... Gefahr ....
Obwohl das neue Jahr schon wieder 7 Tage alt ist, an dieser Stelle allen MT`lern ein frohes neues Jahr 2012.
Und womit das alte Jahr aufgehört hat, sollte man das Neue beginnen. Also hier von mir an dieser Stelle noch einmal ein "Leseblog" zum Thema Katzen. Eine Geschichte fürs Herz, Hirn und Gemüt.
Special greetings to: Uhu und silverdreammachine. Das ist mein Blog für Euch, und alle anderen Leser...!
Achtung: Kann Spuren von Gefühlsduselei und Sentimentalitäten enthalten!
Aber wertet und lest selber:
Das Wunder von Paris
Eine Erzählung,
Sabine Lebensieg, November 2001
Philippe Yves Mouton war Börsenmakler aus Passion. Dieser Beruf war ihm sozusagen in die Wiege gelegt worden, -man könnte auch meinen, daß er ihn mit der Muttermilch eingesogen hatte, denn auch sein Vater war ebenfalls recht erfolgreich in diesem Metier.
Doch sein Sohn hatte von Anfang an den Ehrgeiz noch besser zu sein, und um das zu erreichen war ihm fast jedes Mittel recht.
Obwohl Philippe mit seinen 35 Jahren noch recht jung war behaupteten viele seiner Geschäftspartner, daß er sein Ziel erreicht hätte und der Beste sei. Daß er dabei mit unerbittlicher Härte gegen jeden der ihm bei seinem Erfolg im Weg stand vorging, hatte ihm mehr Feinde als Freunde geschaffen, wobei gerade die Menschen, die sich als Freunde bezeichneten, nicht das Wort „Freund“ in seiner wahren Bedeutung wert waren.
Philippe verkehrte in den besten Pariser Gesellschaftskreisen mit all ihren Parties, Galas und Empfängen.
Er besaß eine Wohnung in einem teuren Appartementhaus nahe der Pariser Innenstadt mit eigenem Pförtner und Wachdienst, und allem was dazu gehört.
Die Anzügen die er trug waren selbstverständlich maßgeschneidert, sowie der teure Luxuswagen den er fuhr ebenfalls eine Sonderanfertigung war.
Eigentlich besaß dieser junge Mann alles was man sich in seinem Alter nur wünschen konnte, doch all dies war nur eine Fassade, eine leere Hülle ohne Inhalt.
An den wahren Menschen, der er einmal gewesen war, ließ er niemanden heran.
Bei all der über Jahre antrainierten Härte in seinem Job hatte er vergessen was es bedeutete mit anderen Menschen freundschaftlich umzugehen.
Alle, mit denen Philippe zu tun hatte, bekamen dies früher oder später zu spüren, und so war es nicht verwunderlich, daß die Zahl seiner Gegner und Feinde ständig anwuchs.
Niemand, nicht einmal die unzähligen weiblichen Verehrerinnen und ständig wechselnden Freundinnen hielten es länger als ein paar Wochen zusammen mit ihm aus bevor sie ihn entnervt wieder verließen.
Das einzige Lebewesen das Zugang zu seinem wahren Ich gefunden hatte war erstaunlicherweise – eine Katze.
Er hatte Cleo, wie er die rabenschwarze Katze in Anlehnung an die schöne ägyptische Königin Cleopatra genannt hatte, vor einem Jahr durch puren Zufall gefunden. Auf dem Weg zu seinem Auto war er an einigen Mülltonnen vorbeigekommen und hatte daraus ein leises Fiepen und Maunzen vernommen. Als er neugierig die Deckel der Mülltonnen öffnete, fiel ihm eine Plastiktüte auf, in der sich etwas bewegte. Philippe öffnete die Tüte und zum Vorschein kam eine junge magere und offenbar kranke schwarze Katze.
