil dadurch im praxisfremden Zyklus bessere Werte erreicht werden.


18.10.2008 14:28    |    meehster meehster

Es ist schlicht und einfach pervers, gerade auch das mit der Getriebeabstufung.

 

Vor allem auch interessant ist die Tatsache, daß die alte DIN-Messung hiergegen ausgetauscht wurde, weil die DIN zu praxisfremd gewesen ist :rolleyes:


18.10.2008 14:29    |    LSirion LSirion

Das mit dem 5-Gang Getriebe stimmt so nicht unbedingt.

 

Soviel ich weiß, können Hersteller mit einer simplen Schaltempfehlung - zum Beispiel ein rotes Lämpchen, das bei über 2.100 U/min aufleuchtet - die Vorgaben des Normtests umgehen. Das wird zwar in der Norm nicht genau so bechrieben, aber ich gehe davon aus, dass es so ist.

Schließlich ist die Schaltempfehlung eine gut gemeinte Einrichtung, die dem Fahrer beim Sparen hilft.

 

Halbautomatische Getriebe werden sowieso nach Herstellervorgabe getestet - das erklärt wie bereits beschrieben warum ein Doppelkupplungsgetriebe (meist) sparsamer als der vergleichbare Handschalter oder warum gerade der Smart im Test derart sparsam ist.


18.10.2008 15:01    |    LSirion LSirion

Vom TÜV Nord gibt es bereits Verbesserungsvorschläge:

 

Link

 

Allerdings habe ich so meine Bedenken, was Änderungen betrifft. Was bringt es, wenn die Verbrauchsangabe höher liegt ?

 

Dann sind 90 % der Fahrer plötzlich stolz auf ihren Fahrstil, weil sie normgerecht fahren, aber im Endeffekt wird rein garnichts gespart.

Und die restlichen 10 % liegen immernoch drüber, sind dann natürlich noch angesäuerter.

 

Das ist dasselbe wie die min / max Angaben, die viele Hersteller anführen. Das ist Blödsinn.

 

Man kann angeben, dass ein Wagen im Normtest xy +/- 0,1 Liter verbraucht, aber man kann nicht xy + 0,1 als "maximalen Verbrauch" und xy - 0,1 als "minimalen Verbrauch" ausweisen.

Genauso wie man nicht den Überlandverbrauch als minimalen und Stadtverbrauch als maximalen Verbrauch bezeichnen kann.

 

 

Im Moment ist es zumindest (noch) so, dass man den Normverbrauch mit einigermaßen vorausschauender Fahrweise erreichen kann. Es spricht ja nichts dagegen, dass auch der Porschefahrer nur mit 110 km/h über die Autobahn fährt.

 

Richtig krass wird es allerdings mit der Besteuerung, die dann auf Tatsachen beruht, wie sie nicht zutreffen.


18.10.2008 16:37    |    meehster meehster

Boofoode hat mal für einen anderen Blog etwas geforscht. Er hat dabei einen interessanten Link gefunden, den ich jetzt hier mal einsetze.

 

Allgemeiner Tenor: Es ist bekannt, daß der Normzyklus realitätsfern ist.

 

Übrigens habe ich es seit Beginn meiner Aufzeichnungen über den eigenen Verbrauch mit jedem Auto geschafft, die Werksangabe (allerdings noch DIN) über eine ganze Tankfüllung zu unterbieten. Einzige Ausnahme: Der 75 PS "starke" Ford Escort. Dessen 11,9 Liter Normverbrauch sind weit unterhalb des Erreichbaren. Die 7,9 (Mazda 323F, 128 PS), 8,0 (Mazda 323, 128 PS) und 6,2 (Fiat Panda, 45 PS) fielen schon :)


18.10.2008 18:31    |    Olli the Driver Olli the Driver

Zitat:

Boofoode hat mal für einen anderen Blog etwas geforscht. Er hat dabei einen interessanten Link gefunden, den ich jetzt hier mal einsetze.

Interessant, den Link hatten wir hier ja noch nicht :p ;)

 

Mit meinem Wagen liege ich langfristig mit errechneten 7,9 nicht weit oberhalb des Normwertes von 7,6, obwohl ich viel Autobahn fahre und das meistens recht zügig.


18.10.2008 20:39    |    LSirion LSirion

Zitat:

Interessant, den Link hatten wir hier ja noch nicht :p ;)

Stimmt, dafür wollte ich dir noch danken (da ich den Link noch nicht kannte) und darauf eingehen.

