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Ansichten eines Mantarinchens, oder : wie seht Ihr die Welt?

Über den Sinn und Unsinn des Lebens mit all seinen Facetten

25.12.2011 01:33    |    over30 over30    |    Kommentare (26)    |   Stichworte: , , , , , , , ,

Merry christmasMerry christmas

Hallo, dies ist mein Weihnachtsblog für Euch. Es geht hier dieses Mal aber nicht um das Thema Auto. Es ist nur eine weihnachtliche Geschichte mit, und für das Herz. Ich widme diesen Blog einem von mir sehr geschätzten Blogschreiber, nämlich silverdreammachine.

Hallo silver, hier an dieser Stelle nun für Dich eine meiner Katzengeschichten als Weihnachtsgeschenk. Viel Freude damit. Das wünsche ich natürlich auch meinen anderen Bloglesern.

Frohe Weihnachten Euch allen.

Und hier nun meine weihnachtliche

Erzählung:

 

 

Das graue Kätzchen

 

Sabine Lebensieg

geschrieben im November 2001

 

Die Zukunftsaussichten für das namenlose junge, graue Kätzchen waren denkbar schlecht.

Wenn man in einem Land lebt, das durch politische Wirren erschüttert und zerrissen ist, und wenn man dann noch mitten in einer Stadt geboren wird in der Armut, Hunger und Tod etwas Alltägliches für die Menschen ist, kann man kein Mitleid erwarten, das hatte die kleine Katze schon früh in ihrem jungen Leben gelernt.

So schlug sie sich seit der Trennung von ihrer Mutter mehr schlecht als recht durch das armselige Leben.

Auf der Suche nach Futter und einem regengeschützten Platz war das graue Kätzchen viele Häuserblocks weit gelaufen.

Schließlich blieb es bei dem Kiosk an der Ecke zwischen zwei vielbefahrenen Hauptstraßen. Dort, zwischen den Abfalltonnen und dem Zeitungsständer der „Moskauer Tagesnachrichten“ lebte es nun schon seit einigen Wochen.

Viele Menschen liefen hier den ganzen Tag vorbei, aber niemand beachtete die magere, struppige kleine Katze die um Futter bettelte. Jeder war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und außerdem gab es hunderte von streunenden Katzen in der Stadt. Kaum jemand kümmerte das Schicksal dieser Tiere.

So suchte die junge Katze im Müll nach etwas Freßbarem und schlief unter dem Zeitungsständer der wie ein Dach gebaut war.

Oft fand sie jedoch nichts was ihren Magen füllte, und der kalte Wind pfiff unerbittlich unter ihrem Unterschlupf hindurch, so sehr sie sich auch an das kalte nasse Holz preßte.

Der strenge, russische Winter stand unmittelbar bevor. Ein Überleben auf der Straße war unmöglich, doch von all dem wußte das junge graue Kätzchen nichts.

Es spürte nur wie die Tage und Nächte immer kälter wurden, und sein Hunger immer größer.

Es wußte auch nicht, warum in den Straßen auf einmal so viele künstliche Lichter brannten, und manche Menschen mit vollen Taschen und Tüten vorbeihetzten.

Woher sollte es auch wissen, daß es bald Weihnachten war?

*****

Eines Abends kam ein Mann zu dem Kiosk an dem das Kätzchen lebte. Er hatte nur eine Tasche dabei, und diese Tasche stellte er neben den Mülltonnen ab, während er dem Verkäufer erklärte, was er kaufen wolle.

Dem grauen Kätzchen, das sich zwischen den Mülltonnen versteckt hielt, stieg plötzlich ein verführerischer Duft in die Nase. Köstlicher Geruch nach geräuchertem Fisch kam aus der Tüte des Mannes.

Der Hunger trieb die junge Katze aus ihrem Versteck. Sie näherte sich vorsichtig der Tüte und als sie den Kopf hineinsteckte war der Fischschwanz direkt vor ihrer Nase. Sie biß hinein und begann nach Leibeskräften daran zu ziehen.

Der Fisch war genauso groß und schwer wie die kleine Katze, aber sie schaffte es ihre Beute in ihr Versteck zwischen den Mülltonnen zu zerren.

Keinen Moment zu früh, denn im nächsten Augenblick griff der Mann nach der Tüte und ging damit weiter.

Plötzlich blieb er jedoch stehen. Wenn man nicht viel besitzt, merkt man sofort wenn einem das Wenige was man hat plötzlich auch noch fehlt.