Er hatte sich als Kind immer ein Tier gewünscht. Einen Hund oder eine Katze, doch seine Eltern hatten ihm diesen einen Wunsch nie erfüllt. Lieber überhäuften sie ihren Sohn mit teuren ferngesteuerten Spielzeugautos und computergesteuerten Nachbildungen von Hunden die für sündhaft teueres Geld gerade auf den Markt kamen. Doch diese Spielzeuge waren kalt und leblos und kein Ersatz für ein lebendiges Tier.
Und nun nach so vielen Jahren schickte ihm der Zufall ein echtes Tier, und ein lang unterdrückter Kindheitswunsch kam wieder zum Vorschein.
Jedenfalls brachte Philippe die kranke Katze noch am selben Abend zu einem Tierarzt der sie wieder gesund pflegte. Danach zog Cleopatra in seinem Appartement ein, und es zeigte sich schnell, daß dies für beide ein großer Gewinn war.
Cleo bedankte sich bei ihrem Retter mit einer Anhänglichkeit und Liebe die Katzen nur in ganz seltenen Fällen Menschen zuteil werden lassen.
Philippe hingegen war ein anderer Mensch wenn er allein war und mit der Katze spielte. Bei Cleo brauchte er sich nicht zu verstellen, durfte so sein wie er wirklich war, und brauchte keine Härte herauszukehren.
Im Gegenteil, die Katze wickelte ihn mit Leichtigkeit im übertragenen Sinne um den Finger, pardon um die Pfote.
Er verwöhnte sie und zeigte gleichzeitig dabei, daß tief in seinem Inneren Werte wie Güte, Mitgefühl und Freundschaft noch nicht ganz verloren gegangen waren.
***
Eines Abends ging Philippe nach einem geschäftlichen Essen allein in die Tiefgarage unter dem Restaurant in der sein Auto parkte. Vor dem Eingang saß eine zusammengesunkene Gestalt in zerrissener, schmutziger Kleidung mit einem alten Hut und einem kleinen Pappschild vor sich. Es war einer der vielen heimatlosen Stadtstreicher der vor der Tiefgarage des teuren, piekfeinen Restaurant saß und still bettelte.
Philippe blickte zur anderen Seite und tat im Vorbeigehen so, als würde er den Mann gar nicht bemerken. Für ihn waren diese Menschen Abschaum und er hatte noch nie einem von ihnen Geld gegeben, obwohl es für ihn eine Leichtigkeit gewesen wäre.
Nach dem langen Arbeitstag fühlte Philippe sich müde und abgespannt und er hatte es eilig nach Hause zu kommen. Er freute sich auf ein heißes Bad und einen gemütlichen Abend mit Cleo als es passierte:
Ohne auch nur die geringste Chance einer Gegenwehr zu haben, schlugen ihn drei maskierte Männer von hinten nieder, als er gerade die Autotür aufschloß. Alles ging sehr schnell und lautlos. Die Männer zogen den bewußtlosen Philippe in ihr Auto und fuhren mit quietschenden Reifen los.
Der Überfall war von langer Hand sorgfältig geplant gewesen, doch die drei maskierten Männer wollten ihr Opfer weder entführen noch töten. Sie handelten lediglich im Auftrag eines angesehenen Geschäftsmannes, den Philippe vor kurzer Zeit durch seine Börsenspekulationen mehr oder weniger wissentlich an den Rand des Ruins gebracht hatte. Nun wollte der sich dafür an Philippe rächen, und ihm einen Denkzettel verpassen, der gleichzeitig eine Warnung sein sollte, und den er sein Leben lang nicht vergessen sollte.
Die drei Männer fuhren mit Philippe aus der Innenstadt hinaus, bogen mehrmals in schmale Seitenstraßen ab, und hielten schließlich in unmittelbarer Nähe einer Brücke, unter der Stadtstreicher, die Clochards, lebten.
Philippe war noch immer bewußtlos. Der Schlag war hart gewesen, und er blutete aus einer tiefen Platzwunde am Hinterkopf.