 

Das was der Spiegel da schreibt ist genau das was ich auch beschrieben habe, aber ich habe das eben noch mit Zahlen untermauert...

Interessant ist ja, dass diese EU-Richtlinien zwar immer wieder erweitert und überarbeitet werden, aber dass sich eigentlich nichts daran geändert hat.

 

Der Stadtzyklus - so wie ich ihn oben aus der Richtlinie 220 habe - ist nämlich (so viel ich weiß) derselbe, den auch die DIN Norm im Drittelmix (Stadt, 90, 120) verwendet hat.

 

Ich könnte noch den Weg über die Zeit antragen, kann man über die konstante Beschleunigung ja leicht integrieren... dann habe ich jetzt noch eine Beschäftigung.


18.10.2008 20:52    |    meehster meehster

Nein, der Stadtzyklus ist anders. Im DIN wurde der Gang 4 nicht benutzt.


21.10.2008 13:04    |    dernagelneue dernagelneue

Ich find den Zyklus auch nur grauenhaft !!

Da muss zumindest ein Breich rein, in dem mal 80% der maximalen Leistung gefordert wird ...

Is doch eine absolute Verarschung bei einem Porsch so den Verbrauch zu messen ... denn wenn ich den so bewege wie im NEFZ vorgegeben, dann brauch ich den gleich nicht zu kaufen :rolleyes:

 

Im Gegenteikl wäre das in meinem Augen sogar eine noch größere Energieverschwendung ... es wird ein fetter 3,6Liter 300PS 6-Zylinder produziert (frisst bei der Herstellung schon genug Energie) und dann sagt man zu den Kunden aber "um den Verbauch zu erreichen dürfen sie nicht aufs Gas treten" !!! ... und dabei braucht die Karre aber dann trotzdem 10 Liter (Reibung, Gewicht usw ) ... des is dermaßen paradox dass sich da wirklich nur Porsche selbst drüber freuen kann !!!!


06.11.2008 11:58    |    pfarrer pfarrer

Hat jemand von euch in der aktuellen Autobild das Testurteil zu spritsprende Modelle gesehen?

Hintergrund, der ADAC hat in Langzeittests die Dieselmodelle (Polo BM(80PS), Fiat 500 1.3 JTD(75PS), Mini Cooper D CLubman(110PS), Peugeot 1007 HDI(109PS)) und Benzinmodelle (Smart 4to mhd (mildhybrid, 71PS), Opel Corsa 1.0 Twinport (60PS).

Der ADAC beschreibt, dass die spritzigen Modelle Polo BM und Mini Clubman zu sportlich gefahren werden. Der Polo erreichte im ADAC Eco Test einen Verbrach von 4.3l, der Mini 4,8l. Im Alltagstest mit wechselnden Fahreren erreichte der Polo 5.5l, der Mini 5.8l. Je schwächer das Auto war (mit Ausnahme des Smarts) desto weniger Sprit wurde verbraucht. Zitat: "wenn runterschalten eh nichts bringt, schaltet man nicht herunter". Der Mini ist mit 4.1l auf 100km angegeben. Wenn man berücksichtigt, dass beim ADAC Eco Test der NEFZ verschärft wird, kann man nicht sagen, dass irgendwie beim NEFZ beschissen wird.

Ein Bekannter fährt seinen 118d (einen älteren, angegeben mit 4.5l) mit 4.2l auf 100km (real nachgerechnet). Es kommt nur auf die Disziplin an.


06.11.2008 14:11    |    dernagelneue dernagelneue

Hallo hallo ... Sinn wo bist du ???

Was soll ich denn mit bsw. einem 123d wenn ich hinterm Steuer dann ständig Disziplin walten lassen muss um die 5.0l zu erreichen ???? Das Auto hat 204PS ... wenn der Hersteller diesen allerdings genau auf die selbe Art und weise teste wie ein 50Ps Auto .... und wenn ich diesen Wert auch real nur dann erreichen kann wenn ich den 204PS Karrn bewegen wie ein roher Eis ... für was wird der denn dann überhaupt gebaut ????

Das was die da angeben ist ein MINDESTVERBAUCH.