Die Tüte war auf einmal zu leicht geworden! Der Mann sah hinein und stellte fest, daß der Fisch fehlte.

Er kam zu dem Kiosk zurück und sah den in Zeitungspapier eingepackten Fisch zwischen den Mülltonnen liegen. Außerdem hörte er ein leises Schmatzen aus derselben Richtung.

Ruckartig zog er eine der Mülltonnen zu Seite und entdeckte das kleine, graue, magere Kätzchen wie es dabei war mit Zähnen und Krallen ein Loch in die Seite des Fisches zu beißen und gierig zu fressen.

Die Augen des Mannes wurden vor Wut ganz dunkel, und im selben Moment hob er seine große Hand und holte zum Schlag aus. Die kleine Katze riß vor Angst die Augen weit auf und starrte den Mann an. Instinktiv duckte sie sich und machte sich ganz klein in Erwartung der Prügel. Es war nicht das erste Mal, daß sie geschlagen worden war.

Plötzlich jedoch, mitten im Schwung, hielt der Mann inne und ließ die Hand wieder sinken ohne dem Kätzchen ein Haar gekrümmt zu haben.

Er sah die ängstlichen, verschreckten Augen, sah wie jämmerlich dünn und struppig das Tier war und begriff auf einmal, daß es aus Hunger zum Dieb des Fisches geworden war.

Der Anblick der jungen mageren Katze erinnerte ihn an ein Ereignis, das noch gar nicht so lange zurück lag.

Vor einigen Jahren hatte er von einem Tag auf den anderen seine Arbeit verloren und konnte dadurch die Miete für die kleine Wohnung nicht mehr zahlen. Er mußte auf der Straße leben, bettelte und litt Hunger.

Als der Hunger eines Tages zu groß war stahl er Brot und Wurst in einem Laden, doch er wurde erwischt und landete im Gefängnis.

Russische Gefängnisse sind berüchtigt, ebenso wie ihre Aufseher. Sie wollten einen besseren Menschen aus ihm machen und sie schlugen ihn.

Er empfand dies als großes Unrecht, denn er hatte doch nur aus Hunger und Verzweiflung gestohlen, genauso wie diese kleine Katze!

Diese Sache lag nun schon einige Zeit zurück. Inzwischen hatte er wieder Arbeit gefunden, und bewohnte ein winziges Zimmer. Das war schon mehr als die meisten armen Menschen in dieser Stadt besaßen, doch die Prügel während seiner Zeit im Gefängnis würde er wohl nie vergessen können.

Plötzlich schämte er sich, daß er beinahe den selben Fehler begangen hätte!

Er streckte die Hand erneut nach der kleinen Katze aus, doch dieses mal ganz langsam und vorsichtig.

Er packte sie sanft am Nackenfell und hob sie hoch. Das graue Kätzchen zitterte vor Angst und Kälte zugleich.

„Du hast wohl Hunger und kein Zuhause, kleiner Fischräuber! Ich glaube, das sollten wir ändern. Du kommst mit mir. Ein Leben auf der Straße taugt nichts, glaube mir, ich weiß es aus Erfahrung.“

Der Mann steckte das zitternde graue Fellbündel unter seinen Mantel. Die kleine Katze spürte die wohlige Wärme und begann leise zu schnurren.

Der Mann hob den Fisch auf, steckte ihn wieder zurück in die Tüte und schickte sich an zu gehen.

Er war schon ein paar Schritte gelaufen, als er plötzlich stehenblieb, sich herumdrehte und zu dem Kiosk zurücklief.

Er klopfte an die Scheibe und hielt die Flasche Sekt die er gerade vor ein paar Minuten gekauft hatte dem Verkäufer hin:

„Ich habe es mir anders überlegt. Ich möchte dafür lieber Milch und haben sie Katzenfutter?“

Der Verkäufer brummte schlechtgelaunt irgendwelche unverständlichen Worte, doch er gab dem Mann schließlich was er wollte und der steckte die Sachen zu dem Fisch in die Tüte.

„Frohe Weihnachten!“ wünschte er, dann machte er sich endgültig auf dem Heimweg.

Das kleine graue Kätzchen unter seinem Mantel schnurrte noch immer leise vor sich hin. Irgendwie schien es zu spüren, daß nun ein neues Leben begann und Hunger und Kälte ein Ende hatten.

An diesem Abend erlebte es das erste Weihnachtsfest in seinem jungen Leben, doch es sollten noch viele weitere folgen.

S. L.

 

 

 

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