Die Männer zerrten ihn aus dem Auto und zogen ihn bis auf die Unterwäsche aus. Dann holten sie aus dem Kofferraum ein Bündel Kleidung und zogen ihm diese an. Sie hatten sie aus den Säcken einer Altkleidersammlung gestohlen, und nur die wirklich ältesten und zerrissensten Stücke ausgewählt. Die Sachen stanken fürchterlich, und sahen aus als hätte eine Schar Motten gerade ein Festmahl beendet. Schließlich rundete ein zerbeulter Hut das neue Erscheinungsbild Philippes ab.
Bevor die maskierten Männer wegfuhren legten sie einen Zettel neben ihr Opfer worauf stand: „Wie fühlt man sich, wenn man plötzlich arm ist? Treib es nicht zu weit Mouton!“
An diesem Abend wartete Cleo vergebens auf ihr Herrchen.
***
Als Philippe wieder zu sich kam dämmerte bereits der neue Morgen.
Er versuchte aufzustehen, doch sein Kopf schmerzte und brummte so sehr, daß ihm schwindelig wurde und er sich übergeben mußte. Er faßte mit der Hand an seinen Kopf und spürte die Platzwunde und das inzwischen getrocknete Blut. Außerdem war ihm fürchterlich kalt.
Er sah sich um und wußte nicht wo er war und was passiert war, doch noch schlimmer war, daß er nicht mehr wußte w e r er war.
Durch den harten Schlag auf den Kopf hatte Philippe sein Gedächtnis verloren. Er fand den Zettel neben sich im Gras und las die Nachricht, aber sie sagte ihm nichts. Selbst sein Name war ihm fremd, und er verstand die Bedeutung der Zeilen nicht. Trotzdem faltete er den Zettel sorgfältig zusammen, und steckte ihn in seine Jackentasche.
Was seine Peiniger sich als Warnung und Denkzettel ausgedacht hatten war plötzlich Wirklichkeit geworden: Philippe, der reiche und vom Leben verwöhnte Börsenmakler war mit einem Mal ein Mensch ohne Identität, ein Nichts geworden.
Philippe hörte Stimmen und ging darauf zu. Es waren die Clochards, die nicht weit von ihm entfernt unter der Brücke geschlafen hatten.
Sie begrüßten Philippe freundlich als einen Neuen unter ihnen, und nahmen ihn in ihre Gemeinschaft auf. Als sie ihn jedoch nach seinem Namen fragten, konnte er nur mit den Schultern zucken, denn er wußte ihn nicht und konnte sich auch nicht daran erinnern.
Seinen neuen Freunden machte dies jedoch nichts aus. Namen waren unwichtig unter den Schiffbrüchigen des Lebens, und so nannten sie ihn einfach Claudes.
***
Philippe schloß sich notgedrungen den Clochards an. Er glaubte schon bald immer so gelebt zu haben, auch wenn ihm alles fremd und unbekannt vorkam.
Seine neuen Freunde halfen ihm in den ersten Tagen zu überleben. Sie zeigten ihm wie man für seinen Lebensunterhalt bettelt, und besorgten ihm eine Decke zum Zudecken, denn die Nächte unter der Brücke wurden schon empfindlich kalt. Der Winter stand unmittelbar bevor.
Natürlich wurde nach Philippe gesucht. Seit seinem mysteriösem Verschwinden waren die Zeitungen voll von Suchmeldungen und Schlagzeilen über ihn. In der Pariser Innenstadt klebte überall sein Bild, doch mit dem jungen Clochard der unter der Seinebrücke schlief hatte es wenig Ähnlichkeit. Man hätte schon sehr genau hinschauen müssen um festzustellen, daß dies ein und derselbe Mann war.
Selbst Philippe war an dem Plakat mit seinem eigenen Bild schon mehrmals vorbeigelaufen, aber er hatte sich nicht darauf erkannt. Er ahnte zwar, daß er nicht immer so wie jetzt gelebt hatte, aber er konnte sich an das was früher gewesen war nicht erinnern, so sehr er es auch versuchte.
So lebte er nun schon seit Wochen unter der Brücke.