Im realen Betrieb kauf ich mir ein stärkeres Auto weil ich ja auch mehr Leistung nutzen will ... wenn mir dann jemand erzählt "na is doch klar dass du die Herstellerangeben nicht einhalten kannst wenn du bisschen Gas gibst ..." ... dann frag ich mich schon was das ganze soll ...

Wenn ich alle Werte nämlich zueinander in relation stelle (bleiben wir mal beim 123d) dann wirds ein wenig seltsam ... ich kaufe nämlich dann ein Auto das nach Herstelleranganben in 6,9s von 0-100km/h beschleunigt, 238km/h schnell ist und 5.2l verbraucht ... alles reale Messwerte die das Auto erreichen kann ... allerdings darf ich nicht die Beschleunigung oder die Höchstgeschwindigkeit nutzen sonst schaff ich die 5.2l nicht mehr ... anders herum schaff ich die 5.2l nur wenn ich maximal 120km/h fahre und von 0-100km/h in 60s beschleunige ... somit beißen sich die Angaben faktisch ...

 

Der Sinn bleibt mir hier bei verschlossen ... denn warum sollte ich einen 123d kaufen wenn ich ihn fahren soll wie eine Ente ???? Die Angabe macht schlicht und ergeifend keinen Sinn !!! (oder wenn ich so fahren soll, dann macht das Auto keinen Sinn)


06.12.2008 21:19    |    Warmmilchtrinke Warmmilchtrinke

@Pfarrer:

Den habe ich auch gelesen und kann das bestätigen. Hat man die Leistung, dann nutzt man sie auch. Aber als Mensch, der einigermaßen realitisch schätzen kann, erkennt man sofort, dann man einige werte in der Praxis schlicht nicht erreichen wird. Da erreichen große Turbomotoren >200PS teilweise Traumwerte, die alles andere tun als in der Praxis genauso aufzutreten. Beispiel wäre der in den letzten Tagen viel "besprochene" Autobild-Vergleich 5er, A4 und Insignia:

Verbrauch nach Zyklus:

A4 Vierzylinder-Turbo 155kW (211PS)/4300rpm --> Verbrauch 6,6 Liter

5er Sechszylinder 160kW (218PS)/6100rpm --> Verbrauch 7,4 Liter

Insignia Vierzylinder-Turbo 162kW (220PS)/5300rpm --> Verbrauch 8,9 Liter

 

Das ist doch für alle nicht realistisch. Für denOpel mag es bei sehr moderater Fahrweise noch passen, aber ein 211PS-Turbo mit 6,6 Litern, das passt gar nicht, und auch der BMW liegt viel zu niedrig. Dummerweise nimmt der gemeine Bürger die Verbrauchsangaben für bare Münze, einfahc weil er nicht weiß, wie der Zyklus zustande kommt. Und auch hier im Forum habe ich schon einige male auf den NEFZ-Zyklus aufmerksam machen müssen :rolleyes:

 

Höchste Zeit, dass das aktualisiert wird, der Zyklus ist schlicht überholt.


08.12.2008 16:14    |    Trackback Trackback

Kommentiert auf: Toyota Prius, Hybrid:

 

Prius, Spritmonitor, und die Verbrauchslüge.

 

[...] Der Fahrzyklus ist auf jeden Fall seit mindestens 20 Jahren veraltet.

 

In diesem Blogartikel von LSirion steht mehr dazu.

 

Letztendlich ist es aber so, daß sich bei mir kaum ein Auto mit unter 6 Litern zufriedengeben [...]

 

Artikel lesen ...


08.12.2008 16:56    |    dernagelneue dernagelneue

Audi A4 2.0 TFSI

Die Daten die auf dem Papier stehen sind schlicht weg Betrug !!!

Denn es ist zu lesen: 6,9s (0-100km/h)

6,6 Liter (Verbrauch auf 100km)

 

Aber je näher ich mich an den einen Wert herantaste, desto weiter weg rückt der andere !!!

Suggeriert wird aber "schnell und sparsam" ...


08.12.2008 17:26    |    Trackback Trackback

Kommentiert auf: Toyota Prius, Hybrid:

 

Prius, Spritmonitor, und die Verbrauchslüge.

 

[...] Original geschrieben von meehster

Der Fahrzyklus ist auf jeden Fall seit mindestens 20 Jahren veraltet.

 

In diesem Blogartikel von LSirion steht mehr dazu.

 

Letztendlich ist es aber so, daß sich bei mir kaum ein Auto mit unter 6 Litern zufriedengeben [...]

 

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