Doch die Menschen unter der Brücke waren nicht die einzigen Lebewesen die dort Schutz und Unterkunft suchten.
Die Rohre einer Fernwärmeheizung, die unter der Brücke entlang verlegt waren, zogen auch eine ganz andere Art von heimatlosen Stadtstreichern an: eine große Zahl von verwilderten Straßenkatzen.
Auf den Rohren der Fernwärmeheizung, die im Winter eine angenehme Wärme abgaben, ließ es sich gut schlafen, wenn um die Brücke herum Schneestürme tobten, und die Temperatur in den Minusbereich abrutschte. Doch die lebensspendende Wärmequelle war den Menschen nicht zugänglich. Zu schmal waren die Rohre, und zu hoch an der Wand der Brücke verlegt, als daß ein Mensch sie erreichen konnte. Nur Katzen, diese geschickten Kletterer, waren in der Lage diesen sicheren Platz für sich nutzen. Die Menschen unter der Brücke konnten nur neidisch von unten zusehen.
Vielleicht waren die Katzen bei den Clochards deswegen so unbeliebt. Bestimmt aber weil sie oft die Essensvorräte plünderten, wenn die Männer schliefen, oder völlig betrunken waren. Aus diesem Grund jagten sie die hungrigen Katzen wo immer es ging davon.
Besonders dreist benahm sich ein großer grauweiß getigerter Kater. Er schien schon recht alt zu sein. Seine Ohren waren von vielen Kämpfen unter seinesgleichen ausgefranst und er war rappeldürr. Trotzdem behauptete er sich in der Katzengemeinschaft, ja er schien sie sogar anzuführen.
Auf ihn hatten die Clochards eine besondere Wut, weil er sich manchmal gegen ihre Schläge und Tritte mit Krallen und Zähnen zur Wehr setzte.
In der ersten Nacht unter der Brücke wurde Philippe plötzlich wach, weil ein kalter Gegenstand seine Wange berührte. Verschlafen schlug er die Augen auf und sah das Gesicht des grauweißen Katers direkt vor seinem. Der kalte Gegenstand an seiner Wange war nichts anderes als die Nase des Katers gewesen, der ihn neugierig beschnüffelte.
Als Philippe die Augen öffnete wich der Kater in Erwartung von einem Schlag oder Tritt sofort ein paar Meter zurück. Philippe starrte die Katze an und irgend etwas in seinem Gedächtnis sagte ihm, daß er mit Katzen vertraut war, mehr jedoch nicht.
Er streckte die Hand nach dem Kater aus, aber der fauchte drohend. Philippe holte ein Stück Butterbrot aus seiner Jacke hervor, daß er am Tage von einer mitleidigen Frau geschenkt bekommen hatte. Er brach ein Stück davon ab und warf es dem Kater zu.
Der Kater beobachtete Philippe mißtrauisch, aber sein Hunger war schließlich stärker als seine Angst und so nahm er den Brocken und fraß. Philippe gab ihm nach und nach auch noch den Rest der Scheibe Brot. Als er nichts mehr hatte verschwand der Kater so plötzlich wie er gekommen war in der Dunkelheit der Nacht.
Philippe starrte ihm grübelnd hinterher. Warum war es ihm nur so bekannt, so vertraut vorgekommen, als er den Kater fütterte? Er konnte sich jedoch nicht daran erinnern und jedes Mal wenn er angestrengt nachdachte kamen diese fürchterlichen Kopfschmerzen wieder.
***
Am nächsten Abend erwartete Philippe das Auftauchen des Katers und blieb wach. Tatsächlich erschien das scheue Tier nachdem es dunkel geworden war. Philippe hatte extra ein Stück Wurst zurückbehalten. Wie in der ersten Nacht blieb der Kater mißtrauisch in respektvollem Abstand stehen während er die Wurst fraß, jederzeit zur Flucht bereit. Es war für ihn eine völlig neue Erfahrung von einem der Männer unter der Brücke gefüttert und nicht geschlagen zu werden, doch von nun an kam er jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit.
Philippe freute sich jedes Mal auf ein Wiedersehen. Es war immer ein kurzer, glücklicher Moment in seinem freudlosen Leben.
Der Name Cleopatra fiel ihm beim Anblick des Katers ein, aber Philippe wußte beim besten Willen keinen Zusammenhang daraus herstellen zu können.
So verging Woche für Woche.
Zeit spielt jedoch keine Rolle für jemanden der unter der Brücke lebt, wenn ein Tag sowieso so trostlos wie der andere ist.
Die Clochards hatten längst bemerkt, daß Philippe den Kater und auch die anderen Katzen fütterte, und sie mißbilligten es.
Seit dem hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht abseits von den anderen zu schlafen, auch wenn dieser Platz noch kälter und zugiger war. Auf die allabendliche Gesellschaft der verwilderten Katzen wollte er jedoch nicht mehr verzichten.
Er teilte mit ihnen was er selber entbehren konnte, und obwohl die Katzen scheu blieben, und sich niemals berühren ließen, machte es ihn glücklich ihnen zuzusehen.
Ständig dachte er darüber nach warum das so war, aber etwas blockierte seine Erinnerungen und stürzte ihn nur immer tiefer in Depressionen, weil er nicht wußte wer er war, woher er kam, und wie er gelebt hatte.
Deshalb war es ihm schließlich auch egal als er sich in den ständig kälter werdenden Nächten eine Erkältung zuzog die immer schlimmer wurde. Er bekam Fieber und wurde von Hustenkrämpfen geschüttelt. Jeder andere wäre deswegen zu einem Arzt gegangen, aber die Menschen unter der Brücke konnten sich keinen Arzt leisten.
Irgendwann war Philippe zu schwach um aufzustehen und mit den anderen in die Stadt betteln zu gehen.
Doch unter ihnen, die selber nicht viel zum leben hatten, gab es wirkliche, wahre Freunde. Sie teilten das Wenige was sie erbettelten, und versorgten den Kranken so gut sie konnten mit Essen.
Natürlich sollte er ihrer Meinung nach nicht auch noch mit den Katzen teilen. Philippe versprach es, aber heimlich tat er es doch.
Die Katzen waren seine Freunde geworden, und kamen jeden Abend in Erwartung von etwas Futter. Er mochte sie nicht enttäuschen.
Dann kam die erste Frostnacht des Winters. Am frühen Nachmittag setzte ein heftiges Schneetreiben ein, und bis zum Abend war es ringsherum überall weiß.
Philippe lag vor Kälte zitternd in eine Decke gehüllt auf seinem einsamen Schlafplatz.
Die anderen hatten ihm angeboten sich zu ihnen zu legen. Sie hatten ein offenes Feuer angezündet um sich wenigstens etwas zu wärmen, aber Philippe hatte abgelehnt. Er wußte, daß die Katzen nicht dorthin kommen würden.
Er fühlte sich so schwach und elend wie noch nie zuvor.
An diesem Abend wollte er ein letztes Mal auf seine Freunde warten um sich von ihnen zu verabschieden. Er spürte wie es ihm immer schlechter ging, doch es war ihm egal. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen.
Er hatte die letzten Tage kaum noch etwas gegessen, weil er es für die Katzen gesammelt hatte. Sie sollten alle noch einmal etwas von ihm bekommen bevor er sie für immer verlassen mußte.
Es wurde jetzt bereits sehr früh dunkel, und mit der Dunkelheit kamen die scheuen Gestalten der Nacht.
Da war der alte grauweiße Kater, der wie immer zuerst erschien und sich die besten Stücke holte. Nach und nach waren sie dann alle da. Philippe erkannte etwa fünfzehn magere Katzen die ihn umlagerten, bis die Gaben, die er gleichmäßig unter ihnen zu verteilen versuchte, aufgebraucht waren.
„Macht es gut meine Freunde. Ich weiß ihr kommt auch ohne mich aus. Ihr müßt es halt versuchen.“ sagte Philippe zu den Katzen.
Er hatte auf sie gewartet, sie gefüttert und ihnen zugesehen, aber nun war er mit seiner Kraft am Ende. Er fühlte sich schwach und müde und wollte sich nur noch ausruhen und schlafen. Dann schloß er die Augen und schlief ein.
Als Philippe sich nicht mehr bewegte, kam der grauweiße Kater langsam und vorsichtig näher. Er hatte inzwischen die größte Angst vor diesem einen Menschen verloren, der nie versucht hatte ihn zu treten oder zu schlagen.
Wie in der ersten Nacht schnüffelte der Kater an Philippes Wange. Irgendwie muß er gespürt haben wie krank Philippe war, und daß es schlecht um seinen Menschenfreund stand, und das Wunder geschah:
Der scheue Kater stieg vorsichtig auf den Bauch des schlafenden Mannes. Er setzte sich hin und hob seinen Kopf zum Himmel. Dann begann er zu rufen. Erst leise, dann immer lauter und fordernder.
Die anderen Katzen hörten seine Bitte, und gehorchtem ihrem Anführer. Sie kamen eine nach der anderen zögernd näher. Als sie merkten, daß ihnen nichts geschah, machten sie es dem Kater nach. Sie legten sich auf den Körper des todkranken Mannes und wärmten ihn mit ihrer eigenen Körperwärme.
Die, die keinen Platz mehr auf Philippe hatten, legten sich dicht neben ihn auf den Boden. Keine Stelle seines Körpers blieb unbedeckt. Selbst auf seine Beine und Füße legten sich die Tiere und hüllten ihn so in eine lebende Decke aus wärmenden, weichen Katzenhaaren ein.
Um die Brücke herum tobte währenddessen noch immer der eisige Schneesturm und bedeckte alles Leben mit einer kalten, weißen todbringenden Decke aus Schnee.
***
Am anderen Morgen kontrollierte ein Polizist den Platz unter der Brücke.
Im Winter, nach kalten Frostnächten gehörte dies zu seiner morgendlichen Routine.
Immer wieder fanden er und seine Kollegen dann unterkühlte Personen aus der Stadtstreicherszene die ins Krankenhaus gebracht werden mußten.
Oft kamen die Ordnungshüter aber auch zu spät, und konnten nur noch einen Leichenwagen bestellen.
Das Bild was sich dem diensthabenden Polizisten an diesem Morgen bot, würde er wohl nie mehr in seinem ganzen Leben vergessen.
Als er unter die Brücke trat sah er eine Menge Katzen auf einer Art Erhebung sitzen und liegen. Als die scheuen Tiere flüchteten bemerkte der Polizist, daß es ein menschlicher Körper war auf dem die Katzen gesessen hatten und er trat näher.
Er erwartete einen Toten vorzufinden, doch die Haut des Mannes war noch rosig und er atmete, wenn auch sehr flach. Über Funk verständigte der Polizist einen Krankenwagen.
Als er dem jungen, verwahrlosten Clochard mitleidig ein zweites Mal in das Gesicht sah, erkannte er plötzlich den Mann der seit Monaten überall gesucht wurde und glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Er war sich sicher den reichen Börsenmakler Philippe Yves Mouton vor sich zu haben.
Zur Sicherheit durchsuchte er die Taschen des Mannes, doch er fand keine Ausweispapiere oder ähnliches. Nur einen zerknitterten Zettel. Dort stand unter anderem der Name Mouton.
Wenig später holte der Krankenwagen Philippe ab.
***
Philippe mußte einige Zeit im Krankenhaus verbringen bis er wieder gesund war.
Dort erfuhr er auch wer er wirklich war, doch er hatte Mühe es zu verstehen. Der Arzt sagte, dies wäre bei schwerer Amnesie völlig normal, und er solle sich Zeit lassen um sich an sein früheres Leben zu erinnern.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kehrte Philippe in seine Wohnung zurück, doch als er die Tür aufschloss war ihm alles fremd, und er wäre am liebsten umgekehrt. Zögernd trat er in den Flur und blieb unschlüssig einen Moment lang dort stehen.
Da kam plötzlich ein schwarzer Schatten auf ihn zu und sprang ihm in die Arme. Es war Cleo, die in der Zeit während seiner Abwesenheit von seiner Haushälterin versorgt worden war. Die schwarze Katze schnurrte laut vor Freude und rieb ihren Kopf an Philippes Wange.
„Cleo, meine liebe schöne Cleopatra.“ entfuhr es Philippe, ohne das er vorher darüber nachgedacht hatte, und zum ersten Mal seit langer Zeit war er glücklich.
In den nächsten Tagen kam langsam Stück für Stück die Erinnerungen an sein altes Leben wieder, doch Philippe dachte in dieser Zeit auch immer öfter an die Zeit unter der Brücke.
Er fühlte sich trotz Cleo einsam in seiner großen Wohnung, und er vermißte seine Freunde, die Menschen unter der Brücke und die scheuen Katzen.
Der Polizist, der ihn an dem kalten Wintermorgen gefunden hatte, hatte ihn später, als es ihm wieder besser ging, im Krankenhaus besucht, und erzählte dabei von dem verwunderlichen Anblick der vielen Katzen die Philippe während der eisigen Nacht gewärmt hatten.
„Ich habe so etwas noch nie vorher gesehen, aber ich bin sicher, daß die Katzen ihnen das Leben gerettet haben. In ihrem Zustand wären sie in der Nacht erfroren, hätten die Katzen sie nicht warm gehalten. Es ist wie ein Wunder.“
***
Philippe Yves Mouton war zwar wieder zurückgekehrt, aber sein altes Leben, so wie es vor dem Überfall gewesen war, wollte er nicht wieder aufnehmen.
Er verkaufte seine Luxuslimousine, zog aus dem Appartementhaus aus, und setzte nie mehr einen Fuß in die Börsenhalle.
Statt dessen löste er die meisten seiner Bankkonten auf und baute mit dem Geld in der Nähe der Brücke eine Unterkunft für arme Menschen wo sie einen warmen Platz zum schlafen fanden und etwas zu Essen bekamen.
Für die streunenden, scheuen Straßenkatzen errichtete er mit Zustimmung der Behörden feste Futterplätze unter dem Schutz der Brücke und ließ die kranken Tiere einfangen und tierärztlich versorgen.
Für die Tiere, die nicht mehr auf der Straße leben konnten oder sollten baute er außerhalb der Stadt im Grünen ein Heim, wo sie den Rest ihres Lebens in friedlicher Geborgenheit verbringen konnten. Auf dem weiträumigen Areal durften die Katzen sich frei bewegen, doch die Erfahrung zeigte, daß sie immer wieder freiwillig und gern zu dem angebotenen Futter und den warmen Schlafplätzen zurückkehrten.
Philippe zog in die Nähe des Heimes in ein kleines Haus, um seine Schützlinge jeden Tag besuchen zu können.
Eine ganz besonders innige Freundschaft verband ihn jedoch mit dem alten grauweißen Kater. Das ehemals so scheue Tier hatte Vertrauen zu Philippe gefaßt, und der verwöhnte den alten Kater so sehr es nur möglich war bis an dessen Lebensende.
Ehemalige Bekannte und Geschäftspartner von Philippe Yves Mouton redeten hinter seinem Rücken, daß er während der Zeit unter der Brücke verrückt geworden sei, doch das störte ihn nicht.
Er hatte in seinem jetzigen Leben eine Zufriedenheit und Erfüllung gefunden, so wie er es früher nicht gekannt hatte und das machte ihn glücklich. Das Wissen darum Menschen und Tieren in Not zu helfen genügte ihm vollends.
Endlich wußte er w e r er war.
} Schließlich wird einem auch nicht jeden Tag das Leben gerettet, und Wunder geschehen bekanntlich noch viel seltener. {
Ende
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Sabine Lebensieg, 07.01.2012